Eine junge Frau grübelt traurig vor sich hin.
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Bulimie (Bulimia nervosa): Ursachen, Symptome und Behandlung

Menschen mit Bulimie haben regelmäßig Essanfälle, nach denen sie sich übergeben, um nicht zuzunehmen. Das ständige Erbrechen hat früher oder später körperliche Probleme zur Folge. Die Ursachen der Erkrankung sind jedoch vor allem psychischer Natur. Helfen kann daher eine Psychotherapie. Hier erfahren Sie, durch welche Symptome sich die Bulimie äußert, welche Folgen drohen und wie die Therapie abläuft.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Bulimie (Bulimia nervosa)

Eine Bulimie entsteht durch ein Zusammenspiel aus psychischen und biologischen Ursachen. Eine Rolle spielt unter anderem die erbliche Veranlagung: Häufig erkranken mehrere Menschen innerhalb einer Familie an einer Essstörung. Das lässt sich zwar nicht allein auf die Gene zurückführen, sondern zum Beispiel auch auf problematische Verhaltens- oder Denkmuster, die in der Familie vermittelt werden. Studien mit Zwillingen legen aber nahe, dass die Erbanlagen tatsächlich einen erheblichen Einfluss haben: Wenn ein eineiiger Zwilling Bulimie hat, erkrankt häufig auch der andere Zwilling daran. Bei zweieiigen Zwillingen trifft die Erkrankung deutlich seltener beide Geschwister.

Ein weiterer Einfluss, der zur Entstehung der Bulimie beitragen kann, ist Übergewicht: Viele Betroffene waren in ihrer Kindheit übergewichtig und/oder haben übergewichtige Eltern. Der Wunsch nach einer schlanken Figur treibt sie dann – meist in der Pubertät – dazu, ihr Essverhalten rigoros einzuschränken und zu kontrollieren. Sie beginnen, für immer längere Zeiträume komplett auf Nahrung zu verzichten. Auf das Hungern folgen aber früher oder später exzessive Essanfälle, nach denen sich die Erkrankten übergeben.

Video: Bulimie – 5 Fakten über die verbreitete Essstörung

Die psychischen Vorgänge, die an der Entstehung einer Bulimie mitwirken, sind in der Regel vielschichtig und komplex. Die meisten Betroffenen haben ein geringes Selbstwertgefühl. Selbstwertprobleme allein sind zwar nie die alleinige oder direkte Ursache der Essstörung. Typisch ist aber, dass die Erkrankten ihren Selbstwert in Abhängigkeit von ihrer Figur und ihrem Gewicht wahrnehmen und erleben. Diese Verknüpfung ist es, die eine Bulimie – und auch andere Essstörungen – begünstigt.

Häufig gehen dem Beginn der Erkrankung belastende Ereignisse (Traumata) voraus, die starken seelischen Leidensdruck hervorrufen, mitunter bis hin zur Depression. Diese leidvollen Gefühle sind häufig der Auslöser der Essstörung, zudem können sie diese auch verschlimmern. Das heißt: Je schlechter es den Betroffenen psychisch geht, umso ausgeprägter werden ihre Symptome. Sie versuchen, über die Essanfälle emotionale Konflikte zu bewältigen, mit denen sie anders nicht fertigwerden. Das Essen verschafft ihnen für einen kurzen Moment eine suchtähnliche Befriedigung, die als eine Art Trost wirkt. So lässt sich auch erklären, dass die Essanfälle häufig nachlassen, wenn sich die Betroffenen im Laufe einer Psychotherapie wieder einem emotionalen Gleichgewicht nähern.

Bulimie: Symptome

Die Bulimie äußert sich vor allem im Verhalten: Die Betroffenen haben Essattacken und übergeben sich anschließend. Während der Essanfälle nehmen sie innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums recht große Nahrungsmengen zu sich. Sie erleben diese Situationen als rauschhaft. Einerseits, weil ihnen Essen kurzfristig ein Gefühl von Befriedigung verschafft.

Andererseits, weil sie dabei die Kontrolle über sich selbst verlieren. Zwar planen einige Erkrankte die Essanfälle sogar und kaufen dafür ein. Während der Anfälle haben sie dann aber oft nicht mehr im Griff, wie viel sie essen. Typischerweise greifen sie dabei vor allem zu besonders kalorienreichen Lebensmitteln, die sie sich sonst versagen – etwa Süßigkeiten und Fast Food.

