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Renale Anämie

Letzte Änderung:
Nächste Aktualisierung von Lydia Klöckner • Medizinredakteurin
Dieser Artikel wurde nachNach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst.

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Die renale Anämie ist eine bei Niereninsuffizienz (Nierenversagen) auftretende – also nierenbedingte – Blutarmut.

Überblick

Eine Nierenerkrankung kann bereits früh eine renale Anämie auslösen, wenn die Nierenfunktion noch zu 20 bis 50 Prozent erhalten ist. Wenn jedoch aufgrund des fortschreitenden Nierenversagens eine Dialyse (Blutwäsche) oder Nierentransplantation nötig ist, besteht fast immer eine Blutarmut (Anämie).

Hauptsächlich hat die renale Anämie ihre Ursachen in einem Hormonmangel, der sich infolge der gestörten Nierenfunktion entwickelt: Die Nieren bilden das Hormon Erythropoetin, das die Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark anregt. Bei Nierenversagen bilden die Nieren das Hormon in zu geringer Menge, sodass eine Blutarmut entsteht. Die renale Anämie ist also durch eine verminderte Zahl roter Blutkörperchen gekennzeichnet.

Eine nur leicht ausgeprägte renale Anämie verursacht in Ruhe oft keine Symptome. Erst bei körperlicher Belastung kommt es zu Beschwerden wie:

Eine schwere nierenbedingte Blutarmut ruft diese Beschwerden auch in Ruhe hervor. Weitere mögliche Symptome sind eine erhöhte Herzfrequenz (da der Körper versucht, den Blutmangel durch einen schnelleren Blutfluss auszugleichen) und eine blasse Haut.

Um eine renale Anämie bei bekannter Nierenerkrankung zu diagnostizieren, ist ein Blutbild geeignet. Dabei interessieren den Arzt vor allem die Anzahl der roten Blutzellen (Erythrozyten), deren Gehalt an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) und den Anteil der roten Blutkörperchen am Gesamtblut (Hämatokrit). Zur Therapie einer renalen Anämie kommt gentechnisch hergestelltes Erythropoetin (EPO) zum Einsatz. Betroffene erhalten das Hormon per Spritze. Es bewirkt, dass sich im Körper wieder vermehrt rote Blutkörperchen bilden und behebt so in den meisten Fällen die Blutarmut.

Definition

Die renale Anämie ist per Definition eine Blutarmut im Rahmen einer Niereninsuffizienz (renal von lat. ren = Niere). Sie äußert sich durch eine zu geringe Anzahl roter Blutkörperchen (sog. Erythrozyten). Infolge der Nierenerkrankung bilden die Nieren zu geringe Mengen des Hormons Erythropoetin. Das Hormon regt normalerweise das Knochenmark dazu an, rote Blutkörperchen zu produzieren. Der in den Erythrozyten enthaltene eisenhaltige rote Blutfarbstoff (Hämoglobin, Hb) ist für den Transport des Sauerstoffs zu den Organen, zum Gehirn und zur Muskulatur verantwortlich.

Bei einem Mangel an roten Blutkörperchen ist der Organismus nur noch unzureichend mit Sauerstoff versorgt: Diese mangelhafte Sauerstoffversorgung erklärt die für eine renale Anämie typischen Anzeichen (wie Blässe und Leistungsabfall).

Die Normwerte für den roten Blutfarbstoff (HB) betragen:

  • bei Frauen über 12 Gramm pro Deziliter
  • bei Männern über 13,5 Gramm pro Deziliter

Eine renale Anämie oder eine Blutarmut durch andere Ursachen liegt dann vor, wenn der Wert unter dem Normwert liegt. Die normale Zahl roter Blutkörperchen im Blut beträgt

Häufigkeit

Je fortgeschrittener die chronische Nierenerkrankung ist, desto eher tritt eine renale Anämie auf: Macht das Nierenversagen eine Dialyse (Blutwäsche) oder Nierentransplantation notwendig, liegt fast immer auch eine Blutarmut vor.

In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner etwa 175 Menschen mit Nierenversagen. Jeder 2. bis 3. Betroffene ist Diabetiker. Bei etwa 70.000 Menschen liegt der höchste Schweregrad von chronischem Nierenversagen vor (sog. terminale Niereninsuffizienz), sodass eine Dialyse erforderlich ist. Doch auch zu einem früheren Zeitpunkt der Nierenerkrankung, wenn noch 20 bis 50 Prozent der Nierenfunktion erhalten sind, kann eine renale Anämie entstehen.

Ursachen

Die Ursachen der renalen Anämie liegen in einer Funktionsstörung der Niere (lat.: ren): Die Blutarmut ist also nierenbedingt. Eine solche Niereninsuffizienz kann bereits in einem frühen Stadium eine renale Anämie auslösen, wenn noch 20 bis 50 Prozent der Nierenfunktion erhalten sind. Zu dem Zeitpunkt, an dem ein chronisches Nierenversagen eine Dialyse (Blutwäsche) oder Nierentransplantation notwendig macht, besteht beinahe immer eine Blutarmut.

