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Agoraphobie

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Raue • Medizinredakteurin
Dieser Artikel wurde nachNach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst.

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Ob im Bus, an der Kasse vom Supermarkt oder im Theater: Menschen mit Agoraphobie haben Angst vor Situationen, aus denen sie im vermeintlichen Notfall nicht so einfach flüchten können. Sie befürchten, Panik zu bekommen, die Kontrolle zu verlieren oder im Ernstfall keine Hilfe zu bekommen. Wer sich frühzeitig behandeln lässt, hat jedoch gute Chancen, die Agoraphobie in den Griff zu bekommen!

Überblick

Bei manchen Menschen ist die Agoraphobie so stark ausgeprägt, dass sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen, weil sie sich nur dort sicher fühlen. Situationen, die ihnen bedrohlich erscheinen, können die Betroffenen nur unter großer Angst oder in Begleitung bewältigen – oder aber sie meiden diese Situationen ganz, was die Angst noch weiter verstärkt. Dieses Vermeidungsverhalten ist typisch für eine Angststörung wie der Agoraphobie.

Welche Situationen gemieden werden, ist von Person zu Person unterschiedlich: Während einige Menschen mit Agoraphobie Probleme mit weiten Reisen haben, verspüren andere in Kaufhäusern Angst – und wieder andere wagen es nicht, überhaupt einen Fuß vor die Tür zu setzen. Die Betroffenen befürchten zum Beispiel, ohnmächtig zu werden, verrückt zu werden oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Während einer Angstattacke leiden Menschen mit Agoraphobie unter Symptomen wie Schweißausbrüchen, Zittern, Herzrasen oder Herzklopfen – bis hin zur Panik.

Meist macht sich eine Agoraphobie erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr bemerkbar, insbesondere bei Frauen. Den Betroffenen ist in der Regel bewusst, dass ihre Angst übertrieben ist. Viele von ihnen schämen sich für ihre Angst.

Bis die Diagnose Agoraphobie gestellt wird, vergeht oft eine lange Zeit. Unbehandelt verläuft die Erkrankung oft chronisch: Die Betroffenen vermeiden nach und nach immer mehr angstmachende Situationen und verlieren zunehmend an Lebensqualität. Umso wichtiger ist es, frühzeitig den ersten Schritt zu machen und sich Hilfe zu holen!

Insbesondere die Verhaltenstherapie hat sich – oft in Kombination mit Medikamenten – zur Behandlung der Agoraphobie bewährt. Dabei lernen die Betroffenen schrittweise, unrealistische Befürchtungen zu erkennen und abzubauen. Sie treten ihren Ängsten gezielt entgegen, um zu spüren, dass diese unbegründet sind.

Definition

Die Agoraphobie ist eine Angststörung. Wie auch bei anderen Phobien (z.B. Dentalphobie, Flugangst) leiden Personen mit Agoraphobie an unangemessenen Ängsten, die in bestimmten, objektiv ungefährlichen Situationen auftreten.

Menschen mit einer Agoraphobie haben Angst vor Situationen oder Orten, in / an denen sie vermeintlich keine Fluchtmöglichkeit haben oder bei denen sie befürchten, im Notfall keine Hilfe zu bekommen.

Solche Situationen können beispielsweise der Aufenthalt an öffentlichen Plätzen, in Menschenmengen oder öffentlichen Verkehrsmitteln sein – aber auch alle anderen Orte außerhalb der eigenen Wohnung können Angst machen. Die Betroffenen fürchten, in der Situation Panik zu bekommen, sich zu blamieren oder auf andere Weise die Kontrolle zu verlieren. So haben manche etwa Angst, dass ihnen schwindelig werden könnte und dass sie der Situation dann nicht entkommen können oder dass ihnen dann niemand helfen kann. Weitere Befürchtungen können sein, einen Herzanfall zu erleiden oder Durchfall zu bekommen.

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Manche Menschen mit Agoraphobie verlassen ihre Wohnung nur selten oder auch gar nicht.

Agoraphobie und Platzangst sind nicht dasselbe

Die Agoraphobie wird auch als Platzangst bezeichnet. Das Wort agora kommt aus dem Griechischen und bedeutet Marktplatz. Viele Menschen verstehen unter Platzangst die Angst in geschlossenen, engen Räumen wie zum Beispiel im Fahrstuhl. Diese spezielle Form der Phobie wird jedoch als Klaustrophobie bezeichnet, während mit Platzangst die Angst vor weiten Plätzen gemeint ist.

Platzangst ist jedoch nicht dasselbe wie eine Agoraphobie: Agoraphobiker haben nicht nur Angst vor weiten Plätzen, sondern können auch andere Situationen und Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung fürchten.

