Kleiner Mann fotografiert sich selbstverliebt.
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Was ist dran am Napoleon-Komplex?

Kleine Männer gelten mitunter als aggressiver und machthungriger. Wissenschaftlich ist das hoch umstritten. Gibt es wirklich den Napoleon-Komplex?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Was ist dran am Napoleon-Komplex?

Ein kleiner Mann ist aggressiv? Dominant? Machthungrig? "Typisch!", denkt dann sein Umfeld. Und unterstellt, dass geringe Körperlänge durch sichtbaren Erfolg auf anderer Ebene ausgeglichen werden soll. Ein Phänomen, das der Psychologe Alfred Adler Anfang des 20. Jahrhunderts als Napoleon-Komplex beschrieb. Als solches oder unter dem Namen Napoleon-Syndrom oder dem englischen Short Man Syndrome wird es seither immer wieder als Erklärung herangezogen, wenn beispielsweise ein Staatsmann politisch oder persönlich extrem bestimmend agiert. Silvio Berlusconi (1,64 Meter), Nicolas Sarkozy (1,65), auch Wladimir Putin (maximal 1,70) passen in dieses Bild.

Der deutsche Mann ist durchschnittlich knapp 1,80 Meter groß. Nur etwa jeder Zehnte misst hierzulande weniger als 1,70 Meter. Spätestens unter dieser Höhe wird ein Mann als klein wahrgenommen und empfindet sich selbst so, ohne dass man hier gleich einen Napoleon-Komplex vermuten müsste. Vermeidbar ist der (selbst)kritische Blick auf die Körperlänge kaum, dafür beeinflusst sie zu viele Bereiche des menschlichen Lebens. Zumindest das belegen die zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema.

Eifersüchtig aber treu?

Demnach werden höher gewachsene Bewerber bevorzugt eingestellt. Unter den Lenkern der Top-500-Unternehmen weltweit sind 90 Prozent überdurchschnittlich groß. Größere verdienen mehr Geld (aber angeblich nur bis 1,91 Meter). Kleinere Männer sind eifersüchtiger. Obwohl sie dafür als treuer gelten, ist der Traummann für die meisten Frauen wenigstens größer als sie selbst, am besten über 1,80 Meter. Überdies haben Männer unter 1,70 Meter auch noch ein höheres Risiko für koronare Herzerkrankungen, wie viele Studien bestätigen, aber keine erklären kann. Andere Thesen sind wissenschaftlich weniger haltbar. Trotzdem schafften sie es als Nachrichten in Sachen Napoleon-Komplex doch alle in die Medien und versichern dem öffentlichen Bewusstsein: Kleinere haben manchen Nachteil. Aber ein Syndrom?

Napoleon-Komplex nie valide untersucht

Prof. Ralf Jarosch lehrt Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Evangelischen Hochschule Berlin. Er sagt: "Syndrome sind eine Zusammenfassung von Symptomen." Sie können ein dahinterstehendes Krankheitsbild aufzeigen. Aber: "Der ICD 10, also der aktuelle Diagnoseschlüssel der WHO, kennt das ,Napoleon Syndrom` oder ,Little Man Syndrome` nicht. Es ist somit keine Krankheit. Ob aber Kleinwuchs im Normbereich tatsächlich vermehrt zu psychischen Problemen oder bestimmten Verhaltensweisen führt, wurde nie valide untersucht", sagt Jarosch.

Vorliegende Studien beleuchten immerhin Teilaspekte des sogenannten Napoleon-Komplexes. An der Universität Oxford zum Beispiel haben Forscher nachgewiesen, dass Menschen sich unsicherer fühlen, wenn sie kleiner sind. Allerdings waren zum Thema "Paranoia" ausschließlich Frauen beobachtet worden. Die Teilnehmerinnen wurden für eine virtuelle U-Bahn-Fahrt per Computersimulation verkleinert. Sie erlebten verstärkt Gefühle von Inkompetenz, Misstrauen und Angst. Diese Studie belegt also vor allem: Die Körpergröße eines Menschen beeinflusst nicht nur seine Wahrnehmung durch die Mitmenschen, sondern auch sein Selbstbild.

Kleinwüchsigkeit mit Hormonen verhindern?

So kommen Eltern von voraussichtlich klein bleibenden Kindern auf den Gedanken, hormonell mehr Wachstum anzuregen. Vor diesem Hintergrund hat sich der Urologe Prof. Elmar W. Gerharz schon vor einiger Zeit kritisch mit der Forschungslage zum Napoleon-Komplex befasst, sich dabei aber auf Menschen mit krankheitsbedingten Wachstumsstörungen konzentriert. Kleinwuchs (unter 1,50 Metern) bringe im Einzelfall schwerwiegende Beeinträchtigungen, so Prof. Geharz. Die Ergebnisse aktueller, kontrollierter Untersuchungen würden aber "die publizistisch und in der Praxis hartnäckig gepflegte psychosoziale Folgemorbidität von Kleinwuchs zunehmend und überzeugend infrage stellen".

Der von Alfred Adler beschriebene Napoleon-Komplex wird also auch nach einem Jahrhundert noch diskutiert. Die Debatte zeigt: Der Versuch, das Verhalten eines Einzelnen direkt von seiner Körperlänge abzuleiten, ist bislang nicht überzeugend gelungen.