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Dunning-Kruger-Effekt

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin

Auf den heimischen Sofas sitzen Dutzende selbsternannter Fußball-Experten. Und die sozialen Medien sind neuerdings überschwemmt von Hobby-Virologen. Immer wieder begegnen wir Menschen, die überzeugt sind, es viel besser zu wissen – aber eigentlich gar keine Qualifikationen im jeweiligen Bereich aufweisen. Dieses Phänomen verdanken wir einer Wahrnehmungsverzerrung: dem Dunning-Kruger-Effekt. Lesen Sie, warum sich Menschen so oft überschätzen und warum auch Sie und ich davor nicht gefeit sind.

Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?

Seit Beginn der Corona-Pandemie trifft man unweigerlich auf Menschen, die glauben, sie hätten das Virus längst eingedämmt, wenn sie an Stelle der Politiker wären. Oder man begegnet Personen, die auch ohne Medizinstudium offenbar deutlich mehr über das Virus zu wissen scheinen als Ärztinnen und Ärzte.

Das mag mitunter durchaus der Fall sein. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt dahintersteckt: Je weniger eine Person über ein Sachgebiet weiß, desto mehr ist sie überzeugt davon, sich ausgesprochen gut damit auszukennen.

Was sich zunächst paradox anhört, ist Realität. Das konnten die Forscher David Dunning und Justin Kruger in den 1990er Jahren belegen. Besonders inspiriert hatte sie die Geschichte von einem Herrn namens McArthur Wheeler. Er gilt als einer der wohl dümmsten Bankräuber aller Zeiten, dem seine gnadenlose Selbstüberschätzung zum Verhängnis wurde. Inwiefern, erfahren Sie im folgenden Kapitel …

Dunning-Kruger-Effekt: Die Geschichte mit dem Zitronensaft

Pittsburgh, Pennsylvania, im Januar 1995: McArthur Wheeler raubt mehrere Banken aus und macht dabei ordentlich Kasse. Die Überwachungskameras sind für ihn kein Problem, denn er ist ausreichend gut getarnt. Dass man ihn erkennen wird, ist ausgeschlossen. Denkt er. Als Wheeler wenig später von der Polizei festgenommen wird, ist er daher fassungslos.

Nun könnte man meinen, Wheeler habe eine blickdichte Maske, Mütze oder Ähnliches gewählt, um sein Gesicht zu vermummen. Weit gefehlt: Er hatte sein Gesicht mit Zitronensaft eingerieben.

Kaum zu glauben, aber der Bankräuber dachte tatsächlich, Zitronensaft würde sein Gesicht für die Kameras unsichtbar machen – schließlich ist Zitronensaft Eingeweihten doch als unsichtbare Tinte bekannt, die erst durch Hitze sichtbar gemacht wird …

Die Überzeugung Wheelers, sich besonders gut auszukennen, wurde ihm zum Verhängnis. Diese zugegebenermaßen außergewöhnlich drastische Geschichte war für die Sozialpsychologen Dunning und Kruger Anlass, ihre bereits begonnenen Untersuchungen zum Thema verzerrte Selbstwahrnehmung zu intensivieren.

Ergebnisse der Forscher

Dunning und Kruger fanden in verschiedenen Versuchen heraus: Personen, die auf einem Gebiet wenig kompetent sind, neigen dazu, ihre diesbezüglichen Fähigkeiten zu überschätzen und im Gegenzug tatsächlich kompetente Menschen zu unterschätzen. Mit wachsendem Wissen hingegen sinkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wieder – um bei noch größerem Wissen wieder langsam zu steigen.

Die Erklärung ist, dass Personen mit Kenntnisdefiziten auch das Wissen fehlt, ihre eigenen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Anders ausgedrückt: Man kann nur wissen, ob man etwas kann, wenn man in dem entsprechenden Bereich auch kompetent ist. Die Selbstwahrnehmung ist also verzerrt, die Fähigkeit zur Selbstreflexion eingeschränkt. Dieses Phänomen nannten die Forscher den Dunning-Kruger-Effekt.

Fun Fact: Für ihre Forschungsergebnisse haben Dunning und Kruger im Jahr 2000 den sogenannten ig-Nobelpreis erhalten (Das "ig" steht für ignoble und bedeutet übersetzt so viel wie "unwürdig, schmachvoll". Dabei handelt es sich um eine satirische Auszeichnung der US-amerikanischen Zeitschrift Annals of Improbable Research. Bedingung für eine Nominierung: Die Forschungsergebnisse müssen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregen. Das ist Dunning und Kruger mit Bravour gelungen.

Dunning-Kruger-Effekt: Positive und negative Auswirkungen

Selbstüberschätzung ist nicht automatisch nur negativ. Vielmehr kommt es auf das Maß und die Situation an, ob uns die verzerrte Wahrnehmung schadet oder möglicherweise sogar weiterbringt.

Ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist sinnvoll. Wer hinter dem eigenen Können steht, strahlt dies auch aus und macht einen kompetenten Eindruck. Das kann sich im Privat- oder Berufsleben durchaus bezahlt machen. Zudem kann Selbstüberschätzung dazu führen, dass wir mutiger werden und bei Erfolg dafür belohnt werden. Dabei spielt auch das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung eine Rolle: Wer glaubt, etwas besonders gut zu können, verhält sich oft automatisch besonders ehrgeizig und motiviert.

Auf der Hand liegen aber auch die Gefahren der Selbstüberschätzung: Wer die eigene Ahnungslosigkeit nicht bemerkt, macht leicht Fehler und riskiert zu viel. Zum Beispiel, indem man bei einer Erkrankung nicht zum Arzt geht, weil man meint, die Diagnose zu kennen und die Krankheit selbst behandeln zu können – und dabei womöglich etwas Ernstes übersieht.

Das Pendant dazu sind Menschen, die sich grundsätzlich unterschätzen. Das kann sich ebenfalls negativ auswirken. Wer sich nichts zutraut, erwartet auch nichts von sich und verhält sich je nach Persönlichkeit entsprechend unmotiviert.

Beispiele

Außenstehende macht es oft rat- und fassungslos, löst je nach Zusammenhang auch Wut oder Fremdschämen aus, wenn sich das Gegenüber fernab jeder Realität restlos überzeugt und beratungsresistent zeigt.

Doch Vorsicht: Vor dem Dunning-Kruger-Effekt ist niemand gefeit. Im Alltag stoßen wir auf zig Beispiele für das Phänomen.

Beim Autofahren

Hinterm Steuer ist der Dunning-Kruger-Effekt besonders häufig zu beobachten. 90 Prozent der von Dunning und Kruger befragten Personen mit Führerschein gaben an, überdurchschnittlich gut Auto zu fahren. Also fahren fast alle besser als alle anderen. Und das ist schlicht nicht möglich.

Auf der Couch

Auch vor den eigenen vier Wänden macht der Dunning-Kruger-Effekt nicht halt. Man denke nur an die zahlreichen selbsternannten Fußballexperten, die das Spiel im Fernsehen bequem von der Couch aus kommentieren und sicher sind: "Den Ball hätte ich mit verbundenen Augen reingemacht“ oder "Wäre ich Bundestrainer, würde das ganz anders laufen".

Bei der Arbeit

Das kennen Sie sicher: Ein Teammitglied hätte es gaaanz anders gemacht als Sie – und das, obwohl es aus einer ganz anderen Abteilung kommt.

In Casting-Shows

Immer wieder werden Zuhörerinnen und Zuhörer den (un-)musikalischen Ergüssen vermeintlicher Gesangstalente ausgesetzt. Was jedoch in den Ohren der Singenden begnadet klingen mag, grenzt an musikalische Folter und hört sich einfach nur schief an.

Fazit

Dass wir alle uns hin und wieder überschätzen, ist ganz normal. In starker Ausprägung kann ein Dunning-Kruger-Effekt aber zur Falle werden, wie wir am Beispiel von Bankräuber Wheeler gesehen haben.

Den Dunning-Kruger-Effekt überhaupt zu kennen, ist schon ein erster Schritt, um das eigene Denken zu hinterfragen. Nicht zuletzt hilft Wissen: Je mehr man (wirklich) von einem Sachgebiet weiß, desto eher kann man seine eigenen Kompetenzen auch realistisch einschätzen. Und möglicherweise wie Sokrates erkennen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Quellen

Ig® Nobel Prize Winners. Online-Informationen von Improbable Research/Marc Abraham: www.improbable.com (Abrufdatum: 2.12.2020)

Duffy, B.: Die Tücken der Wahrnehmung oder warum wir fast immer falsch liegen. Springer, Berlin 2020

Schlösser, T., et al.: How unaware are the unskilled? Empirical tests of the “signal extraction” counterexplanation for the Dunning–Kruger effect in self-evaluation of performance. Journal of Economic Psychology, Vol. 39, pp. 85-100 (2013)

Johnson, D., Fowler, J.: The evolution of overconfidence. Nature, Vol. 477, No. 7364, pp. 317-320 (Dezember 2011)

Dunning, D.: The Dunning–Kruger Effect. Advances in Experimental Social Psychology, Vol. 44, pp. 247-296 (2011)

Kruger, J., Dunning, D.: Unskilled and Unaware of it: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments. Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 77, Iss. 6, pp. 1121-1134 (Dezember 1999)

Letzte inhaltliche Prüfung: 09.12.2020
Letzte Änderung: 09.12.2020