• Sie können sich hier registrieren, um Beiträge zu schreiben. Registrierte Nutzer können sich oben rechts anmelden.

Gedanken in der Verzweiflung

Einklappen

X
 
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

  • Gedanken in der Verzweiflung

    Gedanken in der Verzweiflung

    Die Begleitung und Pflege demenzkranker Angehöriger lässt uns mit dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Krankheit immer wieder verzweifeln. Allein die Tatsache, auch am entfernten Horizont keine Aussicht auf Heilung zu erblicken, lässt uns manchmal am Sinn unserer Bemühungen zweifeln. Vor allem ist dieser Kreis von Krankheiten durch äußerst erschwerende Umstände gekennzeichnet, die v.a. in der nicht mehr vorhandenen Krankheitseinsicht der Kranken im fortgeschrittenen Stadium besteht mit den quasi psychotischen Zuständen in Akutphasen, denen wir oft hilflos gegenüberstehen. Es ist vmtl. leichter, einen an einer anderen schweren Krankheit leidenden Menschen zu pflegen, da dieser noch durchgängig einer vernünftigen Kommunikation zugänglich ist.

    Wie auch der Alkohol- oder Drogenkranke oder der an einer Psychose leidende Mensch, so belastet der Demenzkranke (exakter: nicht der Kranke, sondern die Krankheit) seine Angehörigen in einem weit über das Spektrum anderer Krankheiten hinausgehenden Maße - nur das für Alkohol- oder Drogenkranke sowie für Psychotiker mehr Hoffnungen auf Heilung bestehen, als bei manchen Demenzerkrankungen wie Morbus Alzheimer.

    Es ist daher verständlich, wenn uns Angehörigen auch schon mal schlimme Gedanken kommen, die aus dieser Verzweiflung entstehen und deren Nachvollzug Außenstehenden nahezu unmöglich sein dürfte. So wird es wohl keinen Angehörigen geben, der sich nicht schon mal angesichts der immer größer werdenden Probleme, die sich aus dem Krankheitsfortschritt ergeben, gefragt hat, ob nicht der Tod hier gnädiger wäre, als ein Leben in Verwirrung, Angst, Depressionen, Aggressionen, usw. welches am Ende nur noch in einer Art „persönlichkeitsentkerntem Hüllendasein“, dem Zustand reinen Vegetierens, besteht.

    Wenig tröstlich ist die Tatsache, dass die Demenz nahezu jeden treffen kann und auch viele sog. Prominente ihr Opfer wurden. Dennoch bin ich dankbar gegenüber jedem Angehörigen von demenzkranken Prominenten, von Nancy Reagan angefangen bis zu Inge Jens und vielen mehr. Ich bin dankbar für ihre Berichte, da sie zur Entstigmatisierung dieser Krankheit beitragen und einmal mehr zeigen, dass wir Menschen ungeachtet unseres gesellschaftlichen Ranges letztlich doch alle „in demselben Boot sitzen“. Inge Jens, die ich hier kurz hervorheben möchte, hatte gegenüber einem großen deutschen Nachrichtenmagazin den mutigen Satz über ihren demenzkranken Ehemann Walter Jens gesprochen: „Ich bete, dass er eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht.“ Sie hatte miterlebt und mitdurchlitten, wie der Zerfall eines intellektuellen Genies unaufhaltsam voranschritt, bis die „Erinnerungsdatenbänke“ des einstigen Professors für Rhetorik zerstört waren und er nichts mehr von seinem Werk wusste. Alles, wofür Walter Jens einst lebte, war ihm entschwunden, unwiederbringlich mit der massiven Zerstörung seiner Hirnneuronen verloren. Allerdings: Verloren zwar für ihn – jedoch nicht für uns. Denn er hatte (s)ein Lebenswerk vollbracht und mag metaphorisch für uns andere darin weiterleben. Walter Jens selber ist nicht mehr – er ist auf dem Weg zur „Hülle“, denn die Persönlichkeit, die wesentlich aus der Biographie geformt wird, erlischt im Laufe der Krankheit mit dem Erlöschen der biographischen Erinnerungen. Die Bitte um Erlösung ist daher nur allzu verständlich und m.E. auch geistlich legitim, da hier Gott die Ehre gegeben wird und nicht der Euthanasie.

    Ein anderer Professor, Manfred Spitzer – einem breitem Publikum v.a. durch seine populärwissenschaftlichen Sendungen, in denen er das Gehirn erklärte, bekannt – hat einmal gesagt, dass man - falls notwendig - allerlei Organe auswechseln ließe, jedoch nie das Gehirn. Ein anderes Gehirn würde sich keiner transplantieren lassen, weil in diesem Organkomplex alles steckt, was uns als Persönlichkeit ausmacht. Hierfür gibt es unzählige Belege, vielleicht angefangen mit dem legendären Phineas Gage aus dem 19.Jahrhundert, dessen starke, durch einen Arbeitsunfall hervorgerufene Läsion eines Teiles seines Stirnhirnes zu einer drastischen Persönlichkeitsveränderung führte über den Experimenten von Libet, Haggard, Eimer, usw. die zeigten, dass jenes, was uns bewusst wird, bereits einen langen neuronalen Weg hinter sich hat und vmtl. der sog. freie Wille nur eine illusionäre Zuschreibung ist, bis zur Erkenntnis, dass unsere Persönlichkeit von einer sogar überschaubaren Anzahl sog. Neuromodulatoren oder Neurotransmitter abhängt. All das wird durch eine Demenz erst langsam beeinträchtigt und dann zunehmend zerstört. Daraus ergibt sich die schwierige Frage nach dem Zeitpunkt des Verlustes der Identität als die Persönlichkeit, die zig Jahre den Menschen als einzigartiges Individuum dargestellt hat.

