Eine Frau meditiert mit Kopfhörer
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Binaurale Beats: Funktioniert die akustische Entspannung?

Musik kann gute Laune bringen, uns beim Sport anspornen oder uns melancholisch stimmen. Aber können Klänge uns auch entspannen, fokussieren, Ängste nehmen und bei depressiven Verstimmungen helfen? Binaurale Beats angeblich schon. Sie sollen unsere Gehirnwellen und damit auch uns beeinflussen: uns konzentrierter und kreativer machen zum Beispiel oder uns beim Einschlafen helfen. Funktioniert das? Wir haben es ausprobiert und einen Neuropsychologen dazu befragt.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

So funktionieren binaurale Beats

Wenn es stimmt, dass binaurale Beats mich motivieren können, dann müsste das hier ein ziemlich guter Artikel werden. Ich habe gerade eine zehnminütige Klangreise unternommen, die mich positiver und produktiver machen soll. "Konzentration fördern" hieß die Meditation der App "Sonamedic". Im Gegensatz zu den meisten anderen Meditationsapps arbeitet sie mit binauralen Beats. Sie bietet verschiedene Meditationen: zum Einschlafen, zur Entspannung, zum Abbau von Ängsten oder eben zur Motivation. Eine Art akustische Hypnose.

Die Wissenschaft hinter binauralen Beats

Der deutsche Physiker Heinrich Wilhelm Dove entdeckte 1839, dass in unserem Gehirn bestimmte Schwingungen entstehen, wenn wir über Kopfhörer auf beiden Ohren leicht unterschiedliche Frequenzen vorgespielt bekommen: binaurale Beats. Unser Gehirn macht daraus eine mittlere Frequenz, die nur wir wahrnehmen können.

Welche Kopfhörer für binaurale Beats?

Das funktioniert allerdings nur, wenn wir die Töne über Stereo-Kopfhörer hören. Normalerweise vermischen sich verschiedene Frequenzen bereits in der Luft und erzeugen einen Klang, der auch für andere Menschen hörbar ist.

Wie sollen diese Töne nun auf uns wirken?

Das menschliche Gehirn arbeitet in fünf verschiedenen Frequenzbereichen, je nachdem, ob wir wach sind oder schlafen oder wie aktiv oder entspannt wir sind. Diese Gehirnwellen lassen sich auch mit einem EEG messen.

Das sind die Frequenzbereiche und die damit verbundenen Stimmungen:

  • Delta-Frequenzbereich: 0.1 bis 4 Hertz, Zustand: traumloser Tiefschlaf
  • Theta-Frequenzbereich: 4 bis 8 Hertz, Zustand: REM-Phase, leichte Schlafphase, tiefe Entspannung
  • Alpha-Frequenzbereich: 8 bis 13 Hertz, Zustand (mit geschlossenen Augen): Gelöstheit, Entspanntheit, Imagination, Erinnerungen
  • Beta-Frequenzbereich: 13 bis 30 Hertz, Zustand: Wachbewusstsein, Wahrnehmung, Alltag, Denken, Logik
  • Gamma-Frequenzbereich: Über 30 Hertz, Zustand: Meditation, Fokus, Konzentration, Lernen, Kreativität

Binaurale Beats sollen unser Gehirn in die gewünschte Frequenz und damit in einen bestimmten Zustand versetzen. Auf diese Weise sollen sie verschiedene Gemütszustände wie Entspannung, Schlaf oder Konzentration fördern. So die Theorie.

Das passiert während meiner Klangreise

In der Praxis wähle ich entweder eine Meditation, die mir helfen soll, mich zu entspannen, oder eine, die mir helfen soll, mich zu konzentrieren. Je nach Wahl höre ich also Klänge mit unterschiedlichen Frequenzen.

In meinem Fall sind es "Beta"-Frequenzen mit 16 Hertz, die meine Konzentration steigern sollen. Die virtuelle Reise führt mich in einen sommerlichen Blumengarten. Ich werde dazu aufgefordert, mich auf eine bestimmte Blüte zu konzentrieren, sie genau zu betrachten und alles andere auszublenden. Sphärische, fast sakrale Töne schwingen währenddessen in meinem Kopf. Hell, leicht und frisch klingen sie.

Dabei wäre der Ton, der sich für mich ergibt, gar nicht unbedingt schön oder besonders angenehm, erklärt Philipp Hofheinz, Mitbegründer der App Sonamedic. "Manche Menschen nehmen gar nichts wahr, andere hingegen hören einen eher als unangenehm empfundenen Ton." Die App nutzt aus diesem Grund "kreative Sound-Settings“. Es sind also gar nicht die sphärischen Klänge, die ich höre, die Wirkung erzielen sollen. Die entscheidende Frequenz höre ich gar nicht bewusst.

Ob die Beats bei mir Wirkung zeigen? Sicher sagen kann ich das nicht. Ich habe bereits verschiedene Meditiationsapps ausprobiert und habe das Gefühl, dass die Klänge es mir leichter machen, mich auf die Meditation einzulassen. Danach fühle ich mich tatsächlich erfrischt, wach, klar und fokussiert. Ob das an den binauralen Beats liegt, oder einfach daran, dass ich mir eine Auszeit für mich genommen habe, kann ich aber natürlich nicht sagen.

