Eine Frau mit Mundschutz wird gegen Corona geimpft
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Kreuzimpfung: Zweite Impfung, anderer Impfstoff

Erst AstraZeneca, dann BioNTech oder Moderna: Unabhängig vom Alter empfiehlt die STIKO für die Zweitimpfung nun einen mRNA-Impfstoff, wenn zuvor mit AstraZeneca geimpft wurde. Die Kreuzimpfung gilt als wirksamer. Außerdem lässt sich so der Abstand zwischen den Impfungen verkürzen – im Wettrennen mit der Delta-Variante ein wichtiger Faktor.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Wie wirksam ist das heterologe Impfschema?

Seit dem 1. Juli empfiehlt die STIKO allen zuerst mit AstraZeneca geimpften Menschen, unabhängig vom Alter, die Zweitimpfung mit BioNTech/Pfizer oder Moderna. "Kreuzimpfung" oder "heterologes Impfschema" nennt man es, wenn nacheinander zwei verschiedene Impfstoffe zum Einsatz kommen.

Bereits seit einiger Zeit sollen sich junge Menschen unter 60 Jahren mit BioNTech oder Moderna impfen lassen, die mit AstraZeneca geimpft wurden, bevor die Ständige Impfkommission (STIKO) entschieden hat, den Vektor-Impfstoff nur noch Menschen über 60 Jahren zu empfehlen. Grund hierfür waren die in sehr seltenen Fällen vor allem bei jungen Menschen aufgetretenen Hirnvenenthrombosen, die in Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind.

Nun gilt dieses Angebot für jeden zuerst mit AstraZeneca geimpften Menschen. Freiwillig kann sich nach ärztlicher Absprache jedoch nach wie vor jeder mit AstraZeneca oder Johnson & Johnson impfen lassen, sowohl für die Erst- als auch für die Zweitimpfung.

Warum empfiehlt die STIKO nun die zweite Impfung mit einem mRNA-Impfstoff?

Die Kreuzimpfung scheint besser vor Covid-19 zu schützen als zwei Impfungen mit AstraZeneca, insbesondere auch besser vor der sich rasch ausbreitende Delta-Variante. Außerdem lässt sich so der Impfabstand verkürzen, der bei AstraZeneca zwölf Wochen beträgt. Beim "Mix and Match"-Verfahren ist die zweite Impfung bereits nach vier Wochen möglich. Das ist wichtig, weil so mehr Menschen vor der sich rasch ausbreitenden Variante geschützt sind. Während der Schutz vor ihr nach der ersten Impfung unabhängig vom Impfstoff 33 Prozent beträgt, beläuft er sich nach der zweiten Impfung bereits auf 88 Prozent bei BioNTech/Pfizer und auf 60 Prozent bei AstraZeneca.

Zu Beginn war die Kreuzimpfung eine Notlösung, um junge Menschen nicht mehr mit dem Vektorimpfstoff impfen zu müssen. Es fehlten belastbare Studiendaten dazu, wie sicher dieses Vorgehen ist. Tierexperimentelle Studien hatten jedoch bereits gezeigt, dass dieser Wechsel von Vektor- auf mRNA-Impfstoff sogar Vorteile hat. Mittlerweile gibt es jedoch einige Studien dazu, die zeigen, dass dieses Impfschema wirksamer ist. Noch immer sind allerdings nicht alle Studien auch gegengeprüft und die meisten Ergebnisse vorläufig.

Warum ist die Kreuzimpfung wirksamer?

Ob Vektor- oder mRNA-Impfstoff: Beide präsentieren dem Körper das Antigen des Coronavirus. An ihm erkennt unser Immunsystem den Erreger als Feind und bildet Antikörper dagegen. Beide tun also das gleiche, nur auf eine andere Weise. Ein Grund für die besonders effektive Wirksamkeit könnte jedoch sein, dass Vektorimpfstoffe wie AstraZeneca stärker T-Zellen aktivieren, während die mRNA-Impfstoffe eher eine starke Antikörperantwort hervorrufen. Die Kombination aus beiden könnte daher von Vorteil sein.

Das Vorgehen der heterologen Impfung ist nicht neu. Auch bei anderen Impfstoffen gibt es bereits gute Erfahrungen damit. Bei der Ebola-Impfung beispielsweise hat es sich als hochwirksam erwiesen, zwei verschiedene Vektor-Impfstoffe zu verwenden.

Einen Nachteil hat das heterologe Impfschema bei der Covid-Impfung allerdings: Nicht alle Länder erkennen es derzeit an. Sollten Sie mit zwei verschiedenen Impfstoffen geimpft sein, informieren Sie sich also vor einer Reise, ob Sie dort als vollständig geimpft gelten.

Erste Studienergebnisse

Eine noch nicht geprüfte Studie der Universität Oxford zeigt, dass Patienten, die erst eine AstraZeneca- und vier Wochen später eine BioNTech-Dosis bekamen, mehr Antikörper aufbauten als diejenigen, die zweimal mit AstraZeneca geimpft wurden. Auch die Erstimpfung mit BioNTech und die zweite Impfung mit AstraZeneca war effektiver als zwei Impfungen mit AstraZeneca. Die meisten Antikörper bildeten jedoch diejenigen, die zweimal BioNTech-Pfizer erhielten.