    Als mein Vater im Sommer 2007 noch krankheitseinsichtig war und sogar Scherze über seine Demenz machte, war er dennoch überzeugt, der Diebstahl seines Werkzeuges sei real, er hätte nichts mit seiner Demenz zu tun. Einige Monate später meinte er, er hätte einmal eine schwere Demenz gehabt, die aber jetzt vorüber sei und heute weiß er von alledem nichts mehr. Mutter und vor allem ich haben im Sommer 2007 einen schweren Fehler gemacht. Wir hatten Vater gesagt, dass eine Demenz sehr langsam verläuft, man keine Schmerzen verspüre und sicher genug Zeit vorhanden wäre, ehe es schlimmer würde. Dann würde es mit Sicherheit bessere Medikamente geben und die Krankheit auch zu heilen sein. Außerdem wachsen Hippocampineuronen nach, so dass das alles nicht so schlimm sei. Dieses beruhigende Gerede mag dazu beigetragen haben, dass Vater sogar über seine Demenz scherzen konnte. Es war aber falsch – ein falsches Mitgefühl. Richtig wäre es gewesen, Vater ungeschminkt den Verlauf der Krankheit zu schildern (schließlich starb u.a. seine Schwiegermutter indirekt daran), so dass er eine Vorsorgevollmacht mit Patientenverfügung hätte verfügen können. Aber wir gaben uns ja selber absurden – wie wir jetzt wissen – Hoffnungen hin, glaubten nur selber zu gerne unseren Beruhigungen, zumal Vater damals ja auch noch vieles konnte wie (in Begleitung) sicher Autofahren, elektrische Geräte reparieren, usw. Der Mensch verdrängt nun mal gerne alles Unangenehme – muss dieses sogar, da er sonst unweigerlich depressiv würde. Dieser lebensnotwendige Schutz hat aber leider auch viele Fallen, in die wir nur allzu leicht hineinstolpern.

    Ich denke oft darüber nach, was Vater wohl sagen würde, hätte er 2005 durch eine Zukunftsschau sehen können, wie er sich jetzt, im Mai 2009 verhält. Wie erschrocken wäre er wohl gewesen, würde er einen Mann sehen, der sich mit seinem Spiegelbild und Stofftieren unterhält, der Gestalten, Dinge und Vorgänge sieht, die real nicht vorhanden sind, der sein Heim und seinen Sohn nicht mehr erkennt, seine Ehefrau nur noch wenige Stunden bis Momente am Tag als solche akzeptiert, immer weg will, sich von allen bestohlen und betrogen fühlt, sich ohne Hilfe nicht an- und auskleiden kann und vieles mehr - der vor allem sieht, wie sehr er seine Frau mit seinen Zuständen quält? Und welche Konsequenzen würde ein Mann, der zig Jahre seine Familie zu schützen wusste und vmtl. sogar sein Leben für sie gegeben hätte, daraus ziehen? Er würde mit absoluter Sicherheit versuchen, Vorkehrungen zu treffen, um das alles zu vermeiden. Kein vernünftiger Mensch wünscht sich eine Zukunft in Idiotie und Unwürde. Die Medizin und wir aber muten diesen Menschen das zu, müssen das diesen Menschen zumuten, denn wir haben ja nicht das Recht, Gott zu spielen und das Leben anderer zu beenden. Was Gott betrifft, so sprach ich u.a. im Februar 2008 ein Gebet – nicht für ein möglichst sanftes Ableben Vaters, sondern um Heilung. Ich berief mich auf Jakob, der gemäß altem Testament mit Gott einen Handel machte und bot Gott allerlei an, wenn er Vater heilen würde – denn jener, der einen bereits fast verwesten Lazarus auferstehen lassen konnte, sollte mit Leichtigkeit auch eine neurodegenerative Erkrankung heilen können. Zudem berief ich mich auf die Evangelien, in denen u.a. zu lesen ist, dass der, der um ein Brot bitten würde, keinen Stein erhalte. Vielleicht existiert Gott gar nicht, vielleicht bin ich zu unwürdig, vielleicht mag er uns auch gar nicht, vielleicht hat er einen anderen Plan, vielleicht kommt das Wunder noch, vielleicht....... Tatsache ist bis heute: Es gab bisher keine Heilung. Sie wäre ein echtes Wunder und keine Spontanremission, wie sie z.B. in seltenen Fällen bei fortgeschrittenen und unheilbaren Krebserkrankungen geschieht, denn bei Krebs verschwinden in solchen Fällen Tumore, hier aber würde etwas erneut entstehen (viele Neuronen mit all jenen synaptischen Kontakten, die es einmal gegeben hatte) und die alte Persönlichkeit wieder erscheinen lassen – das wäre m.E. schwer bis gar nicht naturalistisch zu erklären. Davor müsste auch der größte Skeptiker seinen Hut ziehen.

    So aber geht die Wanderung ins finstere Tal immer weiter und es bleibt bei Psalm 23 als einzigen Trost. Kommt nicht ohnehin für jeden einmal das Ende? Ja, aber muss es auf diese grausame Weise erfolgen? Es gibt Menschen, die fallen – vmtl. infolge eines Schlaganfalls im Hirnstamm – einfach tot um. Keine Agonie, sondern plötzlicher Schlusspunkt. Wenn also sterben, dann im hohen Alter bitte so – kurz und schmerzlos.

