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Schizoide Persönlichkeitsstörung

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin

Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung wirken auf andere distanziert, kühl und gleichgültig – und bisweilen wie Sonderlinge. Auch wenn beide Begriffe ähnlich klingen: Die schizoide Persönlichkeit ist nicht dasselbe wie eine Schizophrenie. Lesen Sie, wann man von einer schizoiden Persönlichkeitsstörung spricht, ob sie behandelt werden muss und welche Therapie dafür geeignet ist.

Symptome

Schätzungen zufolge hat etwa 1 von 100 Personen eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Charakteristisch für diese Menschen ist ihre sonderbar unnahbare, in sich gekehrte und gefühlsarme Art. Sie haben keine besonderen Leidenschaften oder Hobbies, für die sie sich begeistern könnten. Anderen gegenüber sind sie misstrauisch und verschlossen: Sie haben nur wenige soziale Kontakte und ziehen sich weitgehend zurück. Für ihre Mitmenschen scheinen sich Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung nicht sonderlich zu interessieren. Dennoch besteht bei ihnen vermutlich meist ein unbewusstes Bedürfnis nach Nähe – welches sie jedoch nicht spüren oder zum Ausdruck bringen können.

Schizoide Persönlichkeiten sind Einzelgänger. Soziale Bindungen empfinden sie als unsicher und nicht zuverlässig. Sie sind am liebsten allein und teilen ihre Gefühle nicht oder nur eingeschränkt mit anderen. Ein Lächeln erwidern sie beispielsweise eher nicht. Dieses "hölzerne" und kühle Verhalten kann ihre Gesprächspartner sehr verunsichern und dazu führen, dass diese den Kontakt in Zukunft meiden.

Gesellschaftliche Regeln sind schizoiden Persönlichkeiten weitgehend gleichgültig. Sie wissen nicht, wie man sich sozial angemessen verhält. Entsprechend gelten sie als eigenwillig oder exzentrisch und ecken leicht an.

Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung sind nicht in der Lage, Vertrauen zu anderen aufzubauen. Eine Partnerschaft oder eine enge Freundschaft gehen sie nur ein, wenn ihre schizoiden Persönlichkeitsmerkmale eher leicht ausgeprägt sind (sog. schizoider Persönlichkeitsstil). In stärkerer Ausprägung sind intensivere soziale Bindungen und Sexualität nicht möglich.

Schizoide Persönlichkeitsstörung: Symptome im Überblick
Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung

  • wirken distanziert, kühl und gefühllos. Sie können nur schwer Freude empfinden.
  • zeigen sich gleichgültig. Sie haben scheinbar kein Interesse an anderen Menschen und bemühen sich nicht um soziale Kontakte.
  • können sich schwer in andere hineinversetzen.
  • sind Einzelgänger. Sie haben nur wenig soziale Kontakte und leben zurückgezogen.
  • wissen nicht, wie man sich in sozialen Situationen angemessen verhält. Sie erkennen gesellschaftliche Normen oder Regeln nicht an bzw. diese sind ihnen gleichgültig.

Wann spricht man von einer schizoiden Persönlichkeitsstörung?

Ob temperamentvoll, introvertiert oder ordnungsliebend: Jeder Mensch ist einzigartig. Die Persönlichkeit wird von den individuellen Wahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen geprägt. Die Grundzüge der Persönlichkeit entstehen bereits in der Kindheit und bleiben ab dem frühen Erwachsenenalter weitgehend konstant.

Wenn bestimmte Persönlichkeitsmerkmale so stark oder schwach ausgeprägt sind, dass sie deutlich von der Norm abweichen, sprechen Psychologen von einer Persönlichkeitsstörung. Die hervorstechenden Merkmale sind dabei sehr unflexibel. Das bedeutet: Die Person kann sie nur in gewissen Grenzen selbst verändern oder beeinflussen.

Menschen, die nur wenige soziale Kontakte haben und auf andere kühl und distanziert wirken, haben nicht automatisch eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Vielmehr ist für die Diagnose entscheidend,

Schizoide Persönlichkeitsstörung = Schizophrenie?

Eine schizoide Persönlichkeitsstörung ist nicht dasselbe wie eine Schizophrenie. Die Schizophrenie zählt zu den Psychosen. Dabei verliert eine Person phasenweise den Bezug zur Realität – etwa, indem sie Stimmen hört oder sich verfolgt fühlt. Bei einer Persönlichkeitsstörung handelt es sich nicht um eine Psychose, sondern um dauerhafte, sehr ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaften, die stark von der Norm abweichen.

