Elektronenmikroskopische Aufnahme von Coronaviren
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Wie ist das Coronavirus entstanden?

Verschwörungstheorien zum neuen Coronavirus verbreiten sich gerade fast so schnell wie der Erreger selbst. Besonders gruselig klingen Gerüchte, denen zufolge das neue Coronavirus eine Biowaffe sei – designt in geheimen Laboren des US-Militärs. Was ist dran an solchen Theorien? Hier erfahren Sie, was die Forschung über die Entstehung von SARS-CoV-2 weiß.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Wie ist das Coronavirus entstanden?

Coronaviren gibt es schon lange. Einige Arten lösen bei Menschen Erkältungen aus, andere infizieren nur Tiere. Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 entstand aus Coronaviren, die bevorzugt Fledermäuse befallen. Zufällige Veränderungen im Erbgut – sogenannte Mutationen – verliehen diesen Viren die Fähigkeit, menschliche Zellen als Wirt zu nutzen.

Das neue Coronavirus ist also eine mutierte Version "tierischer" Coronaviren, die für den Menschen ursprünglich ungefährlich waren. Der Übergang auf den Menschen ereignete sich wahrscheinlich auf einem Markt in China.

Woher kommt SARS?

Für diejenigen, die es genauer wissen möchten, hier ein kleiner Schlenker in die Geschichte der Coronaviren: Bereits in den 1960er Jahren entdeckten Forscher, dass Erkältungen manchmal durch diese Art von Viren verursacht werden. Danach galten die Viren lange Zeit als harmlos. Erst seit der SARS-Pandemie im Jahr 2003 ist klar: Coronaviren können keineswegs nur Husten und Halskratzen hervorrufen, sondern auch schwere Lungenentzündungen, die mitunter tödlich enden.

An SARS, dem "schweren akuten respiratorischen Syndrom", starben während der ersten SARS-Pandemie 2003 weltweit fast 800 Menschen. Auslöser war ein neuartiges Coronavirus, dem Forscher den Namen "SARS-CoV" gaben. Wo es herkam, können Forscherinnen und Forscher bis heute nicht mit Gewissheit sagen. Vieles spricht dafür, dass sich die ersten Erkrankten bei Tieren angesteckt haben. Nachgewiesen wurde das erste SARS-Virus zum Beispiel in Larvenrollern, einer Schleichkatzen-Art, die in China als Delikatesse verspeist wird. Die ersten SARS-Patienten arbeiteten auf Großmärkten, auf denen auch Larvenroller verkauft wurden.

Auch das neue SARS-Virus SARS-CoV-2 scheint aus Tieren zu stammen, nämlich aus Fledermäusen. Auch diesmal haben sich die ersten Erkrankten auf einem Markt in China angesteckt – möglicherweise nicht direkt bei Fledermäusen, sondern bei anderen Tieren, die es auf dem Markt zu kaufen gab. Es könnte zum Beispiel sein, dass das Virus über Marder oder andere sogenannte Zwischenwirte auf den Menschen übergegangen ist. Ob es Zwischenwirte gab und welche das waren, ist aber noch nicht sicher geklärt.

Wie wurden harmlose Coronaviren zu gefährlichen SARS-Erregern?

Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 ist wahrscheinlich in Fledermäusen entstanden – wie übrigens auch Ebola und viele andere Viren. Fledertiere scheinen sich für Viren optimal als Reservoir zu eignen. Bei ihnen können sich die Erreger schnell vermehren – erstaunlicherweise, ohne dass die Tiere dabei krank werden. Die Frage ist: Warum ist das Virus plötzlich auf Menschen übergegangen? Wie konnte es so gefährlich werden?

Dass sich Viren verändern und plötzlich neue Eigenschaften entwickeln, ist nicht ungewöhnlich, sondern kommt in der Natur ständig vor. Dieses Phänomen nennt man Mutation. Mutationen sind zufällige Veränderungen im Erbgut. Häufig haben Mutationen kaum Einfluss auf die Eigenschaften eines Erregers. Doch manchmal verändert sich ein Erreger durch Mutation so stark, dass er ganz neue Fähigkeiten erlangt. Etwa können Viren dadurch

  • ansteckender werden und/oder
  • auf einmal dazu in der Lage sein, einen neuen Wirt zu befallen.

Beides ist wohl bei SARS-CoV-2 passiert: Die neuen Erreger sind wahrscheinlich aus Coronaviren entstanden, die vor allem Fledermäuse infizieren und für den Menschen relativ harmlos sind. Durch Mutation entwickelten einige dieser Viren Werkzeuge, mit denen sie leichter in menschliche Zellen eindringen konnten. So kam es zum "Sprung" auf den Menschen. Durch erneute Mutation konnten sie nicht mehr nur vom Tier auf den Menschen übergehen, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Alles nur Zufall?

Dieses Szenario ist keineswegs nur eine Theorie, sondern wissenschaftlich belegt. Wenn Fachleute wissen möchten, wie sich ein neuartiges Virus entwickelt hat, vergleichen sie dessen Erbgut mit dem seiner Vorgänger. Dieser Vergleich liefert ihnen Hinweise darauf, welche Mutationen zu den Eigenschaften des neuen Erregers geführt haben könnten.

Auch für das neue Coronavirus haben Forscher vor Kurzem so eine Untersuchung durchgeführt. Sie verglichen SARS-CoV-2 mit verschiedenen länger bekannten Coronaviren. Über seine Erkenntnisse berichtete das Team in der vergangenen Woche im Fachmagazin Nature Medicine: "Unsere Analysen zeigen klar, dass SARS-CoV-2 nicht im Labor geschaffen wurde."

Die Studie ergab vereinfacht formuliert, dass das neue Coronavirus nicht so ideal konstruiert ist, wie man es bei einer künstlich erzeugten Biowaffe erwarten würde.

Auch, dass das neue Coronavirus aus "tierischen" Coronaviren hervorgegangen ist, spricht nach Ansicht der Forscher eher für einen natürlichen Ursprung. Denn wer eine Biowaffe herstellen wollte, würde dafür wohl eher Viren verwenden, die für Menschen bekanntermaßen sehr gefährlich sind. Den Erreger der SARS-Pandemie im Jahr 2003 zum Beispiel. Zu diesem hat das neue Coronavirus aber erstaunlich wenig Ähnlichkeit.

Das heißt: Verschwörungstheorien, nach denen es sich bei SARS-CoV-2 um eine Biowaffe handelt, sind nicht plausibel. Nach allem, was man bislang über das neue Coronavirus weiß, ist es in der Natur entstanden – durch Mutation.