Eine Agoraphobie tritt häufig gemeinsam mit einer Panikstörung auf. Der Agoraphobiker leidet dann zusätzlich unter plötzlich auftretenden Panikattacken, welche mit Symptomen wie Übelkeit, Herzrasen, Ohnmachtsgefühlen und Todesangst verbunden sein können.

Häufigkeit

Eine Agoraphobie entwickelt sich meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Frauen erhalten die Diagnose Agoraphobie häufiger als Männer.

Schätzungen zufolge leiden etwa fünf von hundert Personen der deutschen Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben an einer Agoraphobie.

Ursachen

Eine Agoraphobie ist in der Regel nicht auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen – vielmehr sind es mehrere Einflüsse, die im Zusammenspiel die Angststörung auslösen.

Angst ist ein Gefühl, das jeder kennt – und das ist auch gut so, denn Angst ist überlebenswichtig: Sie bewahrt Menschen davor, sich zu überschätzen und zu leichtsinnige Entscheidungen zu treffen. Bei der Agoraphobie ist die Angst aber so übersteigert, dass sie aus objektiver Sicht nicht nachvollziehbar ist, das heißt, es gibt eigentlich keinen Grund, vor der jeweiligen Situation Angst zu haben.

Personen mit Agoraphobie weisen eine gewisse Anfälligkeit für die Erkrankung auf. Das hat teilweise genetische Ursachen. Zum anderen können sich auch Ereignisse in der individuellen Lebensgeschichte auf das Risiko auswirken, etwa, wenn die Mutter besonders ängstlich ist und dieses Verhalten vom Kind übernommen wird. Hinzu kommen auslösende FaktorenBelastende Ereignisse oder Lebensphasen – zum Beispiel der Tod einer nahestehenden Person, eine Erkrankung oder Arbeitslosigkeit – können bei entsprechend anfälligen Personen den Ausbruch der Angststörung begünstigen.

Nach Ansicht von Lerntheoretikern führt ein mehrstufiger Prozess zu einer Phobie. Zunächst "erlernt" eine entsprechend anfällige Person die Angst vor einer ehemals neutralen Situation, weil sie eine schlechte Erfahrung damit gemacht hat. 

Ein Beispiel: Eine Frau hat an einem heißen Sommertag nur wenig gegessen und ist ohnehin anfällig für Kreislaufprobleme. In einem vollen Kaufhaus merkt sie, dass ihr schwindlig ist – und bekommt Angst. Wird die körperliche Missempfindung mit der Situation, also dem Aufenthalt im Kaufhaus, verknüpft, kann eine Agoraphobie entstehen: Die vorher neutrale Situation ist nun mit Angst besetzt. Beim nächsten Kaufhausbesuch befürchtet die Frau, es könne ihr erneut schlecht gehen. Die Angst davor führt erneut zu Symptomen wie etwa Schwindel, was die Frau in ihrer Befürchtung bestätigt. In Zukunft beginnt sie, Kaufhäuser zu meiden.

Dieses Vermeidungsverhalten kann dazu führen, dass die Angststörung aufrechterhalten wird – denn die Person kann nicht die Erfahrung machen, dass die Angst eigentlich unbegründet ist. Auch die Wahrnehmung körperlicher Symptome spielt bei der Aufrechterhaltung der Angst eine wichtige Rolle. Hat eine Person Angst, führt dies bei ihr zu körperlichen Reaktionen wie zum Beispiel HerzrasenSchweißausbrüchen oder Zittern. Diese Beschwerden deutet die Person als Gefahr, was die Angst wiederum noch verstärkt. Durch die damit verbundene Stressreaktion verschlimmern sich die körperlichen Symptome. Auf diese Weise bildet sich ein Teufelskreis der Angst, der dazu führt, dass die Angst weiter zunimmt.

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Angst führt zu körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und Schwindel. Diese Symptome sieht der Agoraphobiker als Bestätigung, dass ihm tatsächlich etwas passieren könnte und dass seine Angst somit begründet ist – was die Beschwerden noch verstärkt. Ein Teufelskreis ist entstanden.

Neurobiologische Aspekte

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Personen mit Angststörungen eine gewisse neurophysiologische Anfälligkeit dafür aufweisen.

Vermutlich sind bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn von Angstpatienten aus dem Gleichgewicht geraten, wie zum Beispiel Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Weitere neurobiologische Befunde zeigen, dass bei Menschen mit einer Angststörung eine spezielle Hirnregion Besonderheiten aufweist: das limbische System – und hier insbesondere der sogenannte Mandelkern (Amygdala), der für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist und der Hippocampus, der unter anderem für die Gedächtnisbildung sorgt. Darüber hinaus sind verschiedene hormonelle Substanzen an der Entstehung einer Angststörung beteiligt (u.a. Kortisol).

