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Zwangsstörung

Veröffentlicht von Onmeda-Redaktion

Eine Zwangsstörung (früher auch Zwangsneurose genannt) liegt vor, wenn sich einem unangenehme Gedanken und Handlungen wiederholt aufdrängen, ohne sich dagegen wehren zu können – obwohl man sie als unsinnig erkennt. Die Grenze zwischen "normalem" und krankhaftem Zwangsverhalten ist jedoch fließend.

Überblick

Wer hat sich zum Beispiel nach dem Verlassen der Wohnung nicht schon einmal gefragt, ob der Herd oder das Licht ausgeschaltet ist – und ist wie unter Zwang zurückgekehrt, um den Schalter zu kontrollieren? Solche Zwänge kennt praktisch jeder. Bei einer echten Zwangsstörung beeinträchtigen die Zwangserscheinungen jedoch typischerweise den gesamten Alltag. Geben die Betroffenen dem Zwang nicht nach, empfinden sie meist eine unerträgliche Anspannung.

Zwangsstörungen können schon bei Kindern auftreten, beginnen aber meist erst nach Abschluss der Pubertät. Die Symptome einer Zwangsstörung können vielfältig sein. Dabei lassen sich die Zwangssymptome in drei Gruppen unterteilen:

Ihre Ursachen hat eine Zwangsstörung vermutlich in einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren: So scheint zum einen der Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe des Gehirns gestört zu sein. Zum anderen kann man Zwänge als eine Form der Angstbewältigung ansehen: Beispielsweise kann eine starke Angst, sich mit einer Infektionskrankheit anzustecken, zu einem extremen Waschverhalten führen. Erbliche Faktoren können ebenfalls an der Entstehung von Zwangserkrankungen beteiligt sein. Als Auslöser einer Zwangsstörung kommen außerdem belastende Lebensereignisse (z.B. Tod eines Angehörigen) oder Stressfaktoren infrage.

Bei einer Zwangsstörung kommen zur Therapie Psychopharmaka und psychotherapeutische Methoden zum Einsatz. Durch die Kombination beider Behandlungsverfahren gelingt es meist, erfolgreich gegen Zwangsstörungen vorzugehen.

Allgemein gilt: Je früher bei einer Zwangsstörung die Behandlung beginnt, desto günstiger ist die Prognose.

Definition

Eine Zwangsstörung (früher auch als Zwangsneurose bezeichnet) ist eine psychische Störung, die gekennzeichnet ist durch unangenehme Gedanken, Handlungsimpulse oder Handlungen, die sich einem Menschen aufdrängen.

Eine Zwangsstörung liegt per Definition vor, wenn

  • die Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen bestehen und
  • die Betroffenen sie als zur eigenen Person gehörig und als sinnlos empfinden, weshalb sie sich zumindest teilweise dagegen wehren.

Obwohl Menschen mit einer Zwangsstörung die sich aufdrängenden Gedanken oder Handlungsimpulse als unsinnig erkennen und versuchen, Widerstand dagegen zu leisten, können sie ihr Auftreten nicht verhindern: Geben sie dem Zwang nicht nach, empfinden sie meist unerträgliche Anspannung und Angst.

Auch bei gesunden Menschen treten manchmal Verhaltensweisen auf, die einer Zwangsstörung ähneln: So fragen sich viele Menschen (ähnlich einem Kontrollzwang) nach dem Verlassen des Hauses, ob der Herd tatsächlich ausgeschaltet ist. Obwohl man den Herd immer ausmacht, lässt einem dieser Gedanke keine Ruhe, sodass man vorsichtshalber doch ein Blick in der Küche wirft. Viele Menschen haben auch (ähnlich einem Waschzwang, Putzzwang oder Ordnungszwang) ein großes Bedürfnis nach penibler Sauberkeit und können es kaum ertragen, wenn jemand ihre übliche Ordnung durcheinanderbringt.

Doch was diese Verhaltensweisen von krankhaftem Zwangsverhalten unterscheidet, ist, dass bei Menschen mit einer Zwangsstörung die Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken den gesamten Alltag beeinträchtigen: Die Zwangsstörung kann so weit führen, dass der größte Teil des Tages mit Zwangshandlungen ausgefüllt ist.

