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Interview zum Thema Ernährung

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Nächste Aktualisierung von Till von Bracht • Medizinredakteur

Regeln zur Ernährung gibt es zuhauf. Allerdings gehen die Meinungen auseinander, ob sie alle zweckmäßig sind und zu einem gesünderen oder gar längeren Leben verhelfen. Befürworter halten sich strikt an alle Tipps und gestalten ihren Speiseplan entsprechend der Vorgaben. Andere wiederum ignorieren sämtliche Empfehlungen und lassen sich von ihren Hunger- und Lustgefühlen leiten. Onmeda hat den Ernährungswissenschaftler und Buchautor Uwe Knop nach seiner Meinung gefragt und gängige Ernährungsregeln mit ihm diskutiert.

Im Gespräch mit dem Ernährungsexperten und Buchautor Uwe Knop

© Kooperationspartner
Uwe Knop

Uwe Knop (38) ist Diplom-Ernährungswissenschaftler und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung im PR-Bereich der Ernährungs-, Medizin- und Pharmabranche. Knop ist daher bestens damit vertraut, wie durch die tägliche Veröffentlichung unzähliger Empfehlungen zu einer vermeintlich gesunden Lebens- und Ernährungsweise Meinungen in die Köpfe der Menschen gelangen.

Im Jahr 2009 veröffentlichte er das Buch "Hunger & Lust: Das erste Buch zur Kulinarischen Körperintelligenz" (www.echte-esser.de). Mit diesem Buch möchte Knop ein Gegengewicht zur "pseudowissenschaftlichen PR-Maschinerie" der Ernährungsforschung geben.

Knop empfiehlt in seinem Buch weder Produkte oder Therapien noch besondere Essformen. Sein Ziel ist es vielmehr, dass die Menschen ihrem eigenen Hunger- und Körpergefühl – von ihm als "Kulinarische Körperintelligenz" bezeichnet – wieder mehr Vertrauen schenken und sich weniger von außen, also der Öffentlichkeitsarbeit vieler Unternehmen und Institute, lenken lassen. Der Autor wirbt dafür, man solle alle Ernährungsregeln kritisch hinterfragen und sich als "mündiger Essbürger" seine eigene Meinung bilden.

Nicht zuletzt sieht Knop sein Buch als Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion zum Thema Ernährung, die sich nach seiner Ansicht derzeit in einer wissenschaftlichen Schieflage befindet.

Onmeda: Herr Knop, in Ihrem Buch ziehen Sie ein klares Fazit, indem Sie die Meinung vertreten, dass man getrost alle bisher geltenden Regeln in Sachen "gesunder Ernährung" vergessen könne. Stattdessen schlagen Sie vor, wir sollten uns von Hunger und Lust zum richtigen Essen leiten lassen. Überspitzt ließe es sich so deuten, dass die Ernährungswissenschaften bisher ausschließlich Unsinn hervorgebracht haben. Sind Sie tatsächlich dieser Meinung?

Uwe Knop: Die Ernährungsforschung sucht nach statistischen Zusammenhängen, liefert jedoch keine Beweise. Aber die Ergebnisse dieser Datenspielerei werden leider oft zur "öffentlichen Wahrheit", die dann in Ernährungsregeln wie "5 mal am Tag Obst und Gemüse" münden. Und das ist, Sie sagen es: Unsinn. Gerade erst wurde erneut und damit endgültig durch die weltgrößte laufende Ernährungsstudie EPIC bestätigt: Obst und Gemüse schützen nicht vor Krebs. Vergessen Sie am besten alle Regeln zur gesunden Ernährung, sie entbehren eines wissenschaftlichen Beweises.

Onmeda: Nun, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gilt vielen als seriöse Quelle bei Fragen rund um die Ernährung. Auch Onmeda greift im Übrigen immer wieder auf die unter anderem aus Studien abgeleiteten Tipps, Empfehlungen und Regeln der DGE zurück. Den Rat, man solle nur bei Hunger essen und dann ausschließlich das, worauf man Lust hat, sucht man auf den Internetseiten der DGE vergebens. Sehen Sie eine Chance, dass Ihr Ansatz dort erhört wird?

Uwe Knop: Diese Frage sollten Sie direkt der DGE stellen! Die Chancen, dass bei den dortigen Ernährungsforschern ein Umdenken stattfindet, stehen gar nicht schlecht.

Onmeda: Woraus leiten Sie das ab?

