Man sieht Coronaviren und RNA-Stränge
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Wie gefährlich sind die Corona-Varianten?

Zwar ist der Großteil der Bevölkerung inzwischen gegen Covid-19 geimpft. Doch immer neue Varianten lassen die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie schwinden. Nach "Delta" ist inzwischen auch "Omikron" in Deutschland angekommen. Die Variante gilt als besonders ansteckend und noch ist unklar, wie wirksam die verfügbaren Impfstoffe sind. Wie gefährlich sind die neuen Mutationen wirklich?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

So mutieren Viren

Wenn Viren sich vermehren – und sie vermehren sich oft – kann es ständig zu zufälligen Veränderungen im Erbgut kommen. Denn wenn sie sich reproduzieren, kopieren sie ihr Erbgut, und dabei können Ablese-Fehler passieren. Das können punktförmige Veränderungen im Erbgut sein, bei denen einzelne Basen der Sequenz ausgetauscht werden oder es werden ganze Fragmente ausgetauscht. Bei solch einer Veränderung der genetischen Sequenz können Teile gelöscht, hinzugefügt oder ausgetauscht werden. Je nachdem sind die daraus resultierenden Veränderungen gravierend oder sie bleiben unbemerkt.

Manche Veränderungen, die sich aus Mutationen ergeben, setzen sich nicht durch und verschwinden gleich wieder. Andere jedoch sind für das Virus von Vorteil. Dann kann sich diese Virusvariante besonders erfolgreich vermehren.

So ist es im Fall der bisher bekannten Corona-Varianten. Denn die Mutationen machen es dem Virus leichter, in eine menschliche Zelle zu gelangen. Ein Großteil der Mutationen dieser Virus-Varianten betreffen das Spike-Protein an der Oberfläche des Virus. Mit ihm dockt das Virus mit einem Schlüssel-Schloss-Prinzip an die menschlichen Zellen an. Wissenschaftler*innen vermuten hier den Grund dafür, dass der Schlüssel nun noch besser ins Schloss passt – das Virus ist besser in der Lage, in die Zelle einzudringen und sich dort zu vermehren.

Für den Menschen bedeutet das: Wir tragen mehr Viren in uns und können diese auch leichter weitergeben. Die vorherrschenden Coronavirus-Varianten sind also ansteckender. Die Zahlen scheinen dies zu bestätigen: Derzeit breitet sich nach der hochansteckenden Delta-Variante vor allem die in Südafrika entdeckte Omikron-Variante rasant aus. Expert*innen sind besorgt, dass diese und weitere Mutationen den Kampf gegen das Virus erschweren.

Wie sind die neuen Varianten entstanden?

Mutationen kommen häufig vor. Dennoch ist die Zahl der Mutationen, die die neuen Varianten aufweisen, ungewöhnlich hoch. Expert*innen haben unterschiedliche Theorien dazu, warum das so ist. Unwahrscheinlich ist, dass plötzlich besonders viele Mutationen auf einmal aufgetreten sind. Wahrscheinlicher ist, dass man die Entwicklung des Virus nicht konsequent verfolgt hat und so die vielen kleinen Mutation übersehen hat, die im Laufe der Zeit passiert sind.

Eine andere Theorie lautet, dass immunschwache Personen mit Covid-19 eine Quelle solcher Mutationen sind. Denn ihr Körper kämpft ungewöhnlich lange mit dem Virus, das sich in dieser Zeit vermehrt und mutiert. Mutationen, die dazu führen, dass das Virus dem Immunsystem leichter entgehen kann, können sich in dieser Zeit vermehrt reproduzieren. Wenn das Virus am Ende auf eine andere Person übergeht, kann es auch für sie schwieriger sein, dagegen anzukämpfen. Selbst dann, wenn ihr Immunsystem eigentlich gut funktioniert.

Fest steht: Je mehr Menschen infiziert sind und je länger die Pandemie dauert, desto mehr Mutationen können auftreten. Bund und Länder machen verstärkt genetische Tests, um neue Varianten frühzeitig zu entdecken und darauf reagieren zu können. Dafür müssen regelmäßig Proben von positiv getesteten Menschen analysiert werden.

Diese Corona-Varianten gibt es

Rund 12.000 Coronavirus-Varianten gibt es mittlerweile Expert*innen zufolge. Nur wenige sind so gravierend, dass sie für uns eine wesentliche Veränderung darstellen. Derzeit sind fünf relevante Varianten des Virus bekannt. Sie sind jedoch noch zu neu, um mit Sicherheit abschätzen zu können, wie gefährlich sie sind.

Ende Mai hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Corona-Varianten neue Namen gegeben. Sie werden seitdem nicht mehr als "britisch" oder "indisch" bezeichnet, sondern nach dem griechischen Alphabet benannt. Die Varianten nach ihren Ursprungsländern zu benennen sei "diskriminierend und stigmatisierend".