Allerdings ist es nicht möglich, eine scharfe Grenze zwischen normalem zwangsähnlichen Verhalten und krankhaften Zwangserscheinungen zu ziehen.

Häufigkeit

Die Zwangsstörung oder Zwangserkrankung hat eine Häufigkeit von etwa 2 Prozent (d.h.: ca. 2 von 100 Menschen sind betroffen). Einzelne Zwangssymptome sind bei ungefähr 8 Prozent der Bevölkerung zu finden. Meist entwickeln sich die ersten Zwangssymptome nach Abschluss der Pubertät bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen; Zwangsstörungen können aber auch schon bei Kindern auftreten oder später beginnen.

Während im Erwachsenenalter Frauen häufiger eine Zwangsstörung haben als Männer, entwickelt im Kindes- und Jugendalter das männliche Geschlecht öfter Zwangssymptome als das weibliche.

Ursachen

Worin genau eine Zwangsstörung ihre Ursachen hat, ist schwer zu bestimmen. Dass an ihrer Entstehung mehrere (organische, psychologische und äußere) Faktoren zusammenwirken, zeigen die vielen verschiedenen Zusammenhänge, in denen Zwangserscheinungen auftreten können.

So kann es bei den unterschiedlichsten Erkrankungen zu Zwang bis hin zur Zwangsstörung kommen: Häufig treten Zwangssymptome zum Beispiel gemeinsam mit depressiven Störungen, Ängsten, hypochondrischen Störungen, Alkoholmissbrauch und Essstörungen auf. Bei Schizophrenie können im Anfangsstadium Zwangssymptome vorherrschen, die aber später zurückgehen. Darüber hinaus sind Zwangsstörungen bei Erkrankungen des Gehirns (z.B. Parkinson, Chorea Huntington) verbreitet.

Dies bedeutet allerdings nicht automatisch, dass eine Zwangsstörung ihre Ursachen in der gleichzeitig bestehenden Erkrankung hat.

Als Auslöser der Zwangsstörung kommen in bis zu sieben von zehn Fällen ein belastendes Lebensereignis (wie der Verlust eines nahe stehenden Menschen) oder Stressfaktoren (wie Hausbau) infrage. Wer gesund ist, kann ebenfalls vorübergehend Zwangssymptome entwickeln – zum Beispiel:

Eine echte Zwangsstörung liegt allerdings nur dann vor, wenn Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen vorherrschen und keine andere psychische Erkrankung besteht.

Biologische Faktoren

Für eine Zwangsstörung spielen als Ursachen unter anderem biologische Faktoren eine wichtige Rolle: So stehen Zwangserkrankungen nachweislich in Zusammenhang mit einer gestörten Funktion bestimmter Regionen im Gehirn (Basalganglien, limbisches System und Frontalhirn). Beim Zusammenwirken dieser Hirnstrukturen spielt der Botenstoff Serotonin, der an der Impulskontrolle beteiligt ist, eine wichtige Rolle. Durch Medikamente, welche die Wiederaufnahme von Serotonin hemmen, bessert sich eine Zwangsstörung meistens. Ein ähnliches Ergebnis tritt ein, wenn man die Verbindung zwischen zwei der beteiligten Hirnregionen (Basalganglien und Frontalhirn) chirurgisch unterbricht. Dies spricht dafür, dass es eine biologisch bedingte Anfälligkeit für Zwangsstörungen gibt.

Auch die ausgeprägte familiäre Häufung von Zwangsstörungen weist darauf hin, dass biologische Faktoren an der Entstehung einer Zwangsstörung beteiligt sind: Je höher der Verwandtschaftsgrad zu einem Menschen mit Zwangsstörung ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls eine Zwangsstörung zu entwickeln. Dies zeigt sich zum Beispiel deutlich bei Zwangserkrankungen unter Zwillingen:

Psychologische Faktoren

Für eine Zwangsstörung sind als Ursachen auch psychologische Faktoren bedeutend. Die teils sehr unterschiedlichen Erklärungsmodelle hierzu haben eins gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass bei der Entstehung von Zwangssymptomen Angst eine Rolle spielt.