    Alter, Krankheit und Tod – damit haben wir es v.a. hier im Forum zu tun. Nur wenige wissen, dass die Konfrontation mit diesen unausweichlichen Phänomenen für einen jungen Mann, der vor. ca. 2500 Jahren im Norden Indiens lebte, der erste Schlüssel zu seinem Erwachen war. Siddharta Gautama aus dem Fürstengeschlecht der Shakia war zutiefst schockiert, als er zum ersten mal in seinem Leben einen alten, einen kranken und einen toten Menschen sah. Auf seine Frage, ob das jedem und damit auch ihm geschehen würde, antwortete sein Diener mit Ja. Dieser Edle, der bisher nur die Pracht des orientalischen Luxus seiner Zeit genossen hatte, besaß die Stärke, diese schockierenden Erlebnisse nicht zu verdrängen, sondern dachte über sie nach. Welcher Sinn besteht denn in all der Pracht, in all den Genüssen des Lebens, wenn das Ende grausam und unausweichlich ist? Ist das nicht alles nur gleißender Tand, flüchtig wie der Tau am Morgen? Unzählige hatten vor ihm gelebt, hatten das Leben so gut sie konnten, genossen und sind dann wieder im Tod verschwunden und Unzählige werden auch nach ihm diesen Weg gehen müssen. Er war wie all diese Menschen und war auch wie alle Tiere, ein fühlendes Wesen, das Glück erleben und Leid vermeiden wollte. Welcher Fluch ist es, der alles Bestreben und alle Hoffnungen wieder zunichte macht in jedem Leben, das je gelebt hatte, lebt und je leben wird? Gautama fand heraus, dass es die Bestrebungen und Hoffnungen selber sind, die immer schon mit ihren Enttäuschungen schwanger gehen. Diese seien aber immer auf Sinnesbefriedigungen zurückführbar. Also entschloss er sich, allem zu entsagen und wählte den Weg der Askese. Er ging sozusagen von dem Extrem permanenter Sinnesbefriedigung zum anderen Extrem der Sinnesabtötung über und hungerte sich fast zu Tode. Doch dann erkannte er: Weder Sinnesüberreizung noch – abtötung sind die richtigen Methoden, sondern das Reinigen der Sinne. Diese Erkenntnis und die damit verbundene Sicht auf die Phänomene, wie sie wirklich und nur in der reinen Anschauung gereinigter Sinne erfahrbar sind (sog. direkte Wahrnehmung), ist das, was man Erwachen nennt. Es geht schlicht und einfach um die Tatsache, dass nichts so ist, wie es uns (gewöhnlich) erscheint. Was wir bewusst zu erleben glauben, ist – wie weiter oben schon angedeutet – nur ein vielfach gefiltertes und mit allerlei (Vor)-Urteilen behaftetes Endprodukt als „Teilabbild“ einer Wirklichkeit, die ungleich größer ist. Ähnlich dürfte es auch Hoimar von Ditfurth gemeint haben, als er schrieb, dass wir nicht in der Welt leben, sondern nur in dem Bild, welches wir von ihr haben – was mittlerweile durch die Neurobiologie mehrfach bestätigt wurde. Plakativ formuliert: Ob wir in einem Drama oder einer Komödie leben, ist nur eine Frage des Standpunktes, den wir aber leider nicht so ohne weiteres wählen können (darin besteht ja das ganze Problem). Oder wie es in einem Gleichnis der Yogacharaschule (Cittamatrin), eines der vier großen buddhistischen philosophischen Systeme, heißt: Der See ist ein See – auch wenn der eine darin eine Ansammlung von Eiter, ein anderer Wasser und ein anderer Nektar erblickt. Philosophisch formuliert: Kein Phänomen existiert aus sich selber heraus, sondern immer nur in Abhängigkeit seiner Voraussetzungen und Benennungen. Daher gibt es in Wirklichkeit auch weder Schmutz noch Reinheit, weder Krankheit noch Gesundheit, weder Leben noch Tod, sondern nur die Leerheit aller Phänomene von Teilelosigkeit, Beständigkeit und Unabhängigkeit. Das ist das, was man im Buddhismus unter „Leerheit“ versteht und nicht ein nihilistisches Vakuum, wie oft fälschlich angenommen. Ob es einen Gott gibt, der diese Leerheit „füllt“, weiß ich nicht – benötigt wird er bei diesem Weltbild nicht (im Naturalismus allerdings auch nicht). Vielleicht (siehe oben) erfahre ich das noch – vielleicht auch nicht.

    Doch zurück auf den Teppich der alltäglichen Probleme: Was nutzen derartige Reflektionen? Ich kann nicht wissen, ob sie den LeserInnen nutzen. Mir aber helfen sie, den engen Käfig alltäglicher Verblendungen wenigstens mental ab und an zu verlassen. Wenn mir das – selten genug – mal besonders gut gelingt, sehe ich die Dinge nicht mehr in der gewöhnlichen erdrückenden Dramatik, sondern ebenso als Spiel der Welt an, wie auch jedes andere ineinander verwobene Geflecht in seiner jeweiligen Dynamik, denn nichts bleibt so, wie es ist. Auch der schlimmste Schmerz ist genau so vergänglich wie das höchste Glück. Das zu begreifen ist notwendig, um die eternalistische Täuschung zu überwinden, die darin besteht, zu empfinden und zu denken, irgendwas würde immer weiter bestehen, ein nie endender Schmerz, usw. Alles Täuschung – mehr nicht. Die größte Täuschung besteht allerdings darin, in unserem Ich oder Selbst mehr zu sehen, als ein zeitweiliges Hirnkonstrukt. Gerade das macht m.E. die Demenz besonders deutlich, denn das Selbst im fortgeschrittenen Stadium ist ein anderes als das frühere. Folglich kann es sich beim Selbst oder Ich (für mich synonym) nicht um eine Konstante handeln – ein Umstand, der sich übrigens in der sog. Anatman-Lehre des Buddha durch das gesamte Lehrwerk zieht. So gesehen, hat u.a. mein Vater – ohne es zu wissen – die Auffassung des Buddha bestätigt. Und wie auch viel anderes Ungemach uns auch als Lehrer dienen kann, so lehrt uns die Demenz etwas, was wir eigentlich nie wahr haben wollen: Die Vergänglichkeit unserer eigenen Auffassung von unserem Ich. Es ist sehr wohl existent – aber nicht in der Art und Weise, wie wir es gewöhnlich erleben. Gewöhnlich erleben wir unser Selbst als ein von der Geburt bis zum Tode andauerndes unabhängiges, unteilbares und beständiges Kontinuum - dessen Umfeld variiert, dessen Kern jedoch konstant bleibt. Jedoch wird dieses gewöhnliche Kontinuum bereits jede Nacht unterbrochen im Tiefschlaf und taucht nur im Traum in veränderter Umgebung wieder auf. Nichts davon jagt uns große Furcht ein, denn wir wachen ja immer wieder auf. Eine interessante Frage dabei ist, wie es kommt, dass wir uns am nächsten Morgen im Spiegel wieder erkennen. Wo war unser Selbst während des Tiefschlafes? Offensichtlich bricht das Selbst in jedem Tiefschlaf (bzw. Narkose) zusammen, um danach wieder eingeschaltet zu werden als das, was es zuvor war. Bei der Narkose geschieht das durch Leitungsunterbrechungen – da werden ein paar Ionenkanäle in den Synapsen der Neuronen für eine gewisse Zeit „verstopft“ und schon ist es vorbei mit dem Wachbewusstsein. Bei einer Demenz verschwinden leider die gesamten Kontakte (Synapsen), die Leitungen (Dendriten, Axone) und auch die Verarbeitungszentren (Neuronen) nach und nach. Der Demenzkranke ist also auf dem Weg zu einem narkotischen Zustand, der dann auch in einer gewissen Ähnlichkeit dazu im Endstadium erreicht wird. Das mag für ihn der Trost sein, nichts oder nicht mehr viel zu empfinden, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen, usw. Leider wissen wir nicht, was genau im Bewusstsein bei einer derart fortgeschrittenen Krankheit geschieht, denn man kann sich nur bis zu einem gewissen Punkt halbwegs und oft nur auf Annahmen beruhend in das Empfinden eines derart Kranken hineinversetzen. Sein Weltbild ist einerseits reduziert, andererseits aber auch um halluzinatorische Effekte „erweitert“. Ich fühle mich zuweilen an das sog. tibetische Totenbuch erinnert, in dem von allerlei Visionen während des Sterbens und nach dem Tode berichtet wird. Die Verfasser dieses uralten Buches kannten vmtl. Praktiken bestimmter Atemtechniken oder Halsschlagadersperrungen durch Abdrücken, um den Hirnmetabolismus durcheinander zu bringen (was ihrer vorwissenschaftlichen Sicht natürlich nicht bewusst war), was zu Erfahrungen geführt haben dürfte, die u.a. denen eines sog. Nahtoderlebnisses ähneln. Es ist aber schon eigenartig, dass ein sterbendes Gehirn derartige Aktivitäten erzeugt bzw. dass derartige Aktivitäten durch Störungen des Filtersystems in die bewusste Wahrnehmung gelangen. Bei einer Demenz mag derlei quasi in Zeitlupe ablaufen.