Auch eine Studie aus Spanien deutet darauf hin, dass das heterologe Impfschema sehr wirksam ist: Von 663 Teilnehmer*innen, die mindestens acht Wochen zuvor mit AstraZeneca geimpft worden waren, erhielten 440 eine Zweitimpfung mit Comirnaty von BioNTech. Die restlichen Teilnehmer*innen dienten als Kontrollgruppe und erhielten vorerst keine zweite Impfung.

Mehr Antikörper

Wissenschaftlich überprüft ist diese Studie ebenfalls noch nicht. Bislang liegen nur vorläufige Zwischenergebnisse vor. Doch die sind vielversprechend: Die heterologe Impfung verstärkte bei den Proband*innen die Immunantwort. 14 Tage nach der BioNTech-Impfung waren ihre Antikörper im Blut um das 150-fache gestiegen. Die nur einfach geimpfte Kontrollgruppe hatte dagegen noch ungefähr so viele Antikörper wie 14 Tage zuvor.

Der Spiegel an neutralisierenden Antikörpern war bei den heterolog Geimpften aus der Studie auch höher als bei den zweifach mit AstraZeneca Geimpften aus der Phase-III-Studien zum Impfstoff Vaxzevria. Ein aussagekräftiger Vergleich von heterolog Geimpften und Proband*innen, die zweimal den gleichen Impfstoff bekommen haben, steht innerhalb der spanischen Studie allerdings noch aus.

Auch eine saarländische Studie bestätigt diese positiven Ergebnisse. Von 200 Menschen bekamen einige zweimal AstraZeneca, andere zweimal BioNTech und wieder andere zuerst AstraZeneca und dann BioNTech als Impfstoff. Es zeigte sich, dass diejenigen, die zweimal BioNTech oder erst AstraZeneca und dann Biontech bekommen hatten, rund zehnmal stärkere Antikörperantworten zeigten als jene, die zweimal mit AstraZeneca geimpft wurden. Die neutralisierenden Antikörper zeigten sich beim heterologen Impfschema sogar noch wirkungsvoller als bei den zweifach mit BioNTech Geimpften.

Aber: Wer vollständig mit AstraZeneca geimpft wurde, hat keine Nachteile zu befürchten. Die Impfung ist dennoch wirksam und sinnvoll.

Vergleichbar ist die Situation der heterolog Geimpften mit Menschen, die bereits Covid-19 hatten und sich nach ihrer Genesung noch mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen. Bei ihnen wirkt die Impfung wie ein Booster, der die Schutzwirkung verstärkt und aufrechterhält.

Möglicherweise kommt das heterologe Impfschema in Zukunft sogar standardmäßig infrage. Es werden allerdings noch viele Studien nötig sein, um die positiven Ergebnisse zu verifizieren und um schließlich herauszufinden, welcher Impfstoff sich am besten als Primer und welcher als Booster eignet.

Nebenwirkungen nach heterologer Impfung

Nebenwirkungen treten der spanischen Studie zufolge bei den heterolog Geimpften bislang nicht stärker auf als bei homolog Geimpften. Die Studie aus Großbritannien zum heterologen Impfschema kommt zu anderen Zwischenergebnissen.

Ihr zufolge sind die Nebenwirkungen nach der zweiten Spritze mit einem mRNA-Impfstoff offenbar stärker als bei Proband*innen, die zweimal mit AstraZeneca geimpft wurden. Jedoch nicht so stark, dass jemand deshalb in ein Krankenhaus musste. 60 bis 80 Prozent der Proband*innen meldeten milde bis moderate Nebenwirkungen wie Kopfweh, Müdigkeit, Muskelschmerzen, leichtes Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl. Die üblichen Nebenwirkungen also, jedoch etwas verstärkt.

Spuntik V nutzt heterologes Impfschema

Der russische Corona-Impfstoff Sputnik V, der in Deutschland noch nicht zugelassen ist, basiert ebenfalls auf einem heterologen Impfschema. Er enthält in der zweiten Impfung ein anderes Schnupfenvirus als in der ersten. Der Hersteller möchte damit Probleme umgehen, die AstraZeneca mit seinem Impfstoff hat. Denn das abgeschwächte Virus, das in Vektorimpfstoffen eigentlich nur als Transportmittel benutzt wird, ruft im Körper ebenfalls eine Immunantwort hervor.

Diese könnte bei einer zweiten Impfung mit dem gleichen Vektor verhindern, dass die Viren die mRNA in die Muskelzelle abgeben. So würde die Wirkung des Impfstoffs abgeschwächt werden. AstraZeneca nutzt den gleichen Vektor zweimal. Dies führt offenbar dazu, dass die zweite Impfung die Immunantwort weniger verstärkt. Sie fällt stärker aus, wenn der zeitliche Abstand größer ist und beim zweiten Mal eine geringere Dosis verabreicht wird.