Aus früherer psychoanalytischer Sicht hat die Zwangsstörung ihre Ursachen in der Fixierung auf die anale Phase: Als anale Phase bezeichnet man eine Entwicklungsstufe von Kindern (etwa im zweiten oder dritten Lebensjahr). In dieser Zeit lernen Kinder, ihren Schließmuskel willentlich zu beherrschen; die Ausscheidung erleben sie als lustvoll. Gleichzeitig lernen sie, wie sie Befriedigung aufschieben und Kontrolle über triebhafte Bedürfnisse gewinnen können.

Erfahren Kinder in der Zeit nicht genug Befriedigung (z.B. wegen einer sehr strengen Sauberkeitserziehung durch die Eltern), kann es zu einer Fixierung auf der analen Entwicklungsstufe kommen: Menschen mit einer Zwangsstörung haben in dem Fall – zumindest unbewusst – auch später noch mit den unbefriedigten Bedürfnissen aus der analen Phase zu kämpfen (z.B. mit dem Wunsch, mit dem eigenen Kot zu spielen). Da sie (oder die Umgebung) die Befriedigung dieser Bedürfnisse aber nicht zulassen, treten Abwehrmechanismen auf, um diese Regungen zu unterdrücken. Auf diese Weise kann sich der eigentliche Wunsch (z.B. nach Beschmutzung) in das genaue Gegenteil (wie penible Sauberkeit) umkehren. Die Zwangssymptome dienen dabei als eine Art Ausgleich zwischen angstauslösenden Regungen und der dagegen aufkommenden Abwehr.

Spätere psychoanalytische Erklärungsmodelle zur Zwangsstörung sehen die Ursachen vor allem in Störungen in der frühen Entwicklung der Selbstständigkeit: Wenn eine strenge Erziehung kleine Kinder stark eingeschränkt, sodass sich Spontaneität und eigener Wille nicht entfalten können, entwickeln die Kinder leicht Trennungsängste und Abhängigkeitskonflikte – und haben dementsprechend ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Zwangssymptome können in solchen Fällen verschiedene Funktionen erfüllen. In erster Linie dienen sie auch hier der Angstbewältigung – zum Beispiel der Bewältigung starker Verlustängste.

Aus früher lerntheoretischer Sicht beruht eine Zwangsstörung auf Lernerfahrungen (z.B. Verringerung unangenehmer Empfindungen durch Rituale). Dabei geht die Lerntheorie ebenfalls davon aus, dass Zwänge und Angst miteinander zusammenhängen. Besteht etwa eine krankhafte Angst, sich zu beschmutzen oder durch das Anfassen schmutziger Gegenstände eine ansteckende Krankheit zu bekommen, bewältigen die Betroffenen diese Angst, indem sie sich die Hände waschen. Diese Handlung vermindert die Angst. Die Betroffenen wiederholen die Handlung, weil sich dadurch vermeiden lässt, dass die Angst erneut auftritt. Auf diese Weise tritt die Zwangshandlung an die Stelle der Angst.

Neuere kognitive Modelle zur Entstehung von Zwangssymptomen besagen, dass eine Zwangsstörung als Ursachen vor allem individuelle Besonderheiten in der Wahrnehmung hat (sog. kognitive Besonderheiten – z.B. irrige Überzeugungen oder die Art, wie man Informationen verarbeitet und bewertet). Danach sind sich aufdrängende Gedanken weit verbreitet und "normal" – Menschen mit einer Zwangsstörung gehen jedoch anders mit ihnen um: Manche sind zum Beispiel wegen der einschießenden Gedanken überzeugt, eine Bedrohung für andere darzustellen (z.B. weil sie befürchten, die angelassene Herdplatte könnte ein Feuer im Haus verursachen) – und führen Verhaltensweisen aus, um die befürchteten Folgen zu verhindern und so ihre Angst- und Schuldgefühle zu verringern.