    Aus den letztgenannten Gedanken ergibt sich für mich allerdings eine wichtige Schlussfolgerung: Wenn es auch in weit fortgeschrittenen Stadien einer Demenz noch ein Freud- und Leiderleben in irgendeiner Form für den Kranken gibt, so verbietet sich m.E. jede Euthanasiemaßnahme. Nur wenn eindeutig erkennbar ist, dass es nur noch Leidempfindungen gibt oder gar keine Empfindung (Flatline über eine gewisse Zeit im EEG), kann m.E. das Leben beendet werden. Das wäre dann m.E. auch nicht religionswidrig oder inhuman, sondern sogar ein Gebot der Barmherzigkeit, die über jede Gesetzlichkeit steht. Das Leiden hört auf, die Maschinen können dann anderen dienen.

    Soweit und in der Hoffnung, nicht zuviel „palavert“ zu haben.

    LG
    Egon-Martin


  • Re: Gedanken in der Verzweiflung


    Hallo Egon-Martin,
    nein ich finde das gar nicht palavert, sondern vom philosophischen Standpunkt sehr nachvollziehbar. Wenn man solchen Phänomen so nah steht, macht man sich sicherlich mehr Gedanken über das was eine Persönlichkeit ausmacht, aber auch was menschliches Leben ausmacht, als andere. Das einzige was ich hinzufügen möchte ist, dass eben auch das Platz haben muss, das Nicht-Funktionieren im normalen Sinn. Aber die Ängste und Sorgen, die sich hier u.a. widerspiegeln, die hab ich natürlich auch, und die Verzweiflung, bzw. denke ich selten bisher bis "zum Ende", hat keinen Sinn sich das auszumalen.
    Ich sehe aus Ihren Zeilen, dass es Sie vor allem auch quält, dass Ihre Mutter so stark belastet ist, und auch dass dies wiederum Ihren Vater belasten muss, wenn er dies erkennt; d.h. eine gewisse Qual. Soweit wie möglich sollte man natürlich versuchen, dem Betroffenen nicht das Gefühl zu geben, dass er in einem unwürdigen Zustand lebt, bis zu einem gewissen Grad geht das auch, u.a. durch Gewöhnung an Zustände, aber auch vorsichtiges Zureden, dass "das" nicht schlimm ist und man "ausmacht" dass das alles kein Problem sein sollte (sofern der anderen einem die Anstrengung nicht automatisch vom Gesicht ablesen kann, weil sie einfach nicht zu verbergen ist). Aber vor allem auch dadurch, dass man den Betroffenen aufbauen kann, wenn man ernsthaft seine derzeitige Leistung, seinen Willen, seinen Charakter, aber auch sein Ich des gesamten bzw. früheren Lebens würdigt. Ist natürlich fast nicht möglich, wenn der Mensch mehr oder weniger im Delir ist, bzw. stark psychotisch ist.
    Alles Gute
    Flieder

    Kommentar


    • Re: Gedanken in der Verzweiflung


      Lieber EgonMartin,danke für ihren Beitrag.Es tut unendlich gut zu wissen ,dass man mit "seinen Gedanken in der Verzweiflung "nicht alleine steht.Mein Mann sagte mir ,als ich ihn ins Bett brachte,mein Leben ist tot! LG kondor

      Kommentar


      • Re: Gedanken in der Verzweiflung


        Lieber Egon-Martin, deine Worte sprechen mir aus dem Herzen. Kein Mensch hat das Recht zu urteilen, der nicht selbst in Situationen wie wir, als Angehörige, es sind über Recht und Unrecht, über Gut und Böse zu urteilen. In diesen besagten Situationen winden sich Gefühle hervor, denen man sich vielleicht eines Tage schämt, worüber aber der Augenblick enschieden hat...ein gefährliches Gemisch der Gefühle zwischen Verzweiflung und Hass, Liebe und Mitleid nimmt einem die Luft.
        liebe Grüße Arielle

        Kommentar



        • Re: Gedanken in der Verzweiflung


          Liebe LeserInnen,

          mein Eingangsbeitrag reflektiert nur meine Gedanken und stellt keinerlei Expertise dar. Daher mag er auch vielleicht etwas verwirren, wenn ich auf der einen Seite von „persönlichkeitsentkernter Hülle“ – bewusst in Anführungszeichen – schreibe und dann in etwas spirituelle Betrachtungen übergehe (Gott, Buddha).

          Ich bin oft hin- und hergerissen in meinem Denken angesichts der Demenz meines Vaters. Da ist der nüchtern absehbare Verlauf einer neurodegenerativen Erkrankung, da ist die nihilistische Verzweiflung und da ist die Zuflucht zu transzendenten Erklärungsansätzen in dessen Gefolge ich Trost suche. Das Mysterium des Sterbens und des Todes entfaltet sich je nach Standpunkt dem beteiligten Beobachter unterschiedlich. Zum einen ist es gar kein Mysterium sondern der Untergang vieler Komponenten, welche das Leben ermöglichen – ein rein biologischer und naturalistisch hinreichend erklärbarer Vorgang wie jedem einschlägigen Lehrbuch entnehmbar. Zum anderen aber darf auch gefragt werden, ob tatsächlich das Leben auf eine rein physiologische Dynamik reduzierbar ist.

