Ein Mädchen liegt im Bett und hält sich den Kopf
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Neurologische Schäden durch das Coronavirus?

Greift das Coronavirus auch unser Gehirn an? Die Hinweise darauf verdichten sich. Patienten und Ärzte berichten von Problemen wie Schwindel, Konzentrationsstörungen und Lähmungen. Eine Studie der University of Chicago offenbart nun: Neurologische Symptome treten häufiger auf als bislang angenommen. Eine mögliche Erklärung dafür liefert eine deutsche Studie.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Neurologische Schäden häufiger als gedacht

Riech- und Geschmacksstörungen, Epilepsie, Lähmungen, Verwirrtheit und sogar Schlaganfälle – die Liste der neurologischen Probleme, über die im Zusammenhang mit Covid-19 berichtet wird, ist lang. Und offenbar treten solche Symptome häufiger auf als gedacht.

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Forscher der University of Chicago haben die Daten von 509 Patienten ausgewertet, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt wurden. Dabei fanden sie heraus, dass 82,3 Prozent von ihnen im Verlauf ihrer Erkrankung neurologische Symptome erlebten. Am häufigsten klagten die Infizierten über Muskelschmerzen (44,8 Prozent) und Kopfschmerzen (37,7 Prozent). Fast jeder dritte Patient erlitt im Laufe der Erkrankung eine Schädigung des Gehirns. Häufig ging diese mit Bewusstseinsstörungen einher. Die Betroffenen waren durchschnittlich drei Mal so lange im Krankenhaus und hatten eine schlechtere Prognose.

Neurologen des University College London kamen bereits zuvor zu noch drastischeren Ergebnissen als die Kollegen aus den USA. Sie untersuchten bei 43 Corona-Patienten die neurologischen Symptome und kamen zu dem Schluss: Selbst bei jungen Infizierten mit leichten Verläufen können später Schlaganfälle oder Gehirnhautentzündungen auftreten. Auch wenn die akute Erkrankung überstanden ist, klagen viele Patienten noch über neurologische Symptome.

Wie kommt es zu den neurologischen Problemen?

Forscher der Berliner Charité und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DGN) haben anhand einer Studie möglicherweise eine Erklärung dafür gefunden.

Ziel der Studie war es eigentlich, eine passive Impfung gegen das Coronavirus zu entwickeln. Dafür haben sie fast 600 verschiedene Antikörper gegen das Virus identifiziert und untersucht, die unser Immunsystem als Abwehr gegen SARS-CoV-2 bildet. Dabei stellten sie fest, dass darunter einige noch unreife Antikörper waren. Solche unreifen Antikörper sind noch nicht so spezialisiert und haben die Fähigkeit, an mehr als ein Zielantigen zu binden. Sie docken nicht nur an das Virus an, sondern unter Umständen auch an körpereigene Strukturen – unter anderem Hirn- und Nervengewebe. In der Folge könnte unser Immunsystem auch das entsprechende körpereigene Gewebe angreifen. Dies könnte neurologische Schäden erklären.

Um einen sicheren Impfstoff zu entwickeln, aber auch um Spätfolgen für Patienten zu verhindern, bedarf es nun weiterer Forschung. "Diese hohe Prävalenz zeigt, dass neurologische Expertise gefragt ist und COVID-19-Erkrankte grundsätzlich neurologisch mitbetreut werden müssen, weil gerade bei schwerer Betroffenen das Erkennen neurologischer Manifestationen nicht einfach ist“, erklärt Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN in einer Pressemitteilung.

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