Eine junges Paar liegt auf einer Wiese.
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Frühlingsgefühle

Die Sonne scheint, die Tage werden länger, alles blüht: Kein Wunder, dass viele Menschen im Frühjahr glücklicher sind. Angeblich spielen im Frühjahr die Hormone verrückt. Doch stimmt das? Gibt es sie wirklich, die "Frühlingsgefühle"?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Frühlingsgefühle: Gibt es sie wirklich?

Dank steigender Temperaturen und längerer Tageslichtphasen fühlen sich viele Menschen im Frühling beschwingter als in den trüben Wintermonaten davor. Die dicken Wintersachen können endlich in den Schrank verbannt werden. Leichtere Kleidung und frische Farben in den Schaufenstern läuten die neue Lebenslust ein.

Die frühlingsgrünen Parks füllen sich mit verliebten, händchenhaltenden Paaren. Wer Single ist, macht sich rasch auf die Suche nach einem Seelenverwandten und flirtet, was das Zeug hält. Diese oder ähnliche Vorstellungen verbinden jedenfalls viele mit dem Begriff "Frühlingsgefühle".

Die länger werdenden Tage zusammen mit den angenehmeren Tagestemperaturen sollen dazu führen, dass beim Menschen solche Frühlingsgefühle ausbrechen. Aber was sagt die Wissenschaft dazu? Wird der Mensch im Frühjahr tatsächlich derartig von Tageslänge und Hormonen beeinflusst? Oder gibt es "wahre" Frühlingsgefühle eigentlich nur in Büchern und Filmen?

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Tatsächlich hat eine saisonale Veränderung wie der Frühling nicht so viel Einfluss auf das Liebesleben des Menschen wie man meinen möchte. Zweifellos verbessern die länger werdenden Tage jedoch die Stimmung mancher Menschen im Frühjahr – und können Winterdepressionen förmlich mit einem Sonnenstrahl vertreiben.

Bislang gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Daten, die Frühlingsgefühle in ihrer landläufigen Bedeutung bestätigen würden. Vielleicht sind Frühlingsgefühle eher ein psychologisches Phänomen, eine Art "selbsterfüllende Prophezeiung". Der Frühling bringt mit dem Erwachen der Natur, seinem Mehr an Licht und mehr Wärme, auch mehr Leichtigkeit. Viele Menschen animiert das, Dinge wieder positiver sehen. Möglicherweise einfach, weil man mit dem Frühling einen Aufwärtstrend erwartet.

Frühlingsgefühle: Einfluss der Tageslänge

Die Tageslänge wird bei Mensch und Tier in einer speziellen Hirnregion gemessen, die einen komplizierten Namen hat: Nucleus suprachiasmaticus. Diese registriert das Tageslicht, das durch die Netzhaut des Auges fällt.

Die Information über die Tageslänge wird dann an die Zirbeldrüse im Gehirn weitergeleitet. Sie sorgt dafür, dass bei Dunkelheit oder Dämmerlicht das Schlafhormon Melatonin freigesetzt wird. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus und fördert den Schlaf.

Je länger die Nacht beziehungsweise die Dunkelphase dauert, desto mehr Melatonin wird ausgeschüttet. Mit den kürzer werdenden Nächten im Frühling produziert der Körper also weniger Melatonin und führt so zu merklich mehr Energie – bei einigen Menschen jedoch erst nach einer gewissen Anpassungszeit (Frühjahrsmüdigkeit).

Frühlingsgefühle: Die Rolle der Sexualhormone

Spielen Sexualhormone (Geschlechtshormone) eine Rolle für die Frühlingsgefühle? Wahrscheinlich eher nicht. Zwar ist bei Männern der Blutspiegel des Sexualhormons Testosteron im Frühjahr und im Sommer um 30 Prozent höher als in Herbst und Winter – er schwankt also saisonal.

Dennoch scheint es keinen Zusammenhang zwischen steigendem Testosteronspiegel und sexueller Aktivität zu geben. Auch werden Männer durch einen höheren Testosterongehalt in Frühjahr und Sommer nicht fruchtbarer. Erhöht man bei Männern mit normalem Testosteronspiegel diesen künstlich, so wirkt sich das nicht auf ihr Sexualleben aus.

Testosteron kommt auch im Blut von Frauen vor – allerdings in geringerem Maße. Frauen bilden außerdem das Hormon DHEA (Dehydroepiandrosteron), ein Vorläufer von Testosteron. Im Unterschied zu Männern bleibt der Testosteronspiegel bei Frauen jedoch von Jahreszeiten unbeeinflusst. Er schwankt vielmehr mit dem Monatszyklus der Frau. Bei Frauen, die mit der Pille oder anderen hormonellen Mitteln verhüten, bleiben selbst diese Schwankungen aus.

Wirken sich Frühlingsgefühle auf die Geburtenrate aus?

Ist die Geburtenrate beim Menschen saisonal beeinflusst? Für die Tierwelt mag das gelten: Die meisten Säugetiere wenden sich mit den länger werdenden Tagen im Frühjahr der Fortpflanzung zu. Denn die Geburt von Jungtieren in den wärmeren Monaten des Jahres sichert den Fortbestand, weil es dann ausreichend Nahrung für den Nachwuchs gibt. Bei Tieren können sich "Frühlingsgefühle" beziehungsweise die länger werdenden Tage also offenbar auf die Geburtenrate auswirken.

Während sich bei den meisten Säugetieren die Geburtenrate saisonal verändert, ist das beim Säugetier Mensch in den letzten Jahrhunderten kaum mehr festzustellen. Noch bis ins späte 16. Jahrhundert wurden im Frühjahr allerdings mehr Kinder geboren als im Rest des Jahres. Im März lag die Geburtenrate hier immerhin noch 20 Prozent über dem Durchschnitt. Demnach wurde der Nachwuchs also im Juni des Vorjahrs gezeugt, der wenigstens astronomisch gesehen noch zum Frühjahr gehört.

Inzwischen ist dieser Anstieg jedoch stark abgeflacht und liegt heutzutage nur unwesentlich über dem Durchschnitt. Das hat wahrscheinlich verschiedene Ursachen. Abgesehen von den soziokulturellen Entwicklungen der letzten 400 Jahre spielt sicherlich auch die Entwicklung von Verhütungsmitteln eine Rolle – insbesondere der hormonellen Verhütung mithilfe der Antibabypille Ende der 1960er Jahre. Wann Frauen schwanger werden wollen, bleibt ihnen seitdem selbst überlassen.

Stimmungsaufhellung im Frühjahr

Führen die längeren Tage zu einer Stimmungsaufhellung und rufen dadurch Frühlingsgefühle hervor? Wer sich an sonnigen Frühlingstagen viel im Freien aufhält, kann auf jeden Fall seine Stimmung verbessern. Bei knapp 23 Grad Celsius entwickelt sich eine positive Stimmung nämlich am besten.

Im Frühling lassen zudem Winterdepressionen fast wie von selbst nach. Bei heißeren Temperaturen im Sommer verflüchtigt sich der stimmungsaufhellende Effekt dagegen zum Teil wieder.