DNA-Untersuchungen im Labor
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Verunreinigungen im AstraZeneca-Impfstoff

Eine Forschergruppe hat Verunreinigungen im Impfstoff von AstraZeneca entdeckt. Die gefundenen Hitzeschock-Proteine könnten die Ursache für die Hirnvenenthrombosen sein, die in seltenen Fällen Nebenwirkung der Impfung sind.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Das wurde im Impfstoff gefunden

Forscher*innen der Universität Ulm haben eine unerwartet hohe Menge an Eiweißen im Impfstoff von AstraZeneca nachgewiesen und die Ergebnisse ihrer noch nicht von Expert*innen geprüften Studie vorveröffentlicht.

Die Forschenden haben insgesamt mehr als 1000 verschiedene Proteine in den drei untersuchten Chargen entdeckt. Neben Proteinen des verwendeten Vektorvirus waren darunter auch viele menschliche Proteine, die aus der Anzucht der Vektorviren in humanen Zellen stammen. Unter diesen fielen den Wissenschaftler*innen vor allem sogenannte Hitzeschock-Proteine auf.

Als Vektorviren werden für das Vakzin von AstraZeneca Erkältungsviren von Schimpansen vermehrt, die vor der Verwendung unschädlich gemacht werden. Deren einzige Funktion im Impfstoff ist es, die mRNA des Spike-Proteins von SARS-CoV-2 in die menschlichen Zellen zu transportieren. Dort beginnen die Zellen damit, das Antigen des Virus anhand dieses genetischen Bauplans selbst herzustellen und Antikörper dagegen zu bilden. Anhand dieses Antigens erkennt das Immunsystem den Covid-19-Erreger im Fall einer echten Infektion.

Sind die Proteine die Ursache der Hirnthrombosen?

Die meisten der in der Studie gefundenen Proteine sind sehr wahrscheinlich unschädlich. "Extrazelluläre Hitzeschockproteine sind jedoch bekannt dafür, dass sie angeborene und erworbene Immunantworten modulieren und bestehende Entzündungsreaktionen verstärken können. Sie wurden zudem auch schon mit Autoimmunreaktionen in Verbindung gebracht", erklärt Professor Stefan Kochanek, Leiter der Abteilung Gentherapie der Ulmer Universitätsmedizin. Das macht sie verdächtig in Bezug auf die in Zusammenhang mit AstraZeneca-Impfungen aufgetretenen Hirnthrombosen.

Lesetipp: Hirnthrombosen nach AstraZeneca

Diese sind nämlich Folge einer Autoimmunreaktion im Körper, wie Greifswalder Forscher*innen herausgefunden haben. Die Betroffenen entwickeln Antikörper, die sich an bestimmte Eiweiße der roten Blutplättchen binden. Diese Autoimmunreaktion, die "Vakzin-induzierte immunthrombotische Thrombozytopenie (VITT)", führt dazu, dass sich vermehrt Blutplättchen bilden und in der Folge verklumpen. Neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass diese nicht nur Hirnvenenthrombosen, sondern unter Umständen auch Schlaganfälle auslösen kann.

Die Aufgabe von Blutplättchen ist es eigentlich, bei Wunden dafür zu sorgen, dass das Blut gerinnt und sich die Wunde verschließt. Verklumpt das Blut, obwohl es gar keine Wunde zu schließen gibt, kann das zu Blutgerinnseln und damit zum Gefäßverschluss führen. Was genau diesen Mechanismus auslöst war bislang noch unklar.

Handlungsbedarf für AstraZeneca

Die Forscher*innen der Uni Greifswald haben deshalb bereits vor einigen Wochen den Impfstoff von AstraZeneca genauer untersucht und festgestellt, dass dieser Eiweiße enthält, die ihrer Meinung nach VITT auslösen könnten. Sie zogen sowohl menschliche Eiweiße als auch Proteine des Vektorvirus in Betracht. Die Ergebnisse der Forschergruppe aus Ulm verhärten diesen Verdacht nun.

Den Effekt verstärken könnte der Stoff Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA), der im Impfstoff von AstraZeneca als Bindemittel dient. Als Nebeneffekt erhöht er die Durchlässigkeit der Blutgefäße, wodurch die Proteine vermehrt ins Blut gelangen können. Diese – mutmaßlich die Hitzeschock-Proteine – bilden dort Komplexe mit den Proteinen der roten Blutplättchen, und setzen unter Umständen die Autoimmunreaktionen in Gang.

Für die Forschenden der Universität Ulm ergibt sich aus ihren Daten konkreter Handlungsbedarf für den Hersteller AstraZeneca: „Die Vielzahl der gefundenen Verunreinigungen, von denen zumindest einige negative Effekte haben könnten, macht es nötig, den Herstellungsprozess und die Qualitätskontrolle des Impfstoffs zu überarbeiten. Dadurch ließe sich neben der Sicherheit womöglich auch die Wirksamkeit des Vakzins erhöhen“, lautet die Einschätzung des Ulmer Professors Stefan Kochanek.

Klar ist: Auch wenn sich Verunreinigungen nicht zu 100 Prozent vermeiden lassen – die hohe Anzahl der gefundenen Proteine in dem Impfstoff sollte nicht sein. Dass diese jedoch der Grund für die seltenen Hirnvenenthrombosen sind, ist mit dieser Studie noch nicht belegt. Um das herauszufinden, werden weitere Studien nötig sein.

Inwiefern die bisherigen Erkenntnisse auch für andere Vektorimpfstoffe gelten, lässt sich ebenfalls noch nicht sagen. Auch bei Johnson & Johnson waren Hirnvenenthrombosen aufgetreten. Wie AstraZeneca empfiehlt die Ständige Impfkommission auch dieses Vakzin nur noch für Menschen, die älter sind als 60 Jahre. Denn die Nebenwirkungen betreffen vor allem jüngere Personen.