Symptome

Die für eine Zwangsstörung typischen Symptome sind sich aufdrängende Gedankeninhalte oder Handlungen, die sich nicht vermeiden oder unterdrücken lassen, obwohl die Betroffenen sie als sinnlos erleben. Je nach Art dieser Zwangssymptome unterscheidet man:

Bei dem Versuch, sich der Zwangsstörung zu widersetzen, entsteht eine intensive innere Spannung und Angst. Die Zwangssymptome wiederholen sich auf immer gleiche Weise und verstärken sich oft unter Einfluss von Stress.

Bei vielen Menschen mit einer Zwangsstörung treten Symptome für eine weitere Krankheit auf, was sich typischerweise negativ auf den Krankheitsverlauf auswirkt. So können zum Beispiel Nervenerkrankungen (wie Chorea Huntington, Morbus Parkinson) mit Zwangssymptomen einhergehen. Häufig treten Zwangsstörungen jedoch zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf – dazu gehören:

Je nach Art der Zwangssymptome kann auch die Zwangsstörung selbst körperliche Symptome verursachen: Wer sich zum Beispiel zwanghaft ständig wäscht, entwickelt oft enorme Hautprobleme.

Zwangsgedanken

Menschen mit einer Zwangsstörung empfinden Zwangsgedanken als sehr belastende Symptome – entweder wegen des Inhalts oder der Sinnlosigkeit dieser ständig wiederkehrenden Ideen oder Vorstellungen. Zwangsgedanken können sich zwar um ähnliche Dinge drehen wie alltägliche Gedanken und Befürchtungen, sind aber deutlich eindringlicher. Die Betroffenen versuchen (meist vergeblich), die Zwangsvorstellungen zu unterdrücken. Schließlich fühlen sie sich den Zwangsgedanken hilflos ausgeliefert.

Die Inhalte von Zwangsgedanken können sehr unterschiedlich sein. Besonders verbreitet sind bei einer Zwangsstörung folgende Symptome:

Aber auch andere Zwangsvorstellungen (wie religiöse Zwangsgedanken) können bei einer Zwangsstörung auftreten. Oft entstehen die Symptome als Gegenimpuls zu einer Situation: Ein Beispiel hierfür ist das zwanghafte Aufdrängen gotteslästerlicher Worte in der Kirche oder der Zwang, bei besonders feierlichen Anlässen aufspringen und ordinäre Beschimpfungen von sich geben zu wollen. Über zwei Drittel aller Zwangsstörungen sind durch mehrere Arten von Zwangsgedanken gekennzeichnet.

Nur selten sind Zwangsgedanken bei einer Zwangsstörung die einzigen Symptome – meistens treten Zwangsgedanken gemeinsam mit Zwangshandlungen auf.

Zwangsimpulse

Neben Zwangsgedanken können bei einer Zwangsstörung auch Symptome auftreten, die man als Zwangsimpulse bezeichnet: Die Betroffenen verspüren dann einen sich zwanghaft aufdrängenden, unwillkürlichen Antrieb zu einer bestimmten Handlung. Sie leben in der ständigen Angst, diese Handlung tatsächlich auszuführen – was aber meist nicht geschieht.

Wie Zwangsgedanken können auch die Zwangsimpulse bei einer Zwangsstörung unterschiedlich sein. Die Symptome sind jedoch meist sexueller oder aggressiver Natur: Typisch ist beispielsweise der Impuls, unkontrollierte sexuelle Handlungen auszuführen oder das eigene geliebte Kind zu verletzen oder zu töten. Aggressive Zwangsimpulse können auch eine gegen sich selbst gerichtete Aggression beinhalten – zum Beispiel den Impuls, von einer Brücke oder einem Hochhaus zu springen.

Bei aggressiven Inhalten ist die Angst, den Zwangsimpuls auszuführen, besonders groß.

Zwangshandlungen

Meist treten bei einer Zwangsstörung als Symptome auch Zwangshandlungen auf. Eine Zwangshandlung ist eine Handlung, die man zwanghaft gegen oder ohne seinen Willen ausführt: Obwohl die Betroffenen die Handlungen als sinnlos empfinden, fühlen sie sich gezwungen, sie immer wieder und immer auf gleiche Weise zu wiederholen.

Kommt es bei einer Zwangsstörung zu verschiedenen Zwangshandlungen, können sich diese auch zu einem umfassenden Zwangsritual zusammenfügen, das die Betroffenen dann in bestimmter Form und Häufigkeit ausführen müssen.

