Das Bild zeigt ein Mädchen mit Teddy vor dem Gesicht.
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Kindesmissbrauch

Kindesmissbrauch ist ein Thema, das leider immer aktuell ist. 2014 verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik 12.134 Fälle von Kindesmissbrauch in Deutschland. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen: Schätzungen zufolge werden 90 Prozent der Fälle nicht erfasst. Die meisten Opfer von sexuellem Missbrauch sind Mädchen. Viele von ihnen haben ein Leben lang an den Folgen zu leiden.

Überblick

Viele Menschen glauben, dass es meist Fremde sind, die ein Kind sexuell missbrauchen. Dabei stammen etwa 75 Prozent der Täter aus dem sozialen Umfeld des Kindes. Ob Familienmitglieder, pädagogisches Personal, der vermeintlich nette Nachbar von nebenan oder Bekannte der Eltern – häufig hat das Kind bereits im Vorfeld Kontakt zu seinem Peiniger. Dieser versucht nach und nach, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Nur in seltenen Fällen ist der Täter ein Fremder.

Sexueller Missbrauch muss nicht zwangsläufig mit körperlicher Gewalt verbunden sein. Er kann sich auch durch emotional verletzende Blicke, Handlungen oder Berührungen äußern. Meist beginnt der Missbrauch mit "kleineren" Taten, um zu testen, ob das Kind darüber schweigt. Sexueller Missbrauch an Kindern ist in der Mehrheit der Fälle eine geplante Handlung, die sich leider auch häufig wiederholt – oft so lange, bis ein Erwachsener die Signale des Kindes richtig deutet. Den Tätern sieht man ihre Verbrechen nicht an: Sie stammen aus allen sozialen Schichten und gelten oft als besonders engagierte und soziale Mitmenschen. In weit über 90 Prozent der Fälle sind die Täter männlich. Doch Frauen können ebenso zu Täterinnen werden. Und nicht nur Erwachsene, auch Jugendliche begehen Missbrauch an Kindern. Viele der Täter sind Wiederholungstäter, die die Intensität der Übergriffe langsam steigern.

Besonders häufig sind Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter von sexuellem Missbrauch betroffen. Aber auch noch jüngere Kinder bis hin zu Babys können zum Opfer werden.

Kindesmissbrauch durch eine Vertrauensperson kann bei Kindern besonders schwere seelische Spuren hinterlassen, wurden sie doch von einem Menschen verletzt, dem sie nahestehen.

Definition

Wo fängt sexueller Missbrauch an? Immer dann, wenn ein Erwachsener oder älterer Jugendlicher ein Kind – aus rechtlicher Sicht einen Menschen unter 14 Jahren – benutzt, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, liegt Missbrauch vor. Die Bandbreite reicht von anzüglichen Blicken über Berührungen bis hin zur Vergewaltigung. Manche Täter zwingen ihr Opfer, ihre oder die eigenen Geschlechtsteile zu berühren, oder sie befriedigen sich in Gegenwart des Kindes. Egal, auf welche Weise: Jeder sexuelle Missbrauch zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person ihre Machtposition gegenüber einem Kind ausnutzt und zu ihrer eigenen Befriedigung einsetzt.

Missbrauch hat also viele Facetten. Hierzu gehört beispielsweise, wenn ein Täter:

  • gemeinsam mit einem Kind einen Porno schaut;
  • ein Kind zur Erstellung von Pornographie benutzt;
  • anzüglich mit einem Kind spricht oder es anzüglich mustert;
  • ein Kind anfasst, weil es ihn erregt;
  • sich von einem Kind berühren lässt und dabei sexuelle Empfindungen hat;
  • seinen Penis am Körper eines Kindes reibt;
  • intime Küsse wie Zungenküsse verlangt;
  • mit den Fingern oder mit Gegenständen in Anus oder Vagina eindringt;
  • ein Kind anal, oral oder sexuell vergewaltigt.

Sexueller Missbrauch muss also nicht zwangsläufig auch mit körperlicher Gewalt zusammenhängen. In der Regel zwingt der Täter sein Opfer dazu, die Taten zu verschweigen, indem er es psychisch unter Druck setzt.

Anzeichen

Jedes Kind reagiert anders auf einen erlebten Missbrauch. Offen über sexuellen Missbrauch zu sprechen, fällt fast allen Jungen und Mädchen schwer. Häufig senden sie jedoch Signale aus und bitten so unbewusst um Hilfe. Daher ist es besonders wichtig, dass man als Erwachsener Anzeichen für einen Missbrauch ernst nimmt!