          Im 10.Kapitel seines Buches „Mohsha“ schrieb Aldous Huxley 1954 sinngemäß (auf Zitat aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet), dass es u.U. sinnvoll sein könnte, psychisch Kranken via Lautsprecher Passagen aus dem tibetischen Totenbuch (Bardo Thödol) vorzulesen, da diese seiner Ansicht nach einen wohltuenden Effekt auf Wahnzuständen hätten. Der Text sollte immer wieder daran erinnern, dass die letzte Wirklichkeit immer unerschütterlich sein wird und die Wahnbilder beherrschbar werden können durch diese Anleitungen.

          Dieser Ansatz ist interessant, da er nicht versucht, Realität herzustellen, sondern die Bilder als gegeben hinnimmt. Damit wird von vornherein der Kampf zwischen Weltbildern (das des sog. Gesunden versus das des sog. Kranken) unterbunden. Stattdessen wird versucht, Gelassenheit zu vermitteln, die Dinge geschehen zu lassen – ja, sich ihnen regelrecht zu stellen bis hin zur Beherrschbarkeit des halluzinativen Geschehens. Nun ja, das Bardo Thödol war mal ein beliebter „Trip-Guide“ als es von Leary, Alpert und Metzner in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts zur Lenkung von LSD-Trips in einer umgeschriebenen Fassung eingesetzt wurde. Das mag wohl kaum im Sinne der Erfinder gewesen sein – schließlich verneinte Buddha strikt den Gebrauch „chemischer Pfade“ zum Nirvana (man kannte zu seiner Zeit durchaus allerlei sog. Halluzinogene in Pflanzen und Pilzen) -, kann aber vielleicht doch unser Nachdenken anregen.

          Sicher wird mein Vater mit den direkten Worten des Bardo Thödols (“Oh Edelgeborener, höre genau zu... es erscheint der Buddha Vairocana... gehe auf das helle Licht zu und meide das verfänglich rauchige Licht der Höllen...“ usw.) so wenig anzufangen wissen, wie mit dem Song „Tomorrow never knows“ der Beatles, dessen Worte ebenfalls auf einem alter tibetischer Text beruhen. Die Gedanken nieder zu legen und sich der Leere hinzugeben ist schon starker Tobak für Menschen, die einer anderen Generation angehören als für Ex-Hippies. Auch würden ihn zarte Sitarklänge kaum davon abhalten, den mal wieder nächtlich gefassten Entschluss zum Weggehen zu ändern. Der alte Herr steht nun mal nicht auf Ravi Shankar und Co. (Vielleicht würde ich es in einer ähnlichen Situation einmal leichter haben?)

          Nein, das alles muss man umschneidern – maßschneidern muss man das.

          „Ich will nach Hause, zu meinen Eltern“ – was kann ich daraus machen? Ich könnte es damit versuchen: „Deine Eltern sind doch hier – siehst du sie denn nicht? Gerade eben sah ich sie noch, sie wollten schlafen und werden morgen mit dir reden.“ Das ist dünn, aber besser als nichts und viel besser als meine bisherigen unnützen Realitätsherstellungsversuche.

          „Das ist nicht mein Haus“ – darauf könnte ich antworten: „Häuser leben, sie ändern sich. Du bewegst dich ja auch und so bewegt sich das Haus. Warte bitte mal bis morgen, dann hat es sich wieder verändert. Sei neugierig, das ist doch spannend.“

          „Ich bin nicht zuhause“ – darauf: „Du bist in Sicherheit – schau, wie warm es hier ist und welche guten Speisen es hier gibt. Die Sessel im Wohnzimmer sind sehr bequem. Gehen wir mal hin.“

          „Ich werde von allen nur belogen und bestohlen“ – darauf: „Achte mal auf deinen Atem. Ein und aus. Belügt dich das? Schau auf den Boden – ist er nicht fest? Es wird viel gelogen und gestohlen – das war schon immer so. Aber schau dich um, was alles da ist. Man braucht nicht viel zum Leben.“

          „Da sind schon wieder Leute im Garten“ – darauf: „Ja, die habe ich schon mal gesehen, die kommen ab und zu mal vorbei um aufzupassen, dass nichts mehr gestohlen wird. Ich war doch neulich bei der Polizei und habe das veranlasst.“

          „Ich sehe Autos und Leute“ (im großen verchromten Ausguss der Spüle) – darauf: „Du hast einen mächtigen Geist – großartig, was du damit siehst. Das hat nicht jeder – nur große Künstler können das. Versuche doch mal, ob es dir gelingt, ein Auto rückwärts fahren zu lassen.“

          (Ich würde mir gerne mal solch eine Sammlung von möglichen Antworten auf das Reden von Demenzkranken wünschen – am besten in Buchform.)

          All das kann man versuchen - es wird auch mal funktionieren und ein andermal nicht. Später wird das nicht mehr viel bringen. Dann kann tatsächlich der beruhigende Klang einer Stimme mit zuversichtlichen Worten beruhigen oder eine Musik, die der Kranke besonders gerne mag.
          Vielleicht kann auch ein akustisches Erkennungszeichen helfen. Man kann sich angewöhnen, immer ein bestimmtes Lied auf den Lippen zu haben oder summen, was der Kranke kennt und mag. Eine Verbindung mit dem entsprechenden Menschen kann er m.E. noch lernen, da das eher der Konditionierung entspricht (implizites Lernen) als das gewöhnliche Lernen, was nicht mehr gelingt.

          Es bleiben aber die Verzweifelung, schlaflose Nächte, zermartertes Gehirn, fehlgeschlagene Hilfeversuche – auch Wut und vor allem Mitgefühl. Aber es wächst auch eine innere Reife heran, die ich nie zuvor gekannt hatte. Man wird ein anderer – und der ist meist besser, als der frühere Ignorant, der man gewesen, bevor das Schicksal an die Tür klopfte.

          LG
          Egon-Martin

          Kommentar


          • Re: Gedanken in der Verzweiflung


            „Ich will nach Hause, zu meinen Eltern“ – was kann ich daraus machen? Ich könnte es damit versuchen: „Deine Eltern sind doch hier – siehst du sie denn nicht? Gerade eben sah ich sie noch, sie wollten schlafen und werden morgen mit dir reden.“ Das ist dünn, aber besser als nichts und viel besser als meine bisherigen unnützen Realitätsherstellungsversuche.


