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Skin Picking: Pulen, Knibbeln, Kratzen

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Zuletzt bearbeitet von Till von Bracht • Medizinredakteur

Pickel ausdrücken, Schorf abknibbeln, Unebenheiten auf der Haut aufkratzen: Viele Menschen bearbeiten ihre Haut, bis Blut fließt und sich unschöne Narben bilden. Mit "Lass' es doch einfach!" ist es allerdings nicht getan, wenn jemand unter der sogenannten Skin Picking Disorder oder Dermatillomanie leidet.

Skin Picking: Pulen, Knibbeln, Kratzen

Jeder Mensch beschäftigt sich mehr oder weniger mit seiner Haut. Pflegt sie, kratzt sich gelegentlich, tastet die Oberfläche nach unebenen Stellen ab, knabbert an Nagelhaut oder Fingernägeln. So weit, so normal.

Krankhaft ist es allerdings, wenn man gröber gegen seine Haut vorgeht und

Lange Zeit hat man dieses Verhalten als schlechte Angewohnheit belächelt und Betroffene mit "ja dann lass es doch einfach sein" abgespeist. Tatsächlich versteht auch heute noch das Umfeld selten, was eigentlich das Problem ist und woher der Drang kommt, ständig an sich herumkratzen zu müssen.

Seit 2013 ist Skin Picking Disorder aber offiziell als psychische Erkrankung anerkannt und zählt zu den Impulskontrollstörungen. Betroffene können nun gezielt Hilfe bekommen – wenn der Arzt die Krankheit erkennt. Denn immer noch wissen zu wenige Ärzte von diesem Phänomen und es gibt nicht genügend Studien darüber, wie Skin Picking oder Dermatillomanie entsteht.


© iStock
Skin Picker knabbern, knibbeln und beißen ständig an ihrer Haut herum.

Wodurch ist die Krankheit gekennzeichnet?

Skin Picking ist eine Impulskontrollstörung und zeigt Parallelen zu Zwangsstörungen (z.B. Waschzwang) und sogenannten Substanzmissbrauchsstörungen (z.B. Alkoholmissbrauch).

Es gibt einige Symptome, die auf Skin Picking schließen lassen:

Bei Personen, die zum krankhaften Hautzupfen neigen, sind besonders Gesicht, Dekolleté, oberer Rücken, Arme, Schultern, Unterschenkel und die Finger gekennzeichnet durch eitrige Stellen, Entzündungen, Kratzer und Narben.

Skin Picker ziehen sich häufig nach und nach aus dem sozialen Leben zurück: Der Drang, die Haut zu malträtieren, ist so groß, dass er einen Großteil des Lebens einnimmt. Außerdem ist die Haut oft so entzündet, dass die Betroffenen sich schämen, diese zu zeigen. Sie versuchen, die entsprechenden Körperstellen möglichst abzudecken, tragen auch im Sommer beispielsweise lange Kleidung.

Sind Sie Skin Picker?

Das oben beschriebene Verhalten kommt Ihnen bekannt vor? Dann fragen Sie sich Folgendes:

Haben Sie das Gefühl, dass das Skin Picking Sie in Ihrem Alltag einschränkt, z.B. weil die Haut so entzündet ist, dass Sie sich nicht mehr unter Leute trauen?

Wenn Sie mehrere oder alle dieser Fragen mit „ja“ beantworten können, sollten Sie einen Termin bei Ihrem Hausarzt machen und mit ihm besprechen, wie Sie weiter vorgehen können.

Wie entsteht Skin Picking?

Bisher ist die Dermatillomanie (auch Acne excoriée oder Neurotic Excoriation) noch wenig erforscht. Zu den Ursachen gibt es zwar zahlreiche Vermutungen, aber keine aussagekräftigen Studien.

Bekannt ist aber Folgendes:

Wen kann Skin Picking betreffen?

Am häufigsten tritt Skin Picking auf

Frauen sind nach den Statistiken häufiger betroffen als Männer. Das kann einerseits daher kommen, dass besonders Frauen dem Druck unterworfen sind, eine makellose, reine Haut zu haben. Das fällt aber gerade Mädchen in der Pubertät schwer, wenn sie mit Pickeln und Mittessern zu kämpfen haben.

Andererseits ist die Dunkelziffer bei Männern vermutlich sehr hoch, denn viele Betroffene schämen sich, mit Dermatillomanie zum Arzt zu gehen und sich Hilfe zu suchen.

Was tun gegen Skin Picking?

Skin Picking zählt zu den Impulskontrollstörungen und kann entsprechend behandelt werden. Wichtigster Faktor ist dabei die kognitive Verhaltenstherapie. Diese kann mit Psychopharmaka und Entspannungsübungen unterstützt werden.

Im Alltag ist es für Skin Picker hilfreich, die sogenannte Gewohnheitsumkehr (Habit-Reversal-Training) zu erlernen. Dabei ersetzen sie das krankhafte Verhalten durch ein neues, gesundes Verhalten. Das kann beispielsweise so aussehen, dass sie sich beim Drang, die Haut zu bearbeiten, auf ihre Hände setzen oder diese ineinander verschränken.

Dermatillomanie sollte unbedingt behandelt werden! Ohne Behandlung wird die Erkrankung chronisch und kann schwere Hautverletzungen und Vernarbungen nach sich ziehen. Außerdem entwickelt sich ein Teufelskreis: Der Drang, eine makellose Haut zu haben, wird umso größer, je entzündeter und unreiner die Haut erscheint.

Quellen

Mehrmann, L. M., Gerlach, A. L., Hunger, A.: Dermatillomanie (Skin-Picking-Störung): Diagnostik, Erklärung und Behandlung. Thieme, Stuttgart 2017

Dermatillomanie: Ventil für negative Gefühlszustände. Online-Informationen des Ärzteblatts: www.aerzteblatt.de (Stand: Dezember 2014)

Do it yourself! Evaluation of self-help habit reversal training versus decoupling in pathological skin picking: A pilot study. Journal of Obsessive-Compulsive and Related Disorders. Vol. 1, Iss. 1, pp. 41-47 (Januar 2012)

Pathologic Skin Picking. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse. Vol. 36, Iss. 5, pp. 296-303 (24.7.2010)

Cognitive-behavior therapy for self-injurious skin picking. A case series. US National Library of Medicine National Institutes of Health. Vol. 26, Iss.3, pp. 361-377 (Juli 2002)

Weitere Informationen

Linktipps:

Selbsthilfegruppe Skin Picking Köln

Skin Picking – Blog einer Betroffenen

Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.

Letzte inhaltliche Prüfung: 25.04.2018
Letzte Änderung: 24.08.2020