Zusätzlich stellte die WHO folgende Einteilung vor:

  • VOC: variant of concern – besorgniserregende Variante
  • VOI: variant of interest – unter Beobachtung stehende Variante
  • VOI-D: in Deutschland unter Beobachtung stehende Variante

Übersicht der relevanten Corona-Varianten

"Alpha" B.1.1.7 (Großbritannien) trat erstmals im Dezember 2020 in Großbritannien auf und breitet sich seitdem aus. Sie ist seitdem in vielen anderen Ländern nachgewiesen worden, darunter auch Deutschland. Tödlicher soll sie entgegen erster Vermutungen nicht sein, wie eine Studie offenbarte. Sie ist jedoch um 50- bis 70-mal ansteckender. Auch Kinder scheinen sich häufiger damit zu infizieren. Der Grund für die hohe Infektiosität könnte auf die große Anzahl an Mutationen zurückzuführen sein. Insgesamt konnten 23 Mutationen identifiziert werden, von denen sich acht im Spike-Protein (Oberflächenprotein) befinden.

"Beta" B.1351 (Südafrika) trat zum ersten Mal in Südafrika auf und war dort vielerorts zunächst die vorherrschende Variante. Auch in Deutschland ist sie kurz darauf angekommen. Offiziell benannt wurde die Variante im Oktober 2020, entstanden ist sie aber möglicherweise schon im August 2020. Wie die Variante aus Großbritannien hat auch sie mehrere Mutationen des Erbguts durchgemacht. Darunter auch die N501Y-Mutation, die es dem Virus etwas leichter macht, in menschliche Zellen zu gelangen. Darüber hinaus gibt es jedoch weitere Mutationen in dem Virus. Eine davon versetzt diese Variante in die Lage, sich bestehenden Antigenen aus vorangegangenen SARS-CoV-2-Infektion leichter zu entziehen.

Eine vorveröffentlichte Studie der Oxford-Universität weist zudem darauf hin, dass sich die Beta-Variante dem immunisierenden Effekt der Corona-Impfstoffe vergleichsweise stark entzieht.

"Gamma" P.1 (Brasilien) ist Mitte Januar im brasilianischen Manaus entdeckt worden. Sie hat 17 Mutationen, davon drei am Spike-Protein des Virus. Einen schwereren Verlauf von Covid-19 scheint sie nicht zur Folge zu haben. Klar ist jedoch mittlerweile: Diese Variante ist ansteckender als der Urtyp von SARS-CoV-2. Außerdem befürchten Expert*innen, dass sich aufgrund der Änderungen am Spike-Protein das Antigen-Profil des Virus bei dieser Variante geändert hat.

Anhand von Antigenen erkennt unser Immunsystem einen Körper als "fremd“ und bildet Antikörper dagegen. Menschen, die durch eine frühere Infektion mit SARS-CoV-2 einen Immunschutz haben, sind deshalb nicht oder nicht mehr so gut vor dieser Variante geschützt. Denn obwohl in Manaus bereits ein Großteil der Bevölkerung infiziert war und somit sehr wahrscheinlich Antikörper besaß, gab es dort erneute Infektionswellen.

"Delta" B.1.617 wird auch als "Doppelmutante" bezeichnet. Grund hierfür: Die zuerst in Indien aufgetretene Variante weist gleich zwei signifikante Veränderungen an einem Oberflächenprotein auf. Die eine ist so ähnlich bereits in der britischen, der südafrikanischen und der brasilianischen Variante aufgetaucht, die andere in der kalifornischen. In B.1.617 vereinen sie sich zu einer besonders gefürchteten Variante des Coronavirus.

Deutschland hat Einreisen aus Indien aus diesem Grund weitgehend verboten. Dennoch ist sie auch hierzulande und in anderen Teilen Europas aufgetaucht und inzwischen zur vorherrschenden Variante geworden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat B.1.617 als "weltweit besonders besorgniserregend" eingestuft. Die Übertragungsrate ist noch höher als bei "Alpha". Auch scheinen Infizierte häufiger einen schweren Verlauf zu erleben.

"Omikron" B.1.1.529 (Südafrika) wurde Ende November 2021 identifiziert und von der WHO als besorgniserregend eingestuft. Im Vergleich zu den vorherigen Varianten besitzt Omikron eine außergewöhnlich hohe Zahl an Mutationen, nämlich über 50. Davon kommen allein 32 im Spike-Protein vor. Expert*innen vermuten, dass die Variante dadurch besonders ansteckend und die verfügbaren Impfstoffe weniger wirksam sein könnten. Allerdings sind bisher überwiegend milde Krankheitsverläufe bekannt.

Inzwischen ist Omikron auch in Deutschland angekommen. Bislang wurden hierzulande 42556 Fälle sicher nachgewiesen (Stand: 5. Januar 2022). Das entspricht einem Anstieg von 20 Prozent (+ 7027) zum Vortrag.

