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1,4 Millionen Gründe, warum Vorlesen buchstäblich die Entwicklung Ihres Kindes fördert

Veröffentlicht am
Verfasst von Till von Bracht • Medizinredakteur
Dieser Artikel wurde nachNach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst.

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Wenn Eltern ihren Kindern von Geburt an jeden Tag fünf Bücher vorlesen, so haben sie noch vor ihrer Einschulung schon 1,4 Millionen Wörter mehr gehört als die Kinder, denen nie etwas vorgelesen wurde, ergab eine neue Studie aus den USA. Dies kann ihnen möglicherweise dabei helfen, schneller Lesen und Schreiben zu lernen.

Egal ob “Die kleine Raupe Nimmersatt”, das Bilderbuch “Gute Nacht, Gorilla!” oder die Klassiker der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren: Kinder lieben Bücher! Sie lieben die unterschiedlichen Figuren, Farben und fantasievollen Geschichten. Doch das Vorlesen ist nicht nur Teil der alltäglichen Kinderbeschäftigung und -bespaßung, es ist eine wichtige Form der frühkindlichen Bildung.

One Million Wörter Baby: Neueste Studie unterstreicht die Bedeutung des Vorlesens für Kinder

Eine kürzlich im Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics veröffentlichte Studie ergab, dass Kinder, deren Eltern ihnen von Anfang an fünf Bücher pro Tag vorlesen, im Alter von fünf Jahren mehr als eine Million mehr Wörter gehört haben als Kinder, die von ihren Eltern keine Bücher vorgelesen bekommen.

Diese Erkenntnis könnte ein Schlüssel zur Erklärung von Unterschieden im Wortschatz und in der Leseentwicklung sein, sagte Jessica Logan, Hauptautorin der Studie und Assistenzprofessorin für Erziehungswissenschaften an der Ohio State University. Was möglicherweise auch eine Erklärung dafür sein könnte, warum einige Kinder schneller Lesen und Schreiben lernen als andere.  

Die Idee für diese Forschung ist aus einer ihrer früheren Studien entstanden, in der Logan festgestellt hatte, dass etwa einem Viertel der Kinder in einer nationalen Stichprobe nie vorgelesen wurde. 25 Prozent der Kinder bekamen nur etwa ein- oder zweimal pro Woche etwas vorgelesen.

Ein erschreckendes Forschungsergebnis. Was bedeutet das für die Entwicklung der Kinder? Diese Frage stellten sich auch Logan und ihr Team.

Für die Beantwortung dieser Frage wählten die Wissenschaftler zufällig insgesamt 60 der am häufigsten verkauften Bücher für Babys, Kleinkinder und Vorschulkinder aus und zählten, wie viele Wörter in jedem Buch waren.

Auf Grundlage dieser Informationen berechnete das Forschungsteam, wie viele Wörter Kinder von der Geburt bis zum fünften Geburtstag hören, wenn ihre Eltern ihnen ein Buch pro Woche, ein Buch pro Tag oder eben fünf Bücher pro Tag vorlesen.

5 am Tag: Darf’s auch etwas weniger sein?

Wenn Eltern ihren Kindern jeden Tag fünf Bücher vorlesen würden, so hätten die Kleinen bis zum Alter von fünf Jahren zusätzlich 1.483.300 Wörter gehört. Gerade Wörter, die in der urbanen Stadtgesellschaft mehr und mehr vom Aussterben bedroht sind, wie beispielsweise “Traktor” und “Kuhmist” oder fantasievolle Wortneuschöpfungen wie “Eule mit Zuckerguss“ und “Schlangenpüree”, werden nur beim Vorlesen von Büchern vermittelt.

Machen Sie sich keine Sorgen, wenn fünf Bücher pro Tag nicht immer machbar sind für Sie. Logan und ihr Team haben errechnet, dass Kinder schon durch das Vorlesen eines Buches pro Tag bis zu ihrem fünften Geburtstag etwa 290.000 zusätzliche Wörter erlernen.

Wurde den Kindern drei- bis fünfmal pro Woche vorgelesen, haben sie zusätzlich knapp 170.000 Wörter gehört, bei ein bis zwei Büchern pro Woche immerhin 63.000 Wörter.

Die Worte, die Kinder aus Büchern hören, können eine besondere Bedeutung beim Lesenlernen haben

Dabei geht es nicht bloß um die Anzahl der zusätzlichen Wörter, die die Kinder durch das Vorlesen hören. Es geht darum, dass die Kinder Worte und Sätze in Büchern hören, die teilweise viel komplexer und schwieriger sind, als wenn sie den Großteil des Tages in Babysprache mit ihren Eltern kommunizieren.

Zum Beispiel kann ein Kinderbuch von Pinguinen in der Antarktis handeln – es führt Wörter und Konzepte ein, die im täglichen Gespräch eher selten auftauchen. Darüber hinaus werden Eltern mit ihren Kindern wahrscheinlich oft auch über die gelesenen Bücher reden oder neue Elemente der Geschichte hinzufügen. Dieser "extra-textuelle" Vortrag wird neue Vokabeln verstärken und kann noch mehr Wörter einführen.

Weitere Informationen

Quellen:

Logan, J.A.R., et al.: When Children Are Not Read to at Home: The Million Word Gap. Journal of developmental and behavioral pediatrics: JDBP (März 2019)