            „Das ist nicht mein Haus“ – darauf könnte ich antworten: „Häuser leben, sie ändern sich. Du bewegst dich ja auch und so bewegt sich das Haus. Warte bitte mal bis morgen, dann hat es sich wieder verändert. Sei neugierig, das ist doch spannend.“


            „Ich bin nicht zuhause“ – darauf: „Du bist in Sicherheit – schau, wie warm es hier ist und welche guten Speisen es hier gibt. Die Sessel im Wohnzimmer sind sehr bequem. Gehen wir mal hin.“


            „Ich werde von allen nur belogen und bestohlen“ – darauf: „Achte mal auf deinen Atem. Ein und aus. Belügt dich das? Schau auf den Boden – ist er nicht fest? Es wird viel gelogen und gestohlen – das war schon immer so. Aber schau dich um, was alles da ist. Man braucht nicht viel zum Leben.“


            „Da sind schon wieder Leute im Garten“ – darauf: „Ja, die habe ich schon mal gesehen, die kommen ab und zu mal vorbei um aufzupassen, dass nichts mehr gestohlen wird. Ich war doch neulich bei der Polizei und habe das veranlasst.“


            „Ich sehe Autos und Leute“ (im großen verchromten Ausguss der Spüle) – darauf: „Du hast einen mächtigen Geist – großartig, was du damit siehst. Das hat nicht jeder – nur große Künstler können das. Versuche doch mal, ob es dir gelingt, ein Auto rückwärts fahren zu lassen.“


            (Ich würde mir gerne mal solch eine Sammlung von möglichen Antworten auf das Reden von Demenzkranken wünschen – am besten in Buchform.)

            Lieber Egon,
            das sind zum Teil wunderbare Antworten und ich habe die Vision, dass wir ein solches Buch - da es dies offenbar noch nicht gibt - zusammen schreiben könnten. Es wäre sicher gut, einen Fachmann in Validation dabei zu haben, aber es ist nicht zwingend notwendig, schließlich könnte man es als "Erfahrungsschatz betroffener Angehöriger" veröffentlichen.

            Bei der Frage nach den Eltern hätte ich einen weiteren Vorschlag:

            Deine Eltern, Vater, sind immer hier bei dir - du hast sie doch in deinem Kopf und in deinem Herzen. Sie sind sind dir immer nah - auch wenn du sie im Augenblick nicht siehst.

            Zum Haus:
            Vater, du hast viele Häuser - ich glaube, dieses hier gehört dir auch. Wollen wir es uns mal genauer ansehen?

            Zum "nach Hause wollen": Vater, du bist hier bei mir - (könnte auch die Mutter sagen), da bist du sicher. Hier können wir bleiben und in Ruhe abwarten. (Auf heftigeres Drängen, dass man ihn erwarte: oh, es wurde angerufen - deine Lieben kommen auch hierher, wir warten besser, damit sie uns nicht verfehlen.)

            Zum Stehlen:
            Oh ja, dass ist mir auch schon passiert und stell dir vor - wenige Tage später war alles wieder da! Möglicherweise hat es sich jemand nur geborgt.

            Und so könnte man zu vielen Situationen mögliche Antworten überlegen. Es wäre auch spannend, die Auswirkungen in der Praxis auszuwerten - funktoniert es oder was passiert?

            Gruß Leona

            Kommentar


            • Re: Gedanken in der Verzweiflung


              Ihr Lieben, bei meinem Mann musste ich mich über verschiedene Reaktionen wundern. Er schien teilnahmelos dazuliegen und ich habe erzählt. Unter anderem einmal...mein Schatz, auf dem Brocke liegt Schnee, er als begeisterter Skifahrer antwortete plötzlich wie aus dem Nichts heraus....sag bloß! Ein anderesmal zog ich ihm im Bett nach oben und er sagte....du bist aber stark oder bei einer sehr schönen CD, die ablief.....oh, ist das aber schöne Musik.
              Das waren alles mehrere sinngemäß zusammengehörende Worte, was mich erschrecken liess und das im Endstadium. Wenn ich mir wünschte, er soll mir doch mal ein Liedchen pfeifen, dann versuchte er zu pfeifen, wieder ein Zeichen dafür, dass er verstand. Diese Dinge liessen mich erschrecken und ich bin der Meinung, auch im letzen Stadium verstehen diese Menschen mehr als wir erahnen. Das Umsetzen vom hören in die Tat ist es, was verzögert kommt oder auch nicht, je nach Befindlichkeit des Kranken. Es gab noch mehrere kleine Dinge, die eigentlich widerlegen, was wir gesunden uns anmaßen zu denken. Das bleibt das Geheimnis der Alzheimerkranken.
              liebe Grüße Arielle

              Kommentar



              • Re: Gedanken in der Verzweiflung


                Liebe Arielle,
                Ähnliches beobachte ich auch immer wieder bei meinem Vater. Man sollte deshalb niemals abfällig über den Kranken reden oder sich vor ihm mit anderen unterhalten und so tun, als bekomme er das nicht mit. Leider wird das vom Pflegepersonal sehr oft gemacht. Das mit der verzögerten Umsetzung von Gehörtem zu Getanem kann ich ebenfalls bestätigen.

                Die möglichen Antworten, die Egon und ich als Beispiel anführten, beziehen sich aber auch nicht auf solche Situationen, sondern auf die gefürchteten und deutlich erkennbaren Momente, in denen der Kranke nichts und niemanden mehr zu erkennen scheint (meist Ende des frühen Stadiums bis etwa zur Mitte des mittleren Stadiums der Erkrankung). Seltsamerweise scheinen diese Zustände phasisch zu sein. Mein Vater hatte im späten mittleren Stadium oder danach kaum mehr Halluzinationen oder den Drang seine Eltern zu sehen. Nur neulich kam einmal wieder der Satz: ich muss jetzt aber nach Hause (wo er inzwischen bettlägerig ist und nicht mehr laufen kann).

                Um auf diese oft für alle bedrohlichen Situationen zurückzukommen, in denen der Kranke nachts z.B. das Haus verlassen will oder sich vor Diebstahl und Einbrechern ängstigt oder gar aggressiv auf den vermeintlich "fremden" Mitbewohner losgehen will,meine ich, dass jede beruhigende verbale Maßnahme - wenn sie denn nützt - gerechtfertigt ist.

