Ein magersüchtiges Mädchen sitzt auf dem Bett.
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Magersucht (Anorexie)

Kaum eine psychische Erkrankung ist für Außenstehende so deutlich sichtbar wie die Magersucht: Die Betroffenen essen so wenig, dass sie krankhaft abmagern – im schlimmsten Fall mit lebensbedrohlichen Folgen. Darum ist es wichtig, dass die Erkrankung so früh wie möglich behandelt wird. Hier erfahren Sie, an welchen Symptomen man eine Magersucht erkennt, durch welche Ursachen sie entsteht und wie die Therapie abläuft.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Magersucht

Eine Magersucht beginnt, lange bevor sie für Außenstehende sichtbar wird. Die ersten Symptome sind psychischer Natur. Es handelt sich um Gedanken und Gefühle, die nur die Erkrankten selbst bemerken:

  • Ihre Gedanken kreisen um das Thema Abnehmen und Essen.
  • Sie haben Angst vor dem Zunehmen.
  • Ihr seelisches Befinden hängt stark von ihrem Gewicht ab.
  • Schon geringe Gewichtszunahmen können psychische Krisen auslösen, bis hin zur Depression.

Das Umfeld wird in der Regel erst auf die Erkrankung aufmerksam, wenn sie schon zu offenkundigen körperlichen Veränderungen geführt hat – oder wenn die Betroffenen durch ihr unnormales Essverhalten auffallen. Sichtbare Symptome einer Magersucht sind etwa:

  • Untergewicht
  • Verzicht auf Nahrung oder kalorienreiche Lebensmittel
  • Essrituale (z. B. extrem langsames Essen, Nahrungsmittel in sehr kleine Stücke zerschneiden)
  • exzessives Sporttreiben
  • Mangelerscheinungen wie trockene Haut und Haarausfall

Meist versuchen die Erkrankten jedoch, ihr Untergewicht und ihr gestörtes Essverhalten vor anderen zu verbergen. Um zu verhindern, dass Freunde oder Familienmitglieder darauf aufmerksam werden, ziehen sich die Betroffenen häufig aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld zurück. Beispielsweise meiden sie Zusammenkünfte, bei denen normalerweise gegessen wird – etwa gemeinsame Mahlzeiten und Feste.

Mitunter geht eine Magersucht auch mit Symptomen einer Bulimie einher. Das heißt: Die Betroffenen übergeben sich nach Mahlzeiten absichtlich. Manche nehmen stattdessen oder zusätzlich Abführmittel. Die verschiedenen Essstörungen lassen sich also nicht immer klar voneinander abgrenzen. Ein wichtiger Unterschied zwischen Bulimie und Magersucht ist das Gewicht: Menschen mit Bulimie haben häufig Normalgewicht, eine Magersucht hingegen führt typischerweise zu Untergewicht.

Das Körpergewicht der Erkrankten liegt deutlich unter einem Gewicht, das für ihre Größe und ihr Alter zu erwarten wäre. Laut den geltenden Diagnosekriterien beträgt der BMI bei einer Magersucht 17,5 oder weniger. Neueren Kriterien zufolge kann die Diagnose "Magersucht" jedoch schon bei einem BMI von unter 18,5 gestellt werden. (Die neuen Kriterien werden ab 2022 gelten, mit der Einführung des aktualisierten Krankheiten-Katalogs, der ICD-11.)

Magersüchtige wissen meist sehr genau, wie viel sie wiegen, denn sie kontrollieren ihr Gewicht deutlich häufiger als gesunde Menschen.

Wer ist gefährdet?

Magersucht betrifft vor allem Mädchen und Frauen. Inzwischen kommt die Essstörung aber auch bei Männern immer häufiger vor. Meist entwickelt sich die Erkrankung in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter. Die Mehrheit der Betroffenen ist zwischen 15 und 35 Jahre alt. Es können aber auch Kinder an einer Magersucht erkranken.

