Mann füllt Wein in ein Weinglas
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Wenn der Wein Beschwerden verursacht

Manche Menschen reagieren empfindlich auf den "guten Tropfen". Dann kann eine Weinunverträglichkeit vorliegen. Lieber Weiß als Rot? Was ist bekömmlich?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Mediziner*innen geprüft.

Wenn der Wein Beschwerden verursacht

Wer am Abend ein paar Gläser Wein getrunken hat und morgens mit Kopfschmerzen aufwacht, weiß um die Ursache. Doch es ist nicht immer die Quantität des Alkohols, die zu Nachwehen führt. Manch einer trinkt nur ein kleines Glas Wein und reagiert einige Zeit später "allergisch". Etwa mit Nies- oder Juckreiz, tränenden Augen, Ausschlag oder Kopfweh. Sogar asthmatische Anfälle können eine Reaktion sein.

Die Menge Wein ist dabei nicht entscheidend. Sensible Menschen können bereits auf wenige Schlucke empfindlich reagieren. Eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz lieferte zum ersten Mal Daten über Weinunverträglichkeit, die häufiger vorkommt als bislang vermutet. "Weinallergie-Forschung ist noch Neuland", sagt Studienleiter Prof. Heinz Decker. Von 948 Erwachsenen klagten 7,2 Prozent über Beschwerden.

Es zeigte sich, dass Rotwein generell zu mehr Beschwerden führt als Weißwein. Das kann unter anderem am unterschiedlichen Gehalt des Allergens Lipid Transfer Protein (LTP) liegen, das in der Schale von Trauben vorkommt. Es ist nur im Rotwein enthalten, da beim Weißwein der Most ohne Schalen vergoren wird. Weiterhin ergab die Studie, dass Frauen mit 8,9 Prozent eine höhere Unverträglichkeit haben als Männer (5,1 Prozent).

Juckreiz, Durchfall oder Herzrasen

Die meisten Probanden der Studie berichteten über Rötung der Haut (57,4 Prozent), Juckreiz (35,3 Prozent), verstopfte Nase (32,4 Prozent), Durchfall (27,9 Prozent) und je 25 Prozent über Herzrasen bzw. Magen-Darmkrämpfe. Kopfschmerzen wurden in der Mainzer Studie nicht berücksichtigt, da sie ein unspezifisches Symptom mit vielen verschiedenen Ursachen sind.

Die Forscher vermuten, dass eine Weinunverträglichkeit nur selten durch eine echte Trauben-Allergie verursacht wird. "Die Übergänge zwischen Unverträglichkeit und Allergie sind fließend und daher oft schwer zu unterschieden", sagt der Allergologe Prof. Thomas Fuchs von der Universitätsmedizin Göttingen.

Insgesamt, so die Wissenschaftler aus Mainz, kann man davon ausgehen, dass Wein bezüglich einer echten Allergie ein relativ sicheres Lebensmittel ist. Was allerdings seine Unverträglichkeit angeht, so ist sie genauso hoch wie bei den meisten anderen Nahrungsmitteln. Der Schweizer Prof. Brunello Wüthrich sagt, dass es sich bei einer echten Weinallergie meist um eine Reaktion auf Traubenproteine bzw. eiweißhaltige Klärungsmittel im Wein handelt.

Die Ursachen für hypersensitive Reaktionen muss man genau unterscheiden. Bei unspezifischen Reaktionen wie Rötungen oder Juckreiz würde man von Weinintoleranz sprechen. Um diese pseudoallergischen Reaktionen von einer echten Allergie zu unterscheiden, müsse der Arzt diverse Untersuchungen und Bluttests durchführen, so Prof. Fuchs.

Biogene Amine verringern

Es gibt eine Reihe möglicher Ursachen für Weinunverträglichkeit: Rotwein enthält je nach Sorte unterschiedlich große Mengen an sogenannten biogenen Aminen, das sind kleinste Eiweißbausteine. Dazu gehören z.B. Serotonin und Histamin. Histamin ist die Substanz, die bei allergischen Reaktionen im Körper ausgelöst wird und zu den oben beschriebenen Reaktionen führt. Allerdings gibt es noch viele Unklarheiten hinsichtlich der Histaminunverträglichkeit, so Allergologe Fuchs.

Lange Zeit wurden Aminosäuren aus dem Wein gefiltert, um Trübungen zu beseitigen. Als die Winzer feststellten, dass damit auch Geschmacksstoffe entfernt wurden, haben sie die Eiweiße im Wein belassen bzw. einweißreiche Mittel eingesetzt, um Trübungen auszuschließen.

Deutsche Weine enthalten insgesamt niedrige Mengen an biogenen Aminen. Ihre Wirkung wird allerdings überproportional verstärkt, da der Abbau durch die gleichzeitige Aufnahme von Alkohol stark verlangsamt wird. "In Zukunft muss man verstärkt daran arbeiten, den Anteil biogener Amine im Wein zu verringern", sagt Prof. Helmut König vom Institut für Mikrobiologie und Weinforschung.

Reaktion auf Schimmelpilzsporen

"Beschwerden sind auch möglich, wenn die im Wein enthaltenen Schwefelverbindungen nicht vertragen werden und es daher zu allergieähnlichen Reaktionen kommt", sagt Prof. Fuchs. Schwefel wird vielen Weinen, vor allem Weißwein, zum Konservieren zugesetzt. Besonders Asthmapatienten reagieren hierauf empfindlich.

Wer einmal einen Weinkeller besucht hat, wird sich erinnern, dass Schimmel an den Wänden vielerorts zum speziellen Raumklima gehört. Man kann dann nicht verhindern, dass Wein minimale Anteile Schimmelpilzsporen enthält. Auch das kann Reaktionen nach dem Weingenuss auslösen.

Wenn der Alkohol nicht vertragen wird

Eine allerdings geringe Anzahl von Menschen hat aufgrund einer genetischen Veranlagung eine Unverträglichkeit gegen jegliche Form von alkoholischen Getränken, so Prof. Fuchs. Das liegt daran, dass sie Azetaldehyd, das Abbauprodukt des Ethanols, nicht gut abbauen können und es daher zu allergieartigen Beschwerden kommt.