Psychodynamische Theorien

In der psychoanalytischen Theorie geht man davon aus, dass Ängste durch innere Konflikte entstehen können, die nicht gelöst werden konnten. Auch glaubt man, dass die Person nie die Fähigkeit erworben hat, mit normaler Angst adäquat umzugehen. In Konfliktsituationen fühlt sich der Betroffene daher überfordert, sodass alte kindliche Ängste in ihm aufsteigen können.

Symptome

Personen mit einer Agoraphobie haben Angst vor Situationen oder Orten, in / an denen ihrer Meinung nach im Notfall keine Hilfe verfügbar wäre oder aus denen sie nicht so schnell flüchten können.

Die Symptome einer Agoraphobie treten vor allem dann auf, wenn die Person ihr gewohntes Umfeld verlassen muss, also zum Beispiel die eigene Wohnung. Insbesondere haben Agoraphobiker beispielsweise Angst vor:

Die Betroffenen glauben, in der Situation die Kontrolle zu verlieren und nicht flüchten zu können. Sie fühlen sich ausgeliefert. So befürchten sie zum Beispiel,

Typisches Symptom einer Angststörung wie der Agoraphobie ist das Vermeidungsverhalten: Aus Angst meidet die Person die bedrohlich erscheinenden Orte und Situationen, was wiederum die Angst noch weiter verstärkt. Phobiker entwickeln eine Erwartungsangst. Sie malen sich schon im Vorhinein aus, dass sie wieder Angst bekommen werden, wenn sie sich in die angstmachende Situation begeben. Diese Angst vor der Angst führt dazu, dass sich die Phobie immer weiter ausbreitet und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. Ein Agoraphobiker weiß in der Regel, dass seine Angst unangemessen ist und schämt sich oftmals für sein übertriebenes Verhalten und die damit einhergehenden Symptome. Manche Betroffene können Angst machende Situationen in Begleitung einer vertrauten Person aufsuchen, weil sie sich dann sicherer fühlen. Sie schaffen es jedoch nicht, sich allein dorthin zu begeben. Andere wiederum sind in der Lage, die Situation aus eigener Kraft zu bewältigen, stehen dabei aber starke Ängste aus und versuchen, die Situation wenn möglich zu umgehen.

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Für viele Agoraphobiker gleich eine Fahrt im vollen Bus einem Albtraum.

Während der Angst spüren Betroffene Symptomen wie

Die Angst kann sich bis zur Panik steigern und so stark sein, dass der Agoraphobiker die Situation meidet oder aus ihr flieht.

Häufig tritt die Agoraphobie zusammen mit einer Panikstörung auf. Dabei leiden die Betroffenen an plötzlichen Panikattacken.

Diagnose

Häufig hat der Betroffene bereits einen langen Leidensweg hinter sich, bis die Diagnose Agoraphobie gestellt wird. Gerade bei Menschen, deren Angst sich vor allem durch körperliche Symptome bemerkbar macht, kommt es oft zu Fehldiagnosen, weil man die Ursache für die Beschwerden im körperlichen Bereich sucht.

Um herauszufinden, ob es sich tatsächlich um eine Agoraphobie handelt, führt der Arzt, Psychiater oder Psychotherapeut ein ausführliches Gespräch mit seinem Patienten. So fragt er beispielsweise,

Für die Behandlung ist es wichtig zu wissen, ob die Angst im Vordergrund steht oder ob sie als Begleiterscheinung einer anderen psychischen Erkrankung auftritt – etwa einer Depression. Um auszuschließen, dass die Angstsymptome auf eine körperliche Ursache zurückzuführen sind (z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion, Angina pectoris, Einnahme bestimmter Medikamente, erhöhter Hirndruck), muss der Arzt die Person körperlich untersuchen. So wird er beispielsweise Blut abnehmen, die Schilddrüsenwerte bestimmen oder ein EKG machen.

Als wichtiges Hilfsmittel zur Diagnose und Therapie einer Agoraphobie können auch sogenannte Angsttagebücher zum Einsatz kommen. Die betroffene Person hält im Tagebuch fest, wie oft, wann und wie stark die Angst aufgetreten ist. Das Angsttagebuch erleichtert es dem Therapeuten, die Therapie individuell zu planen.