Neue Variante in Frankreich entdeckt

Kürzlich wurde in Frankreich eine weitere Corona-Variante entdeckt: 21 Menschen infizierten sich bislang mit der Mutante, die die Klassifizierung B.1.640.2 trägt (Stand: 3. Januar 2022) Offenbar stammt die Variante aus Kamerun. Der Patient, bei dem die Mutation zuerst nachgewiesen wurde, kehrte nämlich kurz zuvor von einer Reise aus dem zentralafrikanischen Land zurück. 

Französische Forschende des Instituts IHU Méditerranée Infection in Marseille benannten die neue Variante in einer vorveröffentlichten Studie. Das Preprint-Paper wurde bislang allerdings noch nicht von Fachleuten geprüft. Zudem deutet die Datenlage zum jetzigen Zeitpunkt nicht darauf hin, dass sich die Mutation besonders schnell ausbreitet. B.1.640.2 zählt zu einer Varianten-Gruppe, die der WHO bereits seit November bekannt ist und bisher nicht wesentlich zu einer schnelleres Ausbreitung des Virus geführt hat. Dennoch empfehlen Expert*innen, die Variante im Auge zu behalten.

Denn bei B.1.640.2 treten – ebenso wie bei der hochinfektiösen Omikron-Variante – einige Mutationen im Spike-Protein auf. Mithilfe des Spike-Proteins bindet das Coronavirus an menschliche Zellen, und auch die Vakzine setzen an diesem Protein an. Deshalb sind derartige Mutationen von besonderer Bedeutung, wenn es um die Infektiösität und Wirksamkeit der Impfstoffe geht. 

Forschenden zufolge ist es aber noch zu früh, über virologische, epidemiologische oder klinische Eigenschaften der neuen Variante aus Kamerun zu spekulieren. Derzeit ist noch zu wenig über B.1.640.2 bekannt. Dass neue Varianten auftreten, ist nichts Ungewöhnliches. Seit Beginn der Corona-Krise hat die WHO zahlreiche Varianten beobachtet, die sich inzwischen als kaum bedrohlich herausgestellt haben und nicht mehr unter besonderer Beobachtung stehen. 

Behalten die Impfstoffe ihre Wirkung?

Nicht jede Veränderung des Virus führt dazu, dass der Impfstoff auf einmal nicht mehr wirkt. Es ist aber möglich, dass er nicht mehr ganz so gute Erfolge erzielt, wenn sich das Virus stark verändert hat.

Schafft es eine Mutation, unserem Immunsystem zu entkommen, spricht man von einer "Escape-Mutation". Sie entwickeln sich vor allem dort, wo bereits viele Menschen bereits geimpft sind und können dann auch für die Geimpften gefährlich werden oder für Menschen, die bereits eine Covid-19-Infektion überstanden haben. Aus diesem Grund wird es sehr wahrscheinlich nötig sein, die Impfstoffe regelmäßig anzupassen und die Impfungen aufzufrischen – wie etwa bei der Grippeimpfung.

Bisher scheinen die Impfstoffe bei den meisten der aufgetretenen Varianten zumindest noch schwere Verläufe sehr gut verhindern zu können und sind lediglich in ihrer Wirksamkeit etwas abgeschwächt.

Bei "Alpha" etwa scheint es so zu sein, dass alle Impfstoffe nur schwach in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigt sind.

Bei "Beta" wirken BioNTech und Moderna noch gut, aber nicht mehr in vollem Umfang, Johnson & Johnson büßt nur schwach von seiner Wirksamkeit ein. AstraZeneca dagegen erzielt keinen ausreichenden Schutz mehr. Moderna hat einen an die südafrikanische Variante angepassten Impfstoff entwickelt, der sich in einer vorveröffentlichten Studie als sicher erwiesen hat. Das Ergebnis muss noch von anderen Wissenschaftler*innen begutachtet werden.

Für die "Gamma" liegen noch nicht ausreichend Daten vor. Es sieht jedoch so aus, als würden die Impfstoffe sie sehr gut abdecken und nur wenig von ihrer Wirkung zu verlieren.

Bei "Delta" fallen erste Studien ernüchternd aus. Demzufolge besteht zwar noch eine Schutzwirkung durch die derzeit gängigen Impfstoffe, jedoch fällt dieser geringer aus.

Auch gegen "Omikron" scheinen die verfügbaren Vakzine weniger gut zu wirken. Dennoch ist eine vollständige Grundimmunisierung inklusive Booster-Impfung derzeit der bestmögliche Schutz – in erster Linie zwar nicht gegen eine generelle Ansteckung, allerdings vor einem schweren Krankheitsverlauf.

Die gute Nachricht ist jedoch: Das mRNA-Verfahren macht es möglich, rasch auf neue Entwicklungen zu reagieren und den Impfstoff anzupassen. Alle Hersteller der hierzulande verfügbaren Vakzine haben bereits mit entsprechenden Prüfverfahren begonnen und teilweise auch schon erste Schritte eingeleitet, um angepasste Impfstoffe zu entwickeln.