Mann und Frau, die ihre Hände loslassen.
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Trennung mit Kind: "Man muss nicht alles alleine schaffen."

Eine (bevorstehende) Trennung wirbelt das Leben kräftig durcheinander – insbesondere, wenn gemeinsame Kinder da sind. Viele Gedanken schwirren durch den Kopf: Wie kommen unsere Kinder unbeschadet durch diese Zeit? Wie kann ich mit Gefühlen wie Wut oder Trauer umgehen? Hat die Partnerschaft doch noch eine Chance verdient? Diese Fragen hat Trennungscoach Christina Rinkl im Interview beantwortet.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Onmeda.de: Christina, du arbeitest als Trennungscoach. Wie bist du zu dieser Tätigkeit gekommen?

Christina Rinkl: Im Grunde habe ich das Angebot geschaffen, das ich mir vor drei Jahren selber gewünscht hätte. 2017 habe ich mich nach einer sehr langen Beziehung getrennt. Mein Sohn war zu diesem Zeitpunkt 5 Jahre alt.

Ich hätte damals gern mehr Unterstützung von jemandem gehabt, der Ähnliches erlebt hat. Von einer Person, die mich ein bisschen an die Hand nimmt, die mir sagt, was auf mich zukommt und worauf ich achten muss. Natürlich gibt es professionelle Beratung, aber es ist etwas ganz anderes, wenn man jemanden hat, der den Weg durch eine Trennung selbst gegangen ist. So ein Angebot habe ich in dieser Form aber nicht gefunden.

Wann hast du dich dann entschlossen, selbst Hilfe anzubieten?

Rinkl: 2018 bin ich selbst aktiv geworden und habe einen eigenen Blog gegründet. Es erreichten mich nach und nach immer mehr Anfragen von anderen Müttern, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich.

Schließlich habe ich zusammen mit einer anderen Bloggerin in Köln einen Stammtisch für alleinerziehende Mütter und Väter ins Leben gerufen. So hat sich das immer weiter entwickelt – und jetzt bin ich Trennungscoach.

Christina Rinkl ist Trennungscoach: Sie unterstützt Mütter und Väter, die sich in einer Trennungssituation befinden.
Website: www.trennungs-coach.de

Wie genau hilfst du den Menschen, die sich an dich wenden?

Rinkl: Ich biete eine Kombination aus Online-Kurs und persönlichen Gesprächen an, welche ich telefonisch oder über eine Videokonferenz führe.

Meist sind es Mütter, die mich um Hilfe bitten. Ich begleite sie über einen Zeitraum zwischen ein und sechs Monaten. Gemeinsam überlegen wir, welche Schritte als Nächstes wichtig sind. Was genau beim Coaching passiert, richtet sich vor allem danach, mit welchem individuellen Thema der/die Betroffene zu mir kommt.

Welche Themen sind das zum Beispiel?

Rinkl: Wenn eine Frau verlassen wurde, spielt das Thema Selbstwert oft eine große Rolle. Da sind Gefühle von Kränkung, Trauer und Schmerz im Spiel. Es kann beim Coaching aber auch darum gehen, wie das Kind am besten geschützt werden kann, wenn sich die Eltern trennen.

Viele Betroffene sind sich aber auch noch gar nicht sicher, ob sie sich überhaupt trennen sollten. Diese Phase ist oft sehr belastend. Da ist es viel wert, wenn man jemanden hat, der einem zur Seite steht.

Generell ist der Abschied vom heilen Familienbild ein großes Thema. Die perfekte Familie ist eine Vorstellung, mit der wir sozialisiert worden sind. Wenn dieser Traum von der heilen Familie plötzlich zerplatzt, ist das sehr schmerzhaft. Wir arbeiten im Coaching dann daran, ein neues Familienbild zu entwickeln.

Eine Trennung löst erstmal ein Gefühlschaos aus. Wie kann man am besten damit umgehen?

Rinkl: Negative Gefühle wie Trauer oder Wut sind am Anfang ganz normal und haben ihre Berechtigung. Es ist wichtig, diese Gefühle zuzulassen. Nicht, wenn die Kinder dabei sind, sondern in einem ruhigen Moment.

Die Gefühle dürfen da sein. Wenn man sie die ganze Zeit unterdrückt, bricht irgendwann alles wie eine Welle über uns zusammen. Aber viele haben nach der Trennung das Gefühl, funktionieren zu müssen, nicht nur vor den Kindern.