Mögliche Anzeichen können zum Beispiel sein:

  • körperliche Verletzungen wie Kratzer, blaue Flecken, Schürf- und Bisswunden, Griffspuren an den Hüften, Blutungen, Verletzungen des Genital- und Analbereichs
  • nicht erklärbare Harnwegsinfekte, Wundsein, Juckreiz im Genitalbereich; überwiegend sexuell übertragbare Krankheiten wie zum Beispiel Pilze oder Feigwarzen
  • eine plötzliche Verhaltensänderung des Kindes, z.B. durch eine sonst unübliche Aggressivität oder durch einen sozialen Rückzug
  • psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Übelkeit
  • Ängste
  • Rückfall in frühkindliche Verhaltensweisen
  • Stimmungsschwankungen
  • Essstörungen, Schlafstörungen, Bettnässen
  • Leistungsabfall
  • aufreizendes Verhalten

Es müssen nicht zwangsläufig körperliche Anzeichen vorliegen!

Folgen

Nicht jeder sexuelle Missbrauch muss gleich zu einem Trauma führen. Jedoch: Kein Missbrauch bleibt ohne Folgen! Viele Menschen haben lebenslang unter den Ereignissen in ihrer Kindheit zu leiden. Jedes Kind reagiert dabei unterschiedlich auf eine Missbrauchstat. Je enger die soziale Bindung zum Täter ist (z.B. bei Missbrauch innerhalb der Familie, insbesondere durch den Vater) und je länger der Missbrauch anhält, desto höher ist das Risiko, psychische Folgeschäden davonzutragen. Manchmal treten die Folgen eines Missbrauchs erst im Erwachsenenalter zutage.

Bei einem Trauma erlebt man ein sehr intensives, extremes Ereignis, welches mit dem Gefühl einer starken persönlichen Bedrohung verbunden ist. Angst, Hilflosigkeit und Erregung stehen im Vordergrund. Gerade Kinder, deren Identität noch nicht gefestigt ist, haben kaum Strategien, um ein Ereignis wie einen Missbrauch selbstständig bewältigen zu können. Ist ein Kind traumatisiert, durchlebt es die Situation immer und immer wieder, wobei die Erinnerungen daran bruchstückhaft oder auch gar nicht mehr bewusst vorhanden sein können.

Die psychischen Folgen können weitreichend sein: Gerade, wenn der Missbrauch durch eine nahestehende Person verübt wurde, muss das Kind den Vertrauensbruch durch diese Person verarbeiten. Die sexuelle Handlung an sich kann zum Trauma werden, welches das Kind immer und immer wieder durchlebt.

Im Erwachsenenalter kann sich ein durch Missbrauch entstandenes Trauma zum Beispiel durch Depressionen, Süchte oder Essstörungen bemerkbar machen. Weitere mögliche Folgen sind zum Beispiel:

  • Aggressivität, die gegen sich selbst gerichtet ist (Autoaggression)
  • Angst- und Panikstörungen
  • ein geringes Selbstwertgefühl
  • Beeinträchtigungen des Körpererlebens

Hilfe holen

Ist der sexuelle Missbrauch an einem Kind offenkundig geworden, gilt es, rasch Hilfe zu holen. Der erste Schritt zur Therapie besteht darin, weiteren Missbrauch sofort zu unterbinden, indem das Kind vom Täter getrennt und auch nicht mit ihm konfrontiert wird.

Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Kind sexuell missbraucht worden ist: Ziehen Sie eine Beratungsstelle hinzu. Glauben Sie den Aussagen des Kindes, nehmen Sie es ernst und seien Sie für es da! Versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Überlegen Sie, wer Ihnen in dieser Situation helfen könnte, zum Beispiel Freunde oder Verwandte.

Vermeiden Sie es aber, voreilige Schlüsse zu ziehen, um niemanden zu Unrecht zu beschuldigen. Es ist verständlich, dass Sie wissen möchten, was genau Ihrem Kind passiert ist. Vermeiden Sie es jedoch, Ihr Kind nach Details auszufragen, da dies eine zusätzliche Belastung darstellen könnte. Vielmehr ist es wichtig, Hilfestellungen an die Hand zu geben, damit das Kind von sich aus einen Raum bekommt, um über den Missbrauch zu sprechen – wenn es das möchte.

Im Rahmen einer Psychotherapie kann das Kind das Erlebte aufarbeiten.

