Jemand erhält eine Corona-Impfung mit Totimpfstoff in den Arm.
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Warten auf den Totimpfstoff: Ist das sinnvoll?

Ein Drittel der Deutschen ist derzeit noch nicht gegen das Coronavirus geimpft. Viele Impfskeptiker*innen warten auf einen Totimpfstoff. Sie halten die bisher verfügbare Vakzine für unsicher, da sie auf neuen Verfahren beruhen. Totimpfstoffe kommen dagegen schon lange zur Anwendung und werden daher für besonders sicher und wirksam gehalten. Stimmt das wirklich? Und wann wird in Deutschland ein Totimpfstoff verfügbar sein?

Überblick

Derzeit sind in Deutschland vier Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen. Dabei handelt es sich um

  • zwei mRNA-Impfstoffe (Moderna und BioNTech)
  • sowie zwei Vektorimpfstoffe (Johnson & Johnson und AstraZeneca).

Das Angebot an verfügbaren Vakzinen wird sich aber voraussichtlich erweitern – um einen Totimpfstoff. Dessen Zulassung könnte die Impfbereitschaft einiger noch ungeimpfter Menschen womöglich erhöhen. Doch uns läuft die Zeit davon.

Das Pandemiegeschehen nimmt erneut an Fahrt auf, wir befinden uns in der vierten Welle. Wer nicht geimpft ist, wird sich laut Expert*innen vermutlich in den nächsten Wochen infizieren und möglicherweise schwer erkranken. Dennoch warten Impfskeptiker*innen lieber auf den Totimpfstoff, denn einige von ihnen befürchten,

  • dass bei den derzeit verfügbaren Vakzinen Langzeitfolgen auftreten,
  • die mRNA ihr Erbgut verändern könnte
  • und die "neuen" Impfverfahren noch nicht ausreichend erforscht sind.

Totimpfstoff: Was bedeutet das?

Totimpfstoffe sind Vakzine, die abgetötete oder inaktive Viren enthalten. An diesen Viren kann das Immunsystem ohne Gefahr einer Coronaviruserkrankung "üben" und eine Immunität aufbauen. Genau wie die bereits zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19 sind Totimpfstoffe in der Lage, im Körper eine Immunantwort auszulösen und Antikörper herstellen zu lassen. Diese können dann im Falle einer Infektion schnell aktiv werden und Erreger frühzeitig bekämpfen.

Erkrankungen, bei denen Totimpfstoffe eingesetzt werden, sind zum Beispiel

Die verfügbaren Impfstoffe sind keine Lebendimpfstoffe

Viele nehmen irrtümlich an, dass die in der EU bereits zugelassenen Vakzine gegen Covid-19 Lebendimpfstoffe sind. Sowohl bei den Vektor- als auch den mRNA-Impfstoffen handelt es sich allerdings um sogenannte Impfstoffe der zweiten Generation. Das bedeutet: Sie zählen weder zu den klassischen Totimpfstoffen noch zu den Lebendimpfstoffen.

Der große Vorteil der bereits zugelassenen Vakzine: mRNA- und Vektorimpfstoffe sind sehr schnell in sehr großer Menge produzierbar. Da Coronaviren mutieren, könnten diese Vakzine also auch in kurzer Zeit immer wieder angepasst werden.

Bei Totimpfstoffen sieht das anders aus. Ein Beispiel: Impfmittel gegen Influenza, bei denen es sich ebenfalls um einen Totimpfstoff handelt, müssen bereits mehrere Monate im Voraus hergestellt werden.

Welche Totimpfstoffe gibt es?

Derzeit arbeiten verschiedene Unternehmen an Totimpfstoffen. Einige von ihnen könnten Anfang 2022 auch hierzulande verfügbar sein. Bis es soweit ist, müssen ausreichend Daten aussagekräftiger Studien vorliegen und von der EMA (European Medicines Agency) geprüft werden.

Novavax

Bei dem Vakzin der US-amerikanischen Firma Novavax handelt es sich nicht um einen klassischen Totimpfstoff, sondern um einen Eiweißimpfstoff. Dafür werden Spikeproteine des Coronavirus künstlich hergestellt. Sie werden mit Wirkverstärkern (Adjuvantien) gemischt, damit das Immunsystem besser reagiert. Das Immunsystem bildet daraufhin Antikörper gegen die Spikeproteine. Anhand dieser Antikörper kann unser Körper dann Coronaviren erkennen und abwehren. Für die Grundimmunisierung mit Novavax werden zwei Impfdosen benötigt.

Wie wirksam ist der Impfstoff von Novavax?

Zwar existiert eine ganze Reihe an Proteinimpfstoffen, die sehr effektiv gegen Erkrankungen schützen. Daneben gibt es aber auch einige Fälle, in denen Eiweißimpfstoffe nicht den gewünschten Effekt haben. Derzeit lässt sich noch nicht sagen, wie gut das neue Vakzin von Novavax gegen das Coronavirus schützt, da noch keine ausreichende Datenlage zu Impfdurchbrüchen und Impfreaktionen gibt. Mehr wird man erst wissen, wenn der Impfstoff großflächig geimpft wurde.

Novavax hat einen Antrag für die Zulassung des Impfstoffs in Europa bereits eingereicht. Nun prüft die EMA das Vakzin auf seine Sicherheit und Wirksamkeit.

Valneva

Bei dem Impfstoff des französischen Unternehmens Valneva handelt es sich um einen klassischen Totimpfstoff: Coronaviren werden zuerst in einer Zellkultur vermehrt und dann abgetötet. Damit das Immunsystem reagiert, werden auch hier Wirkverstärker eingesetzt. Nachdem der Impfstoff gespritzt wird, bildet das Immunsystem Antikörper – und das nicht nur gegen die Spikeproteine, sondern gegen verschiedene Proteine des gesamten Coronavirus.

