Ein junger Mann mit Mundschutz wird geimpft
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Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfung

Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC und das israelische Gesundheitsministerium haben Fälle von Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen geprüft. Auch nach der Auffrischungsimpfung sind Fälle aufgetreten. Laut derzeitigem Untersuchungsstand besteht ein Zusammenhang. Da die Komplikation jedoch sehr selten ist, rät sie weiterhin uneingeschränkt zur Impfung.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Herzmuskelentzündungen nach BioNTech-Impfung

Im April hatten Zeitungen "Dutzende Fälle" von Myokarditis (Herzmuskelentzündung) bei mehr als fünf Millionen mit BioNTech/Pfizer Geimpften in Israel gemeldet. Betroffen waren vor allem junge Männer. Die Fälle traten hauptsächlich wenige Tage nach der zweiten Impfung auf. Zwei junge Menschen starben. In Israel haben fast alle Geimpften Comirnaty erhalten, zudem ist das Impfgeschehen dort besonders weit fortgeschritten.

Nachdem bereits das israelische Gesundheitsministerium zu dem Ergebnis gekommen war, dass die Myokarditis-Fälle vermutlich in ursächlichem Zusammenhang mit der mRNA-Impfung stehen, folgte auch die amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) dieser Einschätzung. Auch in den USA wurden seit April mehr als 1000 Fälle von Myokarditis- und Perikarditis-Fällen vor allem bei jungen Männern gemeldet, sowohl nach Impfungen mit BioNTech/Pfizer als auch mit Moderna.

Israel hatte gemeldet, dass eine*r von 3000 bis 6000 geimpften 16- bis 24-Jährigen betroffen sei. Das entspricht dem 5- bis 25-Fachen der normalerweise in der Bevölkerung auftretenden Herzmuskelentzündungen.

Im Juni 2021 kam die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zu dem Ergebnis, dass sich grundsätzlich ein Zusammenhang mit mRNA-Impfstoffen herstellen lasse und sich die Nebenwirkung nicht nur auf das Vakzin von BioNTech reduzieren lasse.

Auch Fälle nach dritter Impfung

Nachdem in Israel die ersten Auffrischimpfungen durchgeführt wurden, veröffentlichte das israelische Gesundheitsministerium im Oktober 2021 neue Daten: Bei mehr als 1,5 Millionen Booster-Impfungen mit dem Vakzin von BioNTech/Pfizer wurden neun Fälle von Herzmuskelentzündungen gemeldet. Betroffen sind ausschließlich Männer, davon

  • drei in der Altersgruppe von 16 bis 29 und
  • sechs in der Altersgruppe von 30 bis 59.

Weitere mögliche Fälle von Menschen mit Nebenwirkungen, die aber noch nicht eindeutig auf die Impfung zurückgeführt werden konnten, befinden sich derzeit in der Prüfung. Untersuchungen zeigen auch in Deutschland eine ähnliche Entwickelung: Junge Männer, die mit einem mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus geimpft wurden, entwickeln sieben mal häufiger eine Herzmuskelentzündung als Ungeimpfte.

Die CDC empfiehlt die Impfung mit den mRNA-Impfstoffen jedoch weiterhin uneingeschränkt. Der Grund:

  • Die Fälle treten äußerst selten auf.
  • Die meisten Patient*innen reagieren gut auf Bettruhe und genesen schnell.

Was ist eine Herzmuskelentzündung?

Herzmuskelentzündungen werden häufig von Viren ausgelöst und treten meist einige Tage bis Wochen nach der Infektion auf. So kann auch eine Erkältung eine Herzmuskelentzündung zur Folge haben. Man nimmt an, dass etwa 15 Prozent aller viralen Erkrankungen vorübergehend auch den Herzmuskel in Mitleidenschaft ziehen. Die Myokarditis kann sich durch Müdigkeit, Atemnot, Kopfschmerzen, Brustschmerzen und Herzklopfen bemerkbar machen. Herzmuskelzellen werden dabei geschädigt und können absterben. Auftreten kann eine Herzmuskelentzündung in jedem Alter. Manche Menschen merken überhaupt nichts von der Entzündung. Auch wenn Symptome auftreten, heilt sie in den meisten Fällen nach medizinischer Behandlung wieder folgenlos ab. Nur in sehr seltenen Fällen führt sie zu Herzversagen und Tod.

Ist die Impfung noch sicher?

