Eine Frau erleidet nachts einen Essanfall und macht sich in der Küche über Donuts her.
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Binge Eating (Binge-Eating-Störung, Binge Eating Disorder)

Kummer, Essanfall, Scham, noch mehr Kummer: In diesem Teufelskreis sind Menschen mit Binge Eating Disorder gefangen. Welche Ursachen hat die Störung? Welche Therapie hilft?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Binge Eating (Binge-Eating-Störung)

Was ist Binge Eating?
Die Binge-Eating-Störung (auch Binge Eating Disorder) ist eine Ess­störung, die sich durch regelmäßige Es­sanfälle äußert (engl. binge = Gelage, Exzess). Anders als bei einer Bulimie versuchen die Betroffenen nicht, die Essattacken durch Erbrechen oder exzessiven Sport auszugleichen, um einer möglichen Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Die Störung kann jedoch in eine Bulimie übergehen.

Viele Menschen essen hin und wieder mehr, als ihnen gut täte – etwa auf Feiern oder an Weihnachten. Die krankhaften Essanfälle, die Menschen mit Binge-Eating-Störung erleben, sind jedoch etwas ganz anderes: Die Betroffenen essen meist allein, in der Regel sehr schnell und entwickeln danach Schuldgefühle. Dies passiert nicht gelegentlich, sondern ständig.

Aufgrund der großen Kalorienmengen, die sie bei den regelmäßigen Essattacken zu sich nehmen, sind Menschen mit Binge-Eating-Störung häufig übergewichtig. Zudem leiden sie psychisch: Da sie sich für ihr gestörtes Essverhalten schämen, grenzen sie sich häufig von ihren Freunden und Familienmitgliedern ab und fühlen sich dann zunehmend einsam. Auch ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Stimmung schadet die Störung – manchmal bis hin zur Depression.

Um solche und andere körperlichen und seelischen Konsequenzen zu vermeiden, ist es wichtig, dass Betroffene möglichst frühzeitig Hilfe erhalten, am besten von einem Psychotherapeuten, der auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert ist.

In Untersuchungen hat sich gezeigt, dass sich Binge-Eating-Störung gut mit einer sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie oder einer interpersonellen Psychotherapie behandeln lassen. Meist ist sogar eine vollständige Heilung möglich.

Häufigkeit

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit haben ein bis drei von 100 Menschen in der Bevölkerung eine Binge-Eating-Störung. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Männer entwickeln jedoch eher eine Binge-Eating-Störung als andere Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie.

Unter übergewichtigen Menschen kommt die Binge-Eating-Störung auffallend häufig vor: Von ihnen haben etwa 15 bis 30 Prozent eine Binge-Eating-Störung.

Binge Eating: Ursachen

Die Ursachen der Binge Eating Disorder sind noch nicht vollständig geklärt. Man vermutet, dass ein Zusammenspiel verschiedener Einflüsse an der Entstehung der Binge-Eating-Störung beteiligt sind. Eine Rolle spielen wohl vor allem psychische Faktoren wie

  • eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper,
  • ein geringes Selbstwertgefühl und
  • belastende Gefühle wie Stress, Ärger, Wut, Frust und/oder Traurigkeit.

Das Grundproblem ist, dass die Betroffenen Essen zur Steuerung ihrer Gefühle nutzen: Sie versuchen, ihren Kummer oder ihre innere Anspannung durch Essen zu lindern. Sie empfinden die angenehmen Gefühle, die Essen hervorruft, als tröstlich.

Während des Essens überkommt sie das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren und sie essen anfallartig viel zu große Mengen. Anschließend schämen sie sich oder empfinden regelrechten Selbstekel.

Durch das Binge Eating geraten die Betroffenen also in einen Teufelskreis: Die Scham und der Selbstekel verstärken ihren Kummer, was zu erneuten Essanfällen führt – welche wiederum noch mehr Kummer nach sich ziehen.

Führen Diäten zu einer Binge-Eating-Störung?

Häufig gehen der Binge-Eating-Störung eine lang andauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und viele Diäten voraus. Gerade gescheiterte Diätversuche scheinen Binge-Eating-Störung zu begünstigen. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Diät zwangsläufig zu einer Binge-Eating-Störung führt. Die Entstehung dieser Störung ist komplex und lässt sich meist nicht eindeutig auf eine Ursache zurückführen.