Dass Musik die Stimmung beeinflussen kann, leuchtet mir ein. Schließlich erlebe ich das als Musikliebhaberin selbst jeden Tag. Diese Klänge sollen aber mehr können. Und viele Menschen scheinen daran zu glauben. Das Internet ist voll von gut geklickten Videos, die vor allem Entspannung und Einschlafhilfen mithilfe binauraler Beats versprechen. Aber können sie das auch halten? Wir haben uns die Studienlage angesehen und mit einem Neuropsychologen gesprochen.

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Was bringen binaurale Beats?

Tatsächlich haben sich bereits einige Studien mit binauralen Beats beschäftigt. Während einige Studien keinen Effekt von binauralen Beats zeigen konnten, legen andere Studie nahe, dass die Beats Wirkung zeigen.

Eine Studie aus den USA kam zum Beispiel zu dem Schluss, dass binaurale Beats Menschen helfen können, sich zu entspannen. Die Forscher teilten 74 Mitglieder des Militärs, die über anhaltenden Stress nach belastenden Einsätzen klagten, in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe hörte Musik ohne binaurale Beats, bei der anderen Gruppe waren binaurale Beats in die Musik eingebettet. Jede Gruppe hörte vier Wochen lang an drei aufeinanderfolgenden Abenden pro Woche 30 Minuten lang "ihre" Musik. Natürlich wussten die Probanden nicht, zu welcher Gruppe sie gehörten. Davor und danach hielten die Wissenschaftler die Auswirkungen mit einem Herzratenvariabilitäts-Stresstest fest. Darüber hinaus sollten die Teilnehmer aufschreiben, wie sie sich fühlten.

Das Ergebnis: Die Teilnehmer, die Musik mit binauralen Beats hörten, zeigten eine verringerte sympathische Reaktion, was auf mehr Entspannung hindeutet. Bei der Vergleichsgruppe war es umgekehrt. Auch die Tagebücher zeigten, dass die Teilnehmer, die binauralen Beats ausgesetzt waren, sich entspannter fühlten. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass binaurale Beats Stress reduzieren und die Schlafqualität verbessern können.

In einer anderen Studie befassten sich Forscher damit, ob binaurale Beats helfen können, Patienten die Angst vor einer Operation zu nehmen. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Klänge die Angst tatsächlich signifikant verringern können.

Auch in einer Meta-Analyse von 22 Studien kommen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass binaurale Beats positiven Einfluss auf unser Gedächtnis, unsere Aufmerksamkeit, Ängste und Schmerzen nehmen können. Positive Effekte auf Lernen und Gedächtnis zeigten sich am ehesten dann, wenn man die Beats vor und während einer zu bewältigenden Aufgabe hört, nicht nur währenddessen. Die Studienleiter betonen allerdings, dass mehr Forschung nötig sei, um die Ergebnisse zu untermauern.

Das sieht auch Prof. Dr. Stefan Koelsch so. Er ist Psychologe, Neurowissenschaftler, Professor für biologische Psychologie, medizinische Psychologie und Musikpsychologie an der Universität Bergen (Norwegen) und Autor des Buchs "Good Vibrations. Die heilende Kraft der Musik". Er ist überzeugt davon, dass Musik einen großen Einfluss auf uns und unsere Gesundheit hat. Die therapeutischen Effekten von Binaural Beats sind seiner Meinung nach jedoch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Auch die vorhandenen Studien sieht er aufrgund methodischer Mängel kritisch. Sowohl Ängste als auch Schmerz seien stark durch Placebos beeinflussbar.

"Es ist zwar möglich, dass die Stimulierung bestimmter Hirn-Schwingungen therapeutische Wirkungen haben kann und dass solche Hirn-Schwingungen durch Musik verstärkt werden können", sagt Koelsch. Allerdings sei dazu bislang noch kaum etwas bekannt. "Ich halte es für physiologisch völlig unplausibel, dass dies nur durch binaurale Beats geschehen kann. Ich sehe keinen Grund, warum binaurale Beats besser wirken sollten als monaurale Beats." Auch monaurale Beats entstehen durch die Mischung von Tönen zweier unterschiedlicher Frequenzen. Allerdings wird der Mittelwert daraus nicht erst im Gehirn erzeugt, sondern bereits als solcher gehört.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Bewiesen ist die positive Wirkung von binauralen Beats noch nicht. Dafür sind einfach noch zu viele Fragen offen. Mehr aussagekräftige Studien sind nötig, um die Wirkung binauraler Beats zu erforschen.

Sind binaurale Beats gefährlich?

Es spricht aber auch nichts dagegen, es einfach mal auszuprobieren. Zwar werden binaurale Beats im Internet sogar als "auditive Drogen" gehandelt. Nebenwirkungen sind allerdings ebensowenig bekannt wie ein Beweis, dass diese digitalen Drogen eine Wirkung haben. "Man kann nicht davon ausgehen, dass binaurale Beats negative Effekte haben können", sagt der Neuropsychologe Koelsch.

Hier können Sie reinhören:

Die App "Sonamedic" kostet für ein Jahr 74,99 Euro oder 6,25 monatlich (14 Tage Testphase). Für 3 Monate 24,99 Euro oder 8,33 Euro monatlich (7 Tage Testphase).

Es gibt viele andere Apps, die binaurale Beats nutzen: "Binaural Beats" und "Brainwaves" zum Beispiel. Auch CDs mit binauralen Beats gibt es in Hülle und Fülle.

Bei Youtube finden sich ebenfalls viele Videos mit binauralen Beats. Bei diesen ist jedoch nicht immer klar, woher diese stammen und was da eigentlich genau hochgeladen wurde.