                Darüberhinaus enthalten die aufgeführten Antwortmöglichkeiten sehr viel Wahres - wenn man sich einmal metaphysisch hinein denkt.
                Gruß Leona

                Kommentar


                • Re: Gedanken in der Verzweiflung


                  Liebe Leona, ich habe meinen Mann rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr gepflegt und beobachtet und muss sagen, in der Endphase wird der Kranke in seinem Wesen ruhiger, d.h. aber nicht, dass seine Gedanken nicht mehr arbeiten, phasenweise, wie du schon sagst. Die Angst der Kranken, die diese Krankheit auszeichnet, bleibst bestehen. In solchen Fällen konnte ich mit beruhigenden Worten und in den Arm nehmen beruhigen. Ich glaube bald, in diesen Kranken herrscht im Gehirn ein unheimliches Durcheinander, welches sie selbst nicht zuordnen können. Es kommen Vergangenheit und Gegenwart auf ihnen zu, was ihnen die Angst vor der Masse, vor dem eigentlichen Durcheinander im Kopf, bereitet. Ihnen fehlt die Zuordnung. Nach meinen Erfahrungen kommen diese 'Verschlimmerungsschübe' alle Vierteljahr. Das schlimmste Wirrwarr ist wahrlich im 2. Stadium (nenne ich es einfach einmal so). In ihnen herrscht noch ein gewisser Tatendrang, dazu kommen die fehlenden Zuordnungen, sich nicht mehr äußern zu können,(ja heisst nein, oben heisst unten, draussen heisst drinnen, den Tag zur Nacht machen und und und) was ihnen wiederum selbst in Verzweiflung und Ungeduld bringen. Dann das Gemisch aus Vergangenheit und Gegenwart im Kopf, alles das macht diese Menschen selbst todunglücklich,(daraus kann Aggressivität entstehen) was dann vielleicht in eine Selbstaufgabe enden kann....in ihnen baut sich ihre eigene Welt auf. Vielleicht nimmt diese eigene Welt ihnen die Angst, wer weiss das alles. Mein Mann verwechselte mich in dieser 2. Phase mit unserem Hund, ich wischte die Küche, er zog mich an meiner Kette, meine Haare waren die Öhrchen vom Hund, wie er sie nannte....es war zum heulen, einfach nur zum heulen.
                  liebe Grüße Arielle

                  Kommentar


                  • Re: Gedanken in der Verzweiflung


                    Hallo Zusammen,

                    mein Vater spricht mit Stofftieren, als seien sie kleine Kinder. Auf der Rückenlehne der Couch im Wohnzimmer sitzen ein Teddy, eine Babypuppe, ein Stoffaffe und eine Stoffmaus (die Verhaltensforschung bezeichnet derlei als Supranaturalattrappen (aka „Kindchenschema“ gemäß K. Lorenz), die im überhöhten Maße mit Reizen ausgestattet sind, welche den sog. Brutpflegeinstinkt hervorrufen – viele Disney-Figuren wären ein weiteres Beispiel). Diese werden mindestens einmal am Tag von Vater begrüßt. Einmal hatte er ihnen einige Kekse hingelegt und sich gewundert, dass sie nicht gegessen wurden. Anfangs haben Mutter und ich noch versucht, Vater zu erklären, dass es sich doch nur um Spielzeug handelt ohne wirkliches Leben. Das machen wir schon lange nicht mehr sondern beziehen diese Figuren als „lebend“ mit ein. So gelang es einmal sogar, Vater aus einem depressiven Zustand herauszuholen, indem wir ihm die Babypuppe in den Arm legten. Das ist übrigens auch eine Persönlichkeitsänderung – früher hatte er sich nie um diese Dinge gekümmert, sie waren nur Zierde, an der sich Mutter erfreute. Allerdings hatte er ausgerechnet in einem paranoid-depressiven Zustand (teils niedergedrückt, teils mürrisch von den schlechten Menschen sprechend, sehr selbstmitleidig, usw.) sogar mal eine reale Sicht – der Versuch, ihm wieder mit den Figuren zu helfen, scheiterte und er meinte nur, das seien ja nur tote Gegenstände. Es ist eben, wie ich schon schrieb: Mal funktionierte es und ein andermal nicht.

                    Auch hatte er im Garten größere Pflanzen aus der Ferne als Menschen gesehen, zu denen sich dann später echte Halluzinationen hinzugesellten. Man sollte das grundsätzlich unterscheiden. Wir alle können in Wolkenformen, bestimmten Tapetenmustern, usw. mit Hilfe unserer Phantasie Figuren hineinprojizieren. Das ist harmlos und amüsant, weil wir wissen, das es unsere Projektionen sind. Problematisch wird das erst, wenn wir es nicht mehr wissen. Dann kann es u.U. quasipsychotische Ausmaße annehmen (ich schreibe hier quasipsychotisch, weil Demenzen keine echten Psychosen sind – bestimmte Demenzen zeigen zeitweise Fragmente anderer Gehirnerkrankungen ohne mit diesen aber identisch zu sein).

                    Wenn man in der Küche sozusagen auf allen Vieren arbeitet, dann kann das – sehr abstrakt – an einen Vierbeiner erinnern. Kopf, Rumpf, vier Gliedmaßen berühren den Boden und wenn dann auch noch ein Schürzenzipfel hinten hervorlugt... Im Gehirn des Demenzkranken kommt nicht mehr das reale Bild an, sondern eine Abstraktion, die dann vom Gehirn (falsch) vervollständigt wird. In diesem Fall kam das Bild eines Hundes dabei heraus (das vorher schon in Gestalt des Haushundes vorlag). Diese (Rück)Projektion, die auf den nur noch abstrakt unbewusst gesehenen ersten Eindrücken folgt, ist das eigentlich als subjektiv real Wahrgenommene (hier der Hund). Unser Gehirn vervollständigt immer Eindrücke, füllt Lücken. Denken wir mal an den sog. blinden Fleck in unseren Augen. Die einfachen Experimente zum Nachweis des blinden Fleckes dürften bekannt sein. Der blinde Fleck beruht auf der unvollständigen Netzhaut, die an der Stelle des Eintritts in den Sehtrakt (aka Sehnerv) kein Abbild des Gesehenen erzeugen kann – es fehlt etwas, als ob es eine schwarze Stelle auf einer Photographie geben würde, weil der Film an einer Stelle beschädigt ist. Sonderbarerweise merken wir davon aber im alltäglichen Leben nichts, laufen nicht mit einem „Loch in der Optik“ herum. Wir merken davon nichts, weil unser Gehirn für uns unmerkbar diese Lücke ausgleicht. Das Bestreben, immer ein ganzes Bild zu liefern, ist charakteristisch für unser Gehirn. Dabei ist es natürlich wichtig, zu wissen, dass derlei schon von Geburt an so funktioniert und spätere Defekte bzw. Augenleiden nicht entsprechend kompensiert werden. Bei demenzkranken Menschen können aber auch Augenleiden nicht immer als solche erkannt werden, so dass z.B. bei einer altersbedingten Makuladegeneration verschwommene oder verzerrte Eindrücke vom Kranken nicht (nur) als Sehstörung gesehen werden, sondern die Tendenz zu optischer Fabulierung erhöhen können.

