Einem Mann wird der Blutzucker gemessen.
© Getty Images

Covid-19: Schwerer Verlauf durch Diabetes?

Dass Menschen mit Diabetes mellitus zur Corona-Risikogruppe zählen, ist schon länger bekannt. Denn die Stoffwechselerkrankung geht häufig mit weiteren Beschwerden und Übergewicht einher. Nun legen Studien nahe, dass auch "isolierte" Formen von Diabetes ohne Kofaktoren das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöhen können. Woran das liegt und was Sie als Diabetiker*in beachten sollten, lesen Sie hier.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Überblick

Eine Coronavirus-Infektion kann mild verlaufen. Manchmal treten sogar gar keine Symptome auf. Einige Personengruppen haben hingegen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf.

Dazu zählen beispielsweise ältere Menschen ab 50 bis 60 Jahren, Menschen mit Adipositas, Raucher*innen und Personen, deren Immunsystem geschwächt ist. Auch Menschen mit Diabetes mellitus zählen zur Risikogruppe. Zwar hatte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) zunächst Entwarnung gegeben und in einer Pressemitteilung kommuniziert, dass Diabetiker*innen nicht zwangsläufig als Risikopatient*innen gelten. Inzwischen lassen verschiedene Studien aber das Gegenteil vermuten. Einer Forschungsarbeit des britischen National Health Service zufolge ist beispielsweise die Sterblichkeit von an Covid-19 erkrankten Diabetiker*innen um ein Mehrfaches erhöht.

Lesetipp: Coronavirus – Diese Personen zählen zur Risikogruppe

Dass Diabetes in Kombination mit einem höheren Lebensalter, Übergewicht und diversen Begleiterkrankungen einen schweren Covid-19-Verlauf provoziert, scheint logisch. In der Tat scheinen diese Faktoren teilweise ursächlich für die erhöhte Sterberate zu sein, die sich im Zusammenhang mit Diabetes und SARS CoV-2 zeigt. Aber nicht nur: Denn nun verdichten sich die Hinweise darauf, dass auch Diabetiker*innen ohne Komorbiditäten – Erkrankungen, die zusätzlich zur Grunderkrankung vorliegen – ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.

Adipositas als Risikofaktor

Mehr als 90 Prozent der an Diabetes Typ 2 Erkrankten haben auch starkes Übergewicht (Adipositas). So steigt das Risiko, an dieser Diabetesform zu erkranken, ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 27 um 100 Prozent an. Adipositas begünstigt wiederum Folgeerkrankungen wie eine Fettleber, Bluthochdruck oder Herz- und Gefäßerkrankungen. All dies sind Faktoren, die die Betroffenen anfälliger für Infekte machen und somit das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 erhöhen.

Im Rahmen der zuvor erwähnten Studie des britischen National Health Service wurden 24.000 Todesfälle analysiert, die sich auf Covid-19 zurückführen ließen. Dabei stellte sich heraus, dass das Risiko für einen Covid-19-bedingten Tod sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetes erhöht war.

Diabetes Typ 1 und Typ 2: Was ist der Unterschied?

Diabetes Typ 1 zeichnet sich durch einen Insulinmangel aus, der meist bereits im Kinder- oder Jugendalter entsteht. Dazu kommt es, wenn die Zellen in der Bauchspeicheldrüse versagen, die normalerweise für die Insulinproduktion zuständig sind. Diese Diabetes-Form ist bislang nicht heilbar. Betroffene müssen daher ihr Leben lang Insulin spritzen.

Diabetes Typ 2 tritt deutlich häufiger auf, allerdings meist erst im mittleren Lebensalter. Allein in Deutschland sind über 4,5 Millionen Menschen betroffen. Neben einer erblichen Veranlagung gelten Bewegungsmangel und Adipositas als wichtigste Risikofaktoren. Die Erkrankung beginnt meist schleichend: Mit der Zeit wird der Körper dem Insulin gegenüber unempfindlicher. Es gibt eine Reihe Erkrankungen, die entweder begleitend oder als Folge von Diabetes Typ 2 auftreten.

