Eine Frau cremt ihre Arme ein.
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Vitamin-D-Mangel: Verhindert Sonnenschutz die Bildung von Vitamin D?

Fragwürdige Gesundheitstrends gibt es immer wieder, doch selten sind sie so gefährlich wie dieser hier: Manche Menschen verzichten ganz bewusst auf Sonnencreme – aus Angst vor einem Vitamin-D-Mangel. Ist das sinnvoll?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Besser ohne Sonnenschutz?

Tatsächlich kursieren im Internet Artikel, die Sonnenschutzmittel als "Störfaktor der Vitamin-D-Bildung" bezeichnen und dazu raten, sich regelmäßig ungeschützt in die pralle Sonne zu setzen. Schließlich könne ein Vitamin-D-Mangel ebenso verheerende Folgen haben wie ein Übermaß an UV-Strahlung, so das Argument: Osteoporose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, multiple Sklerose, Rheuma, Allergien und, ja: sogar Krebs!

Stimmt das? Bringt Sonnenschutz mehr Schaden als Nutzen? Sollte man Sonnencreme also lieber von der Packliste für den Sommerurlaub streichen? Die kurze, aber eindeutige Antwort lautet: Nein, Sonnenschutz ist und bleibt wichtig.

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Die differenzierte Antwort ist ein bisschen komplizierter. Es stimmt, dass Vitamin D ein sehr wichtiges Vitamin ist, welches unter anderem die Knochen gesund hält und das Immunsystem schützt und unterstützt. Richtig ist auch, dass die Haut Sonne braucht, um das Vitamin zu bilden (siehe Kasten), und dass es vielen Deutschen daran mangelt. Um diesen Mangel auszugleichen, muss man sich aber nicht stundenlang in die pralle Sonne legen – schon gar nicht ohne Sonnenschutzmittel.

Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, dass man mit einer Sonnencreme nicht braun wird, vor allem wenn diese einen hohen Lichtschutzfaktor hat. Auch das ist schlichtweg falsch.

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Warum ist Sonne für die Vitamin-D-Bildung nötig?
Ein Teil des Sonnenlichts – die sogenannte UV-B-Strahlung – setzt in den unteren Hautschichten chemische Prozesse in Gang. Dabei wird ein Stoff namens 7-Dehydrocholesterol, eine Vorstufe von Vitamin D, über mehrere Zwischenschritte in das aktive Vitamin D (genauer gesagt: Vitamin D) umgewandelt. Man schätzt, dass der Körper auf diese Weise etwa 80 Prozent des Vitamin-D-Bedarfs decken kann. Den Rest nehmen wir über die Nahrung zu uns – zum Beispiel durch fetten Fisch wie Lachs, Hering, Makrele.

Sonnencreme blockt zwar tatsächlich ungefähr 95 Prozent der Sonnenstrahlung ab und verhindert somit auch, dass die für die Vitamin-D-Bildung wichtige UV-B-Strahlung in die tieferen Hautschichten vordringen kann. Doch wer sich zwei- bis dreimal pro Woche für einen kurzen Zeitraum uneingecremt im Freien aufhält, hat in der Regel dennoch keinen Mangel zu befürchten.

Wie lang genau man sich in die Sonne begeben sollte, lässt sich nicht pauschal festlegen. Es hängt vor allem vom Hauttyp ab, also davon, wie schnell man einen Sonnenbrand bekommt. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) empfiehlt, etwa halb so lange in der Sonne zu verbringen, wie es normalerweise dauern würde, bis man ungeschützt einen Sonnenbrand bekäme. Das muss man natürlich nicht erst ausprobieren. Ratsamer ist es, den*die Hautärzt*in zu fragen, zu welchem der sechs Hauttypen man zählt und wie lange es durchschnittlich dauert, bis Menschen mit diesem Hauttyp einen Sonnenbrand bekommen.

Was macht UV-Strahlung so gefährlich?

Ultraviolette Strahlung ist so energiereich, dass sie in den Kern unserer Hautzellen vordringen und die Erbsubstanz (DNA) verändern kann. Kleinere Schäden in der DNA können bestimmte Eiweiße, sogenannte Reparaturenzyme, in der Regel wieder ausbessern. Doch es können auch dauerhafte Schäden am Erbmaterial entstehen. Diese so genannten Mutationen können bewirken, dass die Zelle "entartet", sich also zu einer Krebszelle entwickelt.

Exzessive Sonnenbäder ohne Sonnenschutz sind also nicht gesund, sondern riskant. Vor allem die empfindliche Kinderhaut gilt es, vor der Sonne zu schützen. Da sie dünner ist als die von Erwachsenen und noch nicht so schnell schützende Pigmente produzieren kann, ist sie viel anfälliger für Sonnenbrände und Erbgut-Schäden. Säuglinge im Alter von unter einem Jahr sollten daher niemals der direkten Sonne ausgesetzt werden. Für sie empfiehlt das Robert-Koch-Institut Vitamin-D-Supplemente.

Übrigens: Studien legen nahe, dass die meisten Menschen Sonnencreme ohnehin viel zu dünn auftragen, als dass sie ihre volle Wirkung entfalten könnte. Ein durchschnittlicher Erwachsener braucht – so lautet eine Faustregel – etwa 35 Gramm Sonnencreme, um den Körper vollständig einzucremen, was ungefähr einer Menge von vier Esslöffeln entspricht.

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