Meist fühlen sich die Betroffenen im Laufe der Essanfälle immer schlechter, sowohl körperlich als auch seelisch. Die kurzfristige Befriedigung geht in ein unangenehmes Völlegefühl über. Außerdem machen sich Scham- und Schuldgefühle breit, begleitet von der großen Angst, durch die zusätzlichen Kalorien zuzunehmen. Um all dem entgegenzuwirken, versuchen die Erkrankten anschließend, ihren Essanfall auszugleichen, indem sie sich absichtlich – und in der Regel heimlich – erbrechen.

Manchmal ergreifen sie auch andere Maßnahmen, um einer Gewichtszunahme vorzubeugen. Beispielsweise nehmen sie Abführmittel, treiben exzessiv Sport oder hungern für längere Zeit. Eine Bulimie kann also mit Symptomen anderer Essstörungen einhergehen oder auch in eine andere Essstörung (etwa eine Magersucht) übergehen. Auch ein Wechsel zwischen beiden Störungen kommt vor.

Bulimie und Magersucht lassen sich also nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen. Für die Diagnose ist vor allem das Gewicht ein bedeutendes Unterscheidungskriterium: Eine Magersucht führt in der Regel zu Untergewicht, wohingegen Menschen mit Bulimie meist normalgewichtig sind. Die Bulimie hat aber häufig andere körperliche und teils offensichtliche Veränderungen zur Folge. Mehr über mögliche Auswirkungen der Bulimie erfahren Sie im Kapitel Folgen.

Bulimie: "Hamsterbacken" und andere Anzeichen im Gesicht

Bei manchen Betroffenen vergrößern sich durch das ständige Erbrechen die Speicheldrüsen, vor allem die Ohr- und Zungengrundspeicheldrüsen. Die Folge sind geschwollene Wangen – sogenannte Hamsterbacken. Darüber hinaus kann sich eine Bulimie im Gesicht durch folgende Anzeichen äußern:

Warum schädigt Bulimie die Zähne?

Beim Erbrechen gelangt Magensaft in den Mund. Dieser enthält Salzsäure, eine aggressive Säure, die dazu dient, Krankheitserreger in der Nahrung abzutöten. Der Magen ist durch eine Schleimschicht vor der Magensäure geschützt. Die Zähne und das Zahnfleisch aber nicht. Somit hinterlässt Bulimie irgendwann Spuren im Mund: Die angegriffene Zahnoberfläche wird glatter und die Schneidekanten werden durchscheinend. Das Zahnfleisch kann sich entzünden. Mitunter versuchen die Betroffenen, durch übermäßige Zahnhygiene gegenzusteuern. Akribisches Schrubben kann das Problem allerdings noch verschlimmern.

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Bulimie: Folgen

Eine Bulimie kann zum einen großes psychisches Leid verursachen. Die Betroffenen haben ständig mit belastenden Gedanken und Gefühlen wie Scham, Schuld, Angst und Traurigkeit zu kämpfen. Mitunter geht die Bulimie auch mit anderen seelischen Erkrankungen wie einer Depression einher.

Zum anderen hat die Bulimie oft körperliche Folgen wie:

Bulimie: Therapie

Menschen mit Bulimie kann eine Psychotherapie helfen. Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die sich in ihrem Ablauf und in den angewandten Methoden teils stark unterscheiden. Welches Verfahren für die Erkrankte oder den Erkrankten am besten geeignet ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Zum einen, weil das von den individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen der oder des Betroffenen abhängt. Zum anderen, weil nicht alle Verfahren ausreichend erforscht sind – jedenfalls nicht im Hinblick auf ihre Wirksamkeit bei Bulimie.

Am besten belegt ist derzeit die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie, kurz KVT. Kognitiv heißt "erkennen". In dieser Therapieform geht es nämlich zunächst darum, problematische Denkmuster und Einstellungen bei sich zu erkennen und zu verstehen. Im nächsten Schritt lernt man Wege, die krankmachenden Denkweisen zu verändern oder durch weniger belastende Gedanken zu ersetzen.

Für manche Patientinnen und Patienten ist ein anderes Behandlungsverfahren besser geeignet, zum Beispiel eine tiefenpsychologisch fundierte
Psychotherapie. Bei dieser geht es unter anderem darum, unbewusste Konflikte zu klären, die der Essstörung zugrunde liegen. Gerade zu Beginn der Therapie drehen sich die Gespräche um belastende und prägende Erfahrungen der Patientin oder des Patienten und um die Frage, wie diese zu der Erkrankung beigetragen haben könnten.

In den meisten Fällen kann die Behandlung ambulant stattfinden. Das heißt: Die oder der Erkrankte wohnt weiterhin zu Hause und geht aber regelmäßig zur Therapie. Nur in bestimmten Fällen ist ein Aufenthalt in einer Klinik oder Tagesklinik notwendig.