Schizoide Persönlichkeitsstörung in Partnerschaft und Beruf

Eine schizoide Persönlichkeitsstörung führt nicht zwangsläufig zu Problemen. Viele Betroffene belastet es nicht, dass sie keine tiefen Bindungen eingehen, denn sie verspüren nicht den Wunsch danach. Als schwierig kann sich eine (leicht ausgeprägte) schizoide Persönlichkeitsstörung in einer Partnerschaft erweisen, zum Beispiel, wenn die Partnerin oder der Partner unter der distanzierten Art des Betroffenen leidet. Auch im Berufsleben können Schwierigkeiten entstehen, weil sich schizoide Persönlichkeiten nur schwer an soziale Gepflogenheiten anpassen können. Dies kann insbesondere dann problematisch sein, wenn sie eng mit anderen Menschen zusammenarbeiten müssen.

Ursachen

Eine schizoide Persönlichkeitsstörung entsteht vermutlich aus einer Kombination verschiedener Ursachen. Welche Persönlichkeitsmerkmale bei einem Menschen besonders stark ausgeprägt sind – und ob sich daraus eine schizoide Persönlichkeitsstörung entwickelt –, ist von einem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren abhängig.

Je nach Sichtweise setzen Psychologen unterschiedliche Schwerpunkte, um die Entstehung einer schizoiden Persönlichkeitsstörung zu erklären. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht haben schizoide Persönlichkeiten möglicherweise Probleme, Gefühlsausdrücke von anderen Menschen richtig zu deuten und darauf zu reagieren. Ihre mangelnde Fähigkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, wird durch ihr Rückzugsverhalten weiter verstärkt. Psychoanalytiker berücksichtigen eher die Beziehung zu den Eltern oder traumatische Erlebnisse. Demnach könnte zum Beispiel eine ablehnende und wenig gefühlvolle Atmosphäre im Elternhaus dazu beitragen, dass eine Person Beziehungen als nicht verlässlich ansieht – und sich zunehmend von anderen Menschen distanziert.

Diagnose

Eine schizoide Persönlichkeitsstörung muss nicht zwangsläufig behandelt werden. Insbesondere, wenn die Störung sehr ausgeprägt ist, sehen die Betroffenen selbst keinen Grund, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.

Dennoch kommt es häufiger vor, dass schizoide Persönlichkeiten psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen – zum Beispiel, weil sie Probleme in der Partnerschaft haben. Konflikte in der Beziehung entstehen etwa, wenn der Partner/die Partnerin nur schwer mit der distanzierten, gefühllos wirkenden Art des Betroffenen umgehen kann. Aber auch Schwierigkeiten im Beruf können ein Anlass für eine Psychotherapie sein, denn schizoide Persönlichkeiten haben häufig Probleme damit, sich in ein Team zu integrieren. Darüber hinaus haben manche mit Depressionen oder sozialen Ängsten zu kämpfen.

Einem erfahrenen Psychotherapeuten gelingt es in der Regel, eine schizoide Persönlichkeitsstörung im Laufe der therapeutischen Sitzungen zu erkennen. Nicht nur die Schilderungen und Verhaltensweisen des Patienten geben ihm wichtige Informationen – auch die Angaben nahestehender Personen, etwa des Partners oder der Partnerin, können für ihn hilfreich sein.

Darüber hinaus kann der Psychotherapeut verschiedene psychologische Tests einsetzen. Zum Beispiel ein standardisiertes strukturiertes Interview (SKID): Dabei stellt er Fragen zu verschiedenen Themenfeldern. Die Antworten des Patienten geben ihm Hinweise darauf, welche Persönlichkeitsmerkmale besonders ausgeprägt sind und ob es sich um eine Störung handeln könnte. Für eine genauere Analyse stellt er anschließend vertiefende Fragen zu bestimmten Themenbereichen.

Andere Erkrankungen ausschließen

Es gibt zahlreiche psychische Erkrankungen, die mit ähnlichen Merkmalen einhergehen wie die schizoide Persönlichkeitsstörung. Dies muss der Psychotherapeut berücksichtigen, bevor er eine Diagnose stellt. Eine gefühlsarme, distanzierte Art und sozialer Rückzug können beispielsweise auch Anzeichen eines Asperger-Syndroms sein, welches zu den Autismus-Spektrum-Störungen zählt. Ein anderes Beispiel ist die Schizophrenia simplex: Bei dieser milden Form der Schizophrenie wirken die Patienten auf Außenstehende merkwürdig oder "verschroben", was bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung ebenfalls vorkommen kann. Auch muss ausgeschlossen werden, dass die Beschwerden/Auffälligkeiten eine körperliche Ursache haben – zum Beispiel eine Hirnschädigung. Daher ist gegebenenfalls eine ärztliche Untersuchung notwendig.

