Ein Paar beim Therapeuten
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Systemische Psychotherapie: Was ist das und wem hilft sie?

Künftig übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine sogenannte systemische Psychotherapie. Was unterscheidet diese von anderen Verfahren wie Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie? Wie läuft eine systemische Therapie ab? Und für wen ist sie geeignet?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Systemische Psychotherapie: Was ist das und wem hilft sie?

Wer sich wegen einer seelischen Erkrankung in Behandlung begibt, kann zwischen verschiedenen Formen der Psychotherapie wählen. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen bisher aber nur für drei Verfahren: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Das wird sich nun ändern. Mit seinem heutigen Beschluss hat der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) die systemische Therapie offiziell zur Kassenleistung erklärt.

Onmeda.de: Herr Dr. Caby, mit der Aufnahme als Richtlinien-Verfahren hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die systemische Therapie als gleichwertig zu den anderen Verfahren anerkannt. Warum erst jetzt?

Dr. Filip Caby: Das hatte verschiedene Gründe. Ein grundsätzliches Problem war, dass das deutsche Gesundheitssystem sehr stark auf den einzelnen Patienten und seine Symptome ausgerichtet ist: Eine Psychotherapie soll bewirken, dass die krankhaften Verhaltensweisen verschwinden. In der systemischen Therapie geht es aber nicht allein darum, dass der Patient seine Symptome loswird. Die Heilung des Einzelnen ist nicht das Ziel der Behandlung. Es geht darum, mit dem System daran zu arbeiten, dass niemand mehr krank sein muss.

Dr. Filip Caby ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie und Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Marien-Hospital in Aschendorf.

Wie genau kann man sich das vorstellen?

Caby: Der systemische Ansatz orientiert sich an der Biologie: Lebewesen sind aufeinander angewiesen. Wir leben in Systemen, deren Mitglieder sich immerzu gegenseitig beeinflussen. Wenn sich ein Teil eines Systems verändert, schwingen die anderen mit und passen sich an. Das spiegelt sich im systemischen Behandlungskonzept wider: Während Verhaltenstherapeuten und Psychoanalytiker in erster Linie die Einzelperson im Blick haben, beziehen Systemiker das gesamte System in die Therapie mit ein.

Ist das System die Familie?

Caby: Nicht immer, ein System kann auch eine Jugendgruppe, eine Paarbeziehung oder eine Gruppe von Senioren im Altenheim sein. Wenn jemand ein Problem hat, dann hat dieses Problem häufig eine Funktion im System. Es ist eine versuchte Lösung. Man sollte daher nicht zu schnell das Symptom loswerden wollen. Es geht vielmehr darum, gemeinsam eine andere Lösung zu finden, ohne dass jemand krank wird. In der Therapie geht es darum, alternative Lösungen zu suchen, die niemanden krankmachen.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Caby: Vor kurzem habe ich ein Mädchen mit Magersucht behandelt. Die Eltern waren geschieden, führten einen bösen Rosenkrieg und verstanden sich nicht mehr. Im Gespräch mit ihnen stellte sich heraus, dass in dem Moment, als die Tochter intensivmedizinisch überwacht werden musste, die Eltern wieder bereit waren, sich miteinander zu verständigen. Der Tochter war es durch ihre Magersucht also gelungen, wieder ein einigermaßen harmonisches Verhältnis zwischen den Eltern herzustellen. Das war natürlich kein bewusster Prozess, aber so in etwa kann man sich die Funktion der Erkrankung vorstellen.

Und diese Erkenntnis hat der Tochter geholfen, ihre Magersucht zu überwinden?

Caby: Die Magersucht war ja nicht das eigentliche Problem. Das Problem war die gestörte Beziehung zwischen den Eltern, und an dieser Beziehung konnten wir in der Therapie dann ansetzen. Wir haben mit den Eltern eine neue Rollenverteilung erarbeitet, die es ihnen ermöglicht hat, sich wieder besser zu verstehen.

Zugleich wurde das Mädchen dabei unterstützt, zu lernen, dass es nun keine Notwendigkeit mehr für die krankhaften Verhaltensweisen gibt, dass es keinen Druck mehr machen muss. Das hat funktioniert, sie konnte sich inzwischen wieder auf das Gesundwerden konzentrieren.

Wem hilft die Systemische Psychotherapie?

In einer systemischen Psychotherapie gibt es also sowohl Einzelsitzungen als auch Gruppensitzungen, in denen das ganze System zusammenkommt?

Caby: Ja, das kann der Therapeut flexibel gestalten, je nachdem, was im Kontext gerade Sinn ergibt.

Bei älteren Menschen kommen Gruppensitzungen ja oft nicht mehr infrage, weil die Angehörigen bereits verstorben sind. Würden Sie in diesem Fall von einer systemischen Therapie abraten?

Caby: Man kann jeden systemisch behandeln, egal, wie alt er ist, und welche Erkrankung er hat. Um ein System kennenzulernen und zu verstehen, ist es nicht immer notwendig, dass ich alle Beteiligten persönlich treffe – das geht auch im Einzelgespräch mit dem Patienten. Systemiker verfügen über zahlreiche Methoden, mit einem Einzelpatienten auch systemisch zu arbeiten.

Welche Methoden setzen Sie in Einzelsitzungen häufig ein?

Caby: Eine Möglichkeit ist die sogenannte zirkuläre Fragestellung, bei der der Therapeut fragt: Was würde Person XY sagen, wenn sie jetzt hier wäre? Außerdem kann ich in einer Einzelsitzung mit den verschiedenen Anteilen des Patienten systemisch arbeiten. Jeder von uns hat ja verschiedene Persönlichkeitsanteile, stellt also gewissermaßen ein eigenes System dar. Ein Jugendlicher, der häufig ausrastet, hat meist auch nachdenkliche Anteile. Ich kann ihn also fragen: Wie kann der Ausgleichende in dir den Wüterich beruhigen? Anstatt dem Patienten Lösungen für sein Problem vorzugeben, ermutige ich ihn, selbst nach einer Lösung zu suchen, die für ihn funktioniert.

Mit einem Erwachsenen, der an Depressionen leidet, kann ich als Systemiker zum Beispiel daran arbeiten, was das Gute an einer Depression sein könnte und welche Ressourcen er zur Verfügung hat, um neue Lösungen zu erarbeiten. In der Systemtherapie geht es nicht nur um die Probleme innerhalb eines Systems, sondern auch darum, die heilsamen Ressourcen zu entdecken, die es bietet.

Herr Dr. Caby, wir danken Ihnen für das Gespräch!