3D-Modell einer DNA-Helix
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Progerie Typ I (HGPS): Frühzeitiges Altern bei Kindern

Progerie bedeutet "vorzeitiges Altern" und beschreibt eine vorzeitige Vergreisung. Es gibt verschiedene Formen der Progerie: Bei Kindern tritt das sehr seltene Hutchinson-Gilford-Syndrom (HGPS; Progeria infantilis) – auch Progerie Typ I genannt – auf. An Progerie Typ II (Werner-Syndrom) erkranken dagegen nur Erwachsene.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Überblick

Die Progerie Typ I beruht auf einem Fehler im menschlichen Erbgut. Es handelt sich dabei um eine Veränderung (Mutation) auf einem bestimmten Gen, dem Lamin A/C-Gen (LMNA). Das Gen ist verantwortlich für die Bildung der Eiweiße Lamin A und Lamin C, Proteinen der Zellkernhülle. Bei der Progerie Typ I ist das Lamin A verkürzt. Forscher nehmen an, dass diese Veränderung die Kernhülle schwächt und zu Verformungen des Zellkerns führt. Auch haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass es durch das verkürzte Lamin A unter anderem zu Fehlern bei der Zellteilung kommt.

Die Symptome der Progerie entwickeln sich schon in den ersten Lebensjahren: Die Kinder wachsen nicht richtig und ihre Haut, Knochen und Blutgefäße altern viel schneller als bei gesunden Kindern. Im Volksmund spricht man auch von "Greisenkindern".

Eine ursächliche Behandlung des Hutchinson-Gilford-Syndroms ist nicht möglich. Da Kinder mit Progerie infolge der vorzeitigen Alterung häufig an Arteriosklerose (Arterienverkalkung) erkranken, sind sie anfällig für Gefäßverschlüsse und dadurch bedingt Infarkte wie Herzinfarkte und Schlaganfälle (Hirninfarkte). Ein Therapie-Ansatz ist daher, diesen Erkrankungen mit dem blutverdünnenden Wirkstoff Acetylsalicylsäure vorzubeugen.

Der Verlauf der Progerie ist typisch: Die Kinder vergreisen immer mehr. Die meisten werden keine 20 Jahre alt.

Definition

Progerie Typ I – auch Hutchinson-Gilford-Syndrom, Hutchinson-Gilford-Progerie-Syndrom, HGPS oder vorzeitige Vergreisung genannt – ähnelt in seinen Symptomen dem normalen Altern. Progerie bedeutet wörtlich übersetzt frühes Alter und leitet sich von der lateinischen Vorsilbe pro für "vor" und dem griechischen Wort geras für "Alter" ab.

Alle Organismen altern, so auch der Mensch. Es gibt jedoch Veränderungen in der Erbinformation, welche die Betroffenen wie im Zeitraffer altern lassen. Zu diesen sogenannten Progerien gehört das Hutchinson-Gilford-Syndrom (HGPS) beim Kind und das Werner-Syndrom, das erst nach der Pubertät auftritt (Progerie Typ II). Zeichen vorzeitiger Alterung treten jedoch auch bei anderen Syndromen auf, zum Beispiel bei:

  • Trisomie 21
  • Ataxia telangiectatica
  • Wiedemann-Rautenstrauch-Syndrom (neonatales Progerie-Syndrom, NPS)
  • Cockayne-Syndrom
  • Gerodermia osteodysplastica

Der Name Hutchinson-Gilford-Syndrom (HGPS) weist auf die Erstbeschreiber hin, den britischen Chirurgen und Pathologen Sir Jonathan Hutchinson und den britischen Chirurgen Hastings Gilford, die 1886 beziehungsweise 1897 erstmals über Progerie Typ I berichteten.

Häufigkeit

Die Progerie Typ I (HGPS) ist sehr selten und kommt nur bei Kindern vor. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber Forscher vermuten, dass die Progerie etwa bei 1 von 8 Millionen Kindern auftritt. Insgesamt sind etwa 100 Fälle von Progerie Typ I bekannt.