Therapie

Je früher Menschen mit Agoraphobie eine angemessene Therapie bekommen, desto größer ist auch die Chance, die Angst rasch wieder in den Griff zu bekommen. Psychotherapie – insbesondere die Verhaltenstherapie – hat sich zur Behandlung der Agoraphobie als wirkungsvoll erwiesen. Und auch Medikamente können Teil der Therapie sein.

Welches Therapiekonzept infrage kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so vor allem von

Verhaltenstherapie

Im Mittelpunkt der Verhaltenstherapie steht das Ziel, dass der Agoraphobiker die Angst auslösenden Situationen und Orte nicht mehr meidet. Wichtig ist dabei, dass er versteht, wie eine Angststörung entsteht.

In der kognitiven Therapie vermittelt der Therapeut dem Betroffenen, welche – oft automatischen - Denkabläufe dazu geführt haben, dass die Angst aufrechterhalten wird. Dem Phobiker soll bewusst werden, wie sich seine Gedanken auf seine Gefühle und auf sein Verhalten auswirken. Zudem soll er lernen, negative Gedanken zu erkennen und zu unterbrechen. Diese fehlerhaften Denkmuster werden anschließend in gezielten Übungen schrittweise korrigiert.

© Jupiterimages/Wavebreak Media
In der kognitiven Therapie geht es darum, "falsche" Denkmuster zu erkennen und zu korrigieren.

Wenn sich der Betroffene unter Anleitung direkt in die Angstsituation begibt, spricht man auch vom Expositionsverfahren. Ziel der Exposition ist es, so lange in der Situation zu bleiben, bis die Angst spürbar nachlässt. Der Betroffene erkennt dann, dass es keinen objektiven Grund für seine Angst gibt. So muss er sich beispielsweise so lange im vollen Kaufhaus aufhalten, bis er sich angstfreier fühlt. Bei besonders großer Angst kann es hilfreich sein, dass sich der Betroffene die Situation zunächst nur in Gedanken vorstellt und die angstmachende Situation erst aufsucht, wenn die Angst etwas abgeklungen ist.  

Medikamentöse Therapie

Bei der medikamentösen Therapie einer Agoraphobie kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Bis Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten, dauert es mindestens zwei Wochen.

Welches Medikament geeignet ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so etwa vom Alter, möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder bestimmten Vorerkrankungen.

Antidepressiva können Ängste lösen und beruhigen. Sie greifen in den Hirnstoffwechsel und in die Konzentrationen der Botenstoffe (Neurotransmitter) zwischen Nervenzellen ein. Diese Botenstoffe werden benötigt, um Reize von einer Nervenzelle zur anderen zu übertragen. Die Konzentration von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin sind bei einer Angststörung häufig aus dem Gleichgewicht geraten.

Wie Antidepressiva wirken
Damit ein Reiz im Gehirn von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet werden kann, sind verschiedene Botenstoffe nötig. Die Botenstoffe werden vom Ende einer Nervenzelle freigesetzt. Sie binden an spezielle Stellen (Rezeptoren) der benachbarten Nervenzelle und lösen dort ein elektrisches Signal aus, welches weitergeleitet wird.

Hat der Botenstoff seine Aufgabe erledigt, wird er anschließend entweder abgebaut oder wieder in die ausschüttende Nervenzelle aufgenommen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei einer Angststörung wie der Agoraphobie das Gleichgewicht dieser Botenstoffe gestört ist, sodass manche Reize nicht weitergegeben werden können. Mithilfe eines Antidepressivums wird die Verfügbarkeit von Botenstoffen wie zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin verbessert. Die einzelnen Medikamente haben dabei teilweise unterschiedliche Wirkmechanismen.

Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) verhindern, dass die Botenstoffe Serotonin beziehungsweise Serotonin und Noradrenalin in die Nervenzellen wiederaufgenommen werden und verlängern so deren positive Wirkung. Als Nebenwirkungen können Herz-Kreislauf-Beschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsprobleme auftreten. Zu SSRI, die bei Agoraphobie empfohlen werden, zählen die Wirkstoffe Citalopram, Escitalopram, Paroxetin und Sertralin. Aus der Gruppe der SNRI hat sich der Wirkstoff Venlafaxin bewährt. 

Trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin lindern Angstzustände und innere Unruhe und können vom Arzt verschrieben werden, wenn SSRI oder SNRI nicht ausreichend wirken. Trizyklische Antidepressiva greifen in die Konzentration der Botenstoffe im Hirn ein, indem sie die Aufnahme der Botenstoffe in die Nervenzellen hemmen. Somit stehen die Botenstoffe in höherer Konzentration zur Weiterleitung zwischen den Nervenzellen zur Verfügung.