Magersucht: Ursachen

Eine Magersucht lässt sich nie auf eine einzige Ursache zurückführen. Sie entsteht durch das Zusammenwirken verschiedener Einflüsse. Zu den möglichen Risikofaktoren zählen:

  • bestimmte Erbanlagen
  • Probleme in der Bewältigung alterstypischer Veränderungen (vor allem in der Pubertät)
  • geringes Selbstwertgefühl
  • Schwierigkeiten im Umgang mit eigenen Gefühlen
  • Unsicherheit in zwischenmenschlichen Beziehungen (unsichere Bindungsmuster)
  • Störungen im Belohnungssystem des Gehirns
  • starke Verdauungsprobleme im Säuglings- und Kleinkindalter
  • bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (z. B. Ängstlichkeit, Zwanghaftigkeit)
  • Ausdauersport und Sportarten, die mit bestimmten ästhetischen Idealen verknüpft sind (z. B. Gymnastik, Ballett und Tanz)
  • häufige Konfrontation mit dem gängigen Schlankheitsideal (z. B. durch soziale Medien)

In westlichen Industrieländern gilt eine schlanke Figur als schön. Kein Wunder, dass viele Menschen den Wunsch haben, ebenfalls schlank zu sein. Dieser Wunsch mündet aber bei den wenigsten in eine Magersucht. Das Schlankheitsideal ist also nur ein Risikofaktor von vielen.

Meist beginnt die Magersucht in der Pubertät. In dieser Entwicklungsphase verändert sich der Körper sehr stark. Die Veränderungen gehen mit zahlreichen neuartigen Gefühlen und Bedürfnissen einher, die die Heranwachsenden häufig verunsichern oder ihnen sogar Angst machen können.

Lesetipp: Orthorexie – ab wann wird gesunde Ernährung krankhaft?

Viele Jugendliche fühlen sich mit diesen Veränderungen überfordert. In welcher Weise sie mit der Überforderung umgehen, hängt von ihrer Persönlichkeit und ihren psychischen Ressourcen ab. Mit "Ressourcen" sind unter anderem die Strategien gemeint, die jeder Mensch im Zuge seiner Entwicklung für die Bewältung von Konflikten und beunruhigenden Gefühlen lernt – etwa von den Eltern.

Magersucht zeugt davon, dass die Betroffenen (noch) nicht gelernt haben, auf gesunde Weise mit ihren Problemen und Gefühlen umzugehen. Das absichtliche Hungern ist ihre einzige Möglichkeit, sich wenigstens kurzfristig seelisch zu stabilisieren. Die Kontrolle, die sie dadurch über den eigenen Körper erlangen, vermittelt ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Zugleich kann die extreme Fixierung auf die Ernährung zur Ablenkung von anderen Problemen dienen: Indem die Betroffenen ihre Gedanken um Essen, Diät und Gewicht kreisen lassen, blenden sie andere Themen aus.

Welche psychischen Vorgänge hinter einer Magersucht stecken, ist aber von Mensch zu Mensch verschieden. Sie zu ergründen ist der erste Schritt in der Behandlung der Erkrankung.

Übrigens: Die Bezeichnung Anorexie für Magersucht leitet sich vom lateinischen Begriff Anorexia nervosa ab. Anorexia bedeutet Appetitverlust oder Appetitverminderung. Das ist aber irreführend: Ein Mangel an Appetit ist nicht die Ursache der Magersucht. Auch handelt es sich bei der Magersucht nicht um eine Suchterkrankung. Tatsächlich meiden viele Magersüchtige nicht nur Essen, sondern auch Suchtmittel wie Alkohol. Der Begriff Magersucht stammt vom Wort "siechen" ab, was soviel wie "krank sein" oder "leiden" bedeutet.

Video: Magersucht – 5 Fakten über die missverstandene Essstörung

Magersucht: Therapie

Der erste Schritt der Therapie besteht darin, die gefährlichen Folgen des Untergewichts unter Kontrolle zu bringen. Wenn keine akute Lebensgefahr besteht, wird die Ärztin oder der Arzt die Gewichtszunahme nicht erzwingen, sondern versuchen, gemeinsam mit der oder dem Erkrankten einen Ernährungsplan erarbeiten. Menschen mit Magersucht haben häufig ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstbestimmtheit. Daher hilft es ihnen, wenn sie die Möglichkeit erhalten, selbstständig zuzunehmen.