Oder sie empfinden es als Makel, getrennt zu sein, und denken, sie seien gescheitert. Aber nur, weil die Beziehung nicht ewig gehalten hat, heißt das noch lange nicht, dass sie komplett gescheitert ist. Es geht einfach manchmal nicht anders und dann heißt es, das Beste daraus zu machen.

Wie kannst du helfen, wenn die Frage nach Trennung im Raum steht?

Rinkl: Ich kann die Person an die Hand nehmen, meine Erfahrungen und Methoden weitergeben und helfen, mit der Situation besser fertig zu werden. Aber die Entscheidung, sich zu trennen, kann einem niemand abnehmen. Auch kein Coach. Sonst wäre es auch keine gute Entscheidung.

Gerade bei Kindern sollte man sich die Entscheidung gut überlegen. Eine Trennung ist ein harter Einschnitt. Ich sage immer: Wenn ihr noch eine Chance seht, kämpft um eure Beziehung! Wenn ihr aber langfristig merkt, dass die Beziehung wirklich nicht mehr funktioniert, trotz vieler Rettungsversuche, dann solltet ihr handeln. Nur wegen der Kinder zusammenzubleiben, ist keine Lösung, denn im Endeffekt tut man ihnen damit keinen Gefallen.

Gibt es denn bestimmte Anzeichen, an denen man erkennt, wann eine Beziehung noch eine Chance hat – und wann nicht?

Rinkl: Gerade wenn Kinder da sind, ist eine Beziehung immer eine gewisse Herausforderung. Gelegentliche Streits sind ganz normal. Man sollte einmal in sich hineinspüren und sich fragen: "Passt es noch zwischen uns? Haben wir uns vielleicht nur verloren?" Wenn das "Grundgerüst" noch passt und einige Dinge zwar verschüttet sind, die Liebe aber noch da ist, dann lohnt es sich aus meiner Sicht sehr, daran zu arbeiten. Und wenn beide das möchten, ist das auch möglich.

Anders ist es zum Beispiel, wenn die Partnerin oder der Partner nicht bereit ist, sich selbst zu reflektieren, nach dem Motto: "Ich habe kein Problem, sondern du". Oder wenn sie oder er es nicht ernst nimmt, wenn es einem in der Beziehung nicht gut geht. Das sind aus meiner Sicht echte Alarmzeichen. Ebenso, wenn Gewalt im Spiel ist. Mit Gewalt meine ich nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Gewalt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn das Leid in der Beziehung dauerhaft größer ist als die guten Momente, dann ist Handeln angebracht.

Du sprichst das Thema emotionale Gewalt an. Was versteht man darunter?

Rinkl: Emotionale Gewalt kann sich zum Beispiel in Form von ständigen Abwertungen oder Beleidigungen äußern. Ein Partner hält den anderen klein. Das passiert oft schleichend und sehr subtil.

In solchen Fällen hat der Partner (oder die Partnerin) nicht selten narzisstische Züge. Solche Beziehungen sind regelrecht toxisch. Typisch ist etwa, dass am Anfang die Phase des "Love Bombing" steht: Das Gegenüber überschüttet einen mit Geschenken, tollen Ausflügen oder Reisen. Wenn die Beziehung dann fester wird, fängt irgendwann die emotionale Gewalt an.

Charakteristisch ist beim Zusammenleben mit einem Narzissten auch, dass immer eine komisch-unsichere Stimmung herrscht: Man weiß nie, wie der andere gerade drauf ist und versucht, sich anzupassen, damit es keinen Konflikt gibt. Narzissten reagieren rasch mit cholerischen Ausbrüchen. Oder es kommt zum "Silent Treatment", das heißt, sie reden für eine lange Zeit nicht mehr mit einem.

Oft halten solche Beziehungen trotz des hohen Leidensdrucks jahrelang an …

Rinkl: Ja. Wenn man da selber drinsteckt, merkt man es gar oft nicht, weil es ein schleichender Prozess ist. Es ist sehr schwer, da auszubrechen. Und zu erkennen: Hier stimmt etwas nicht.

Viele Betroffene denken, an ihnen sei etwas schlecht. Sie versuchen, sich noch mehr an den Partner anzupassen, damit alles gut wird. Oft handelt es sich um sehr empathische, nette Frauen, die es gern allen recht machen und die sich schnell aufopfern oder Bedürfnisse von anderen vor ihre eigenen stellen. Aber nicht nur Frauen, auch Männer können natürlich zum Opfer in einer toxischen Beziehung werden. Auch geht es mir nicht darum, den Partner pauschal als böse abzustempeln. Der eine geht ja immer nur so weit, wie der andere ihn gehen lässt.