Wie wirksam ist der Impfstoff von Valneva?

Ein Vorteil klassischer Totimpfstoffe ist, dass theoretisch eine Immunantwort gegen das gesamte Coronavirus erzeugt werden kann. Ob das in der Realität so funktioniert, hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem auch von dem Wirkverstärker, der hinzugefügt wird. Wie der Hilfsstoff des Vakzins von Valneva genau im Körper wirkt, ist bislang zwar nicht klar. Laut Pressemitteilung des Unternehmens Valneva liegt die Wirksamkeit des Impfstoffes allerdings bei über 95 Prozent.

Die EU-Kommission hat bereits grünes Licht gegeben und billigte einen Vertrag mit dem Hersteller von bis zu 60 Millionen Impfdosen für die Jahre 2022 und 2023. Bevor die Auslieferung beginnen kann, muss das Vakzin allerdings von der EMA zugelassen werden. Noch hat das Prüfverfahren nicht begonnen. Expert*innen rechnen mit den ersten Auslieferungen im April 2022. In Großbritannien hingegen ist das Vakzin seit April diesen Jahres bereits zugelassen. Der Totimpfstoff kann britischen Erwachsenen ab 18 Jahren geimpft werden.

Daneben gibt es noch einige weitere Totimpfstoffe gegen das Coronavirus, so zum Beispiel

  • Covaxin des indischen Unternehmens Bharat Biotech
  • Vidprevtyn von Sanofi-GSK
  • die chinesischen Impfstoffe der Firmen Sinovac und Sinopharm
  • der kasachische Impfstoff QazVac

Bislang steht aber keines dieser Vakzine in der EU vor der Marktzulassung. Weitere Totimpfstoffe befinden sich derweil in der Phase-III.

Übrigens: Covaxin erhielt in Indien bereits Anfang 2020 eine Notfallzulassung durch die WHO (Weltgesundheitsorganisation). Auch für andere Entwicklungsländer scheint das Vakzin interessant. Denn der indische Impfstoff kann bis zu einer Woche bei Raumtemperatur gelagert werden, bevor er zur Anwendung kommt.

Ist es sinnvoll, auf einen Totimpfstoff zu warten?

Viele Impfskeptiker*innen geben an, auf einen Totimpfstoff zu warten. Sie scheinen ein größeres Vertrauen in Vakzine zu haben, die nach klassischem Verfahren produziert werden. In der Tat werden Totimpfstoffe schon lange eingesetzt.

Dennoch ist es aus medizinischer Sicht nicht sinnvoll, auf eine solche Impfung zu warten. Das hat folgende Gründe:

1. Es gibt bereits sichere zugelassene Impfstoffe

Viele Impfskeptiker*innen nehmen an, dass Totimpfstoffe sicherer und besser als die bereits zugelassenen Vektor- und mRNA-Vakzine sind. Dies begründen sie damit, dass Totimpfstoffe mit einem "alten" und somit bekannten Verfahren hergestellt werden. Das ist allerdings ein Trugschluss: Die Risiken, die von einer Impfung ausgehen, müssen für jedes einzelne Vakzin neu erfasst und ausgewertet werden – unabhängig davon, auf welchem Verfahren es beruht.

Davon abgesehen ist es sehr unwahrscheinlich, dass Nebenwirkungen einer Impfung erst nach Wochen, Monaten oder sogar Jahren auftreten. Zwar gab es in der Impfgeschichte immer wieder Impfmittel, die starke Reaktionen hervorgerufen haben – diese traten aber immer kurze Zeit nach der Impfung auf. Somit gelten die derzeit verfügbaren Vakzine samt ihrer Wirksamkeit und potenzieller Nebenwirkungen als sehr gut erforscht.

2. Die Totimpfstoffe sind womöglich weniger wirksam

Jedes Impfsystem hat seine Vor- und Nachteile. Erfahrungsgemäß ist der Impferfolg, der mit Totimpfstoffen erreicht wird, aber teilweise schlechter. Das gilt vor allem für proteinbasierte Impfstoffe. Denn unser Immunsystem spricht auf einzelne Eiweißbestandteile weniger gut an. Das ist auch der Grund, warum Wirkverstärker eingesetzt werden müssen. Zudem ist aufgrund von fehlenden Daten noch unklar, wann der Impfschutz bei den noch nicht zugelassenen Vakzinen eintritt und wie langer dieser anhält.

3. Warten bedeutet, länger ungeschützt zu sein

Die ersten Totimpfstoffe werden voraussichtlich im ersten Quartal des Jahres 2022 in Deutschland verfügbar sein. Angesichts der steigenden Inzidenz ist es nicht empfehlenswert, die Impfung gegen das Coronavirus bis dahin hinauszuzögern und solange ungeschützt zu bleiben. Expert*innen empfehlen daher, nicht auf diese Impfung zu warten, sondern sie gegebenenfalls später als Auffrischung zu nutzen.

Würde jede*r warten, wäre das problematisch

Eine flächendeckende Versorgung mit einem Totimpfstoff wäre angesichts des Pandemiegeschehens kaum möglich gewesen. Es hätte sehr lange gedauert, der gesamten Bevölkerung eine ausreichend gute Versorgung mit diesen Vakzinen anzubieten.

Im Hinblick auf die steigenden Infektionszahlen sprechen viele Expert*innen nun außerdem davon, dass Impfskeptiker*innen womöglich nicht die Wahl zwischen "einer Impfung oder Warten auf den Totimpfstoff", sondern zwischen "einer Impfung oder einer Infektion" haben. Dabei sollten auch mögliche Komplikationen und Langzeitfolgen bedacht werden, die mit einer Covid-19-Erkrankung einhergehen können.