Hauptursache der renalen Anämie ist gewöhnlich, dass der Körper bei einer Niereninsuffizienz zu wenig rote Blutkörperchen (Erythrozyten) bildet. Der Grund hierfür ist ein Hormonmangel: Die gesunden Nieren bilden 90 bis 95 Prozent des Hormons Erythropoetin, das im Knochenmark die Bildung roter Blutkörperchen anregt. Ist die Funktion der Nieren durch eine chronische Nierenerkrankung gestört, können die Nieren das Hormon häufig nicht mehr in ausreichender Menge bilden. Der nierenbedingte Erythropoetinmangel wiederum führt dazu, dass das Knochenmark zu wenig rote Blutkörperchen bildet – es entsteht eine renale Anämie. Die Blutarmut macht sich relativ schnell bemerkbar, weil rote Blutkörperchen eine eingeschränkte Lebenszeit von 120 Tagen haben und der Körper sie deshalb ständig nachbilden muss.

Zusätzliche Ursachen für den Mangel an roten Blutkörperchen bei chronischer Niereninsuffizienz und somit für eine renale Anämie sind:

Das für eine renale Anämie verantwortliche Nierenversagen kann verschiedene Ursachen haben, zum Beispiel:

Symptome

Eine renale Anämie (nierenbedingte Blutarmut) löst dieselben Symptome aus wie eine Anämie mit anderer Ursache. Zusätzlich liegen typischerweise Anzeichen der zugrundeliegenden Niereninsuffizienz vor.

Je nach Schweregrad der Blutarmut hat die renale Anämie selbst unterschiedliche Folgen: Erstes Anzeichen für die mangelhafte Sauerstoffversorgung des Körpers ist oft ein Leistungsabfall – die Betroffenen ermüden rasch und verspüren eine Schwäche sowie Atemnot. Ist die Blutarmut nur leicht ausgeprägt, kann es sein, dass diese Symptome erst bei körperlicher Belastung auftreten – in Ruhe sind die Betroffenen dann beschwerdefrei. Eine stark ausgeprägte renale Anämie löst diese Symptome auch in Ruhe aus.

Die renale Anämie verursacht als weitere Symptome eine blasse Haut und in manchen Fällen auch eine erhöhte Herzfrequenz (da der Körper versucht, die mangelnde Sauerstoffversorgung des Organismus durch einen schnelleren Blutfluss auszugleichen). Die bei Blutarmut typische Blässe ist – vor allem bei dunkler Hautfarbe – besonders gut an den Schleimhäuten (Mundschleimhaut, Unterlid) sichtbar.

Auch die für die renale Anämie verantwortliche Niereninsuffizienz kann Symptome auf der Haut hervorrufen: Durch die gelben Harnfarbstoffe (Urochromen), die sich bei chronischem Nierenversagen in der Haut ablagern können, hat die Haut zusammen mit der Blässe manchmal eine typische Milchkaffeefarbe. Des Weiteren können bei Menschen mit einer nierenbedingten Blutarmut beispielsweise folgende Symptome der Nierenschädigung auftreten:

Diagnose

Bei Verdacht auf eine renale Anämie (nierenbedingte Blutarmut) bietet sich zur Diagnose ein sogenanntes Blutbild an: Die Laborwerte geben dem Arzt einen Überblick über die Anzahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten, ihren Gehalt an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) und den Anteil der Blutzellen am Gesamtblut (Hämatokrit). Wenn eine renale Anämie besteht, ist die Anzahl an Erytrhrozyten bei normalem Hämoglobingehalt pro rotem Blutkörperchen verringert. Dies drückt sich auch in einem verminderten Anteil der Blutzellen am Gesamtblut aus. Ein Verdacht auf eine renale Anämie ergibt sich, wenn bei Niereninsuffizienz (Nierenversagen) Symptome einer Blutarmut vorliegen.

Wenn eine Anämie bei Niereninsuffizienz besteht, ist es für die nachfolgende Behandlung wichtig abzuklären, ob es sich wirklich um eine renale Anämie handelt, das heißt die Ursache der Blutarmut tatsächlich in der Niereninsuffizienz liegt. Daher achtet der Arzt bei der Diagnose darauf, folgende andere mögliche Ursachen für eine Blutarmut auszuschließen (Ausschlussdiagnose):

Therapie

Gegen eine renale Anämie (nierenbedingte Blutarmut) ist in der Regel eine Therapie mit einem bestimmten gentechnisch hergestellten Hormon wirksam:

Die meisten bei Niereninsuffizienz (Nierenversagen) auftretenden Anämien entstehen durch einen Mangel am Hormon Erythropoetin (EPO). In dem Fall kann eine EPO-Therapie den Hormonmangel ausgleichen und so die Blutarmut beheben.

