Ein Mädchen mit Maske wird von einem Arzt geimpft
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Kinder impfen: Pro und Contra

Viele Eltern stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Sollen sie ihre Kinder gegen Covid-19 impfen lassen oder nicht? Nachdem die STIKO zunächst eine generelle Impfempfehlung für Kinder ab 12 ausgesprochen hatte, wird nun auch eine Impfung für Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren empfohlen, wenn diese vorerkrankt sind. Entscheiden müssen Eltern am Ende jedoch selbst. Wir haben für Sie den Stand der Dinge zusammengefasst und Pro und Contra abgewägt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Diese Kinder sollten geimpft werden

Nachdem die Corona-Impfung zunächst nur für Kinder ab 12 Jahren freigegeben war, passte die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Empfehlung am 9.12.2021 aufgrund der aktuellen Datenlage erneut an. Ab sofort können auch Kinder zwischen 5 und 11 geimpft werden. Die STIKO empfiehlt die Impfung gegen Covid-19 vor allem

  • für Kinder mit Vorerkrankungen
  • und für Kinder, die sich im direkten Kontakt zu Personen mit einem einem hohen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf befinden (etwa ältere oder immungeschwächte Menschen sowie Schwangere).

Schon bevor die neuen Daten vorlagen, hatte sich die STIKO für die Impfung einiger Kinder und Jugendlicher ausgesprochen, die ein besonders hohes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 haben.

Dazu gehören Kinder und Jugendliche mit:

  • Adipositas,
  • Immunschwäche oder Immunsuppression,
  • schwerer Herzinsuffizienz,
  • angeborener zyanotischer Herzschwäche,
  • schwerer pulmonaler Hypertonie,
  • chronischen Lungenerkrankungen mit anhaltender eingeschränkter Lungenfunktion,
  • chronischer Niereninsuffizienz,
  • chronischen neurologischen oder neuromuskulären Erkrankungen,
  • bösartigen Tumorerkrankungen,
  • Trisomie 21 (Down-Syndrom),
  • syndromalen Erkrankungen mit schweren Beeinträchtigungen (z. B. Treacher Collins Syndrom, Nager Syndrom, Miller Syndrom),
  • nicht gut eingestelltem Diabetes mellitus.

In Deutschland betrifft das rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche.

Die 7-Tagesinzidenz in der Altersgruppe von 5 bis 11 Jahren ist vergleichsweise hoch. Deshalb gehen Expert*innen davon aus, dass sich ein Großteil der Kinder mittelfristig mit dem Coronavirus infizieren wird. Ziel der neuen Impfempfehlung ist es daher weniger, einer generellen Ansteckung vorzubeugen, sondern vielmehr, vor schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen zu schützen.

Auch Kinder ohne Vorerkrankung können geimpft werden

Auch 5- bis 11-jährige Kinder, die nicht vorerkrankt oder Kontaktperson eines*einer Risikopatient*in sind, können bei individuellem Wunsch der Kinder selbst sowie der Eltern oder Sorgeberechtigten und nach ärztlicher Aufklärung bereits gegen Covid-19 geimpft werden. Eine generelle Impfempfehlung liegt hierzu allerdings noch nicht vor. Das liegt daran, dass das Risiko für gesunde Kinder laut aktueller Datenlage hinsichtlich

  • eines schweren Krankheitsverlaufs,
  • einer Hospitalisierung
  • und/oder Intensivbehandlung

vergleichsweise gering ist. Sobald neue, aussagekräftige Daten zur Sicherheit des Impfstoffs in dieser Altersgruppe vorliegen, will die STIKO ihre Empfehlung bei Bedarf erneut anpassen.

Welcher Impfstoff wird empfohlen?

Für Kinder zwischen 5 und 11 Jahren empfiehlt die STIKO den Impfstoff von Biontech/Pfizer: Die Impfung soll mit zwei Dosen im Abstand von drei bis sechs Wochen durchgeführt werden. Der Kinderimpfstoff weist eine niedrigere Konzentration auf, auch wird ein geringeres Volumen injiziert. Die Kappe des Vakzinfläschchens unterscheidet sich farblich: Die des Impfstoffes für Kinder von 5 bis 11 Jahren ist nicht wie üblich violett, sondern orange.

Booster-Impfung für Kinder?