Psychodynamische Verfahren

Manchmal – etwa, wenn die Verhaltenstherapie keinen Erfolg brachte oder wenn der Betroffene mit diesem Ansatz besser zurechtkommt – kommen bei der Behandlung einer Agoraphobie auch psychodynamische Verfahren zum Einsatz. Sie basieren auf den Grundlagen der Psychoanalyse und erstrecken sich meist über mehrere Jahre. Der Konflikt, der nach dieser Erklärung der Angst zugrunde liegt, wird aufgedeckt und bearbeitet. An erster Stelle steht dabei, dass der Patient lernt, die Ängste besser zu bewältigen.

Unterstützende Behandlungsmöglichkeiten

Neben Verhaltenstherapie, Medikamenten und psychodynamischen Verfahren gibt es viele weitere Möglichkeiten, um eine Agoraphobie zu behandeln beziehungsweise das Wohlbefinden der Betroffenen zu steigern:

Manchen Menschen kann auch Entspannung helfen. Dazu sind etwa Techniken geeignet wie:

Fragen Sie vorher Ihren Arzt oder Therapeuten, welche Technik für Sie infrage kommt.

Verlauf & Vorbeugen

Je eher eine Agoraphobie behandelt wird, desto besser: Bleibt die Therapie aus, nimmt die Angststörung oft einen chronischen Verlauf. Die Betroffenen vermeiden zunehmend mehr Situationen und Orte. Durch die Angst vor der Angst (Erwartungsangst) ziehen sich die Betroffenen immer mehr zurück. In der Folge sind sie immer stärker eingeschränkt und verlieren an Lebensqualität. So haben sie zum Beispiel Probleme, zur Arbeit zu fahren oder Freunde zu besuchen. Wenn es nicht mehr möglich ist, zur Arbeit zu gehen, kann die Erkrankung auch zu einem sozialen Abstieg führen.

Mithilfe einer geeigneten Therapie haben Agoraphobiker gute Chancen, ihre Ängste in den Griff zu bekommen. Ohne eine Therapie kann eine Agoraphobie jedoch jahrzehntelang andauern und sich immer weiter verstärken. Die Angst kann so stark werden, dass ein Agoraphobiker nicht oder nur noch in Begleitung in der Lage ist, sein Zuhause zu verlassen. So kann es passieren, dass er sich immer weiter von der Außenwelt isoliert. Erkrankungen wie Depressionen, aber auch Panikattacken können die Folge sein. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die Betroffenen versuchen, ihre Angst langfristig durch Beruhigungsmittel oder Alkohol zu betäuben, was zur Abhängigkeit führen kann.

Vorbeugen

Einer Agoraphobie kann man nicht vorbeugen. Jedoch können Sie frühzeitig reagieren, wenn Sie erste Symptome bei sich oder anderen feststellen.

Wenn Sie bemerken, dass Sie Angst davor haben, sich von Ihrem Zuhause zu entfernen, weil Sie etwa fürchten, im Notfall nicht flüchten zu können, ist es beispielsweise ratsam, dass Sie sich ganz bewusst in die angstmachenden Situation begeben. So können Sie die Angst abbauen. Zögern Sie jedoch nicht, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen, wenn Sie merken, dass Sie die Situation nicht oder nur schwer allein bewältigen können!

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Je eher sie behandelt wird, desto eher kann man die Angst in den Griff bekommen.

Je früher Sie den Teufelskreis von Angst und Vermeidungsverhalten unterbrechen, desto eher verhindern Sie, dass die Agoraphobie chronisch wird.

Insbesondere wenn Sie schon länger unter Ängsten leiden, ist es ratsam, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Denn je länger das Problem besteht, desto mehr Überwindung kostet es Sie, sich Ihren Ängsten zu stellen. Machen Sie den ersten Schritt!

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu „Agoraphobie ”:

Onmeda-Lesetipps:

Forum: Stress, Nervosität & innere Unruhe Arzneimittelinformationen zu Angststörungen

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

Angsthilfe e.V.
Bayerstraße 77a
80335 München
089 / 515553-0
www.angstselbsthilfe.de


Quellen:

Agoraphobie. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 21.4.2015)

Möller, H., Laux, G., Deister, S.: Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, AMWF-Leitlinien-Register Nr. 051 / 028 (Stand: 15.4.2014)

Kasper, S., Volz, H.: Psychiatrie und Psychotherapie compact. Thieme, Stuttgart 2014

Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Schandry, R.: Biologische Psychologie. Beltz, Weinheim 2011

Letzte inhaltliche Prüfung: 26.01.2017
Letzte Änderung: 02.07.2018