Dem Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland sind bislang 92 Verdachtsfälle bekannt. Betroffen sind 52 Männer und 38 Frauen. Die meisten Fälle traten nach der zweiten Impfdosis auf, nach durchschnittlich 9,4 Tagen. Der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) sind bis Ende Mai 122 Verdachtsmeldungen auf Myokarditis und 126 auf Perikarditis zu Comirnaty bei 160 Millionen verimpften Dosen gemeldet worden. Bei Moderna waren es 16 zu Myokarditis und 18 zu Perikarditis bei 19 Millionen verimpften Dosen. Die Behörde hat ihre Untersuchungen zu den Fällen noch nicht abgeschlossen.

Lesetipp: Corona-Impfstoffe im Überblick

BioNTech/Pfizer zufolge hat sich in den klinischen Studien keine Häufung von Herzmuskelentzündungen gezeigt. Dass diese Nebenwirkung erst jetzt bekannt wird, könnte erstens damit zusammenhängen, dass in vielen Ländern zuerst vor allem ältere Menschen geimpft wurden, die Myokarditis nach der Impfung aber vor allem bei jungen Menschen vorkommt. Zweitens ist sie offenbar sehr selten, sodass sie erst auffällig wird, nachdem bereits viele Menschen geimpft wurden.

Was könnte die Herzmuskelentzündung auslösen?

Auch in Zusammenhang mit Moderna sind mittlerweile Fälle von Herzmuskelentzündungen bekannt geworden. Das könnte darauf hindeuten, dass die Nebenwirkung mRNA-Impfstoffe im Allgemeinen betrifft. Über die Gründe kann bislang nur spekuliert werden. Die israelischen Forscher*innen mutmaßen, dass die Impfung bei jungen Menschen sehr hohe Antikörperzahlen hervorruft, die eine Überreaktion des Immunsystems zur Folge haben könnten. Ein solcher Zytokinsturm kann zu einer Herzmuskelentzündung führen. Männer entwickeln grundsätzlich häufiger eine Myokarditis als Frauen.

Lesetipp: Das passiert bei einem Zytokinsturm

Stimmt diese Theorie, könnte es das Risiko senken, wenn die Zweitimpfung in größerem Abstand oder einer geringeren Dosis erfolgt. Ob das so ist, könnten kommende Daten zeigen. Denn derzeit werden aufgrund von Impfstoffmangels teilweise die Zweitimpfungen herausgezögert. Studien zu Impfungen bei kleineren Kindern könnten zudem Aufschluss darüber geben, wie sich niedrigere Dosen auswirken.

Ist die Impfung für Kinder und junge Männer noch sicher?

Nicht nur junge Männer, auch Eltern von Kindern ab zwölf Jahren, die jetzt geimpft werden dürfen, sind nun vermutlich besorgt. Für die Covid-19-Impfung spricht jedoch:

  • Die Myokarditis ist in Zusammenhang mit der Impfung eine sehr seltene Komplikation.
  • Sie verläuft in den meisten Fällen milde und heilt wieder aus.
  • Eine Covid-19-Infektion kann dagegen auch bei jungen Menschen schwere Folgen haben, zu denen ebenfalls eine Herzmuskelentzündung zählt.

Einen Rat für Geimpfte gibt die Virologin Sandra Ciesek im Coronavirus-Update des NDR: "Wenn man die Impfung bekommt und sich noch nicht gut fühlt – das gilt auch für Leute, die Covid hatten und noch schlapp sind: Dann sollte man keinen Leistungssport oder Volle-Belastung-Sport treiben, sondern einen Gang zurückschalten, bis man wieder fit ist." Die Gefahr, dass eine Herzmuskelentzündung schwer verläuft, ist besonders hoch bei Ausdauersportlern, die die Infektion nicht erkennen oder ignorieren und trotzdem weiter trainieren.

Derzeit ist nur Comirnaty für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren freigegeben. Die amerikanische CDC empfiehlt die Impfung auch für Kinder und Jugendliche weiterhin. In Deutschland hat die Ständige Impfkommission noch keine generelle Empfehlung für eine Impfung von Kindern ab zwölf Jahren ausgesprochen. Eltern müssen selbst entscheiden, ob Sie Ihre Kinder impfen lassen möchten oder nicht.

Lesetipp: Kinder gegen Covid-19 impfen – pro und contra

Alarmzeichen einer Myokarditis sind Müdigkeit, Atemnot, Kopfschmerzen, Brustschmerzen und Herzklopfen. Eine Blutabnahme bei einer*einem Ärztin*Arzt kann Aufschluss darüber geben, ob eine Herzmuskelentzündung vorliegt.