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Adrenogenitales Syndrom (AGS)

Letzte Änderung:
Zuletzt bearbeitet von Astrid Clasen • Medizinredakteurin
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Ein adrenogenitales Syndrom (AGS) ist eine erblich bedingte Stoffwechselerkrankung, bei der die Hormonbildung in der Nebennierenrinde gestört ist.

Überblick

Ursache für ein adrenogenitales Syndrom ist ein nicht funktionierendes Enzym. Es gibt verschiedene Enzymdefekte, die ein AGS verursachen können – am häufigsten ist das Enzym namens 21-Hydroxylase betroffen. Allgemein unterscheidet man folgende Verlaufsformen:

Je nachdem, welcher Enzymdefekt für ein adrenogenitales Syndrom verantwortlich ist, ist die Umwandlung von Cholesterin in die Nebennierenrindenhormone Kortisol und Aldosteron an unterschiedlichen Stellen blockiert. Dabei entsteht das AGS einerseits durch den Mangel an Nebennierenrindenhormonen, andererseits durch einen Überschuss an männlichen Geschlechtshormonen (Androgenen):

Ein Kind entwickelt ein adrenogenitales Syndrom nur dann, wenn beide Elternteile das Erbmerkmal für den Enzymdefekt in sich tragen und an das Kind vererbt haben. Die Vererbung läuft unabhängig vom Geschlecht ab, weshalb das AGS sowohl bei Mädchen als auch Jungen vorkommt – allerdings mit unterschiedlichen Symptomen.

Bei Mädchen kann sich ein adrenogenitales Syndrom unter anderem dadurch bemerkbar machen, dass die äußeren Geschlechtsorgane verändert (vermännlicht) sind. Bleibt der Androgenüberschuss unbehandelt, sieht auch ihr Körper zunehmend männlich aus und die Regelblutung bleibt aus. Bei Jungen bewirken die vielen Androgene eine vorzeitige Geschlechtsentwicklung, doch die Hoden bleiben beim AGS klein.

Behandeln lässt sich ein adrenogenitales Syndrom unter anderem durch eine sogenannte Hormonersatztherapie, die den Hormonmangel beheben soll. Bei Mädchen mit AGS besteht zu dem die Möglichkeit, eine Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane operativ zu korrigieren.

Definition

Adrenogenitales Syndrom (AGS) ist ein Sammelbegriff für verschiedene erblich bedingte Stoffwechselerkrankungen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass in der Nebennierenrinde die Bildung von Hormonen gestört ist, weil ein Enzym nicht richtig funktioniert. Unbehandelt wirkt sich dies typischerweise auf die Entwicklung der Keimdrüsen aus.

Adrenogenital bedeutet: die Nebenniere und Keimdrüsen betreffend.

Formen

Meistens ist ein Defekt am Enzym namens 21-Hydroxylase für ein adrenogenitales Syndrom verantwortlich, aber auch andere Enzymdefekte können dahinterstecken. Dabei kann ein AGS in folgenden Formen auftreten:

Häufigkeit

Etwa einer von 10.000 Menschen hat ein klassisches adrenogenitales Syndrom. Doch mindestens 200-mal mehr Menschen tragen das entsprechende Erbmerkmal in sich, ohne selbst an AGS zu erkranken.

Das nicht-klassische AGS tritt deutlich häufiger auf als das klassische: Schätzungsweise einer von 1.000 bis einer von 100 Menschen hat ein adrenogenitales Syndrom der Late-onset-Form.

Ursachen

Als Ursache für ein adrenogenitales Syndrom (AGS) kommen verschiedene Enzymdefekte infrage. Die Nebennieren benötigen die betroffenen Enzyme, um die Hormone Kortisol und Aldosteron zu bilden. Wenn eins der Enzyme nicht richtig funktioniert, entsteht ein Mangel an Nebennierenrindenhormonen. Dann passiert Folgendes:

Hormone der Nebennierenrinde: Kortisol, Aldosteron und Androgene

Das auch als Stresshormon bezeichnete Kortisol ist ein Glukokortikoid. Es erfüllt wichtige Funktionen im Energiehaushalt und wirkt im Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel. Es kann Zucker aus Eiweißen herstellen. Dadurch bleibt der Blutzuckerspiegel auch im Hungerzustand weitgehend konstant. Darüber hinaus wirkt Kortisol entzündungshemmend, unterdrückt Abwehrreaktionen des Körpers und reguliert den Wasserhaushalt (ähnlich wie Aldosteron).