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Binge Eating: Symptome

Eine Binge-Eating-Störung äußert sich durch regelmäßige, unkontrollierte Essanfälle. Die Betroffenen verschlingen innerhalb kurzer Zeit (meist innerhalb weniger Stunden) große Nahrungsmengen, und essen auch weiter, wenn sie längst satt sind. Dabei sind sie meist allein.

Während der Essanfälle haben die Betroffenen in der Regel das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren. Anschließend empfinden sie oft Scham oder Ekelgefühle.

Im Gegensatz zu Menschen mit Bulimie, die sich nach Essanfällen erbrechen und/oder exzessiv Sport treiben, ergreifen Menschen mit Binge-Eating-Störung jedoch keine Maßnahmen, um die überschüssigen Kalorien wieder loszuwerden und eine Gewichtszunahme zu verhindern.

Daher führt Binge Eating auch häufig zu Übergewicht und Fettleibigkeit. Da die Binge Eating Disorder aber auch bei normalgewichtigen Menschen vorkommt, ist Übergewicht nicht zwangsläufig ein Symptom dieser Störung. Auch haben nicht alle Menschen mit Übergewicht eine Binge-Eating-Disorder.

Übrigens: Essanfälle können bei Menschen aller Altersgruppen auftreten, auch bei Kindern. Eine Binge Eating Disorder mit regelmäßigen Essanfällen kommt bei Kindern aber eher selten vor. Die Störung entwickelt sich meist im jungen oder mittleren Erwachsenenalter.

Binge Eating: Diagnose

Die Diagnose erfolgt anhand der typischen Beschwerden: Berichtet der Patient über Essanfälle, die mit einem Gefühl des Kontrollverlustes einhergehen, wird der Arzt oder Psychotherapeut dies in der Regel bereits als deutliches Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten werten.

Von einer Binge-Eating-Störung sprechen Ärzte und Psychologen jedoch erst, wenn der Patient seit längerer Zeit wiederholt Essanfälle erlebt. Nach den Vorgaben des amerikanischen Diagnose-Handbuchs Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) müssen die Essanfälle an mindestens zwei Ta­gen pro Wo­che ü­ber ein halbes Jahr hinweg auftreten, damit von einer Binge-Eating-Störung die Rede sein darf.

Wichtiger Bestandteil der Diagnose ist auch die Abgrenzung zur sogenannten Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Bei dieser Essstörung treten ebenfalls Essattacken auf. Menschen mit Bulimie versuchen aber, durch drastische Maßnahmen zu verhindern, dass die aufgenommene Nahrungsmenge zu einer Gewichtszunahme führt, zum Beispiel durch

  • selbst ausgelöstes Erbrechen,
  • Fasten,
  • übermäßige körperliche Anstrengung zum Verbrennen von Kalorien sowie
  • die Einnahme von Abführmitteln.

Schildert der Patient derartige Verhaltensweisen, spricht dies gegen eine Binge Eating Disorder und für eine Bulimie. Eine Binge-Eating-Störung kann jedoch in eine Bulimie übergehen und umgekehrt.

Diagnose von Begleiterkrankungen

Die Binge-Eating-Störung tritt oft gemeinsam mit anderen körperlichen und seelischen Erkrankungen auf. Dazu zählen etwa

Ob diese Erkrankungen Auslöser der Essstörung waren oder umgekehrt lässt sich oft nicht sicher feststellen. Es ist auch denkbar, dass mehrere psychische und körperliche Erkrankungen gleichzeitig auftreten, ohne dass eine Erkrankung die andere verursacht hat.

Wichtig ist in jedem Fall, dass der Arzt oder Psychotherapeut alle Begleiterkrankungen erkennt und bei der Planung der Therapie mitberücksichtigt.

Binge Eating: Behandlung

Die Therapie der Binge Eating Disorder hat zum Ziel, dass die Betroffenen

  • ein gesünderes Essverhalten und ein besseres Gespür für Hunger und Sättigung entwickeln,
  • andere Wege finden, mit negativen Gefühlen umzugehen und
  • ein normales Gewicht erreichen.

Helfen können bei einer Binge-Eating-Störung insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie sowie die sogenannte interpersonelle Psychotherapie.