Die Therapie steigert in vielen Fällen die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Betroffenen.

Wenn Sie gegen Ihre renale Anämie eine EPO-Therapie erhalten, ist es ratsam, zusätzlich Eisen zu sich nehmen, denn: Die EPO-Behandlung regt die Blutbildung an, weshalb gleichzeitig der Eisenbedarf des Körpers ansteigt.

Das Erythropoetin wird vom Arzt unter die Haut (subkutan) oder in die Vene (intravenös) verabreicht. Die Nebenwirkungen von EPO sind meist gering. In einigen Fällen kann während der ersten zwölf Therapiewochen der Blutdruck ansteigen. Da das Blut aufgrund der erhöhten Zahl roter Blutkörperchen zähflüssiger ist, steigt das Risiko für Blutgerinnsel (Thrombosen). Diese können vor allem in sogenannten Dialyse-Shunts entstehen. Dabei handelt es sich um eine operativ angelegten Kurzschlussverbindung am Arm zwischen einer Vene und einer Arterie. Der Dialyse-Shunt ermöglicht eine ausreichende Blutentnahme für die Dialyse.

Vor der Zulassung der EPO-Behandlung machte eine renale Anämie regelmäßige Bluttransfusionen zur Therapie nötig. Dies war mit Risiken verbunden, die nun durch die EPO-Therapie entfallen: Die Bluttransfusionen hemmten die noch vorhandene körpereigene Bildung roter Blutkörperchen und überluden den Organismus mit Eisen. Daneben bestand ein – wenn auch sehr geringes – Risiko der Übertragung von Virusinfektionen wie Hepatitis oder HIV. Außerdem waren möglicherweise geringe Mengen Fremdeiweiß im Spenderblut enthalten, die eine übersteigerte Reaktion des Immunsystems auslösen und somit den Organismus sensibilisieren konnten. Dadurch konnte nach einer Nierentransplantation das Risiko einer Abstoßung erhöht sein.

Verlauf

Ob eine renale Anämie (nierenbedingte Blutarmut) einen leichten Verlauf nimmt oder nicht, hängt vom Ausmaß der zugrundeliegenden Nierenschädigung ab. Je geringer die Einschränkung der Nierenfunktion bei einer Niereninsuffizienz (Nierenversagen), desto schwächer ist die hierdurch ausgelöste Blutarmut. Eine leicht ausgeprägte renale Anämie verursacht meist nur leichte Beschwerden. In den meisten Fällen gelingt es, sie durch Medikamente zu beheben.

Unbehandelt wirkt sich eine renale Anämie negativ auf die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit aus und kann im weiteren Verlauf die Lebenserwartung verkürzen.

Vorbeugen

Eine renale Anämie (nierenbedingte Blutarmut) entsteht durch chronische Niereninsuffizienz (Nierenversagen). Vorbeugen können Sie ihr demnach, indem Sie die Entstehung eines Nierenversagens nach Möglichkeit verhindern.

Möchten Sie einer Niereninsuffizienz – als Ursache der renalen Anämie – vorbeugen, ist eine gesunde Lebensweise ebenso wichtig wie die rechtzeitige und konsequente Behandlung von Erkrankungen, die unbehandelt eine dauerhafte Schädigung der Nieren hervorrufen können, dazu zählen:

Außerdem kann eine übermäßige Einnahme bestimmter Schmerzmittel die Nieren schädigen.

Wenn Sie bereits eine chronische Nierenerkrankung haben, ist es in jedem Fall ratsam, regelmäßig Ihre Blutwerte kontrollieren zu lassen, um eine renale Anämie frühzeitig erkennen und beheben zu können: Dies kann den möglichen Folgen der Blutarmut vorbeugen.

Weitere Informationen


Linktipps:

  • www.niere.org Medizinische Informationen rund um die Niere, Neues aus der Forschung, Tipps für Dialysepatienten etc.
  • www.dialyse-online.de weiterführende Informationen zur renalen Anämie

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2015)

Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2015

Online Informationen der Deutsche Gesellschaft für Nephrologie: www.dgfn.eu (Abrufdatum: 6.5.2015)

Geberth, S., Nowack, R.: Praxis der Dialyse. Springer, Berlin 2014

Hautmann, R.: Urologie. Springer, Berlin Heidelberg 2014

Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. De Gruyter, Berlin 2014

Hörl, W.H., Wanner, C. (Hrsg.): Dialyseverfahren in Klinik und Praxis. Thieme, Stuttgart 2004

Letzte inhaltliche Prüfung: 15.07.2015
Letzte Änderung: 16.07.2015