Eine Frau steht vor einer Wand und hält sich ein Bild vor das Gesicht.
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Gegen das Stigma: 6 hartnäckige Irrtümer über Schizophrenie

Sie werden ausgegrenzt, nicht ernst genommen – und manche haben vor ihnen sogar Angst: Menschen mit Schizophrenie müssen immer noch gegen Stigmatisierung ankämpfen. Nach wie vor kursieren diverse Irrtümer über die Erkrankung. Wir haben 6 davon für Sie aufgedeckt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Gegen das Stigma: 6 hartnäckige Irrtümer über Schizophrenie

Hand aufs Herz: Würden Sie eine Person, die an Schizophrenie erkrankt ist, im Freundeskreis als Ihren Freund vorstellen? Wären Sie vorbehaltlos bereit, mit einem Betroffenen den Arbeitsplatz zu teilen?

Immer noch scheint das Bild des "Verrückten", der gewalttätig und unberechenbar sein Unwesen treibt, in den Köpfen vieler Menschen präsent zu sein. Eine Erhebung innerhalb Deutschlands aus dem Jahr 2011 ergab: Mehr als die Hälfte (53 %) der rund 3.600 Befragten lehnte es ab, eine schizophrene Person im eigenen Freundeskreis vorzustellen. 1990 waren es in der Langzeitstudie noch 39 Prozent gewesen. Fast ein Drittel der Befragten war nicht damit einverstanden, mit einer erkrankten Person zusammenzuarbeiten (1990 war es jeder fünfte Befragte).

Die Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie hat also im Zeitraum von 1990 bis 2011 nicht etwa abgenommen – ganz im Gegenteil.

"Das Thema Vorurteile bei Schizophrenie ist heute nach wie vor aktuell", sagt Psychiater und Psychotherapeut Dr. Bernhard Riecke. "Erkrankungen wie Depressionen, Zwänge oder Angststörungen können Außenstehende meist nachvollziehen. Besonders, wenn in den Medien von Prominenten berichtet wird, die an einer solchen Erkrankung leiden, weckt das oft Verständnis – wie etwa beim Fußballtorwart Robert Enke, der an Depressionen litt." Bei einer Erkrankung wie der Schizophrenie sei das anders: "Berichte über – wirklich seltene – Übergriffe durch Menschen mit Schizophrenie wirken sich genau gegensätzlich auf die öffentliche Meinung aus. Und leider auch sehr nachhaltig", so Riecke.

Grund genug, häufige Irrtümer und Vorurteile über Schizophrenie aus dem Weg zu räumen.

Lesetipp: Was ist eine Schizophrenie und wie macht sie sich bemerkbar?

Irrtum Nr. 1: Schizophrene Menschen sind gewalttätig

Frankfurt, im Sommer 2019: Ein Mann stößt am Hauptbahnhof aus heiterem Himmel einen Jungen und seine Mutter vor einen ICE. Der Achtjährige stirbt, die Mutter überlebt. Medienberichten zufolge leidet der Täter zum Zeitpunkt des Geschehens an einer akuten Phase der paranoiden Schizophrenie.

Solche Nachrichten machen Angst. Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Muss man vor Menschen mit Schizophrenie grundsätzlich Angst haben? Sind alle Erkrankten potenzielle Gewalttäter?

Nein. "Die allermeisten schizophren erkrankten Menschen sind friedfertig. Dies zu betonen ist wichtig, damit es aufgrund einzelner psychisch kranker Gewalttäter*innen nicht generell zu einer falschen Beurteilung und damit Diskriminierung psychisch kranker Menschen kommt“ erklärte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, 2011 in einer Pressemitteilung – nachdem es Mutmaßungen über eine mögliche Schizophrenie beim norwegischen Massenmörder Anders Breivik gegeben hatte.

Sonderform paranoide Schizophrenie

Fest steht: Aggression und Gewalt können während einer akuten Krankheitsphase auftreten. Dies ist aber selten der Fall und betrifft vor allem eine bestimmte Form der Schizophrenie: "Bei der paranoiden Schizophrenie kann Gewalt vorkommen", erklärt Dr. Riecke. "Die Kranken glauben zum Beispiel, dass von einer bestimmten Person Gefahr ausgeht und gehen gegen sie vor, um Unheil zu verhindern. Innerhalb des Wahns ist das eine plausible Handlung."

Studien weisen zwar darauf hin, dass das Risiko für aggressives Verhalten bei Menschen mit Schizophrenie erhöht ist. Das ist jedoch insbesondere dann der Fall, wenn Faktoren wie Drogenmissbrauch oder unzureichende Behandlung im Spiel sind. Und es bedeutet nicht, dass Erkrankte generell gefährlich sind: Die meisten von ihnen fallen nie durch gewalttätiges Verhalten gegen andere auf.

Irrtum Nr. 2: Schizophrenie bedeutet "Persönlichkeitsspaltung"

Jekyll und Hyde? Immer wieder hört oder liest man, Menschen mit Schizophrenie hätten eine "gespaltene Persönlichkeit" – also mehrere Identitäten in sich, die abwechselnd das Ruder übernehmen.

Mit einer Persönlichkeitsspaltung hat eine Schizophrenie jedoch gar nichts zu tun. Menschen mit Schizophrenie leiden unter einer Störung der eigenen Wahrnehmung und des inneren Erlebens. Ihr Bezug zur Realität geht (oft phasenweise) verloren. "Gespalten" ist bei ihnen nichts.

Mythos lässt sich historisch begründen

Dass sich dieser Irrglaube so hartnäckig hält, hat zum Teil historische Gründe. Früher war man tatsächlich der Auffassung, eine Schizophrenie sei eine Art Persönlichkeitsspaltung. Die Erkrankung wurde auch als "Spaltungsirresein" bezeichnet. Diese Ansicht spiegelt sich auch in der griechischen Herkunft des Begriffs Schizophrenie wider: schízein bedeutet so viel wie "spalten" und mit phrḗn ist "Geist, Gemüt" gemeint.

Video: 6 Irrtümer über Schizophrenie

Wenn sich die Persönlichkeit eines Menschen in mehrere "Teilidentitäten aufspaltet", handelt es sich um ein völlig anderes Krankheitsbild: Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstörung (früher: multiple Persönlichkeitsstörung) sind schwer traumatisiert – so schwer, dass sie einzelne Persönlichkeitseigenschaften abspalten. Es entwickeln sich einzelne Teilpersönlichkeiten, die sich abwechseln und meist nichts voneinander wissen.

Lesetipp: Was zeichnet eine dissoziative Identitätsstörung aus?

Irrtum Nr. 3: Wer Stimmen hört, hat Schizophrenie

Wer Stimmen hört, die in der Realität gar nicht vorhanden sind, muss nicht zwangsläufig an Schizophrenie erkrankt sein.

Fest steht: Stimmenhören oder andere Formen der Halluzinationen – etwa das Sehen von Personen, die gar nicht existieren – zählen zwar zu typischen Symptomen einer Schizophrenie, insbesondere der paranoiden Form der Erkrankung. Aber: Wenn eine Person Stimmen hört, ist dies kein Beweis für eine Schizophrenie.

Vielmehr können Sinnestäuschungen (und auch Wahnvorstellungen) auch andere Ursachen haben. Dazu zählen zum Beispiel

  • Alkoholismus oder Alkoholentzug
  • Drogenrausch, vor allem durch sog. Halluzinogene wie LSD, Mescalin, Psylocybin aus halluzinogenen Pilzen und Haschisch
  • Erkrankungen des Gehirns/Nervensystems, z. B. eine Schädigung im Bereich des Schläfenlappens oder ein Tumor
  • Epilepsie oder Migräne, bei denen Halluzinationen im Vorfeld auftreten können (sog. Aura)
  • Nebenwirkungen von Medikamenten

Nicht zuletzt können Halluzinationen und Wahnvorstellungen auch im Rahmen anderer psychischer Erkrankungen auftreten – etwa bei einer schweren Depression oder in einer Krise bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Oft ist den Erkrankten dann bewusst, dass diese Wahrnehmungen nicht real sind (sog. Pseudohalluzinationen). Mit einer Schizophrenie haben diese Beschwerden jedoch nichts zu tun.

Eine Schizophrenie muss aber nicht zwangsläufig mit Halluzinationen einhergehen. Bei der Schizophrenia simplex, einer milden Form der Schizophrenie, treten Wahnvorstellung und Sinnestäuschungen in der Regel nicht auf.

Lesetipp: Was sind Halluzinationen?

Irrtum Nr. 4: Alle schizophrenen Menschen müssen in der Psychiatrie leben

Falsch. Die "klassische" Schizophrenie gibt es nicht, vielmehr kann die Erkrankung ganz unterschiedlich verlaufen. In manchen Fällen ist die Schizophrenie heilbar und in vielen Fällen gut behandelbar:

  • Bei etwa 20 von 100 Personen bleibt es bei einer einmaligen schizophrenen Episode. Bei ihnen treten keine weiteren psychotischen Phasen auf – sie gelten als geheilt.
  • Die meisten Erkrankten erleben immer wieder Phasen, in denen Symptome auftreten (sog. Schübe). Zwischen diesen Phasen klingen die Beschwerden ab oder sie bleiben in abgeschwächter Form bestehen.
  • 10 bis 15 von 100 Erkrankten sind durch die Schizophrenie dauerhaft beeinträchtigt. Sie leiden permanent unter schweren Symptomen und sind in der Regel nicht arbeitsfähig.

Aber: Viele Erkrankte sind durchaus in der Lage, regelmäßig arbeiten zu gehen und ein selbständiges Leben zu führen – was sich wiederum positiv auf ihr Wohlbefinden auswirkt.

Lesetipp: Psychotherapie – Kosten, Zugang & Ablauf

Irrtum Nr. 5: Menschen mit Schizophrenie sind geistig behindert

Verhalten sich schizophrene Personen so irrational und merkwürdig, weil es ihnen an Intelligenz fehlt oder sie sogar geistig behindert sind?

Nein. Bei einigen Patienten mit chronischen Verläufen sind zwar im Laufe der Zeit kognitive Einschränkungen möglich. Zum Beispiel können sie sich Informationen nicht mehr so gut merken oder ihre Aufmerksamkeit ist gestört. Ihre intellektuellen Fähigkeiten sind jedoch meist nicht beeinträchtigt.

Auch manche bekanntere Persönlichkeiten sollen an der Erkrankung gelitten haben, darunter zum Beispiel der Mathematiker John Nash, dessen Leben im Film "A Beautiful Mind" von Schauspieler Russel Crowe dargestellt wird. Eine Schizophrenie hat also nichts mit verminderter Intelligenz zu tun. Vielmehr entstehen die auf Außenstehende seltsam wirkenden Handlungen und Gedanken durch eine verzerrte Wahrnehmung und Interpretation der Realität.

Irrtum Nr. 6: Schizophrenie ist selten

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem größeren Bekanntenkreis an Schizophrenie erkrankt, ist groß. Von 100 Personen erhält 1 im Laufe ihres Lebens diese Diagnose. Damit ist die Schizophrenie in der Gesamtbevölkerung etwa so häufig wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine diagnostizierte Epilepsie.

Die Häufigkeit anderer psychischer Erkrankungen zum Vergleich:

Von 100 Personen erkranken im Laufe ihres Lebens Schätzungen zufolge etwa

Fazit: Die Schizophrenie ist zwar keine besonders häufige Erkrankung, aber eben auch nicht extrem selten.