Aldosteron ist ein sogenanntes Mineralokortikoid. Es verhindert, dass der Körper zu viel Salz über die Nieren ausscheidet. Damit reguliert es auch den Wasserhaushalt, denn: Salz bindet an Wasser – wer viel Salz über die Nieren verliert, verliert also auch Wasser. Dies bestimmt wesentlich den Blutdruck: Wenn der Körper zu wenig Aldosteron bildet, bedeutet das einen Salz- und Wasserverlust, wodurch der Blutdruck fällt und ein Salzverlustsyndrom entsteht (typisch hierfür sind neben niedrigem Blutdruck z.B. zu hohe Kaliumwerte im Blut und nächtliche Wadenkrämpfe).

Androgene sind männliche Geschlechtshormone, die einen verstärkten Haarwuchs, Muskelzuwachs und eine tiefe Stimme bewirken. Bei Frauen bewirken sie eine allgemeine Vermännlichung.

Meistens (zu mindestens 90%) entsteht ein adrenogenitales Syndrom dadurch, dass das Enzym 21-Hydroxylase (21-OH) nicht richtig funktioniert. Dieser Enzymdefekt ist autosomal-rezessiv vererbbar – das heißt, Menschen mit AGS haben das ursächliche Erbmerkmal sowohl vom Vater als auch von der Mutter geerbt und die Vererbung ist unabhängig vom Geschlecht des Kindes:

In der Regel vererbt sich ein adrenogenitales Syndrom über einen sogenannten autosomal-rezessiven Erbgang: Das Kind entwickelt also – unabhängig von seinem Geschlecht – nur dann ein AGS, wenn es das ursächliche Erbmerkmal von beiden Elternteilen geerbt hat.

Weitere Enzymdefekte, die ein adrenogenitales Syndrom verursachen können, sind zum Beispiel der 11-beta-Hydroxylase-Defekt (in ca. 5% der Fälle), der 17-alpha-Hydroxylase-Defekt oder der 3-beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase-Defekt. Vereinzelt stecken auch andere, noch seltenere Enzymdefekte hinter einem AGS.

Symptome

Ein adrenogenitales Syndrom (AGS) kann durch verschiedene Symptome gekennzeichnet sein – je nach genauer Ursache für die Stoffwechselstörung und nach Geschlecht der Betroffenen.

Je nachdem, wann ein adrenogenitales Syndrom erstmals deutliche Symptome hervorruft, unterscheidet man klassische und nicht-klassische Verlaufsformen.

Klassisches adrenogenitales Syndrom

Bei Mädchen macht sich ein klassisches adrenogenitales Syndrom bereits bei der Geburt deutlich bemerkbar. Die betroffenen Mädchen haben schon als Neugeborene vermännlichte äußere Geschlechtsorgane, weil sie bereits in der Schwangerschaft zu viele männliche Hormone (Androgene) abbekommen haben. Die Symptome dieser Vermännlichung (bzw. Virilisierung) reichen von einer leichten Klitorisvergrößerung (sog. Klitorishypertrophie) bis hin zur Bildung eines Pseudopenis. Auf die inneren Geschlechtsorgane wirkt sich das AGS hingegen nicht aus – sie sind normal ausgebildet.

Bei Jungen verursacht ein klassisches adrenogenitales Syndrom zunächst keine äußerlich sichtbaren Symptome: Ihre äußeren Geschlechtsorgane sind normal entwickelt.

Unbehandelt führt ein adrenogenitales Syndrom bei Mädchen und Jungen dazu, dass sie zunächst sehr schnell und zu stark wachsen – die Kinder sind für ihr Alter zu groß. Allerdings schließen sich auch die knorpeligen Wachstumszonen der Knochen (sog. Epiphysenfugen) schneller, sodass das Wachstum frühzeitig endet. Ohne rechtzeitige Behandlung sind Erwachsene mit AGS kleinwüchsig.

Wer ein adrenogenitales Syndrom hat und unbehandelt bleibt, ist als Kind größer und als Erwachsener kleiner als der Durchschnitt.

Bei Mädchen führt ein klassisches adrenogenitales Syndrom zu einer vorzeitigen Schambehaarung. Dabei sind die Mädchen allgemein stärker behaart als andere Mädchen. Zudem bekommen sie ein männliches Behaarungsmuster – zum Beispiel Haare an der Oberlippe oder auf der Brust (sog. Hirsutismus). Bei manchen Mädchen mit AGS bleibt auch die Regelblutung aus (sog. Amenorrhö) und die Brust entwickelt sich nicht.