Meist sind Zwangsimpulse oder Zwangsbefürchtungen der Grund für zwanghaftes Verhalten – wobei es den Betroffenen vorkommt, als würden sie durch die Zwangshandlungen eine drohende Gefahr abwenden. Versuchen Menschen mit einer Zwangsstörung, eine Zwangshandlung zu unterlassen, tritt eine intensive innere Anspannung und Angst auf.

Zwangshandlungen können wie die anderen mit einer Zwangsstörung verbundenen Symptome sehr variabel ausfallen. Am häufigsten treten im Rahmen einer Zwangsstörung folgende Zwangshandlungen auf:

Daneben können bei einer Zwangsstörung als seltenere Symptome andere Zwangshandlungen – wie Berührungszwänge oder Sammelzwänge – auftreten. In jedem Fall kommt eine Zwangshandlung selten allein: Über die Hälfte aller Menschen mit einer Zwangsstörung führen im gleichen Zeitraum mehrere Zwangshandlungen wiederholt aus.

Diagnose

Bei einer Zwangsstörung erfolgt die Diagnose anhand einer Untersuchung auf verschiedenen Ebenen: In Interviews fragt der Arzt die Symptome und begleitenden Gedanken ab. Wenn die Möglichkeit besteht, das symptomatische Verhalten zu beobachten beziehungsweise die Betroffenen zur Selbstbeobachtung anzuhalten, kann der Arzt wichtige zusätzliche Informationen über die Problematik der Betroffenen gewinnen. Darüber hinaus stehen verschiedene Fragebögen zur Verfügung, mit denen man den Verlauf der Zwänge erfassen und beurteilen kann.

Um eine Zwangsstörung diagnostizieren zu können, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: Es müssen mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen Zwangshandlungen und/oder Zwangsgedanken aufgetreten sein, die die Betroffenen als quälend erlebt oder die ihre normalen Aktivitäten gestört haben.

Da Zwangssymptome nicht nur bei einer Zwangsstörung auftreten können, ist es bei der Diagnose außerdem ratsam, andere Ursachen auszuschließen: Zwangserscheinungen können zum Beispiel ein Anzeichen für depressive Störungen, Ängste, hypochondrische Störungen oder eine beginnende Schizophrenie sein. Nur wenn die Zwangssymptome die vorliegende Störung dominieren und daneben keine andere psychische Erkrankung vorliegt, spricht man von einer Zwangsstörung.

Therapie

Bei einer Zwangsstörung sind zur Therapie sowohl Medikamente als auch eine Psychotherapie geeignet: Durch die Kombination beider Behandlungsmethoden gelingt es meist, erfolgreich gegen Zwangsstörungen vorzugehen – das heißt: den Leidensdruck deutlich zu vermindern sowie die Kontrolle und Bewältigung der Beschwerden zu verbessern.

Medikamente

Gegen eine Zwangsstörung können zur Therapie Medikamente zum Einsatz kommen, um die gestörten Hirnfunktionen positiv zu beeinflussen: Hierzu geeignet sind Mittel, welche die Wiederaufnahme des an der Impulskontrolle beteiligten Botenstoffs Serotonin hemmen, aber auch Medikamente, mit denen man üblicherweise Depressionen behandelt und die sich ebenfalls auf den Serotoninhaushalt auswirken.

Erst nach einem Zeitraum von etwa zehn Wochen zeigt sich, ob die Medikamente gegen die Zwangsstörung helfen: Die Therapie gilt dann als erfolgreich, wenn Sie sich subjektiv fähig fühlen, die Symptome Ihrer Zwangsstörung zu kontrollieren.

Psychotherapie

Bei einer Zwangsstörung ist neben der medikamentösen Therapie eine Psychotherapie hilfreich: Diese sogenannte Verhaltenstherapie beginnt damit, Ihre Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sowie die Situationen, in denen sie auftreten, zu analysieren. Dann leitet der Therapeut Sie an, sich den angstauslösenden Situationen bewusst auszusetzen, dabei aber die Zwangshandlung zu unterdrücken. So sollen Sie die Erfahrung machen, dass die befürchteten Folgen ausbleiben – dass beispielsweise das Anfassen schmutziger Gegenstände nicht zu einer Erkrankung führt und somit auch die den Zwangshandlungen zugrunde liegende Angst verschwindet.

