Genetische Mutationen häufen sich durch Inzest
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Inzest

Inzest (Inzucht, "Blutschande", lat. incestum = Unzucht) bezeichnet den Geschlechtsverkehr zwischen sehr engen Verwandten in auf- oder absteigender Linie wie Vater und Tochter oder zwischen Mutter und Sohn sowie zwischen Geschwistern. Je nach Kultur wird der Begriff Inzest auch weiter gefasst und kann zum Beispiel auch weitere Angehörige einer Gruppe umfassen.

Allgemeines

Inzest ist genetisch gesehen eine Form der Inzucht, also der sexuellen Fortpflanzung beziehungsweise Kreuzung nahe verwandter Lebewesen. Inzucht begünstigt Erbkrankheiten und ist in vielen Staaten, wie auch in Deutschland, gesetzlich verboten. Mit der Enge des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen den Sexualpartnern steigt gleichzeitig das Risiko für genetisch bedingte Anomalien bei gemeinsamen Nachkommen.

Über die Häufigkeit von Inzest können keine gesicherten Angaben gemacht werden; es wird vermutet, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Studien lassen vermuten, dass Geschwister-Inzest bei 2 bis 5 Prozent liegt. Bruder-Schwester-Inzest soll fünfmal häufiger vorkommen als Vater-Tochter-Inzest. Täter von Inzest sind überwiegend männlich, während Opfer von Inzest überwiegend dem weiblichen Geschlecht angehören.

Die meisten Menschen verfügen über eine natürliche Inzestmeidung. Auch unter nicht verwandten Kindern, die gemeinsam aufwachsen, ist das Interesse an sexuellen Kontakten innerhalb der Gruppe in der Regel sehr gering.

Hintergrund von Inzest sind zumeist dysfunktionale Familienstrukturen. Bei Eltern-Kind-Inzest liegt oft ein eigenes früheres Trauma des Täters zugrunde. Für Geschwister-Inzest können emotional-vernachlässigende Erziehungsmethoden verantwortlich sein.

Inzest kann die psychosexuelle Entwicklung von Minderjährigen schwer beeinträchtigen. Je jünger das Kind und je länger der Inzest andauert, desto schwerwiegender können die psychischen Folgen sein.

Hat ein Erwachsener sexuelle Phantasien in Bezug auf sein eigenes Kind, ohne jedoch sexuelle Handlungen vorzunehmen, wird dies als latenter Inzest (lat. latens = verborgen) bezeichnet.

Geschichte

Inzest war in der Geschichte bis heute fast immer ein Tabu und wurde in fast allen Kulturen mit schwersten Strafen belegt. Eine Ausnahme bildeten einige Kulturen – so heirateten etwa Pharaonen im alten Ägypten oder auch der europäische Hochadel aus Machterhaltungsgründen beispielsweise häufig innerhalb der direkten Verwandtschaft. Dennoch, oder gerade deswegen, spielen Liebesbeziehungen und Inzest zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Geschwistern untereinander in der Mythologie und in der Geschichte der Menschheit eine relativ große Rolle.

Ein sehr bekanntes Beispiel aus der griechischen Geschichte und Mythologie ist Ödipus, der Sohn des Laos, König von Theben, und seiner Frau Iokaste. Entsprechend einem Spruch des Orakels von Delphi sollte Ödipus seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Tatsächlich erschlägt er als Erwachsener seinen Vater und heiratet seine Mutter, jedoch ohne zu wissen, dass es seine Eltern sind. In der Psychologie wurde in Bezug auf diese Sage das Krankheitsbild des Ödipuskomplexes definiert.

Auch in der Kunst wurde das Thema Inzest immer wieder thematisiert, wie zum Beispiel in dem Roman "Homo faber" von Max Frisch. Auch in Richard Wagners Oper "Die Walküre" kommt es zum Inzest zwischen den Zwillingen Siegmund und Sieglinde, wobei der Held Siegfried gezeugt wird.

Medizinisches

Eltern und Kinder verfügen – ebenso wie Geschwister – über sehr viele ähnliche Gene. Die Gefahr für die Nachkommen, an einer Erbkrankheit zu erkranken, ist dadurch sehr viel größer, als wenn nicht verwandte Menschen miteinander Kinder zeugen.

Zum besseren Verständnis: Jeder Mensch erhält bei seiner Zeugung einen mütterlichen und einen väterlichen Gensatz, das heißt man hat immer zwei Ausprägungen eines Gens (sog. Allele). Sind beide Allele für ein bestimmtes Merkmal wie beispielsweise die Haarfarbe deckungsgleich, dann bezeichnet man die beiden Ausprägungen des Gens – als reinerbig (homozygot).

In der Regel kommen jedoch zwei Ausprägungen eines Gens vor und die Allele sind nicht deckungsgleich (heterozygot). Eines der beiden Merkmalsausprägungen setzt sich dabei immer durch. Es wird deswegen als dominant bezeichnet. Das unterlegene Merkmal wird dagegen als rezessiv bezeichnet. Erhält man zum Beispiel von seinen Eltern die Allele für braunhaarig und für blond, wird sich braun durchsetzen, weil diese Ausprägung dominant ist und blond rezessiv. Nur wenn beide Genausprägungen das rezessive Merkmal blond tragen, wird die Haarfarbe auch blond werden.

Bei nahen Verwandten ist es viel wahrscheinlicher, dass die Genpaare identisch sind. Für mögliche Erbkrankheiten bedeutet das Folgendes: Die meisten Erbkrankheiten sind rezessiv, das heißt sie kommen nur dann zur Ausprägung, wenn beide Eltern das rezessive Gen weitergeben. Bei Eltern, die nicht verwandt sind, ist diese Wahrscheinlichkeit gering. Bei nahen Verwandten ist die Wahrscheinlichkeit dagegen wesentlich höher, da sich beide Eltern genetisch sehr ähnlich sind. Aus einer inzestuösen Beziehung gehen deswegen häufiger Kinder mit einer Erbkrankheit hervor.

Rechtliche Aspekte

Bei Inzest kommen rechtliche Aspekte zum Tragen. In Deutschland wird der Inzest juristisch als "Beischlaf zwischen Verwandten" bezeichnet und ist strafbar. Nach § 173 des Strafgesetzbuchs ist der Geschlechtsverkehr zwischen Verwandten in direkter auf- oder absteigender Linie sowie zwischen leiblichen Geschwistern, sofern sie über 18 Jahre alt sind, verboten. Anders sind rechtliche Aspekte bei anderen Verwandtschaftsgraden wie zum Beispiel Cousin und Cousine, zwischen denen ein Liebesverhältnis nicht strafbar ist.

StGB § 173 Beischlaf zwischen Verwandten:

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.

Sexuelle Handlungen zwischen Eltern und Kindern bis zum 18. Lebensjahr werden als sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen gemäß § 174 des Strafgesetzbuchs mit Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren bestraft.