                    Ich weiß, wie schockierend neue Symptome bei einer Demenz auf Angehörige wirken können. Obwohl ich einiges gelesen hatte und in etwa wusste, was alles noch kommen könnte, war ich doch erschrocken, als ich im Herbst letzten Jahres Vater erstmalig im Badezimmer mit seinem Spiegelbild sprechen sah. Das war alles harmlos und er machte sogar Faxen, über die er sich dann amüsierte. Jetzt aber bin ich froh über alles, was ihn noch erfreut, so absurd das auch sein mag, denn es ist sehr schlimm, Vater in einer depressiven Phase zu sehen – dann schon lieber (harmlosen) Blödsinn machen. Hier muss man eine ganz neue Form der Toleranz entwickeln, was mir etwas leichter fällt als meiner Mutter, die es bis heute nicht lassen kann, immer mal wieder Vater zu sagen, dass das alles nicht wirklich sei, usw. Bei den Stofftieren hat das zum Glück aufgehört.

                    Ich versuche manchmal, in der Demenz (mit Ausnahme der Apraxie und des immobilen Endstadiums) nicht mehr zu sehen, als eine pathologische Übertreibung von Fehlwahrnehmungen mit phantastischen Füllseln durch einen krankhaft beschleunigten Hirnalterungsprozesses. Wir füllen Wahrnehmungslücken und wir halluzinieren auch alle. Damit meine ich nicht unsere nächtlichen Träume – die wären ein Kapitel für sich – sondern z.B. die schlichte Tatsache, das wir die Farbe „Braun“ sehen. Im Farbspektrum der Sonne – also in der Natur – gibt es diese Farbe nicht. Sie ist ein reines Hirnprodukt und damit im Grunde eine Halluzination. Und was ist das bisschen Wahn des Kranken schon angesichts des wirklich gefährlichen kollektiven Wahns, der Rassenideologie oder religiöser Fanatismus heißt? An sich völlig hirngesunde Menschen haben mehr Furchtbares in die Welt gesetzt als sog. Psychotiker, usw. – Diese Art der Argumentation ist natürlich eine Verharmlosungstendenz der individuellen Krankheit, die nicht konsequent durchhaltbar ist. Aber sie kann etwas nutzen als Gegengewicht zu der Verzweiflung.

                    „Ja heißt Nein“, usw. Das sind Fehlassoziationen. Was fällt einem sofort ein, wenn man das Wort „Weiß“ hört? Vmtl. „Schwarz“. In unserem Gehirn sind u.a. auch Gegensätze miteinander assoziativ verbunden (enge Verbindungen gibt es auch bei ähnlich klingenden Worten oder funktionalen Zusammenhängen, usw. - Raubtiere sind enger miteinander verbunden als mit Haustieren, die ihrerseits wieder eng miteinander verbunden sind, usw.). Interessant dabei ist, dass der Kranke offenbar noch Richtiges meint, aber keinen korrekten Zugriff auf seinen assoziativen Speicher in der Großhirnrinde mehr hat und daher zu dem (unwillkürlich) greift, was mit dem richtigen Ausdruck verbunden ist. Das verleitet mich zu einer interessanten Spekulation: Was wäre, wenn unsere eigentliches Sein nicht materiell-kausal ist? Dann wäre unser Gehirn „nur“ eine Schnittstelle, ein gigantischer biologischer Konverter, der Sinnesdaten aus dieser Welt für unser Bewusstsein (aka Geist) aufbereitet. Störungen dieses Konverters würden natürlich zu Fehlreaktionen führen und man würde nur noch mit den Resten arbeiten können, die bei einer degenerativen Erkrankung noch vorhanden sind. Aber nein – es gibt ja das sog. Locked-In-Syndrom schon, was eher in dieser Richtung passen würde. Außerdem müsste dieses Superbewusstsein immer aktiv sein – auch im Tiefschlaf oder im Koma und vielleicht sogar vor und nach dem Tode. Das aber ist Religion und nicht mehr Naturwissenschaft. Immerhin: Tibetische Buddhisten glauben das und nennen es das äußerst subtile Bewusstsein, das nicht mit dem Ich identisch ist oder den anfangslosen Geist (aka klares Licht), den zu erkennen jede Todesfurcht beseitigt.

                    Soweit.

                    LG
                    Egon-Martin

                    Kommentar



                    • Re: Gedanken in der Verzweiflung


                      Lieber Egon-Martin,
                      Was für gebildete Gedanken, Darstellungen und Ableitungen Sie doch treffen. Mir gehen oft ähnliche Gedanken - in einfacherer Form - durch den Kopf.
                      Meine Mutter ist ja jetzt schon in einem recht fortgeschrittenem Stadium der Erkrankung. Sie ist eigentlich nicht mehr meine Mutter und ich muss zugeben, dass sie mir fremd geworden ist. Es ist nichts mehr übrig von der warmherzigen, freundlichen immer hilfsbereiten und fröhlichen Frau. Es ist mir oft so, als wäre nur noch ihr Körper anwesend - vielleicht ist das ja auch wirklich so. Sie kann nichts mehr, weiß nichts mehr und alles ist für sie unwichtig geworden.
                      Das einzige, was sie zu erreichen scheint ist Musik, sie summt dann mit und bewegt sich dazu. Das ist schön zu sehen. Ich bin immer wieder sehr froh darüber, dass es der Mutter in der Wohngemeinschaft so gut geht und sie in Würde die Zeit dort verbringen kann.

                      Was meine Person betrifft, frage ich mich auch zunehmend häufiger nach dem Sinn unseres Daseins und man kann daran schon verzweifeln und ich habe auch oft das Gefühl, dass mit dem Altern (ich bin jetzt gleich 50) nicht mehr viel Gutes kommen mag. Da sind schon viele Ängeste entstanden durch die Erkrankung meiner Eltern. Mein Vater verstarb vor zwei Jahren nachdem er ein Jahr schwer behindert, seiner Sprache und Motorik durch einen Schlaganfall beraubt an den Rollstuhl gefesselt noch gelebt hatte.

                      Ich danke Ihnen für Ihre Gedanken.

                      Adelheid

                      Kommentar