Eine Krankenhausangestellte hält ein Fläschchen mit AstraZeneca-Impfstoff in die Höhe
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Thrombosen nach AstraZeneca-Impfung: Ist das Vakzin sicher?

Forscher haben herausgefunden, warum manche Menschen mit Hirnthrombosen auf den Impfstoff von AstraZeneca reagieren. Dieser ist nach dem vorübergehenden Impfstopp nun wieder zugelassen. Aber ist er wirklich sicher?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Das steckt hinter den Thrombosen

Neben anderen europäischen Ländern hatte auch Deutschland am 15. März einen Impfstopp für AstraZeneca verhängt. Grund waren mehrere Fälle schwerer Hirnthrombosen, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind. Die Europäische Behörde für Arzneimittelsicherheit (EMA) sollte herausfinden, ob es auch einen ursächlichen Zusammenhang gibt. Mittlerweile ist sie zu dem Schluss gekommen, dass das Vakzin wahrscheinlich tatsächlich die Ursache für die Thrombosen ist. Dennoch empfiehlt sie den Impfstoff weiterhin uneingeschränkt. Die Begründung: Das Vakzin sei wirksam und sicher, der Nutzen überwiege die Risiken bei Weitem. Deutschland folgt dagegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO), den Impfstoff nur noch bei Menschen anzuwenden, die älter sind als 60 Jahre.

Forscher aus Greifswald, Wien und Graz haben derweil herausgefunden, warum die Betroffenen mit speziellen Thrombosen auf den Impfstoff reagiert haben. Das Paul-Ehrlich-Institut hatte ihnen sechs Blutproben von Patienten und Patientinnen zur Verfügung gestellt, die Thrombosen nach der Impfung entwickelt haben.

Die Betroffenen entwickeln sehr wahrscheinlich bestimmte Antikörper, die sich an die Eiweiße der roten Blutplättchen (Thrombozyten) binden. Bei dieser Autoimmunreaktion werden die Blutplättchen aktiviert. Die Aufgabe von Blutplättchen ist es eigentlich, bei Wunden dafür zu sorgen, dass das Blut gerinnt und sich die Wunde verschließt. Verklumpt das Blut, obwohl es gar keine Wunde zu schließen gibt, kann das zu Blutgerinnseln und damit zum Gefäßverschluss führen. Was genau diesen Mechanismus auslöst – das Impfantigen oder ein Bestandteil des Vektors ­– ist noch unklar. Die Forscher*innen nennen diesen Vorgang "Vakzin-induzierte immunthrombotische Thrombozytopenie (VITT)".

Die Reaktion ähnelt einem bereits bekannten Krankheitsbild, nämlich der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT). Diese ist eine Reaktion auf den Gerinnungshemmer Heparin. Eigentlich paradox, denn Heparin soll verhindern, dass Thrombosen entstehen. In sehr seltenen Fällen aber hat das Mittel die gegenteilige Wirkung.

Eine ähnliche Nebenwirkung scheint, auch ohne Gabe von Heparin, in Zusammenhang mit dem Impfstoff von AstraZeneca aufzutreten. Die Erkenntnis bedeutet nicht, dass dies ausschließlich bei diesem Impfstoff der Fall ist und dass in jedem Fall der Impfstoff die Ursache ist. Die Mechanismen ähnelten sich aber offenbar in allen Fällen sehr stark. Betroffen waren vor allem Frauen unter 55 Jahren.

Die Wissenschaftler haben einen Wirkstoff gefunden, mit dem sich die die Thrombose heilen lässt. Das ist allerdings nicht vorsorglich möglich, sondern erst, wenn tatsächlich Blutgerinnsel auftreten.

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Warum wird dennoch mit AstraZeneca geimpft?

Während die Europäische Behörde für Arzneimittelsicherheit (EMA) nicht dazu rät, den Einsatz bei bestimmten Bevölkerungsgruppen einzuschränken, folgt Deutschland der aktualisierten Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die plädiert dafür, AstraZeneca nicht mehr an Menschen unter 60 Jahren anzuwenden, da die durch Thrombosen betroffenen vor allem jüngere Menschen waren. In Deutschland werden daher nur noch Personen über 60 Jahre mit dem Vakzin geimpft. Wer jünger ist, und bereits eine Erstimpfung mit AstraZeneca bekommen hat, soll die zweite Impfung mit einem mRNA-Vakzin erhalten.

Wenn die Thrombosen tatsächlich eine Folge der Impfung sind, stellt sich natürlich die Frage, warum das Vakzin als sicher gilt und weiterhin eingesetzt wird – wenn auch nur bei älteren Menschen. Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) erklärte dazu in einer Stellungnahme: "Die positiven Effekte einer Impfung mit dem AstraZeneca COVID-19 Vakzin überwiegen die negativen Auswirkungen, sodass die Wiederaufnahme der Impfungen in Deutschland mit diesem Vakzin zu begrüßen ist."

Lungenembolien und Beinvenenthrombosen träten in Zusammenhang mit der Impfung nach bisherigem Kenntnisstand nicht häufiger auf als sonst auch. Bei den sogenannten Sinusthrombosen, die in Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind, handelt es sich um eine sehr spezielle Form von Thrombosen. Ihnen liegt ein anderer Mechanismus, nämlich eine Autoimmunreaktion des Körpers, zugrunde. Wer eine erhöhte Neigung zu Thrombosen hat, hat daher kein erhöhtes Risiko, diese sehr seltene Komplikation zu bekommen.

Heparin kommt mit der gleichen Nebenwirkung nach wie vor zur Anwendung.

Auch der AstraZeneca-Impfstoff soll weiterhin eingesetzt werden.

Denn:

  • Die Nebenwirkung ist behandelbar.
  • Sie ist äußerst selten.
  • Das Mittel schützt sehr gut vor Covid-19, einer Erkrankung, die sehr häufig Thrombosen als Komplikation mit sich bringt.

Einer neuen Studie zu dem Impfstoff zufolge schützt er zu 79 Prozent vor einer Corona-Infektion und sogar zu 100 Prozent vor schweren Verläufen. Die Studie zeigt außerdem, dass das Vakzin auch bei Menschen wirkt, die älter sind als 65 Jahre. Auch das Risiko für Blutgerinnsel ist nicht erhöht –

Worauf muss ich nach der Impfung achten?

Die Hirnthrombosen treten nur äußerst selten auf. Wer sich nach der Impfung ein bis zwei Tage lang schlapp fühlt und grippeähnliche Symptome hat, muss sich keine Sorgen machen. Dies gehört zu den normalen Nebenwirkungen einer Impfung und zeigt, dass der Impfstoff wirkt.

Wer allerdings Schwindel, Kopfschmerzen und Sehstörungen nach der Impfung bemerkt, oder bei wem die Beschwerden länger als drei Tage lang anhalten, der sollte einen Arzt aufsuchen. Auch punktförmige Hauteinblutungen (Petechien) können ein Warnzeichen sein.

Ein Blutbild kann dann Aufschluss darüber geben, ob eine Thrombose besteht und ob eine heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT) der Grund ist. Falls ja, kann mit Immunglobulinen behandelt werden. In diesem Fall sollte auf Heparin verzichtet werden.