Eine Frau mit Maske schaut nachdenklich aus dem Fenster
© Getty Images

Delta-Variante: Sind auch Geimpfte ansteckend?

In Deutschland herrscht die Delta-Variante mittlerweile vor. Der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC zufolge ist sie ebenso ansteckend wie die Windpocken – auch Geimpfte können sich anstecken und das Virus weitergeben. Außerdem habe die Virusvariante schwerere Verläufe zur Folge. Lesen Sie alles, was Sie über die Mutante wissen müssen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

So verbreitet ist die Delta-Variante bereits

"Der Krieg hat sich verändert", heißt es drastisch in einer Präsentation der CDC. Zwar schützt eine vollständige Impfung wirksam vor einem schweren Verlauf von Covid-19. Jedoch können sich nach Ansicht der amerikanischen Gesundheitsbehörde auch Geimpfte anstecken und die hochansteckende Virusvariante genauso weitergeben wie Ungeimpfte. Damit ist fraglich, ob sich eine Herdenimmunität überhaupt erreichen lässt. Für Nicht-Geimpfte kann eine Infektion der noch nicht veröffentlichten Forschungsarbeit zufolge zudem einen schwereren Verlauf bedeuten. Das berichtet die Washington Post, der das Dokument bereits vorliegt.

Dass die Delta-Variante besonders ansteckend ist, zeigt sich auch in Deutschland. Die Inzidenz steigt hierzulande weiterhin. Rund 93 Prozent aller Neuinfektionen macht die Delta-Variante dem Robert-Koch-Institut zufolge mittlerweile aus. Erst Ende Juni hatte sie mit einem Anteil von 59,4 Prozent die Alpha-Variante als vorherrschende Coronavirus-Mutante abgelöst. Zuvor war die in Indien entstandene Mutante nach Großbritannien übergeschwappt und hatte sich dort ausgebreitet. Von der WHO wurde sie am 7. Mai als "besonders besorgniserregend" eingestuft.

Lesetipp: Diese Corona-Varianten beschäftigen uns derzeit

Wie gefährlich ist die Delta-Variante?

Das Robert-Koch-Institut schätzt die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung für die nicht- oder nur einmal Geimpften als hoch ein, für die vollständig Geimpften als moderat.

Folgendes wissen wir bereits über die Delta-Variante B.1.617.2:

  • Sie ist um bis zu 64 Prozent ansteckender als die britische Alpha-Variante, die sich bereits 40 bis 90mal schneller verbreitet als der Wildtyp.
  • Offenbar handelt es sich um eine "Immune-Escape-Variante". Das bedeutet: Impfstoffe schützen weniger gut vor der Delta-Variante und Genesene sind weniger gut vor ihr durch ihre Antikörper geschützt.
  • Offenbar schützen Impfstoffe vollständig Geimpfte zwar vor schweren Verläufen, jedoch nur bedingt vor Ansteckung. Geimpfte könnten das Virus der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC zufolge ebenso übertragen wie Ungeimpfte.
  • Wahrscheinlich kann die indische Variante auch schwerere Krankheitsverläufe zur Folge haben als die Alpha-Variante.

Lesetipp: Wie gefährlich ist die Delta-Variante für Geimpfte?

Delta-Variante: Andere Symptome

Offenbar äußert sich die Delta-Variante durch etwas andere Symptome als die bisherigen Stämme von SARS-CoV-2. Infizierte sind weniger betroffen Geruchs- und Geschmacksverlust.

Dafür treten stärker folgende Beschwerden auf:

Für junge Menschen kann sie sich bei einem leichten Verlauf mehr wie eine normale Erkältung anfühlen.

Eine gute Nachricht kommt von der Universität Oxford: Dort hat ein Forscherteam herausgefunden, dass die Delta-Variante sich im Sommer bis zu 42 Prozent weniger stark verbreitet als in den kalten Monaten. Das könnte uns Zeit einräumen, um bis zum Herbst noch viele Menschen zu impfen.

Wie gut schützen die Impfstoffe?

Die Impfstoffe haben ersten Studien zufolge offenbar nur eine abgeschwächte Wirkung gegen die Delta-Variante, schützen jedoch immer noch gut vor schweren Verläufen. Vor allem nach der ersten Impfung ist der Schutz jedoch deutlich verringert.

Tatsächlich sind die meisten Menschen, die in Großbritannien schwer an dieser Variante erkrankt sind, noch nicht oder noch nicht vollständig geimpft. Zweifach Geimpfte machen nur rund fünf Prozent der mit der Delta-Variante Infizierten aus. Dennoch sterben Menschen trotz vollständiger Impfung an einer Infektion mit der Delta-Variante.

