Ein älterer Mann mit Maske schaut auf die Stelle, an der er geimpft wurde.
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Impfschutz gegen Corona: Wer muss mit einer schwachen Immunantwort rechnen?

Viele Deutsche haben inzwischen bereits eine Impfung gegen Covid-19 erhalten oder sind sogar schon vollständig geimpft. Wie stark oder schwach unser Immunsystem auf die Corona-Impfung reagiert, kann allerdings verschieden sein. Lesen Sie hier, warum manche Menschen keinen ausreichenden Impfschutz entwickeln und ob ein Zusammenhang zwischen starken Nebenwirkungen und einem besonders hohen Impfschutz besteht.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Allgemeines

Inzwischen sind in Deutschland rund 40 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Rund 58 Prozent haben zumindest eine Impfung erhalten. Mittlerweile ist bekannt, dass von den verschiedenen Impfstoffen ein unterschiedlich starker Impfschutz ausgeht. Während vom BioNTech-Vakzin nach zweimaliger Impfung mit etwa 95 Prozent eine sehr hohe Schutzwirkung ausgeht, sind die Impfstoffe von AstraZeneca mit 70 Prozent und Johnson & Johnson mit 67 Prozent nicht ganz so wirksam.

Aber: Wie gut ein Mensch nach der Impfung geschützt ist, hängt nicht nur vom Impfstoff ab, sondern auch von der individuellen Immunreaktion. Durch eine Impfung gelangen abgetötete oder abgeschwächte Krankheitserreger in den Körper – im Falle der Covid-Impfungen die des Coronavirus Sars-CoV-2. Das Immunsystem wird daraufhin angeregt, einen Schutz gegen diese Erreger aufzubauen. Unser Körper lernt das Virus also kennen und bildet Antikörpern dagegen. Kommen wir im Anschluss mit dem echten Virus in Kontakt, kann unser Immunsystem sofort darauf reagieren, da es bereits gelernt hat, welche Antikörper benötigt werden.

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Immundefizienz verantwortlich für geringeren Impfschutz

Wie gut dieser Vorgang funktioniert und wie stark oder schwach die Immunantwort auf den Impfstoff ausfällt, kann von Mensch zu Mensch verschieden sein. Dieses Phänomen hängt nicht spezifisch mit den Corona-Impfstoffen zusammen, sondern tritt auch bei anderen Vakzinen auf. Wissenschaftler*innen sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer Immundefizienz.

Dass das Immunsystem mancher Personen vergleichsweise schwach auf Impfstoffe reagiert, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Studien zeigen, dass ein hohes Lebensalter sowie Autoimmunerkrankungen und die Einnahme von Medikamenten das Risiko für eine schwache Immunantwort erhöhen.

Ältere Menschen haben eine schwächere Immunantwort

Eine britische Studie hat gezeigt, dass die Antikörper-Antwort auf mRNA-Impfstoffe bei älteren Menschen deutlich schwächer ist als bei jüngeren. An der Studie nahmen 71 Personen teil, die im Schnitt 81 Jahre alt waren, sowie 123 Personen im Alter von durchschnittlich 34 Jahren. Die Forschenden untersuchten die Immunantworten beider Probandengruppen

  • vor der ersten Impfung,
  • kurz vor der zweiten Impfung,
  • und vier Wochen nach der zweiten Impfung.

Dabei fielen insbesondere kurz vor der zweiten Corona-Impfung erhebliche Unterschiede auf: Die ältere Probandengruppe bildete deutlich weniger Antikörper als die jüngeren Teilnehmenden. Das zeigt: Nach der ersten Impfdosis sind Jüngere in der Regel besser vor Covid-19 geschützt. Nach der zweiten Impfung verstärkt sich der Impfschutz dann zwar auch bei den älteren Menschen. Doch auch hier reagierte das Immunsystem der älteren Menschen im Schnitt langsamer und weniger robust.

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Einige Ältere bilden zu wenig Antikörper

Zudem zeigt die Studie, dass ältere Menschen ein höheres Risiko haben, nicht genug oder sogar gar keine Antikörper zu bilden. Fast jede zehnte Person der älteren Probandengruppe war betroffen. Das körpereigene Abwehrsystem wird also unterdrückt. Wissenschaftler*innen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Immunsuppression. Dass die Fähigkeit, eine stabile Immunantwort aufzubauen, mit fortschreitendem Alter nachlässt, ist normal, so die Ständige Impfkommission (STIKO).

Immunsupprimierende Medikamente senken die Immunantwort

Neben einem hohen Lebensalter gibt es noch eine weitere Risikogruppe, die mit einer schwächeren Immunantwort rechnen muss: Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen, beispielsweise solche, die das Immunsystem unterdrücken.

Krebstherapien verlangsamen die Zellteilung

Ein Beispiel: Wenn eine Person an Krebs erkrankt, teilen sich die Krebszellen im Körper. Dadurch schreitet die Erkrankung fort. Dieser Vorgang soll also aufgehalten werden, weshalb der*die Patient*in Medikamente – etwa im Rahmen einer Chemotherapie – erhält, die die Zellteilung verlangsamen. Nun teilen sich aber nicht nur die Krebszellen langsamer, sondern auch die Immunzellen, die dafür verantwortlich sind, auf den Impfstoff zu reagieren. Entsprechend langsam läuft die Antikörperbildung ab.