Bei Jungen tritt ein klassisches adrenogenitales Syndrom oft erst durch eine vorzeitige Geschlechtsentwicklung deutlich zutage: In dieser sogenannten Scheinpubertät (bzw. Pseudopubertät) bewirkt der hohe Androgenspiegel, dass Schamhaare und Penis wachsen. Die Hoden sehen aber noch kindlich aus – sie sind, wenn das AGS unbehandelt bleibt, auch später stark verkleinert und können keine Spermien bilden: Die Betroffenen sind zeugungsunfähig.

Weitere Symptome für ein klassisches adrenogenitales Syndrom, die bei beiden Geschlechtern auftreten können, sind:

Klassisches adrenogenitales Syndrom mit Salzverlust

In etwa jedem zweiten Fall geht ein klassisches adrenogenitales Syndrom mit Salzverlust einher. Ein solches Salzverlustsyndrom ist durch zusätzliche Symptome gekennzeichnet, die bereits in den ersten Lebenswochen auftreten und lebensbedrohlich sein können: Die betroffenen Kinder erbrechen, sind teilnahmslos (apathisch) und verlieren stark an Gewicht Es kommt zu schweren Störungen im Mineralhaushalt und zu einer Übersäuerung des Bluts (Azidose).

Nicht-klassisches adrenogenitales Syndrom

Ein nicht-klassisches adrenogenitales Syndrom zeigt sich – wenn überhaupt – deutlich später als die klassische Form: Beim sogenannten Late-onset-AGS treten die Symptome erst in der Pubertät auf. Bei der Geburt fallen die betroffenen Mädchen also noch nicht auf – ihre äußeren Geschlechtsorgane sind normal ausgebildet.

Später macht sich das Late-onset-AGS ähnlich bemerkbar wie ein einfaches klassisches adrenogenitales Syndrom – allerdings sind die Symptome milder ausgeprägt. Die Betroffenen bekommen frühzeitig Schambehaarung. Mädchen beziehungsweise Frauen entwickeln zudem folgende Merkmale:

Wenn ein nicht-klassisches adrenogenitales Syndrom trotz messbarer Veränderungen im Hormonhaushalt keine wesentlichen Symptome verursacht, liegt ein sogenanntes kryptisches AGS vor.

Diagnose

Ein adrenogenitales Syndrom (AGS) kann der Arzt anhand der Symptome und mithilfe einer Blutuntersuchung diagnostizieren: Typischerweise ist die Konzentration bestimmter Hormone bei der Stoffwechselerkrankung um ein Vielfaches erhöht (z.B. 17-alpha-Hydroxyprogesteron, wenn ein Defekt am Enzym namens 21-Hydroxylase hinter dem Syndrom steckt).

Liegt ein adrenogenitales Syndrom mit Salzverlust vor, kann der Arzt im Blut auch einen Mangel an Natrium, einen zu hohen Kaliumspiegel und eine Übersäuerung des Bluts (Azidose) nachweisen. Zudem kann eine Urinuntersuchung zur Diagnose eines AGS beitragen: Im Urin ist die Konzentration von Abbauprodukten der im Übermaß gebildeten Hormone erhöht (z.B. Pregnantriol = Abbauprodukt von 17-alpha-Hydroxyprogesteron).

Wenn sich ein adrenogenitales Syndrom (noch) nicht äußerlich bemerkbar macht, bietet sich der sogenannte ACTH-Test zur Diagnose an: Hierbei bekommt man das adrenocorticotrope Hormon (ein die Nebennierenrinde anregendes Hormon) gespritzt, wodurch die Konzentration von 17-Hydroxyprogesteron deutlich steigt. Der ACTH-Test ist auch geeignet, um festzustellen, ob ein gesunder Mensch das Erbmerkmal für das AGS in sich trägt und somit an seine Kinder vererben kann.

Letzteres gelingt auch durch eine DNA-Untersuchung: In einer Blutprobe lassen sich die Veränderungen am Erbgut (sog. Genmutationen) nachweisen, die für ein adrenogenitales Syndrom verantwortlich sind.

Therapie

Ein adrenogenitales Syndrom (AGS) lässt sich durch Medikamente gut in den Griff bekommen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Therapie individuell so eingestellt ist, dass die Betroffenen jederzeit genau die Dosis erhalten, die sie benötigen – nicht mehr und nicht weniger.