In Deutschland sind die Auffrischungsimpfungen bei Erwachsenen bereits in vollem Gange. Das ist notwendig, da der Impfschutz der Grundimmunisierung mit der Zeit nachlässt. Demnächst könnten auch kleinere Kinder ihre Drittimpfung erhalten. Expert*innen halten dies für sinnvoll. Die niedrigere Dosis, die Kindern verabreicht wird, führt womöglich zu einer gerinngeren Immunreaktion, was mit einer Auffrischimpfung ausgeglichen werden könnte. Derzeit laufen noch klinische Studien. Wissenschaftler*innen vermuten aber, dass die Drittimpfung für kleinere Kinder bereits in der ersten Jahreshälfte 2022 verfügbar sein wird.

Die STIKO erarbeitet ihre Impfempfehlung auf Grundlage wissenschaftlicher Evidenz. Dazu wird stets der aktuelle nationale und internationale Wissensstand berücksichtigt. Sämtliche Empfehlungen werden fortwährend überprüft und bei Bedarf angepasst. Das gibt Eltern zusätzliche Sicherheit bei der Überlegung, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen oder nicht. Entscheiden müssen sie, in Absprache mit ihren Kindern, jedoch selbst.

Pro: Das spricht dafür, das eigene Kind impfen zu lassen

Herdenimmunität: Expert*innen fordern, dass so bald wie möglich 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sein sollten, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das ist jedoch kaum zu schaffen, wenn Kinder und Jugendliche nicht einbezogen werden. Hinzu kommt, dass ansteckendere Varianten sich verbreiten. Umso wichtiger ist, dass möglichst bald möglichst viele Menschen geimpft sind.

Das Argument der Herdenimmunität allein dürfte Eltern jedoch nicht überzeugen. Schließlich geht es um ihre Kinder und darum, Nutzen und Risiko für das einzelne Kind bestmöglich abzuwägen. Auch die STIKO weist darauf hin, dass die Impfung in erster Linie zum Schutz der Kinder und Jugendlichen erfolgen soll, auch in Hinblick auf die psychosozialen Folgen von Isolation und Schulschließungen.

Schulen sind Orte mit hohem Ansteckungsrisiko: Es ist wichtig, dass die Schulen geöffnet bleiben. Denn Kinder brauchen den sozialen Umgang mit anderen Kindern, Betreuung und natürlich den Unterricht, damit keine zu großen Bildungslücken entstehen.

Aber täglicher Präsenzunterricht mit vollen ungeimpften Klassen erhöht das Risiko, sich anzustecken – besonders für Nicht-Geimpfte – trotz regelmäßiger Tests enorm im Vergleich zum Distanzunterricht. Dass Abstände immer eingehalten werden können, ist unrealistisch.

Wirksamer Impfschutz: Bei jungen Menschen ist die Immunreaktion auf eine Impfung besonders gut. Das zeigt sich auch in den Studiendaten von BioNTech und Moderna, denen zufolge der Schutz vor einem schweren Verlauf 100 Prozent beträgt. Die Antikörperkonzentrationen im Blut vollständig geimpfter Kinder ist etwa 1,5-mal so hoch wie die junger Erwachsener. Es ist also möglich, Kinder und Jugendliche mit einer Impfung sehr sicher vor einer Covid-19-Infektion mit schwerem Verlauf und entsprechenden gesundheitlichen Folgen zu bewahren.

Schwere Verläufe sind möglich: Seit Beginn der Pandemie sind in Deutschland rund 550.000 Corona-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren aufgetreten. Auch wenn das Risiko für schwere Verläufe für gesunde Kinder nicht so hoch ist wie für ältere Personen – schwere Verläufe kommen durchaus auch bei gesunden Kindern vor.

Seit Beginn der Pandemie sind knapp 6.000 Kinder mit Covid-19-Infektionen im Krankenhaus behandelt worden (Stand: 20.12.2021). 29 sind dem Robert-Koch-Institut zufolge bislang gestorben, davon hatten 19 Kinder Vorerkrankungen.

Keine Quarantäne mehr: Für Kinder und Jugendliche ist es besonders schlimm, in Quarantäne zu müssen. Geimpften bleibt das erspart, auch wenn sie Kontakt zu einer später positiv getesteten Person hatten.

Komplikationen und Langzeitfolgen: Bei einigen Kindern hat eine Corona-Infektion das multisystemische Entzündungssyndrom PIMS zur Folge. Seit Mai 2020 waren 349 Kinder betroffen. Dabei handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems, die dazu führt, dass im ganzen Körper Entzündungsreaktionen auftreten. Erkrankte Kinder haben hohes Fieber, Bauschmerzen, Erbrechen, Durchfall und Ausschlag. In schweren Fällen kann ein Schockzustand eine intensivmedizinische Betreuung notwendig machen. Auch das ähnlich verlaufende Kawasaki-Syndrom wird als Folge von Covid-19 diskutiert.

