PSA-Wert: Test nicht zu empfehlen

Von Christian Seel (8. August 2014)

Pieks mit Folgen: Der PSA-Wert ist als Marker für Prostatakrebs unzuverlässig. Er setzt nicht selten eine unnötige Behandlungskette in Gang. Foto: Getty/Lluis Real

Der PSA-Wert im Blut soll Prostatakrebs anzeigen. Eine große Langzeitstudie sieht mehr Schaden als Nutzen durch den Test.

 Wer beim Urologen seinen PSA-Wert messen lässt, geht ein erhebliches Risiko ein, unnötig behandelt und möglicherweise sogar operiert zu werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine große europäische Langzeitstudie mit 162.000 Männern zwischen 55 und 69 Jahren. Rund 40 Prozent der diagnostizierten Fälle seien Überdiagnosen gewesen, die zu Übertherapien führten, so Forschungsleiter Prof. Fritz Schröder von der Universität Rotterdam.  Der Nutzen der PSA-Wert-Messung ist dagegen laut Studie gering: Sie senkt das ohnehin niedrige Risiko, an Prostatakrebs zu sterben, nur um 15 bis 21 Prozent über einen Zeitraum von 13 Jahren. Insgesamt wurde durch den Test kein einziger Todesfall verhindert.

PSA-Wert bleibt umstritten

Damit bleibt der Bluttest auf das Prostataspezifische Antigen (PSA) hoch umstritten. In Europa findet derzeit - anders als in den USA - keine regelmäßige Messung des PSA-Werts statt. Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland lehnen wegen des hohen Überbehandlungs-Risikos eine Kostenübernahme ab. Gleichwohl bieten viele Urologen die PSA-Wert-Bestimmung gern günstig als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) für Selbstzahler an, wodurch die Krankenkassen dann doch die Folgekosten zu tragen haben.

Wird wiederholt ein erhöhter PSA-Wert im Blut gemessen, kann  der Urologe damit einen Verdacht auf Prostatakrebs begründen und (zu Lasten der Kasse) eine Gewebeprobe (Biopsie) entnehmen. Im schlechtesten Fall wird ein Pathologe in der Gewebeprobe Prostatakrebs entdecken, der in der Regel durch eine chirurgische  Entfernung (Prostatektomie) behandelt wird. Zu den häufigen Folgeschäden der OP gehören Impotenz und Inkontinenz.

Welcher PSA-Wert ist zu hoch?

Tatsächlich herrscht international nicht einmal Einigkeit darüber, ab wann ein PSA-Wert "zu hoch" ist. Deutsche Urologenverbände empfehlen eine Biopsie:

  • ab einem PSA-Wert von 4 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) im Blut
  • wenn der PSA-Wert über mehrere Messungen deutlich steigt.

International beginnt die weitere Krebs-Diagnostik oft schon bei einem PSA-Wert von 3 ng/ml. Dabei ist die Höhe des Wertes, wie Studien zeigen, ein ziemlich unzuverlässiger Indikator für Prostatakrebs:

  • Druck auf die Prostata (etwa durch den Sattel beim Radfahren) und Sex erhöhen den PSA-Wert
  • Prostataentzündung, Harnwegsinfekte und andere nicht invasive Erkankungen können den PSA-Wert erhöhen
  • Zwei Drittel der Männer mit erhöhtem PSA-Wert (über 3 ng/ml) haben keinen Prostatakrebs
  • Zwei Prozent der Männer mit normalem PSA-Wert haben trotzdem Prostatakrebs
     

PSA-Wert setzt Behandlungskette in Gang

Dass dies vom erhöhten PSA-Wert ausgehende Behandlungskette viel zu oft völlig unnötig in Gang gesetzt wird, dafür sprechen die jetzt veröffentlichten Ergebnisse der European Randomised Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC), die seit 1993 in acht europäischen Länder das Schicksal der Männer in urologischer Behandlung verfolgt. Bei der Hälfte von ihnen wurde alle vier Jahre der PSA-Wert bestimmt, bei den anderen nicht. Die Ergebnisse würden zeigen, wie dringend nötig ein Test sei, der zwischen gefährlichem und harmlosen Prostatakrebs unterscheiden könne, sagt Dr. Iain Frame, Forschungsdirektor der britischen Prostatakrebs-Gesellschaft

Kein Wunder also, dass die ERSPC-Experten eine regelmäßige Messung des PSA-Werts in der entsprechenden männlichen Altersgruppe als Screening ablehnen. Weitere Forschung sei dringend nötig, so Prof. Schröder, um die hohe Zahl an unnötigen Biopsien und Behandlungen zu verhindern, die bislang nötig sind, um wenigen Männern wirklich zu helfen. Nach ERSPC-Berechnungen müssen derzeit nach einer PSA-Wert-Messung 27 Männer wegen Prostatakrebs behandelt werden, um einen Todesfall durch Prostatakrebs zu verhindern.

PSA-Entdecker kritisiert Missbrauch

Zu den schärftest Kritikern der Praxis, den PSA-Wert als Marker für ein Prostatakarzinom einzusetzen, gehört  ausgerechnet sein Entdecker, der US-Immonologe Prof. Richard Ablin. In seinem neuen Buch "Der große Prostata-Schwindel" behauptet er, der PSA-Wert werde  für Profite missbraucht und richte damit ein Desaster im öffentlichen Gesundheitbereich an. Millionen von Männern müssten dadurch lebensverändernde Nebenwirkungen einer unnötigen Behandlung ertragen.

Quellen

"Screening and prostate cancer mortality: results of the European Randomised Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC) at 13 years of follow-up", The Lancet, 7. August 2014, doi:10.1016/S0140-6736(14)60525-0
R. Nelson: "PSA Screening Does Reduce Deaths, but Is Not Recommended", 6. Aug. 2014, Medscape
"Der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs", Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, März 2013



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