Eine Familie stößt mit Rotwein an.
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Alkoholkonsum in Familien: Ist es problematisch, vor Kindern zu trinken?

Ein Glas Wein zum Essen, Sekt zum Anstoßen, ein Bierchen zum Entspannen: Viele Eltern trinken regelmäßig vor ihren Kindern. Ist das ein Problem? Wie sollte man mit Kindern über das Thema Alkohol sprechen? Im Interview beantwortet die Psychologin Dr. Mara Wurdak die wichtigsten Fragen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Alkoholkonsum in Familien: Ist es problematisch, vor Kindern zu trinken?

Ab welchem Alter begreifen Kinder, wie Alkohol wirkt? Wann erkennen sie, aus welchen Motiven ihre Eltern trinken? Zu diesen Fragen wurden bereits eine Reihe von Studien durchgeführt. Die Ergebnisse legen nahe, dass ...

  • ... viele Kinder ab einem Alter von zwei Jahren zwischen alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken unterscheiden können (z.B. am Geruch). Die meisten Kinder können dies spätestens ab sechs Jahren.
  • ... viele Kinder können bereits ab vier Jahren begreifen, in welchen Situationen Erwachsene Alkohol trinken (z.B. auf Partys) und in welchen eher nicht (z.B. bei Freizeitaktivitäten in der Natur).
  • ... im Alter von fünf Jahren haben Kinder eine Vorstellung davon, wie Alkohol wirkt (etwa dass er betrunken macht).

Dr. Wurdak im Interview

Unsere Gesprächspartnerin Dr. Mara Wurdak lehrt Psychologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. In ihrer Forschung hat sie sich unter anderem mit der Vorbeugung von Alkoholabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen auseinandergesetzt.

Onmeda.de: Frau Dr. Wurdak, viele Eltern trinken gelegentlich oder sogar täglich vor ihren Kindern. Für manche gehört das Feierabendbierchen einfach dazu. Sehen Sie das kritisch?

Dr. Mara Wurdak: Täglicher Konsum ist kritisch. Zudem sehe ich den Ausdruck "Feierabendbierchen" kritisch. Denn zum einen ist er verharmlosend, zum anderen signalisiert man dem Kind damit, dass Alkohol einen festen Platz im Alltag hat und eine Funktion erfüllt: Man braucht ihn zur Entspannung oder zur Stressbewältigung.

Welchen Einfluss hat das elterliche Trinkverhalten auf das spätere Trinkverhalten der Kinder?

Wurdak: Eine Faustregel lautet: Je mehr die Eltern trinken, umso mehr trinken die Kinder später.

Woran liegt das: an den Genen oder an der Erziehung?

Wurdak: Beides hat wohl einen Einfluss. Das legen unter anderem Untersuchungen mit Zwillingsgeschwistern nahe. Man geht davon aus, dass sich die Auftretenswahrscheinlichkeit einer Alkoholabhängigkeit etwa zur Hälfte durch genetische Faktoren erklären lässt und zur anderen Hälfte mit psychologischen Faktoren.

Das Risiko, dass das Kind später ein Alkoholproblem entwickelt, hängt also zur Hälfte von der Erziehung ab?

Wurdak: Zur Hälfte hängt es von psychologischen Faktoren ab, unter anderem von der Erziehung. Im Laufe ihrer Entwicklung eignen sich Kinder neue Einstellungen und Verhaltensweisen an, indem sie ihre direkten Vorbilder beobachten und nachahmen.

Sollten Eltern also am besten auf Alkohol verzichten? Oder wenigstens "heimlich" trinken, wenn die Kinder schon im Bett sind?

Wurdak: Manche Experten würden dazu raten. Ich würde auch sagen, dass exzessiver Konsum vor den Kindern unbedingt zu vermeiden ist. Wenn die Kinder miterleben, wie sich ihre Eltern betrinken, ist das viel problematischer, als wenn sie sehen, dass die Eltern hin und wieder ein Glas Wein zum Abendessen trinken. Doch entscheidend ist dabei nicht nur das Trinkverhalten selbst, sondern vor allem die Einstellung der Eltern zum Thema Alkoholkonsum im Kindes- beziehungsweise Jugendalter.

Welche Einstellung sollten Eltern vertreten?

Wurdak: Eltern junger Kinder würde ich zur Nulltoleranzhaltung raten, also zum klaren Verbot. Eltern von Jugendlichen sollten sich an das Jugendschutzgesetz halten: Ab 16 Jahren sind niedrigprozentige Alkoholika erlaubt, ab 18 Jahren hochprozentige.