Von Long-Covid sind Kinder ebenfalls recht häufig betroffen. Einer Studie zufolge leiden rund 7 Prozent der infizierten Kinder langfristig unter Konzentrationsproblemen.

Studienergebnisse weisen darauf hin, dass die Impfung auch für Kinder sicher ist: Die ersten klinischen Studien für die Zulassung der Impfstoffe liefen aus ethischen Gründen ohne die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen. Es war also nicht klar, wie diese Altersgruppe auf die Impfstoffe reagiert und welche Nebenwirkungen bei ihnen auftreten können. Zunächst muss außerdem für jeden Impfstoff ausgetestet werden, welche Dosis für Kinder und Jugendliche angezeigt ist.

Mittlerweile liegen erste Daten von BioNTech/Pfizer vor. Bislang wurden keine Sicherheitsbedenken festgestellt. Leichte Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Fieber und Schmerzen an der Einstichstelle traten relativ häufig auf, etwa ein Fünftel häufiger als bei Erwachsenen. Schwere Nebenwirkungen hat es in der klinischen Studie nicht gegeben.

Dies bestätigen auch Daten aus den USA: In einer großangelegten Studie gab es keine Anzeichen für schwere Nebenwirkungen. Herzmuskelentzündungen nach der mRNA-Impfung vor allem bei Jungen und jungen Männern sind zwar als Nebenwirkung bestätigt, jedoch sehr selten. Außerdem hatten die Betroffenen dem Robert-Koch-Institut zufolge meist einen unkomplizierten Verlauf.

Contra: Das spricht dagegen, das eigene Kind impfen zu lassen

Risiko der Nebenwirkungen: Schwere Nebenwirkungen gibt es, auch wenn sie selten sind. Und sie können unterschiedliche Altersgruppen unterschiedlich betreffen. Es ist also möglich, dass sich bei Kindern immer noch neue, dann aber eher sehr seltene Nebenwirkungen zeigen.

AstraZeneca und Johnson & Johnson empfiehlt die STIKO wegen der im Laufe der Impfkampagne aufgetretenen Hirnvenenthrombosen nur noch für Menschen über 60 Jahren.

Die mRNA-Impfstoffe BioNTech/Pfizer und Moderna stehen unter Verdacht, vor allem bei jungen Männern eine Herzmuskelentzündung auslösen zu können. Diese Komplikationen sind äußerst selten und verlaufen dem Robert-Koch-Institut zufolge meist unkompliziert. Dennoch sollte die Möglichkeit solcher Nebenwirkungen in die Nutzen-Risiko-Rechnung mit einbezogen werden.

Es gibt auch andere Mittel, die schützen: Eine Impfung ist nicht die einzige Möglichkeit, Kinder vor einer Covid-19-Infektion zu schützen. Abstand halten, regelmäßiges Händewaschen, Lüften und das Tragen einer Maske können das Ansteckungsrisiko ebenfalls senken. Dennoch sind Schulen potenziell Orte, an denen sich das Virus rasch ausbreiten kann. Zudem entstehen immer neue, ansteckendere Coronavirus-Varianten. Es braucht also zusätzliche Maßnahmen wie Luftfilteranlagen, um das Risiko zu minimieren.

Nur selten schwere Verläufe: Wenn Kinder sich mit SARS-CoV-2 anstecken, dann zeigen sie häufig gar keine Symptome oder erkranken nur sehr leicht. Todesfälle sind äußerst selten. Schwere Verläufe treffen vor allem Kinder mit Vorerkrankungen, für die es bereits eine Impfempfehlung gibt.

Fazit: Kinder impfen – ja oder nein?

Eltern müssen abwägen, wie hoch das Risiko für ihr Kind ist, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken und im Falle einer Infektion einen schweren Verlauf zu erleben. Dabei dürfen und sollten sie auch bedenken, wie hoch ihr eigenes Risiko im Fall einer Infektion ist. Bei dieser Entscheidung kann ein Gespräch mit einer*einem Ärztin*Arzt helfen. In jedem Fall sollte eine ärztliche Beratung vor einer Impfung stattfinden. Ältere Kinder und Jugendliche können die Entscheidung zu einem gewissen Maß bereits selbst treffen beziehungsweise Wünsche äußern. Auch ihre Sicht sollte berücksichtigt und respektiert werden.

Die STIKO entscheidet nur anhand von Daten, und das tut sie sehr gewissenhaft. Die Entscheidung, ob in ihrem*seinem persönlichen Fall Nutzen oder Risiko schwerer wiegen, muss – und darf – jede*r jedoch ganz persönlich für sich und sein Kind treffen. Und die ist auch vom eigenen Sicherheitsgefühl abhängig.