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Gehörlosigkeit ist keine Krankheit

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  • Gehörlosigkeit ist keine Krankheit

    Guten Tag,

    unter der Rubrik HNO-Erkrankungen ist auf dieser Internetseite das Thema Gehörlosigkeit zu finden. Das verwundert mich, denn auch wenn die Gehörlosigkeit das Fehlen einer Möglichkeit bedeutet, die die Mehrzahl der Menschen glücklicherweise haben, so sind Gehörlose doch ganz sicher nicht krank. Nach der Definition der Weltgesundheitsoragnisatin (WHO) ist Gesundheit der "Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens ...". Hier wird doch deutlich, dass nun wirklich nichts durch die Gehörlosigkeit gegebenes zwischen dem Gehörlosen und der Möglichkeit, gesund zu sein, steht. Wollen wir dennoch unbedingt - wie wir dazu neigen - eine Unterscheidung zwischen normal und abweichend von der Norm feststellen, kann man darüber nachdenken, ob Gehörlosigkeit eine Behinderung darstellt. Als behindert gelten Menschen, die infolge einer Schädigung ihrer körperlichen, psychischen oder geistigen Funktionen soweit beeinträchtigt sind, dass ihr alltägliches oder gesellschaftliches Leben erschwert wird. Nun ja, sicher würde unser aller persönliches und soziales Leben enorm erschwert, wenn wir plötzlich in einer stillen Welt lebten. Aber fragen Sie einen Menschen, der gehörlos geboren in einer intakten Familie und einem gesunden sozialen Umwelt aufgewachsen ist, ob er sich wirklich beeinträchtigt fühlt. Und hier komme ich auch zu dem Punkt, der mich in dem Artikel "Taubheit" tatsächlich schockiert hat. Dort kann amn lesen "Hören ist die Voraussetzung für die Sprechentwicklung. Ohne Hören kein Sprechen!" Das kann man mit einem geschlossenen Auge noch akzeptieren, wenn man davon ausgeht, dass hier mit "Sprechentwicklung" tatsächlich nur die des lautlichen Sprechens gemeint ist, wobei die Problematik der zugegeben sehr umstrittenenen Lautsprachanbahnung hier dem entgegensteht.
    Weiter ist zu lesen: "Die Folge der Gehörlosigkeit ist eine Taubstummheit." Dass der Begiff "Taubstummheit" inkorrekt und unzutreffend ist, finde ich hier ebenso störend, wie die Tatsache, dass er von Gehörlosen zumeist als diskriminierend empfunden wird. Gehörlose sind nicht stumm ! Sie haben erstens die physichen Möglichkeiten der Artikulation, als auch zweitens, und das finde ich ungleich wichtiger, sie haben Sprache ! Darum ist die folgende Ausführung milde gesprochen extrem irreführend:
    "Taubheit bedeutet Einschränkungen oder völligen Verlust der sprachlichen Kommunikation. ... So kann Taubheit in unserer, auf das Hören und Sprechen ausgerichteten Gesellschaft, Vereinsamung, soziales Ausgestoßensein bis hin zum Verlust von Arbeitsplatz und Freundschaften bedeuten." Hierzu möchte ich anführen: Die natürliche Sprache der Gehörlosen ist die Gebärdensprache. Und sie ist nach modernen sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen eine vollwertige Sprache mit allen entscheidenden Merkmalen. Damit hat ein Gehörloser die gleichen Möglichkeiten und Chancen der sozialen Interaktion und Kommunikation wie ein Hörender. Sicher, die Gebärdensprache ist - leider - in der Gesellschaft der Hörenden nicht sehr weit verbreitet. Doch hier liegt die Einschränkung in der Verantwortung derer, die nicht in der Lage oder gewillt sind, eine Fremdsprache zu erlernen. Glücklicherweise geht die Entwicklung dahin, dass der Zugang zu Bildung und beruflicher Entwicklung Gehörlosen immer weniger künstlich versperrt wird. In diesem Fall kann die fortschrittliche Entwicklung in einigen Ländern der USA als Vorbild dienen.

    Positiv anzumerken sei, dass in dem Artikel die Gegenposition der Gehörlosengemeinschaft, wenn auch sehr kurz und distanziert, erwähnt wird.

    Die Darstellung der Möglichkeit eines Cochlea Implantates (CI) finde ich jedoch zu einseitig. Die doch sehr kontroverse Diskussion, die zu diesem Thema existiert, wird nicht erwähnt. Besonders kritisch sehe ich die Äußerung "Ist keine Operation möglich oder wird diese abgelehnt, muss die Taubheit akzeptiert werden. Andere Wege der Kommunikation wie Gebärdensprache, Lippenablesen, Computer u.a. finden Anwendung." Gebärdensprach ist Sprache und wird vom gehörlos geborenen Kind ebenso natürlich erlernt wie von Hörenden die Lautspache. versteifend sich Eltern auf die Herstellung der Hörfähigkeit, und vernachlässigen die visuelle Kommunikation mit dem Kind, kann dies zu erheblichen, da´durch herbeigeführten, Entwicklungsstörungen führen. Spracherwerb beginnt vom ersten Tag an und sollte immer gefördert werden. Hiermit möchte ich mich jedoch nicht auf die Seite der CI-Gegner schlagen, denn in einigen Fällen ist die Implantation sicher erfolgreich. Aber in allen anderen Fällen darf der gehörlose Mensch einfach nicht an seiner sprachlichen Entwicklung gehindert werden, nur um ihn "mit Gewalt" an die sogennante Norm annähern zu wollen.

    SP