Bei akuter Lebensgefahr kann das unter Umständen zu lange dauern. In diesem Fall ist es erforderlich, dass die oder der Betroffene flüssige Nahrung über eine Magensonde erhält. Diese wird entweder durch die Nase oder durch eine kleine Öffnung in der Bauchwand in den Magen eingeführt.

Langfristig hat die Therapie nur Erfolg, wenn sie an den Ursachen der Erkrankung ansetzt. Deshalb benötigt die oder der Erkrankte so schnell wie möglich psychotherapeutische Hilfe. Je eher die Psychotherapie beginnt, umso geringer ist das Risiko, dass sich die krankmachenden Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen "chronifizieren", also dauerhaft festigen.

Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die bei einer Magersucht helfen können. Bewährt haben sich bislang vor allem die kognitive Verhaltenstherapie und sogenannte psychodynamische Verfahren. Für magersüchtige Kinder und Jugendliche kann auch eine Familientherapie hilfreich sein.

Grundsätzlich geht es in der Therapie darum, die seelischen Konflikte und zwischenmenschlichen Probleme zu ergründen, welche zur Entstehung der Erkrankung geführt oder beigetragen haben könnten. Zugleich erarbeiten die Therapeutin oder der Therapeut und die oder der Betroffene gemeinsam Möglichkeiten, auf gesündere Weise mit den Gefühlen und Konflikten umzugehen, die der Erkrankung zugrundeliegen.

Je nach Schwere der Erkrankung kann die Therapie entweder ambulant oder stationär stattfinden. Ambulant heißt: Die oder der Betroffene wohnt weiterhin zu Hause geht aber regelmäßig zur Ärztin oder zum Arzt und zu den Therapiestunden. Stationär bedeutet: Die Behandlung findet im Rahmen eines Klinikaufenthaltes statt. In manchen Fällen ist eine Tagesklinik eine gute Alternative. Die oder der Erkrankte wird dort tagsüber betreut und verbringt die Nächte zu Hause.

Magersucht: Folgen

Je länger die Magersucht besteht und je ausgeprägter das Untergewicht ist, umso großer ist das Risiko für riskante und belastende Folgen. Da es den Betroffenen meist an bestimmten Mineralstoffen mangelt, gerät ihr Elektrolythaushalt aus dem Gleichgewicht. Das wiederum kann sich in Herzrhythmusstörungen äußern. Außerdem wirkt sich der Nährstoffmangel auf den Hormonhaushalt aus. Mögliche Folgen sind:

Weitere typische körperliche Folgen einer Magersucht sind:

Bei Kindern und Jugendlichen kann eine Magersucht mit Entwicklungs- und Wachstumsstörungen einhergehen. Zum einen kann die Mangelernährung die Reifung des Gehirns beeinträchtigen. Zum anderen führt sie unter Umständen zu Störungen im Knochenstoffwechsel. Können die Knochen nicht ausreichend Masse aufbauen, steigt das Osteoporose-Risiko. Auch wachsen Kinder mit Magersucht häufig langsamer und erreichen eine geringere Körpergröße als sie ohne die Erkrankung erreicht hätten.

Psychische Folgen

Zugleich schlägt sich die Erkrankung auch auf das geistige und seelische Befinden der Betroffenen nieder. Sie fühlen sich reizbar oder auch gleichgültig bis depressiv. Ihr Denken und Verhalten wird immer zwanghafter und kontrollierter. Spontanintät hingegen fällt ihnen schwer.

Viele Betroffenen erkranken im Verlauf ihrer Erkrankung an einer Depression, die ebenfalls lebensbedrohliche Folgen haben kann. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Erkrankten rechtzeitig professionelle Hilfe bekommen. Die besten Heilungschancen bestehen bei Menschen, die in einem jungen Alter an Magersucht erkranken und eine frühzeitige Behandlung erhalten.