Eine Frau sitzt auf dem Sofa und wirkt niedergeschlagen und traurig.
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Emetophobie: Krankhafte Angst vor dem Erbrechen

Wohl jeder ekelt sich vor Erbrochenem. Bei Menschen, die an einer Emetophobie leiden, ist dieses Gefühl deutlich stärker ausgeprägt: Die Betroffenen haben eine unnatürliche, irrationale Angst vor dem Erbrechen. Welche Folgen die Angststörung haben kann und was Betroffenen hilft, lesen Sie hier. 

Emetophobie: Was ist das?

Emetophobie zählt zu den Angststörungen und bezeichnet die irrationale, krankhafte Angst vor dem Erbrechen. Diese Angst muss sich aber nicht ausschließlich auf das eigene Erbrechen beschränken. Die Kriterien für Emetophobie beinhalten

  1. die Angst davor, selbst zu erbrechen und/oder
  2. die Angst davor, mitzuerleben, wie sich andere übergeben.

Generell mit der Thematik des Erbrechens konfrontiert zu werden, sei es in Gesprächen, auf Fotos oder in Filmen, kann bei Emetophobiker*innen eine krankhafte Panik auslösen. Das führt bei vielen Betroffenen zu einem hohen Leidensdruck, vor allem ihr Sozialleben leidet unter der Erkrankung.

Abzugrenzen von der Emetophobie ist die sozialphobische Brechangst. Dabei handelt es sich um eine Sozialphobie, bei der die Angst nicht auf den Akt des Erbrechens selbst gerichtet ist, sondern vielmehr auf die Reaktion anderer Menschen auf das eigene Erbrechen. Hier beschränkt sich die Angst vor dem Übergeben meist auf das Erbrechen im öffentlichen Raum. 

Wie entsteht eine Emetophobie?

Sowohl Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene können von der Emetophobie betroffen sein. Genaue Zahlen, wie viele Menschen unter Emetophobie leiden, gibt es nicht. Bei der Emetophobie handelt es sich nämlich um eine noch relativ unbekannte und unerforschte Erkrankung. Aus diesem Grund wissen Mediziner*innen noch nicht sicher, durch welche Ursachen die Angststörung ausgelöst wird.

Expert*innen vermuten als Auslöser ein traumatisches Erlebnis. Zum Beispiel, dass sie sich in früher Kindheit mit Erbrochenem beschmutzt haben und die Eltern darauf unwirsch und genervt reagierten. Daraus entwickelte sich dann die Empfindung, dass sie, wenn sie sich übergeben, Liebe und Zuneigung verlieren.

Eine Emetophobie kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Typisch sind folgende Merkmale:

  • eine stark ausgeprägte und lange anhaltende Angst vor dem Erbrechen
  • eine stark ausgeprägte Angst vor auftretender Übelkeit, da diese möglicherweise zum Erbrechen führt
  • die ständige Befürchtung, mit Krankheitserregern in Berührung zu kommen, die wiederum zu Übelkeit und Erbrechen führen können und damit oft ein übertriebenes Hygienebedürfnis
  • Hang zur Hypochondrie und besondere Sensibilität für Körperempfindungen wie Unwohlsein oder Bauchschmerzen
  • das Bewusstsein, dass die verspürte Angst übertrieben ist (gilt nur bei Jugendlichen und Erwachsenen, Kinder haben dieses Bewusstsein meist noch nicht)
  • Medikamentenmissbrauch: Oft tragen Emetophobiker*innen Anti-Brechmittel bei sich, die sie nehmen, sobald sie geringste Zeichen von Übelkeit spüren. Andere Medikamente, in deren Beipackzettel Übelkeit oder Erbrechen als Nebenwirkungen aufgelistet sind, nehmen sie hingegen oft nicht – selbst, wenn sie ärztlich verschrieben wurden.

Betroffene verspüren in der Regel einen hohen Leidensdruck, da sie viele Situationen vermeiden. Aus Angst, mit dem eigenen oder fremden Erbrechen konfrontiert zu werden, nehmen Emetophobiker*innen zum Beispiel nicht an gesellschaftlichen Aktivitäten teil und meiden größere Menschenmengen. Auf Partys, Betriebsfeiern oder in Diskotheken befürchten sie, Betrunkenen zu begegnen, die sich übergeben müssen. Auch die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel sowie Flugreisen sind häufig mit Panik verbunden.

Viele Betroffene halten sich zudem von kleinen Kindern, Schwangeren und Kranken fern. Mitunter kann die Angststörung sogar einem Kinderwunsch im Wege stehen – nicht nur aufgrund der Schwangerschaftsübelkeit, sondern auch aus Angst vor Situationen, in denen sich das eigene Kind erbricht.  