Ursachen

Progerie Typ I (HGPS) hat genetische Ursachen. Grund ist eine Veränderung im Erbgut, und zwar im sogenannten Lamin A/C-Gen. Mithilfe dieses Gens stellt der Körper zwei bestimmte Proteine (Eiweiße) her, Lamin A und Lamin C, welche die Zellkörperhülle stabilisieren und an der Zellteilung beteiligt sind. Bei der Progerie ist ein "Buchstabe" – eine sogenannte Base – im genetischen Code des Lamin-Gens vertauscht. Anstatt eines funktionstüchtigen Proteins Lamin A produziert der Organismus bei Kindern mit Progerie nur eine verkürzte Version. Diese Veränderung schwächt die Hülle des Zellkerns und stört Prozesse wie die Zellteilung; möglicherweise sorgt es außerdem für einen vorzeitigen Abbau der Erbinformation.

HGPS wird in der Regel nicht vererbt. Es sind fast ausschließlich Einzelfälle der Erkrankung bekannt.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei der Progerie Typ I um eine Folge zufälliger Veränderungen des Erbguts (Mutationen) handelt. Die Eltern der betroffenen Kinder zeigen dann – im Gegensatz zu ihrem Kind – keine Auffälligkeiten in dem Gen für Lamin A/C. Warum das Lamin-Gen im Einzelfall mutiert, lässt sich nicht klären. Solche Spontanmutationen sind zufällige Ereignisse. Nur in sehr seltenen Fällen von Progerie Typ I tragen gesunde Eltern bereits eine Mutation für Lamin A in sich und vererben das defekte Erbgut an ihr Kind.

Symptome

Bei Progerie Typ I (HPGS) treten die Symptome schon sehr früh auf. Bei der Geburt wirken die Kinder oft noch gesund. Innerhalb des ersten Lebensjahrs treten jedoch bereits Symptome auf. Kinder mit Progerie wachsen nicht so gut wie Gleichaltrige, sie bleiben kleinwüchsig und altern sehr schnell. Diese vorzeitige Vergreisung verursacht auffällige Symptome: Die Kinder verlieren ihre Haare, die Haut ist trocken, dünn und rau. Dadurch scheinen die Venen – insbesondere am Kopf – stark durch die Haut. Weitere typische Symptome für HGPS sind eine sehr helle Stimme und das kleine Gesicht mit schnabelartig vorspringender Nase ("vogelartig"; "wizened old man"). Durch fehlendes Unterhautfettgewebe (Lipodystrophie) wirken von Progerie Typ I betroffene Kinder eher "knochig" und dünn.

Bei Kindern mit Progerie treten außerdem typische Alterserkrankungen wie Knochenschwund (Osteoporose) oder Arthrose auf; die Kinder neigen daher leicht zu Knochenbrüchen. Ihre Gelenke sind häufig fehlgestellt (Luxationen) und / oder versteift (Kontrakturen).

Weitere auffällige Symptome bei HGPS sind Veränderungen an Nägeln und Zähnen und ein vorgewölbter Bauch. Bereits in jungen Jahren entwickeln betroffene Kinder häufig eine arterielle Gefäßkrankheit (Arteriosklerose), welche insbesondere die Herzkranzgefäße (Koronararterien) betrifft und über Gefäßverschlüsse zu Herzinfarkten führen kann.

Andere Erkrankungen, die normalerweise mit zunehmendem Alter häufiger auftreten, wie der Graue Star (Katarakt), die Alzheimer-Demenz oder Krebs, kommen dagegen bei Kindern mit Progerie nicht gehäuft vor.

Diagnose

Die Diagnose von Progerie Typ I (HGPS) erfolgt meist in den ersten Lebensjahren des betroffenen Kindes. Nach der Geburt erscheinen Säuglinge mit Progerie Typ I äußerlich oft unauffällig. Erst im Verlauf des ersten Lebensjahrs zeigen sich erste Symptome vorzeitigen Alterns. Diese sind gewöhnlich so auffällig, dass sie den Verdacht auf eine Progerie lenken. Der Arzt sichert die Diagnose durch eine genetische Untersuchung.

