Jemand hält eine Ampulle Sputnik-Impfstoff und eine Spritze
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Sputnik V: Wie sicher ist der russische Impfstoff?

Das Misstrauen dem russischen Impfstoff gegenüber ist groß. Doch einer Studie zufolge soll das Vakzin eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent haben. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit, ob der Impfstoff auch für Europa infrage kommt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

So funktioniert Sputnik V

Schon der Name klingt wie eine Kampfansage: Sputnik V setzt sich zusammen aus dem Namen des Weltraumsatelliten Sputnik 1, mit dem die damalige Sowjetunion den USA im Weltraum zuvorgekommen war und damit den sogenannten "Sputnikschock" auslöste. Das V steht für Victory, englisch für "Sieg".

Auch bei den Covid-19-Impfstoffen war Russland dem Rest der Welt einen Schritt voraus, denn Sputnik V war der erste registrierte Covid-19-Impfstoff. Allerdings hatte noch nicht einmal die für die Zulassung wichtige Phase-3-Studie begonnen, als Russland den Impfstoff im August 2020 freigab. Viele Menschen sind wegen dieser Eile und mangelnder Transparenz misstrauisch, ob Russland den Impfstoff nicht vor allem als Propagandamittel nutzen möchte.

Wie funktioniert der Impfstoff?

Sputnik V (Gam-COVID-Vac) ist ein Vektor-Impfstoff wie AstraZeneca und Johnson & Johnson. Bei dieser Art von Impfstoff dient ein harmloses Virus als "Transportmittel", um mRNA des Coronavirus SARS CoV-2 in den Körper zu schleusen. Dieser produziert daraufhin Antikörper. Nötig sind zwei Impfungen im Abstand von drei Wochen.

Allerdings gibt es zwischen den drei Vektor-Impfstoffen Unterschiede. Während bei Sputnik V und AstraZeneca zwei Impfdosen nötig sind, kommt Johnson & Johnson mit einer Dosis aus. Und im Gegensatz zu Sputnik V benutzt AstraZeneca für beide Impfungen den gleichen Vektor, ein abgeschwächtes menschliches Schnupfenvirus.

Ein Vorteil von Sputnik V

Der vom russischen Gamaleya National Centre of Epidemiology and Microbiology in Moskau entwickelte Sputnik V enthält in der ersten Impfung ein anderes Schnupfenvirus als in der zweiten. Das könnte ein Vorteil sein.

Denn das abgeschwächte Virus, das eigentlich nur als Transportmittel benutzt wird, ruft im Körper ebenfalls eine Immunantwort hervor. Diese könnte bei einer zweiten Impfung mit dem gleichen Vektor verhindern, dass die Viren die mRNA in die Muskelzelle abgeben und so die Wirkung des Impfstoffs abschwächen. Der Hersteller von Sputnik V umgeht dieses Problem, indem er bei beiden Impfungen unterschiedliche Vektoren verwendet. Der erste verwendete Vektor ist der gleiche wie beim Impfstoff von Johnson & Johnson.

Wie sicher ist Sputnik V?

Einer in "The Lancet" veröffentlichten Studie zufolge hat der Impfstoff eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Damit liegt er fast gleichauf mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech und Moderna, die je zu 95 Prozent vor Covid-19 schützen, und noch vor AstraZeneca und Johnson & Johnson, die eine Wirksamkeit von rund 70 bis 80 Prozent haben. Es handelt sich bei den Daten um Zwischenergebnisse der Phase-3-Studie mit 20.000 Proband*innen.

Bis zum Zeitpunkt der zweiten Impfung waren 16 von 14.964 geimpften Proband*innen an Covid-19 erkrankt. In der Placebogruppe erkrankten 62 von 4.902 Proband*innen.

Eine Wirksamkeit von fast 92 Prozent erscheint viel für einen Vektorimpfstoff. Dass AstraZeneca und Johnson & Johnson weniger gut schützen als die mRNA-Impfstoffe, könnte aber daran liegen, dass sie für beide Impfdosen den gleichen Vektor benutzen – das ist bei Sputnik V eben nicht der Fall.

Welche Nebenwirkungen sind aufgetreten?

Der Studie zufolge sind keine schwerwiegenden Zwischenfälle in Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten. Drei Proband*innen aus der Impfstoffgruppe starben. Sie hatten allerdings mehrere Vorerkrankungen und die Todesfälle stehen nicht in Zusammenhang mit dem Vakzin. Weder schwere Allergien noch anaphylaktische Schocks traten auf.

Die Proband*innen berichteten von

  • leichten grippeähnlichen Symptomen,
  • Schmerzen an der Einstichstelle,
  • Kopfschmerzen und
  • allgemeinem Schwächegefühl.

Kritik am Impfstoff

Mehrere Wissenschaftler*innen haben bereits Bedenken bezüglich des russischen Impfstoffs geäußert. Ihre Kritikpunkte lauten:

  • vorschnelle Notfallzulassung des Impfstoffs ohne ausreichende Datenlage,
  • mangelnde Transparenz,
  • geringe Zahl der Proband*innen und
  • mögliche Datenmanipulation in der Studie.

Brasilien hatte den Impfstoff nach einer Prüfung abgelehnt. Die Begründung: Unzureichende Daten für die Qualitätskontrolle. Zudem ist von einem Herstellungsfehler die Rede. Im zweiten Impfstoff soll das Trägervirus aktiv und somit vermehrungsfähig sein. Es könnte somit für immunschwache Personen zur Gefahr werden. Eigentlich werden diese Vektorviren inaktiviert und sind somit völlig harmlos für den Menschen. Der Hersteller dementiert diese Behauptung jedoch als Fake News.

Zuvor hatte bereits die slowakische Arzneimittelagentur den Impfstoff kritisiert, weil eine erhaltene Impfstofflieferung nicht identisch sei mit dem Impfstoff, der in "The Lancet" analysisiert worden war.

Wird Sputnik V in der EU zugelassen?

Nach Angaben des Herstellers ist Sputnik V bereits in mehr als 60 Ländern im Einsatz. Trotz der genannten Kritikpunkte führt auch Deutschland derzeit Gespräche über mögliche Impfstofflieferungen. Ob es diese geben wird, hängt maßgeblich davon ab, wie die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) Sputnik V bewertet. Seit Anfang März läuft ein Rolling-Review-Verfahren. Dabei werden Ergebnisse geprüft, obwohl noch nicht alle Daten vorliegen und ein Zulassungsantrag noch nicht gestellt ist.