Für den Covid-19-Verlauf relevante Komorbiditäten – also Erkrankungen, die zusätzlich zur Grunderkrankung vorliegen – treten vorwiegend bei Diabetes Typ 2 auf. Die britische Studie zeigt nun, dass der Krankheitsverlauf sowie die Sterberate auch bei Patient*innen mit Diabetes Typ 1 erhöht sind. Das lässt vermuten, dass Diabetes, anders als zunächst angenommen, in Bezug auf Covid-19 auch unabhängig von Begleit- und Folgeerkrankungen ein Risikofaktor sein kann.

ACE2-Rezeptoren: Das Eintrittstor für das Coronavirus

Das Coronavirus SARS CoV-2 nutzt unter anderem das Protein ACE2, um in die Zellen zu gelangen und sich dort zu vermehren. Dieses Protein wird in den Nieren, Lungen, der Bauchspeicheldrüse und im Herzen gebildet. Eine Studie hat nun gezeigt: Bei Diabetiker*innen ist der Anteil der ACE2-Proteine deutlich erhöht. Als Ursache vermutet man eine Gegenreaktion des Körpers auf die schlechte Stoffwechseleinstellung.

Dadurch, dass Diabetiker*innen mehr ACE2-Rezeptoren bilden, kann das Virus einfacher in die Zellen gelangen. Laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) fehlt es allerdings noch an aussagekräftigen Studien, die das belegen. Denn die bisherigen Forschungen wurden nur an Mäusen durchgeführt und es ist unklar, inwieweit sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. Dennoch konnte auch bei anderen Corona-Risikogruppen eine erhöhte ACE2-Bildung festgestellt werden, etwa bei Raucher*innen und COPD-Patient*innen.

Lesetipp: Coronavirus und COPD

Gut eingestellt: In Zeiten der Corona-Pandemie besonders wichtig

Ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf von SARS-CoV-2 haben Diabetiker*innen, deren Blutzuckerwerte schlecht eingestellt sind. Zum einen senken stabile Blutzuckerwerte das Infektionsrisiko. Das Immunsystem ist nämlich auf eine gute Insulinsensitivität angewiesen.

Bei an Diabetes erkrankten Personen liegt hingegen eine Insulinresitenz vor. Das bedeutet, dass ihre Körperzellen weniger auf das Hormon Insulin reagieren als die Körperzellen gesunder Menschen. Das wiederum kann zu einer schwächeren Immunantwort führen, ohne die eine Abwehr von Krankheitserregern wie dem Coronavirus nicht möglich ist.

Zum anderen kann eine gute Einstellung den Krankheitsverlauf im Falle einer Infektion abschwächen. Denn wenn infolge einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 Symptome wie Fieber auftreten, kann der Insulinbedarf steigen. Daher sollte der Blutzucker im Falle einer Infektion engmaschig kontrolliert und die Dosis entsprechend angepasst werden. Dabei empfiehlt es sich, Rücksprache mit der*dem betreuenden Ärztin*Arzt zu halten. Jüngste Entwicklungen zeigen aber, dass viele Patient*innen Arztpraxen und Kliniken seit Ausbruch der Corona-Pandemie zunehmend fernbleiben, aus Angst, sich mit SARS-Cov-2 zu infizieren. Aus diesem Grund finden notwendige Kontrollen vielleicht nicht statt.

Fazit

Klar ist, dass Diabetes mellitus häufig mit Folgeerkrankungen und Übergewicht einhergeht und das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf schon aus diesem Grund erhöht ist. Auch eine gute Diabetes-Einstellung ist wichtig, da eine Insulinresistenz das Immunsystem schwächt.

Inwiefern Diabetes mellitus 1 und 2 als Grunderkrankung einen schweren Covid-19-Verlauf schon aus diesem Grund begünstigen, lässt sich bislang zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Verschiedene Studien deuten jedoch darauf hin, dass auch ein isolierter Diabetes – also ohne Begleiterkrankungen – zu einer schwächeren Immunantwort führen kann und das Virus durch einen erhöhten Anteil an ACE2-Rezeptoren schneller in die Zellen gelangen und sich vermehren kann.