Das liegt zum einen daran, dass die Impfstoffe etwas weniger gut gegen die Variante wirken. Und zum anderen daran, dass vor allem immunschwache Menschen vorrangig geimpft wurden. Deren Antikörperantwort fällt jedoch durchschnittlich etwas schlechter aus als die von jungen und gesunden Menschen.

Der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC zufolge ist die Delta-Variante ebenso ansteckend wie die Windpocken. Vollständig geimpfte Menschen sind zwar vor einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt, sollen sie jedoch noch übertragen können.

Lesetipp: Wer kann mit einer guten Immunantwort nach der Impfung rechnen?

Schutz noch da, aber nicht mehr so stark

Eine vorveröffentlichte, noch nicht wissenschaftlich geprüfte, Studie aus England kommt zu dem Ergebnis, dass der Schutz nach der ersten Impfung durch AstraZeneca oder BioNTech/Pfizer gegen die Delta-Variante bei durchschnittlich 34 statt bei 51 Prozent liegt. Nach der zweiten Impfung schützt BioNTech/Pfizer zu 88 statt zu 93 Prozent gegen schwere Verläufe mit der Delta-Variante. Schwere Verläufe mit Krankenhausaufenthalt lassen sich mit BioNTech jedoch zu nach wie vor zu 93 Prozent verhindern.

Daten des israelischen Gesundheitsministeriums zufolge liegt die Wirksamkeit der zweifachen Impfung mit BioNTech gegen die Delta-Variante jedoch nur noch bei 64 Prozent, gegenüber einem schweren Verlauf bei 93 Prozent. BioNTech/Pfizer arbeiten derzeit an einem für die Delta-Variante optimierten Impfstoff.

AstraZeneca wirkt nach der zweiten Dosis Studien zufolge zu 60 statt zu 66 Prozent gegen die ansteckende Variante. Auch AstraZeneca verhindert der britischen Gesundheitsbehörde zufolge schwere Verläufe der Delta-Variante.

Bei Moderna erwarten Forscher*innen ähnliche Ergebnisse wie bei BioNTech. Eine Studie zum Impfstoff auf Moderna zeigte, dass eine dritte Impfung den Impfschutz zumindest gegen die Coronavirus-Varianten Beta und Gamma wirksam erhöhen konnte. Möglicherweise könnte das ebenfalls eine Option sein. In jedem Fall wird es mit der Delta-Variante wahrscheinlicher, dass eine Auffrischungsimpfung früher oder später nötig sein wird.

Johnson & Johnson verhindert schwere Verläufe mit der Delta-Variante nach Herstellerangaben zu 85 Prozent. Expert*innen zweifeln jedoch schon länger daran. Eine vorveröffentlichte Studie scheint dies zu bestätigen: Den Untersuchungen der Grossman School of Medicine in New York zufolge fallen die Antikörpertiter von einfach mit dem Vakzin geimpften Personen gegen die Delta-Variante äußerst gering aus. Die Schutzwirkung könnte also vermindert sein. Expert*innen empfehlen bereits eine dritte Impfung für die Betreffenden. Auffrischimpfungen für mit Vektor-Vakzinen geimpften sollen ab September möglich sein.

Lesetipp: Ist eine dritte Impfung nötig?

Sommerurlaub bringt die Delta-Variante vermehrt nach Deutschland

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich besorgt in Bezug auf die Delta-Variante und sagte: "Wir sind in einem Wettlauf mit dem Impfen".
Besonders die derzeitige Urlaubssaison macht vielen Wissenschaftler*innen Sorgen. Karl Lauterbach twitterte kürzlich: "In kürzester Zeit hat die Delta-Variante jetzt die ebenfalls sehr ansteckende Variante B117 fast voll verdrängt. Das zeigt, wie vorsichtig wir sein müssen, diese Variante nicht durch Urlauber zu bekommen. So schnell wie sie wächst kann man nicht impfen." Derzeit haben sich rund zwölf Prozent aller Neuinfizierten vermutlich im Ausland angesteckt, vor allem in Spanien.

Wichtig ist deshalb vor allem, dass so bald wie möglich so viele Menschen wie möglich in Deutschland vollständig geimpft sind, um der Delta-Variante Einhalt zu gebieten. Derzeit sind es 50 Prozent (Stand 28.7.). Die USA ziehen Konsequenzen aus den Erkenntnissen der CDC. Dort müssen auch vollständig geimpfte Personen in vielen Innenräumen wieder Maske tragen. Die Maskenpflicht war zuvor aufgehoben worden.