Jüngere Kinder akzeptieren Verbote, Teenager oft nicht. Viele Jugendliche beginnen mit dem Rauchen oder Trinken, um zu signalisieren, dass sie eben keine Kinder mehr sind, sondern zu den Erwachsenen gehören.

Wurdak: Das stimmt so nicht ganz: Jugendliche trinken nicht, um zu den Erwachsenen zu gehören, sondern auch, um sich von den Eltern abzugrenzen. Alkohol hat in diesem Zusammenhang meist eher die Funktion der Rebellion. Indem Jugendliche von den Eltern gesetzte Grenzen überschreiten und Verbote brechen, demonstrieren sie, dass sie die Kinderrolle nicht mehr akzeptieren, sondern selbstbestimmt über ihr Handeln entscheiden wollen.

Eltern reagieren darauf sehr unterschiedlich: Manche bleiben streng, andere geben nach und bieten ihren jugendlichen Kindern sogar freiwillig Alkohol an, um ihm den Reiz des Verbotenen zu nehmen. Welche Strategie ist wirksamer?

Wurdak: In Untersuchungen hat sich gezeigt, dass Strenge am besten wirkt. Es ist typisch für das Jugendalter, zu rebellieren und Grenzen zu überschreiten. Wenn die Eltern aber sehr streng sind und die Grenze tief ansetzen, dann braucht das Kind nur wenig zu trinken, um trotzdem zu rebellieren. Wabert die Grenze unklar im oberen Bereich, kann ein Überschreiten risikoreichere Konsequenzen haben.

Später dient Alkohol nicht mehr der Rebellion. Alkohol ist in unserer Gesellschaft und in den meisten Familien und Freundeskreisen fester Bestandteil des sozialen Miteinanders: Wo Menschen zusammenkommen und es etwas zu feiern gibt, fließt fast immer Alkohol. Wie können Eltern verhindern, dass sich ihr Kind unkritisch an diese Gepflogenheiten anpasst?

Wurdak: Indem man gemeinsam mit ihnen darüber nachdenkt und diskutiert, zu welchen Problemen es führt, dass Alkohol so tief in unserer Kultur verwurzelt ist. Jugendlichen, die schon Alkohol trinken dürfen, kann man auch Verhaltenstipps für den Umgang mit Alkohol zu geben, zum Beispiel: Wenn du trinkst, achte darauf, dass du nach jedem alkoholischen Getränk etwas Nichtalkoholisches trinkst. Oder: Wenn du und deine Freunde ausgeht, sollte einer von euch nüchtern bleiben und auf die anderen Acht geben. Hilfreich sind auch Rollenspiele, in denen das Kind üben kann, zu Alkohol nein zu sagen.

Wie sagt man am besten "Nein"?

Wurdak: Nachdrücklich und ohne ausschweifende Begründung. Ein einfaches "Nein" kann sehr wirksam sein – sofern man es überzeugend rüberbringt.

Viele Eltern haben selbst Schwierigkeiten mit dem "Nein" zu Alkohol. Das liegt nicht zuletzt an den angenehmen Effekten von Alkohol: Er wirkt – zumindest anfangs – entspannend und stimmungsaufhellend. Sollte man Kindern das verschweigen?

Wurdak: Nein, früher oder später erfahren sie es ja eh aus den Medien und im Jugendalter von ihren Freunden. Sinnvoller ist es, klar und offen mit den Kindern über die Wirkung von Alkohol zu sprechen und auch vor den Nebenwirkungen zu warnen. Das sollte nicht mit erhobenem Zeigefinger geschehen. Insbesondere ist hier wichtig, auch darüber zu sprechen, welche Handlungsalternativen die Kinder haben, wie sie sich konkret verhalten können, um Alkohol abzulehnen oder einen Rausch zu verhindern.

Wie können Eltern ihrem Kind denn erklären, warum sie selbst Alkohol trinken – trotz aller Nebenwirkungen?

Wurdak: Sie können erklären, dass Alkohol für den kindlichen und jugendlichen Körper viel schädlicher ist als für den erwachsenen und zum Beispiel die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigt. Zudem sollten sie klarstellen, dass Erwachsene für sich selbst verantwortlich sind und Kinder nicht. Daher dürfen Eltern selbst entscheiden, ob sie die mit Alkohol verbundenen Risiken eingehen möchten – Kindern steht diese Entscheidung noch nicht zu. Eltern haben hier eine Verantwortung und Fürsorgepflicht für ihre Kinder.