Nicht zuletzt können Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung zugleich Merkmale einer anderen Persönlichkeitsstörung aufweisen. Zum Beispiel kommen häufiger Überschneidungen mit der paranoiden Persönlichkeitsstörung vor. Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung sind anderen gegenüber übertrieben misstrauisch und rechnen ständig damit, angefeindet oder bedroht zu werden.

Therapie & Verlauf

Die Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen sind relativ stabil und daher nur in gewissen Grenzen veränderbar. In der Therapie geht es nicht darum, eine schizoide Persönlichkeitsstörung zu "heilen". Vielmehr soll der Patient lernen, besser mit anderen Menschen zu interagieren und soziale Kontakte zu knüpfen. Wichtig für diese Fähigkeiten ist, die eigenen Gefühle besser wahrnehmen und ausdrücken zu können.

Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung haben Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen und sich ihnen zu öffnen. Für den Erfolg der Therapie ist daher von zentraler Bedeutung, ob es dem Therapeuten gelingt, Stück für Stück ein Vertrauensverhältnis zum Patienten aufzubauen.

Da schizoide Persönlichkeiten nur wenige soziale Kontakte haben, haben sie nur wenig Übung im Umgang mit anderen Menschen. Zur Therapie gehört daher auch, soziale Kompetenzen zu erwerben.

Schizoide Persönlichkeitsstörung: Verlauf

Die stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale können sich im Laufe des Lebens weiter verfestigen. Die betroffenen Personen kapseln sich dann immer mehr von ihrem sozialen Umfeld ab. Sie entwickeln bisweilen verschrobene oder bizarr wirkende Gewohnheiten und gelten als Sonderlinge. Manche Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung entwickeln Depressionen oder Ängste, zum Beispiel, wenn sie in ihrem Beruf mit anderen eng zusammenarbeiten müssen.

Beispiel aus der Praxis

Ein anonymisiertes Fallbeispiel aus der Praxis, zur Verfügung gestellt von unserem Experten Dr. Bernhard Riecke:

Ein Hochschullehrer wird mit dem Verdacht auf geplanten Suizidversuch eingewiesen. Er stand an einer hohen Brücke und ließ sich ohne Probleme vom Rettungsdienst in die Klinik bringen.

Beim Erstgespräch wirkt er etwas ratlos, aber nicht suizidal. Er erklärt sein längeres Verharren an der Brücke mit der Tatsache, dass er in seinem Leben das geschafft habe, was von ihm erwartet wurde und er nun Platz machen wolle für einen geeigneteren Partner für seine lebensfrohe Frau.

Seine Frau, eine fröhliche Natur, die ihren Mann seit der "Sandkastenzeit“ kennt, ist bestürzt und betont, keinerlei Veränderungen an ihm bemerkt zu haben. Er hätte wie immer seine Vorlesungen akribisch vorbereitet und diese mit sehr positivem Echo gehalten (was er leugnete). Im Nachhinein könne sie höchstens feststellen, dass er sich in letzter Zeit etwas mehr zurückgezogen habe, um allein in Ruhe zu lesen. 

Nach vierjährigen "Versuchen" sei sie nun endlich schwanger, warte aber auf einen geeigneten Moment, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen. Aber eigentlich käme ein besonderer Moment bei ihm nicht. Sie wisse nie, ob er sich freue. In den vielen gemeinsamen Jahren hätte er durch seine Handlungen immer bewiesen, dass er ihr sehr zugetan wäre und alles für sie tun würde, aber gesagt hätte er es nie. Sie wisse, dass er tiefe Gefühle hätte, aber eben "tief im Inneren" und für andere nicht erkennbar.

Quellen

Senf, W., et al.: Praxis der Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2020

Persönlichkeitsstörungen. Online-Informationen der Neurologen und Psychiater im Netz: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org (Abrufdatum: 29.4.2020)

Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2017

Möller, H., et al.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Sachse, R: Klärungsorientierte Verhaltenstherapie der schizoiden Persönlichkeitsstörung (PDF). Institut für Psychologische Psychotherapie, Online-Publikation (Stand: März 2014)

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu "Schizoide Persönlichkeitsstörung":

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Letzte inhaltliche Prüfung: 06.05.2020
Letzte Änderung: 07.09.2020