Gestörtes Essverhalten durch Emetophobie

Einige Emetophobiker*innen entwickeln darüber hinaus ein gestörtes Essverhalten. Aus Angst, sich beim Essen den Magen zu verderben und sich in der Folge übergeben zu müssen, vermeiden Betroffene vermeintlich „gefährliche“ Lebensmittel wie Eier, Fleisch und Fisch. Auch Restaurants und sämtliche Orte, an denen Betroffene keinen Einblick in die Zubereitung der Speisen haben, können Angst auslösen.

Mahlzeiten werden von einer ständigen Angst begleitet, Genuss empfinden Betroffene kaum. Das kann dazu führen, dass Menschen mit Emetophobie ihre Lebensmittelauswahl erheblich einschränken und Portionsgröße und Mahlzeitenfrequenz so minimieren, dass sie stark an Gewicht verlieren. Daraus entwickelt sich jedoch ein Teufelskreis: Die Angst vor Übelkeit und Erbrechen führt dazu, dass viele Emetophobiker*innen regelrecht hungern – das ruft wiederum Übelkeit und Schwindelgefühle hervor.

Vielen Menschen mit Emetophobie wird daher zunächst die Diagnose "Essstörung" gestellt – etwa Magersucht (Anorexie) oder eine selektive Essstörung, bei der Betroffene zwanghaft nur bestimmte Lebensmittel zu sich nehmen.

Emetophobie kann Panikattacken auslösen

Müssen sich Emetophobiker*innen tatsächlich übergeben oder sind dabei, wenn sich jemand anderes erbricht, nimmt die Angst oft panikartige Zustände an: Die Betroffenen bekommen Symptome wie Herzrasen, Beklemmungs- und Unwirklichkeitsgefühle, erleben Schwindel und Benommenheit.

Eine solche Panikattacke kann aber auch schon auftreten, wenn Betroffene lediglich befürchten, mit dem Erbrechen konfrontiert zu werden. Als phobischer Stimulus (Trigger) kommen etwa Gerüche oder Geräusche in Frage, die der*die Phobiker*in mit dem Erbrechen verbindet. Für Außenstehende ist es oft nicht klar erkennbar oder nachvollziehbar, warum ein bestimmter Reiz bei dem*der Betroffenen einen derartigen Panikzustand auslöst.

Ein "normales" soziales Leben ist für viele Menschen mit Emetophobie kaum möglich. So gelten die Betroffenen häufig als langweilige Stubenhocker. Auch Freundschaften aufrechtzuerhalten fällt manchen schwer, da sie Verabredungen häufig kurzfristig aus "Unwohlsein" absagen. Das schulische und berufliche Leben leidet ebenso stark unter dieser psychischen Krankheit.

Wie wird Emetophobie diagnostiziert?

Bis die Diagnose Emetophobie gestellt wird, vergeht häufig viel Zeit. Das liegt zum einen an der mangelnden Bekanntheit der Erkrankung, sowohl vonseiten der Ärztinnen*Ärzte als auch der Betroffenen, die die psychische Störung nicht als solche erkennen und sich daher gar nicht erst in Behandlung begeben.

Zum anderen werden zunächst oft Fehldiagnosen gestellt, da Emetophobie mit Symptomen einhergeht, die auch für andere Erkrankungen sprechen können.

Da die Emetophobie häufig mit Übelkeit und Unwohlsein einhergeht, konsultieren Betroffene oft zunächst den*die Allgemeinmediziner*in. Sofern körperliche Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen werden können, folgt dann in der Regel eine Überweisung in eine psychosomatische oder psychologische Praxis.

Im deutschsprachigen Raum gibt es bislang noch keine geregelten Diagnosekriterien für eine Emetophobie. Mediziner*innen bedienen sich daher zum Beispiel Fragekatalogen, die zur Diagnosestellung anderer Angststörungen entwickelt wurden. 

Was hilft bei Emetophobie?

Ist die Diagnose Emetophobie erst einmal gestellt, lässt sie sich insbesondere mit einer Verhaltenstherapie behandeln – genauer gesagt, mit einer verhaltenstherapeutischen Reizkonfrontation. Ähnlich wie Menschen, die ihre Spinnenangst (Arachnophobie) damit bekämpfen, indem sie beispielsweise eine Spinne in die Hand nehmen, setzen sich die Betroffenen auch hier den Situationen aus, vor denen sie sich fürchten.

In der Praxis müssen bei der Therapie von Emetophobie jedoch oftmals "Ersatzreize" herhalten. Denn Orte, an denen man Menschen beim Übergeben zusehen kann, lassen sich kaum gezielt aufsuchen. Daher setzen Therapeut*innen beispielsweise Videos ein, die entsprechende Szenen enthalten. Darüber hinaus sollen sich Betroffene ganz allgemein in Situationen begeben, die sie vorher gemieden haben: Feste, Feiern oder auch schlicht ein Essen im Restaurant. Dadurch lernen sie dann nicht nur, ihre Angst zu überwinden, sondern kehren auch Stück für Stück in ein "normales" soziales Leben zurück.

Daneben kann auch ein Austausch mit anderen Betroffenen hilfreich sein, etwa im Rahmen von Selbsthilfegruppen.