Organtransplantationen als Auslöser für schwache Immunantwort

Medikamente, die das Immunsystem schwächen, werden nicht nur in der Krebstherapie eingesetzt. Auch im Rahmen von Organtransplantationen erhalten Patient*innen entsprechende Mittel. Der Grund: Ein aktives Immunsystem würde die Spenderorgane abstoßen, da sie als nicht körpereigen erkannt werden. Die Medikamente sorgen dafür, dass das Immunsystem heruntergefahren wird, wodurch die Aussicht auf eine erfolgreiche Transplantation höher ist.

Autoimmunerkrankungen schwächen die Immunantwort

Personen, die an Autoimmunerkrankungen leiden, haben ebenfalls ein höheres Risiko für eine schwache Immunantwort. Eine Autoimmunerkrankung ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems. Das Immunsystem kämpft sozusagen gegen den eigenen Körper statt gegen äußere Erreger, Viren und Bakterien und befällt körpereigene Strukturen. Das kann sich in verschiedenen Erkrankungen äußern. Zu den häufigsten Autoimmunerkrankungen zählen zum Beispiel

Davon abgesehen, dass Autoimmunerkrankungen die Immunantwort auf Impfungen abschwächen, werden einige der Erkrankungen – ähnlich wie Krebs – mit Medikamenten behandelt, die das Immunsystem unterdrücken und den Impfschutz zusätzlich verringern können.

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Mehr Nebenwirkungen = stärkere Immunantwort?

Während manche Menschen die Corona-Impfung ohne jegliche Begleiterscheinungen hinter sich bringen, liegen andere tagelang flach. Laut einer britischen Studie löst der Impfstoff bei rund einem von vier Menschen leichte Nebenwirkungen aus: Kopfschmerzen und Müdigkeit wurden als häufigste Symptome angegeben. Zwei Drittel berichteten von lokalen Impfreaktionen im Arm, meist in Form von Schmerzen rund um die Einstichstelle. Die meisten Nebenwirkungen traten innerhalb von 24 Stunden nach der Impfung auf und dauerten rund ein bis zwei Tage an.

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Treten Nebenwirkungen auf, bedeutet das: Unser Immunsystem reagiert auf die Impfung. So soll es ja auch sein. Bedeutet das aber im Umkehrschluss, dass die Schutzwirkung geringer ausfällt, wenn eine Person keinerlei Nebenwirkungen hat?

Diese Annahme ist zwar weit verbreitet, aber falsch. Menschen, die die Impfung ohne Nebenwirkungen überstehen, können mit einer gleich guten Schutzwirkung rechnen wie jene, bei denen Begleiterscheinungen auftreten. Das geht unter anderem aus den Zulassungsstudien der Impfstoffe hervor. Denn hier wurde nachgewiesen, dass sich bei deutlich mehr Geimpften ein Immunschutz entwickelte, als dass Nebenwirkungen auftraten.

Warum besteht kein Zusammenhang?

Zwar lassen sich sowohl die Impfreaktion als auch der Impfschutz auf das Immunsystem zurückführen. Allerdings auf zwei unterschiedliche Teile: Die Art und Weise, wie unser Körper auf die Impfung reagiert, wird von dem angeborenen Immunsystem gesteuert. Für die Bildung des Impfschutzes ist hingegen die lernfähige Immunabwehr zuständig, auch adaptive Immunabwehr genannt.

Nebenwirkungen sagen nichts über den Impfschutz aus

Bisher konnte also kein Zusammenhang zwischen Nebenwirkungen und Impfschutz hergestellt werden. Auch umgekehrt gilt: Menschen mit einer schwachen Immunantwort, also jene, die keinen ausreichenden Impfschutz entwickeln, haben besonders häufig mit Nebenwirkungen zu kämpfen. Dazu zählen vor allem ältere Personen, Menschen mit Autoimmunerkrankungen oder Patient*innen, die immunsupprimierende Medikamente einnehmen.

Studien haben außerdem gezeigt, dass folgende Personen im Schnitt anfälliger für Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung sind:

  • Frauen
  • Menschen unter 55 Jahren
  • Menschen, die nach dem heterologen Impfschema geimpft wurden (AstraZeneca und BioNTech/Moderna)

Auch Menschen, die bereits an Covid-19 erkrankt waren, haben ein 3-mal höheres Risiko, dass Nebenwirkungen auftreten (sowohl systemisch als auch lokal) als Menschen, die sich noch nicht infiziert haben.

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Weitere Forschungen sind nötig

Eine starke Immunantwort verringert das Risiko, sich mit Covid-19 zu infizieren und schützt – im Falle einer Infektion mit dem Coronavirus – vor einem schweren Verlauf. Noch fehlen allerdings Informationen darüber, was eine schwache Immunantwort im Fall von Covid-19 langfristig wirklich bedeutet.

So bleibt zu klären, ob die Fähigkeit der Antikörperbildung bei Menschen mit Immundefizienz schneller wieder verloren geht als bei jenen mit starker Immunantwort. Auch stehen noch Untersuchungen darüber aus, inwieweit eine dritte Impfung ("Booster-Impfung") die Immunantwort verstärken kann. Zudem fehlen genaue Zahlenwerte, die besagen, ab wann man überhaupt von einer vollständigen Immunität sprechen kann.