Diese Konfrontationsmethode erfolgt stufenweise: Man beginnt mit der am wenigsten belastenden Situation und fährt dann langsam bis zur problematischsten Situation fort. Häufig kommen bei einer Zwangsstörung auch Entspannungsverfahren, wie autogenes Training, zusammen mit dieser Methode zur Behandlung zum Einsatz.

Das Ziel der als kognitive Verhaltenstherapie bezeichneten Psychotherapie besteht darin, dass Sie auf der kognitiven (Denkvorgänge und Beurteilungen betreffenden) Ebene lernen, die Zwangssymptome Ihrer Zwangsstörung als solche zu erkennen: Dies soll es Ihnen ermöglichen, sich von Ihren Befürchtungen zu distanzieren und Widerstand gegen den Zwang zu leisten.

Dabei kann eine als Gedankenstopp bezeichnete Technik hilfreich sein: Hier sollen Sie sich in dem Moment, in dem Ihre Befürchtungen auftreten, das Wort "Stopp" denken oder aussprechen, um so den störenden Gedanken zu unterdrücken. Um der Isolation und dem sozialen Rückzug entgegenzuwirken, die für eine Zwangsstörung typisch sind, ist es ratsam, bei der Therapie Ihr Umfeld (z.B. Ihre Familie) mit einzubeziehen.

Verlauf

Eine Zwangsstörung setzt oft im Verlauf der Kindheit oder Jugend ein. Durchschnittlich treten die ersten Zwangssymptome im Alter von 20 Jahren auf. Die meisten Zwangsstörungen verlaufen chronisch, wobei die Stärke der Beschwerden schwanken kann.

Die Prognose der Zwangsstörung hat sich jedoch durch die Kombination von Medikamenten und psychotherapeutischer Behandlung in den letzten Jahren erheblich verbessert!

In etwa der Hälfte aller Fälle kann man die Zwangsstörung heilen oder zumindest den Leidensdruck deutlich vermindern sowie Kontrolle und Bewältigung der Beschwerden stark verbessern. Und auch wo dies nicht gelingt, besteht durch die Behandlung die Chance, leichte Verbesserungen der Zwangsstörung zu erzielen und ihren fortschreitenden Verlauf zu verhindern.

Insgesamt ist die Prognose einer Zwangsstörung umso günstiger, je früher ihre Diagnose und Therapie erfolgt.

Die frühzeitige und konsequente Therapie einer Zwangsstörung ist deswegen wichtig, weil Zwangsstörungen dazu neigen, sich auszubreiten: Dann beeinträchtigen sie immer größere Teile des Alltags – allein schon deshalb, weil Zwangshandlungen und Zwangsrituale so viel Zeit in Anspruch nehmen können, dass andere Aktivitäten (z.B. der Beruf) zu kurz kommen. Sozialer Rückzug und Isolation sind häufige Folgen einer Zwangsstörung, in ihrem Verlauf können aber auch körperliche Schädigungen auftreten: So waschen die Betroffenen etwa beim Waschzwang die Hände aus Angst vor Verschmutzung manchmal so oft, dass sich Ekzeme bilden. Die Zwangssymptomatik kann so ausgeprägt sein, dass den Betroffenen der Selbstmord als der einzige Ausweg erscheint.

Vorbeugen

Sie können der Entstehung einer Zwangsstörung nicht vorbeugen. Wenn Sie von Zwangsgedanken, Zwangshandlungen oder Zwangsimpulsen betroffen sind, können Sie jedoch möglicherweise mithilfe einer Psychotherapie sowie durch eingehende Information (auch Ihrer Angehörigen) ein erneutes Auftreten der Zwangsstörung verhindern.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Zwangsstörung":

Linktipps:

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:

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Quellen:

Online-Informationen von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (Hrsg.): www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org (Abrufdatum: 30.12.2014)

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Stand: 30. Dezember 2014