In der interpersonellen Psychotherapie geht es darum, dass die Betroffenen ihre Beziehungen zu anderen verbessern. Denn häufig entstehen die inneren Spannungen und die belastenden Gefühle, die zu den krankhaften Essanfälle führen, durch Konflikte und ungesunde Beziehungen. In der Therapie können die Betroffenen lernen, wie sie zufriedenstellendere Beziehungen zu anderen aufbauen und besser mit zwischenmenschlichen Konflikten umgehen können.

Abnehmen mit Binge-Eating-Störung

Viele Menschen mit Binge-Eating-Störung sind übergewichtig oder fettleibig. Da Übergewicht vielerlei körperliche Probleme und Erkrankungen hervorrufen kann, ist es wichtig, dass die Betroffenen ein normales Gewicht erreichen. Allerdings bergen strenge Diäten die Gefahr, dass sich die Essstörung verschlimmert. Daher sind Diäten für Menschen mit Binge Eating Disorder normalerweise nicht empfehlenswert.

Häufig verhilft ihnen bereits die Psychotherapie zu einem gesünderen Umgang mit Essen. Auch eine Ernährungsberatung und Sport können dazu beitragen, das Übergewicht abzubauen. Welche Abnehm-Maßnahmen für sie geeignet sein könnten, sollten die Betroffenen mit ihrem Arzt oder Psychotherapeuten besprechen.

Binge Eating: Verlauf

Unbehandelt kann die Binge-Eating-Störung zu einer Reihe von Problemen führen. Viele Betroffene ziehen sich immer stärker aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld zurück und/oder haben Schwierigkeiten, ihrem Beruf und Freizeitaktivitäten nachzugehen. Im schlimmsten Fall zieht die Essstörung andere Erkrankungen nach sich, vor allem Übergewicht und Depressionen.

Die gute Nachricht: Die Binge-Eating-Störung lässt sich in der Regel gut in den Griff bekommen – deutlich besser als andere Essstörungen. Etwa zwei Drittel der Betroffenen gelingt es, die Störung mithilfe einer Psychotherapie zu überwinden und zu einem gesunden Essverhalten zurückzufinden.

Binge Eating: Vorbeugen

Oft ist die Binge Eating Disorder Folge eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflüsse. Daher ist es grundsätzlich schwierig, dieser Störung vorzubeugen.

Was Eltern tun können

Bis zu einem gewissen Maß können Eltern mit der Erziehung dazu beitragen, dass ihr Kind ein gesundes Verhältnis zu Essen aufbaut und einen gesunden Umgang mit negativen Gefühlen erlernt. Förderlich ist es etwa, wenn die Eltern Rücksicht auf das Hunger- und Sättigungsgefühl des Kindes nehmen und dem Kind kein Essen aufdrängen. Auch sollten Eltern Essen niemals als Belohnung oder Trostmittel einsetzen.

Gerade jüngere Kinder orientieren sich in ihrem Verhalten stark an ihren Eltern. Daher ist es wichtig, dass Eltern versuchen, ihren Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Im Idealfall ...

  • ... pflegen sie selbst eine gute Beziehung zu ihrem Körper.
  • ... machen sie ihr Selbstwertgefühl nicht von ihrem Erscheinungsbild beziehungsweise ihrem Gewicht abhängig und beurteilen auch Mitmenschen nicht nach deren Aussehen.
  • ... essen sie ausgewogen und maßvoll und nur, wenn sie hungrig sind.
  • ... überwinden sie Stress und Kummer nicht, indem sie essen, sondern entwickeln gesündere Bewältigungsstrategien.

Generell ist die Erziehung jedoch nur ein Faktor von vielen, der bei der Entstehung einer Binge Eating Disorder eine Rolle spielen kann.

Frühzeitige Hilfe ist wichtig

Um den seelischen und körperlichen Problemen vorzubeugen, die die Binge Eating Disorder nach sich ziehen kann, ist es wichtig, dass die Betroffenen frühzeitig professionelle Hilfe erhalten. Wer bei einem Freund, Bekannten oder Verwandten Anzeichen für eine Binge-Eating-Störung bemerkt, sollte daher darauf hinwirken, dass er oder sie einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsucht.