In schwarz-weiß gezeichnete Gesichter im Comic-Stil
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Psychische Erkrankungen: Dem Stigma die Stirn bieten

"Du musst dich einfach nur zusammenreißen". "Depression ist ein Zeichen von Charakterschwäche". Solche Sätze tun weh. Aber leider werden psychisch erkrankte Menschen auch heute noch solchen Vorurteilen ausgesetzt. Wie viel Leid, aber auch wie viel Mut mag dazu gehören, in die Öffentlichkeit zu gehen und zu sagen: "Ja, ich bin psychisch krank"? Tina Meffert, selbst an einer bipolaren Störung erkrankt, ist mit dem Verein Mutmachleute e.V. genau diesen Schritt gegangen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Stigmatisierung ist immer noch ein Thema

Depression, Ängste, Schizophrenie: Mehr als jeder vierte Erwachsene ist jedes Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen. Doch viele sprechen nicht darüber, aus Angst, ausgegrenzt und stigmatisiert zu werden. Sie versuchen, ihre Krankheit so gut es geht zu verbergen, was mit einem enormen psychischen Kraftaufwand verbunden ist.

Dass Vorurteile und Ablehnung gegenüber psychisch Erkrankten nach wie vor ein Thema sind, zeigen Untersuchungen immer wieder. Aus der Befragung "Deutschland-Barometer Depression 2019" geht etwa hervor, dass fast jeder Dritte irrtümlich der Meinung ist, eine Depression sei auf Charakterschwäche zurückzuführen. Ein anderes Beispiel stammt aus dem Jahr 2011: Von 3.600 Befragten lehnte es fast ein Drittel ab, mit einer an Schizophrenie erkrankten Person zusammenzuarbeiten. Menschen mit Schizophrenie gelten bei vielen als gewalttätig – dabei fallen die meisten von ihnen nie durch solches Verhalten auf.

Video: 6 Irrtümer über Schizophrenie

Solche Irrtümer bedeuten für einen Erkrankten zusätzliches Leid. Trotzdem – oder gerade deswegen – setzen immer mehr Betroffene ein Zeichen. Und stellen klar: "Ich bin mehr als nur eine Diagnose. Ich bin ein Mensch wie alle anderen." Der Verein Mutmachleute e.V. leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Er bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Angehörigen die Möglichkeit, öffentlich Gesicht zu zeigen und ein mutiges Zeichen gegen Stigmatisierung zu setzen.

Auf www.mutmachleute.de haben das mittlerweile schon 251 Menschen mit psychischen Erkrankungen und Angehörige getan. Sie berichten über sich, ihre Erkrankung und darüber, wie ihr Umfeld auf ihr "Outing" reagiert hat. Ganz offen, mit ihrem richtigen Namen und Foto. Sie erzählen, was ihnen in Krisensituationen hilft – und was sie Betroffenen und Angehörigen auf den Weg geben möchten. Im Gegenzug können auch Angehörige zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen berichten.

Tina Meffert: Eine Mutmacherin im Interview

Onmeda sprach mit Tina Meffert, Mitgründerin des Vereins Mutmachleute e.V. Im Interview berichtet sie über ihre eigenen Erfahrungen mit Stigmatisierung, mit welchen Vorurteilen psychisch Erkrankte im Privat- und Berufsleben zu kämpfen haben und was sich in Gesellschaft und Politik ändern sollte.

Onmeda.de: Frau Meffert, Sie sind selbst an einer bipolaren Störung erkrankt und gehen damit ganz offen um. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, diesen Schritt zu machen?

Meffert: Ich habe den Luxus, ein privates Umfeld zu haben, das eine unglaubliche Toleranz an den Tag gelegt hat, bevor das Thema überhaupt zur Sprache kam. Daher habe ich schon vor der Gründung der "Mutmachleute" im Freundes- und Bekanntenkreis über meine Erkrankung gesprochen.

Meinen Erklärungen sind die Menschen mit echtem Interesse begegnet. Viele wollten wissen, was die Erkrankung für mich bedeutet und wie sie am besten damit umgehen können, um mich zu unterstützen. Ich habe richtig, richtig Glück gehabt!

Tina Meffert ist Mitgründerin des Vereins Mutmachleute e.V.

Onmeda.de: Das lässt darauf schließen, dass andere Menschen weniger auf Zuspruch stoßen, wenn sie ihre Freunde und Bekannte einweihen …

Meffert: Genau. In bestimmten Situationen würde ich es mir dreimal überlegen, ob ich über meine Erkrankung spreche. Das könnte zum Beispiel in einem 300-Seelendorf sein, in dem die Menschen vielleicht noch keine Berührungspunkte mit psychischen Erkrankungen haben. Da sind wir noch lange nicht so weit. Aber genau daran und dafür arbeiten wir!

Onmeda.de: Wie hat denn Ihr berufliches Umfeld auf Ihr "Outing" reagiert?

Meffert: Mein Vorteil ist, dass ich selbstständig tätig bin und nicht als Angestellte in einer Firma arbeite, in der man vielleicht die Befürchtung haben muss, mit Attributen wie "schwach", "nicht leistungsfähig" oder gar "bekloppt" besetzt zu werden.

Dennoch habe ich mir die Entscheidung, auch im Beruf offen mit der Erkrankung umzugehen, genau überlegt. Wäre das gut für mich? Für meine Kollegen und Kolleginnen? Oder geschäftsschädigend? Wir haben zu zweit eine kleine Agentur. Wie würden meine Kundinnen und Kunden reagieren, wenn sie mitbekommen, dass die Geschäftsführerin psychisch erkrankt ist?

Ich bin zu dem Schluss gekommen: Wer damit nicht umgehen kann und meine Erkrankung auf meine berufliche Tätigkeit überträgt, mit der oder dem möchte ich mich nicht weiter auseinandersetzen.

Onmeda.de: Gab es Kundinnen und Kunden, die sich von Ihnen zurückgezogen haben?

Meffert: Nein. Ich kann mich nicht erinnern, dass einmal etwas "Geschäftsschädigendes" passiert wäre. Im Gegenteil, ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten – etwa, dass ich besonders mutig bin.

Aber ich arbeite nicht als Angestellte in einem großen Konzern. Ich kann es gut nachvollziehen, wenn diese ihre Erkrankung nicht öffentlich machen. Das wäre eine ganz andere Hausnummer.

Onmeda.de: Ist die Stigmatisierung im beruflichen Umfeld denn immer noch so ein Thema?

Meffert: Ja. Ganz schlimm ist es auch im Beamtenverhältnis. Wenn jemand, der verbeamtet werden soll, in den letzten zehn Jahren eine Psychotherapie gemacht hat, dann kann sie oder er diesen Job so gut wie vergessen. Das ist leider immer noch gängige Praxis. Ich kenne zwei Personen, die bewusst auf eine Psychotherapie verzichtet haben, damit sie verbeamtet werden können. Und das ist nicht gesund.

Es gibt natürlich Erkrankungen, bei denen eine Arbeitsfähigkeit gar nicht möglich ist. Viele Außenstehende zeigen dafür wenig Verständnis, nach dem Motto: "Du bist faul, willst nicht arbeiten und kassierst das Geld vom Staat". Diese Menschen können sich in den Betroffenen nicht reinversetzen – oder sie wollen es nicht.

Onmeda.de: Im Berufsleben offen mit seiner Erkrankung umgehen zu können, muss unglaublich erleichternd sein …

Meffert: Absolut. Es kostet so viel Energie, die Erkrankung zu verschleiern, damit niemand etwas merkt. Kann man ganz offen sein, fällt dieser Kraftaufwand weg und es ist mehr Energie für andere Dinge da. Das ist ein ganz großer Nutzen.

Onmeda.de: 2018 haben Sie den Verein Mutmachleute e.V. gegründet. Wie kam es dazu?

Meffert: Mein Geschäftspartner Maximilian Laufer und ich hatten zunächst gemeinsam mit der Verlegerin Anna Starks-Sture die Idee, mit einem Buch auf die Stigmatisierung psychisch Erkrankter aufmerksam zu machen. Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass wir über das Internet viel mehr Menschen erreichen können.

Unser Ansatz war, nicht das Negative zu beleuchten, das mit einer psychischen Erkrankung verbunden ist. Sondern zu erzählen, was es Schönes und Positives gibt. Und wir haben uns gefragt, wie man anderen Mut machen kann, denen es ähnlich geht. Eines Nachts bin ich aufgewacht und hatte den Namen "Mutmachleute" im Kopf.

Lesetipp: Hier geht es zum Verein Mutmachleute e.V.

Onmeda.de: Wie ging es dann weiter?

Meffert: Wir haben für Betroffene und Angehörige standardisierte Fragebögen entworfen und die Homepage erstellt. Zum Start hatten wir zwei ausgefüllte Fragebogen auf unseren Seiten – einer davon war von mir als Betroffene.

Uns half, dass in einer Zeitschrift ein Beitrag über uns erschien. Danach ging es Schlag auf Schlag. Es schrieben uns unglaublich viele potenzielle "Mutmacherinnen" und "Mutmacher" an. Das hätten wir nie gedacht.

Alles entwickelte sich sehr schnell. Im Januar 2018 waren wir online und im August 2018 haben wir bereits den gemeinnützigen Verein gegründet.

Onmeda.de: In den ausgefüllten Fragebögen stellen sich die Erkrankten öffentlich auf Ihren Seiten vor. Sie berichten auch darüber, was ihnen im Umgang mit ihrer Krankheit hilft …

Meffert: Genau. Andere können sich davon inspirieren lassen. Wir fragen gezielt nach den Ressourcen, die jeder einzelne für sich hat. Das sind oft sehr kreative, verrückte Sachen, auf die man gar nicht kommen würde. Ein echter Schatz, von dem andere lernen können. Manchen hilft es, ein Buch zu schreiben, anderen, einen Marathon zu laufen.

Die Ressourcen kennenzulernen, die die Menschen für sich entdeckt haben, ist uns sehr wichtig. Wir wollen Mut machen, zeigen, dass es meistens einen Weg gibt und dass man diesen mit seinen persönlichen Ressourcen meistern kann.

Onmeda.de: Welche Erfahrungen haben die Betroffenen nach der Veröffentlichung auf mutmachleute.de gemacht?

Meffert: Anfangs haben wir noch nicht explizit nachgefragt. Aber dann haben wir einen weiteren Fragebogen entwickelt, in dem die Betroffenen Rückmeldung geben, wie es ihnen heute geht. Zu 95 Prozent sind die Erfahrungen sehr positiv!

Viele berichten, dass sich für sie etwas zum Positiven geändert hat. Eine Erkrankte etwa, die ich auch persönlich kennengelernt habe, erzählte, dass ihre Kolleginnen und Kollegen und ihr Arbeitgeber gar kein Problem mit ihrer Erkrankung gehabt hätten. Im Gegenteil: Sie fragten, warum sie nicht schon viel früher darüber berichtet habe. Das ist der Moment, in dem ich Gänsehaut bekommen habe, denn das ist genau das, was wir erreichen wollen!

Ein anderes Beispiel ist eine "Mutmacherin" mit Borderline-Störung. Sie ist inzwischen so selbstbewusst, dass sie hin und wieder ihre durch Selbstverletzungen gezeichneten Arme nicht mehr verdeckt.

Das sind Geschichten, die uns bestärken, weiterzumachen und diesen Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Und je mehr mitmachen, desto mehr positive Geschichten werden es.

Onmeda.de: Nicht jeder ist so mutig. Gibt es auch Mutmacherinnen und Mutmacher, die lieber anonym bleiben wollen?

Meffert: Ja. Aber genau das gehört nicht zu unserem Konzept. Wir sind uns bewusst, dass viele Erkrankte nicht mitmachen, weil sie anonym bleiben möchten. Es geht aber darum, dass Betroffene zu ihrer Erkrankung stehen und ein Gesicht und eine Stimme bekommen. Das wiederum soll anderen Mut machen.

Manchmal machen wir allerdings auch eine Ausnahme. Zum Beispiel hat jemand mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung – die in der Regel auf massiven traumatischen Erlebnissen beruht – anonym berichten dürfen. Menschen, die einen geschützten Rahmen brauchen, sollen ihn bei uns auch bekommen.

Onmeda.de: Welche Erkrankungen haben die meisten Mutmacherinnern und Mutmacher?

Meffert: Die meisten, die sich bisher gemeldet haben, haben eine affektive Erkrankung – zum Beispiel eine Depression oder eine bipolare Störung – oder eine Angststörung. Viele haben auch eine posttraumatische Belastungsstörung.

Onmeda.de: Welche Erkrankungen werden Ihrer Erfahrung nach in der Öffentlichkeit besonders stigmatisiert?

Meffert: Insbesondere zu allen Erkrankungen aus dem psychotischen Kontext wie zum Beispiel der Schizophrenie fehlt einfach die Akzeptanz.

Onmeda.de: Was glauben Sie, woran das liegt?

Meffert: In den Medien wird viel über Schizophrenie berichtet. Problematisch ist dabei jedoch, dass die Berichterstattung oft sehr negativ ist. Es werden vorzugsweise Fälle von Gewaltbereitschaft oder Unberechenbarkeit geschildert. Man fühlt sich informiert, bekommt jedoch nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit präsentiert. Die wenigsten setzen sich fundiert mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie, ihren Unterformen und ihrer Behandlung auseinander.

Wir sind immer froh, wenn sich jemand mit einer solchen Diagnose bei uns meldet und anderen Menschen Mut macht.

Onmeda.de: Auch Angehörige können bei den Mutmachleuten zu Wort kommen. Wie ist die Resonanz?

Meffert: Unser Anliegen ist es, dass sich auch Angehörige untereinander Mut machen. Allerdings sind unter den Mutmachleuten bislang nur relativ wenige Angehörige. Die Betroffenen zeigen Gesicht, die Angehörigen jedoch nicht. Offenbar ist das Thema für sie sehr schambehaftet.

Onmeda.de: Was muss sich gesellschaftlich ändern?

Meffert: Wir wünschen uns vor allem die Gleichstellung von psychischen und physischen Erkrankungen! Das erreicht man vor allem durch Aufklärung.

Eine psychische Krankheit kann jeden treffen. Niemand ist davor gefeit. Wir wollen das Bewusstsein dafür schaffen. Die Menschen sollen sich damit beschäftigen und verstehen, dass eine psychische Erkrankung genauso ernstgenommen werden muss wie Diabetes oder eine andere körperliche Krankheit.

Außerdem bin ich mehr als eine "Betroffene". Ich bin Mutter, meinen Kindern geht es gut. Ich bin Geschäftsführerin und mache das ziemlich gut. Unterscheidet mich das von anderen?

Onmeda.de: Inwiefern ist die Politik gefordert?

Meffert: Aus politischer Sicht muss insbesondere das Arbeitsrecht verändert werden. Man sollte Arbeitgeber bestärken, sich mehr mit dem Thema psychische Gesundheit zu befassen. Auch im Sinne von Prävention.

Nicht zuletzt steht ja auch ein wirtschaftliches Interesse dahinter, sowohl beim Arbeitgeber als auch bei den Krankenkassen. Da sehe ich die Politik am Zug, offensiver zu sein und den Unternehmen Hilfestellung zu bieten.

Ich habe letztes Jahr mit einem Unternehmer gesprochen. Er interessierte sich brennend dafür, wie man Menschen mit psychischer Erkrankung integrieren kann, wusste aber nicht, wo er sich Beratung holen kann. Es gibt einfach keine zentrale Anlaufstelle dafür. Hier muss man ansetzen und eine Institution schaffen, die Unternehmen entsprechend berät.

Onmeda.de: Interessant wäre sicher auch, wenn sich mal eine Chefin oder ein Chef melden und berichten würden, wie es ihr/ihm ergangen ist, als sich ein(e) Mitarbeiter(in) "geoutet" hat …

Meffert: Auf diesen Beitrag warte ich fingertrommelnd!