Vorbeugen

Auch wenn es keine 100-prozentige Sicherheit gibt: Eltern, Lehrer und andere Vertrauenspersonen können einiges dazu beitragen, um ein Kind vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Vorbeugen fängt bereits bei der Erziehung an. Hierzu gehört insbesondere, die Jungen und Mädchen stark zu machen und zu vermitteln, dass sie "Nein-Sagen" können und sich im Zweifelsfall einer Vertrauensperson öffnen sollten. Aber auch eine fundierte und offene Aufklärung über sexuelle Themen sollte selbstverständlich sein.

Vermitteln Sie Ihrem Kind beispielsweise,

  • dass es über seinen Körper selbst bestimmen und Grenzen setzen darf. Es kann selbst entscheiden, welche Berührungen und Gesten es zulassen möchte;
  • dass es jederzeit darüber sprechen kann, wenn ihm etwas passiert ist – auch wenn es dem Täter versprochen hat, zu schweigen;
  • wie es sich zur Wehr setzen und Hilfe holen kann.

Je stärker das Selbstbewusstsein des Kindes ist, desto weniger kommt es für einen Täter als Opfer infrage. Oft trifft es diejenigen, die besonders verletzlich sind. Die Täter wählen sich häufig Jungen oder Mädchen als Opfer aus, die sich nur schwer wehren können.

Gehen Sie mit gutem Beispiel voran: Wenn Sie zeigen, dass Sie selbst Grenzen setzen und selbstbewusst sind, dann wird auch Ihr Kind besser lernen, sich zu wehren.

Informieren Sie sich über das Thema sexueller Missbrauch und holen Sie sich gegebenenfalls Tipps von einer Beratungsstelle.

Prinzipiell kann sexueller Missbrauch jeden treffen. Besonders gefährdet sind jedoch beispielsweise:

  • Kinder, die kaum Gelegenheit in Familie oder Schule haben, über Sexualität zu sprechen und deswegen nur unzureichend aufgeklärt sind; somit fällt es ihnen schwer, sexuellen Missbrauch als solchen zu erkennen
  • Kinder, die körperlich oder geistig behindert sind; sie können sich zum einen manchmal nicht ausdrücken, zum anderen können die Täter den Missbrauch als "Pflege" tarnen
  • Kinder unter vier Jahren
  • Kinder, die bereits sexuell missbraucht wurden
  • Kinder in Armut; sie sind leichter durch materielles Gut zu "bestechen"
  • Kinder, die gelernt haben, einem Erwachsenen gehorchen zu müssen und nicht widersprechen zu dürfen
  • Kinder, die in einer gewalttätigen Familie aufwachsen, da sie so oft leichter einzuschüchtern sind
  • Kinder, die wenig Fürsorge und Zuwendung erhalten; diese suchen nach Aufmerksamkeit und können somit leichter zum Opfer werden

Rechtliches

Sexueller Missbrauch muss auch aus rechtlicher Sicht betrachtet werden. Als strafmündig gelten Täter ab dem 14. Lebensjahr.

Aus rechtlicher Sicht sind vor allem die Paragraphen 174, 176, 183 und 184 des Strafgesetzbuchs (StGB) relevant:

Sexueller Missbrauch von Kindern

Jeder, der an einem Kind oder an einem Jugendlichen unter 14 Jahren sexuelle Handlungen vornimmt oder das Kind zwingt, sexuelle Handlungen am Erwachsenen auszuführen, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren bestraft. Verboten ist beispielsweise auch, einem Kind pornographische Bilder, Bücher oder Filme zu zeigen oder im Internet sexuellen Handlungen vorzunehmen.

Verbreitung pornographischer Schriften

Im Paragraphen 184 StGB ist festgelegt, dass es verboten ist, Produkte mit kinderpornographischen Inhalten zu besitzen oder für andere zu beschaffen. Besitzer von kinderpornographischem Material müssen von einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren ausgehen.

Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen

Der Paragraph 174 StGB bestimmt, dass Schutzbefohlene wie Lehrer, Ausbilder oder Betreuer keine sexuellen Handlungen an Jugendlichen unter 16 Jahren vornehmen dürfen. Steht der Jugendliche in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Schutzbefohlenen und nutzt der Schutzbefohlene diese Beziehung aus, erhöht sich die Altersgrenze auf 18 Jahre.

Exhibitionistische Handlungen

Ob über eine Webcam oder direkt vor Ort: Wer Kindern beispielsweise seinen erigierten Penis zeigt oder Kinder auffordert, seine Genitalien zu betrachten, macht sich strafbar.