In erster Linie macht ein adrenogenitales Syndrom eine sogenannte Hormonersatztherapie notwendig: Die Therapie besteht darin, das fehlende Hormon Kortisol lebenslang einzunehmen – in der Regel in Form von Tabletten. Nur unter bestimmten Umständen (z.B. bei Erbrechen) kann es beim AGS sinnvoll sein, das Mittel zu spritzen.

Da Kortisol ein Stresshormon ist, benötigt der Körper es in Belastungssituationen verstärkt. Deshalb ist es für Menschen mit adrenogenitalem Syndrom in Stresssituationen (z.B. bei Infekten mit Fieber, Operationen oder einer besonders starken körperlichen Anstrengung) wichtig, die Medikamentendosis zu erhöhen.

Geht ein adrenogenitales Syndrom mit Salzverlust einher, gilt es, außer Kortisol auch noch das fehlende Hormon Aldosteron zu ersetzen. Dies geschieht ebenfalls in Form von Tabletten.

Gegen die für ein adrenogenitales Syndrom bei Frauen typische Vermännlichung (Virilisierung) kann zudem eine Therapie mit einem Antiandrogen (wie Cyproteron) helfen. Sind die äußeren Geschlechtsorgane bei Mädchen vermännlicht (d.h. Klitorisvergrößerung und verkleinerter Scheideneingang), können erfahrene Spezialisten diese operativ korrigieren. In der Regel findet eine solche Operation im ersten Lebensjahr statt.

Wenn ein adrenogenitales Syndrom mehrere solcher Operationen nötig macht, kann für die betroffenen Kinder und Jugendlichen begleitend eine Psychotherapie sinnvoll sein – vor allem dann, wenn sich die Behandlung des AGS bis in die Pubertät oder sogar darüber hinaus erstreckt.

Verlauf & Vorbeugen

Verlauf

Wie ein adrenogenitales Syndrom (AGS) unbehandelt verläuft, hängt in erster Linie von seiner Ursache ab: Während die Stoffwechselerkrankung in manchen Fällen sehr milde ausgeprägt ist und sich erst spät oder gar nicht bemerkbar macht, kann sie im anderen Extremfall schon in den ersten Lebenswochen schwerwiegende Komplikationen (sog. Salzverlustkrise) hervorrufen.

Richtig behandelt nimmt ein adrenogenitales Syndrom aber in der Regel einen guten Verlauf – vorausgesetzt, die nötige Medikamentendosis ist richtig eingestellt, sodass die Betroffenen so viele Hormone bekommen, wie sie brauchen. Das bedeutet: Für eine gute Prognose ist es notwendig, die Medikation individuell festzulegen und regelmäßig zu überprüfen. Wenn dies gelingt, können die betroffenen Frauen und Männer trotz AGS normal Kinder bekommen beziehungsweise zeugen.

Eine Über- oder Unterdosierung der Medikamente gegen ein adrenogenitales Syndrom kann jedoch schwerwiegende Folgen haben – zum Beispiel:

Vorbeugen

Ein adrenogenitales Syndrom ist erblich bedingt – unmittelbar vorbeugen können Sie der Erkrankung daher nicht. Paare, die bereits ein Kind mit AGS haben oder bei denen bekannt ist, dass einer der Partner die erbliche Veranlagung dazu hat, können sich medizinisch beraten lassen, wenn sie sich weitere Kinder wünschen.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Adrenogenitales Syndrom (AGS)":

Linktipps:

  • www.ags-initiative.de
    AGS-Eltern- und Patienteninitiative e.V.: vielfältige Informationen, Adressen, Veranstaltungshinweise usw.

Quellen:

Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2016)

Online-Informationen des Universitätsklinikums Heidelberg: www.klinikum.uni-heidelberg.de (Abrufdatum: 2.3.2016)

Kerbl, R., Kurz, R., Roos, R., Wessel, L.,, Reiter, K.: Checkliste Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2015

Baenkler, H.-W., et al.: Kurzlehrbuch Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2015

Adrenogenitales Syndrom mit 21-Hydroxylase-Defekt (AGS) – Informationsbroschüre für Patienten. Online-Informationen des Netzwerks Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen: www.glandula-online.de (Stand: Februar 2010)

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin e.V. (DGKJ): Adrenogenitales Syndrom. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 027/047 (Stand: 1.1.2010)

Letzte inhaltliche Prüfung: 02.03.2016
Letzte Änderung: 02.04.2019