Wenn man aus der Beziehung raus ist, ist die Frage essenziell: "Warum hab ich mich so behandeln lassen"?

Wie kann man es schaffen, bei der nächsten Beziehung nicht wieder die gleichen Fehler zu machen? Oder unbewusst wieder einen Partner zu wählen, der für einen nicht gut ist?

Rinkl: Dafür ist es wichtig, sich die eigenen Themen anzuschauen. Etwa das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Wenn es uns gut geht, beschäftigen wir uns damit meist nicht.

Man sagt nicht zu Unrecht: Wir suchen uns das, was wir kennen. Wenn wir zum Beispiel ein bestimmtes Gefühl aus der Kindheit kennen und mit Liebe verbinden, suchen wir uns häufig einen Partner, der dasselbe Gefühl in uns auslöst.

Dabei spielen innere Glaubenssätze eine Rolle. Ein solcher Satz könnte zum Beispiel lauten: "Die Partner, die ich will, wollen mich nicht" oder "Männer sind alle Betrüger". Wenn man lernt, diese Sätze für sich aufzulösen, kann man es beim nächsten Mal besser machen.

Ganz wichtig ist auch die Erkenntnis, dass der Partner nie unser ganzes Glück sein kann. Viele sehnen sich nach einer Trennung nach einem neuen Partner, aber letzten Endes sind wir selbst der wichtigste Partner in unserem Leben.

Entscheidend ist, herauszufinden, was man in einer Beziehung will. Wie soll es sein für mich? Was ist mir wichtig? Was fühlt sich gut an?

An einer Trennung kann man also auch wachsen …

Rinkl: So ist es. Wenn eine Beziehung endet, ist das eine wirklich tiefe Lebenskrise. Aber: Eine Trennung ist auch eine Chance. Die Chance, sich komplett neu auszurichten.

Gerade, wenn Kinder da sind, läuft man oft jahrelang auf Autopilot und spürt sich gar nicht mehr selbst. Große Krisen wie eine Trennung rütteln einen auf und geben einem die Chance, etwas Gutes daraus zu machen.

Vor allem Mütter entdecken sich oft wirklich noch einmal neu. Viele haben sich jahrelang um die Kinder gekümmert, gearbeitet und den Haushalt geschmissen. Sie müssen erst wieder herausfinden: Was will ich denn eigentlich?

Deswegen geht es in meinen Coachings auch viel um das Thema Selbstliebe. Wirklich gut zu sich selbst zu sein. Sich gut zu behandeln. Das müssen viele meiner Kunden neu lernen, gerade wenn sie aus einer langen Beziehung kommen.

Was macht das so schwer?

Rinkl: Nach einer Trennung ist man erstmal auf sich allein gestellt. Dinge, die vorher vielleicht immer der Partner erledigt hat, können zu einer echten Herausforderung werden. Viele Frauen müssen erst raus aus der Komfortzone. Sie merken dadurch aber auch, was sie alles schaffen können und wie stark sie eigentlich sind.

Wie kann man sein Kind am besten durch diese schwere Zeit begleiten?

Rinkl: Ein ganz wichtiger Aspekt ist, vor dem Kind nicht schlecht über die Ex-Partnerin oder den Ex-Partner zu sprechen, so schwer das vielleicht auch sein mag. Es geht darum, die eigenen Verletzungen zurückzustellen.

Aus meiner Erfahrung geht es den Kindern gut, wenn es den Eltern auch gut geht. Wenn man nach der Trennung auch etwas für sich selbst tut. Das geht nicht von heute auf morgen, das ist ein längerer Prozess.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem psychologische Hilfe wichtig ist?

Rinkl: Psychologische Hilfe ist nötig, wenn es der Person dauerhaft schlecht geht und sie etwa Anzeichen einer Depression zeigt. Zum Beispiel, wenn sie nur noch düstere Gedanken hat oder nicht mehr aus dem Bett kommt. Auch wiederholte Panikattacken können ein Grund sein, sich professionell unterstützen zu lassen.

Generell ist Unterstützung durch andere ein wichtiges Thema. Man muss nicht alles alleine schaffen. Es ist gut, wenn man ein Netzwerk von Gleichgesinnten hat, von dem man aufgefangen wird.

Christina, vielen Dank für das Gespräch!