Therapie

Bei Progerie Typ I (HGPS) ist eine ursächliche Therapie nicht möglich, die Erkrankung ist nicht heilbar. Eine symptomatische Behandlung kann jedoch Beschwerden lindern und Komplikationen vorbeugen:

  • Zum Beispiel stärkt Physiotherapie die Muskulatur, verbessert die Durchblutung und beugt steifen Gelenken vor.
  • Badezusätze oder Lotionen helfen, die empfindliche Haut zu schützen.
  • Kontakt und Austausch mit anderen Betroffenen bieten emotionale Unterstützung und stärken das Selbstwertgefühl.

All diese Maßnahmen verbessern die Lebensqualität der Kinder mit Progerie Typ I.

Zurzeit werden unter anderem zwei Arzneimittel erforscht, die bereits zur Behandlung anderer Erkrankungen eingesetzt werden:

  • ein Statin, mit dem Ärzte Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandeln, und
  • ein Bisphosphonat, das bei Knochenschwund (Osteoporose) verschrieben wird.

Seit wenigen Jahren erproben Ärzte diese Medikamente in Kombination mit einem weiteren Mittel, einem sogenannten Farnesyl-Transferase-Inhibitor (FTI) – zunächst an Zellkulturen und Mäusen. Studien an Mäusen konnten zeigen, dass insbesondere FTIs die Symptome der Progerie wie Arterienverkalkung (Arteriosklerose) hinauszögern und damit die Lebenserwartung erhöhen können.

Inzwischen wurde der Farnesyl-Transferase-Inhibitor zur Progerie-Therapie auch an Kindern mit dem Hutchinson-Gilford-Syndrom getestet. Sie erhielten den Wirkstoff über mindestens zwei Jahre – mit vielversprechendem Erfolg. Das Medikament bewirkte demnach bei den Kindern mindestens eine der folgenden Verbesserungen:

  • Gewichtszunahme
  • besseres Hörvermögen
  • stabilere Knochenstruktur
  • elastischere Blutgefäße

Eine aktuelle Studie konnte zeigen, dass eine Therapie mit einem Farnesyl-Transferase-Inhibitor auch die Lebenserwartung der Kinder mit Progerie erhöht.

Zum Teil setzen Ärzte bei HGPS auch Acetylsalicylsäure zur Therapie ein. Dieses Medikament wirkt der Bildung von Blutgerinnseln (Thromben) entgegen und vermindert das Risiko für Gefäßverschlüsse und damit Herzinfarkte und Schlaganfälle, wie sie bei Kindern mit Progerie häufig auftreten.

Verlauf

Progerie Typ I (HGPS) zeigt meist einen typischen Verlauf; die Lebenserwartung variiert. Kinder mit Progerie altern zwar sehr schnell, können aber durchaus das Erwachsenenalter erreichen. Im Durchschnitt werden sie etwa 13 Jahre alt.

Progerie äußert sich im Verlauf unter anderem durch Gefäßerkrankungen wie Arteriosklerose. Daher zählen Herzinfarkte und Schlaganfälle zu den häufigsten Todesursachen.

Komplikationen

Progerie Typ I kann mit typischen Komplikationen einhergehen. Die von HGPS Betroffenen erkranken häufig an Arteriosklerose (Arterienverkalkung), was sie anfällig für Herzinfarkte und Schlaganfälle macht. Durch den verstärkten Knochenabbau kommt es zum Knochenschwund (Osteoporose). Dadurch sind die Knochen weniger stabil. In der Folge können Knochenbrüche ohne besondere Belastungen auftreten.

Vorbeugen

Einer Progerie Typ I (HGPS) können Sie nicht vorbeugen. Die Genveränderung entsteht in den meisten Fällen zufällig und wird in der Regel nicht vererbt. Durch die Entdeckung des Progerie-Gens ist es heutzutage möglich, Progerie Typ I bereits vor der Geburt festzustellen (Pränataldiagnostik).

Zudem gibt es Therapie-Ansätze, die Komplikationen der Progerie vorbeugen sollen. So verschreiben manche Ärzte Acetylsalicylsäure, um zu verhindern, dass sich Blutgerinnsel bilden, die zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen können.

Ein Wirkstoff mit einem Farnesyl-Transferase-Inhibitor hielt in Studien die Blutgefäße elastisch und konnte die Lebenserwartung erhöhen. Möglicherweise lassen sich in Zukunft auch mit diesem Medikament Komplikationen der Progerie vorbeugen.