Uwe Knop: Die DGE hatte in einem Interview zu meinem Buch bestätigt: "Ganz grundsätzlich und für gesunde Menschen stimmt seine (Uwe Knop, Anm. der Redaktion) These vermutlich", so die DGE-Sprecherin Antje Gahl. Und weiter: Viele Menschen hätten allerdings den Zugang zum Hunger- und Sättigungsgefühl verloren. Und da schließt sich der Kreis: Wenn also die These, auf seine Gefühle Hunger und Lust zu hören, für die DGE grundsätzlich stimmt, das Problem aber darin liegt, dass viele Menschen ihre echten Hungergefühle nicht mehr kennen – dann scheint doch die Zeit gekommen, den Menschen anstelle "statistischer Empfehlungen" besser die Möglichkeit zu bieten, ihr Hungergefühl wieder zu entdecken.

Onmeda: Wie könnte das konkret aussehen?

Uwe Knop: Vielleicht sollte die DGE über eine Neuausrichtung ihrer Aufklärungskampagnen nachdenken: Wie wäre es mit Aktionen und Hilfestellungen, die den "Zugang zum Hunger- und Sättigungsgefühl" wieder ermöglichen? Denkbar sind Maßnahmen, die das Vertrauen in das eigene Körpergefühl stärken, die den Menschen "trainieren", den echten, den biologischen Hunger wieder zu spüren und vom hungerfreien Essen zu unterscheiden.

Onmeda: Mal von der DGE abgesehen: Gibt es schon "offizielle" Stellen, die dazu raten, stärker auf den eigenen Körper zu "hören"?

Uwe Knop:Ja, durchaus. Nach Meinung der Verbraucherzentrale NRW "hat es die Natur eigentlich wunderbar eingerichtet: Der Mensch soll essen, wenn er Hunger hat, und trinken, wenn er durstig ist. Und der Körper signalisiert, wenn er Nachschub braucht, und zeigt, wann er genug hat. Doch leider haben viele Menschen verlernt, auf ihren Körper zu hören ..."

"Werfen Sie alle Ernährungsempfehlungen über Bord"

Onmeda: Aber es kommt doch auch darauf an, was man isst, wenn der Hunger da ist. Einen Monat etwa andauernd Eier mit Speck zu essen, wäre doch nicht die Lösung. Es klingt so, als wollten Sie gleich alle Empfehlungen über Bord werfen.

Uwe Knop: Kein Mensch hierzulande wird einen Monat andauernd Eier mit Speck essen. Unser Körper braucht Abwechslung, er benötigt Vielfalt – und die holt er sich über Hunger und Lust auf unterschiedliche Nahrungsmittel zu unterschiedlichen Zeiten. Und ja, Sie haben Recht – es klingt nicht nur so, ich meine das auch so: "Werfen Sie alle Ernährungsempfehlungen über Bord". Warum? Ganz einfach: Für mein Buch habe ich den aktuellen Stand der Wissenschaft anhand von über 150 Studienergebnissen aus den Jahren 2007 bis 2009 kritisch analysiert – und kam zu der eindeutigen Erkenntnis: Es existieren definitiv keine wissenschaftlichen Beweise, dass dieses Essen gesund ist und jene Nahrung ungesund. Das sieht übrigens auch die DGE so: "Die Einteilung der Lebensmittel in gesund und ungesund hat keinen Sinn".

Onmeda: Aber die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat eine recht genaue Vorstellung, welcher Mix der richtige ist. Stichwort: vollwertige Mischkost, viel Obst und Gemüse, eher selten Fleisch, lieber mehr Fisch, weniger gesättigte, dafür aber mehr ungesättigte Fettsäuren und so weiter.

Uwe Knop:Diese Regeln aufzustellen, das ist ja auch eine der Hauptaufgaben der DGE – doch deshalb werden Ernährungsregeln nicht wahrer. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für irgendwelche Essempfehlungen. Egal, wie sie lauten und von wem sie kommen, für alle Ernährungsratschläge gilt: Sie sind und bleiben nicht mehr als vage, verallgemeinerte Vermutungen, die keine gesundheitliche Bedeutung für den einzelnen Menschen haben. Daher mein Rat: Vertrauen Sie nur Ihrem echten, körperlichen Hunger. Essen Sie nur, worauf Sie Lust haben und was Ihnen gut schmeckt. Wer außer Ihrem Körper soll wissen, was für Sie persönlich gutes Essen ist? Niemand. Hören Sie daher besser auf Ihre Kulinarische Körperintelligenz als auf erfundene Ernährungsregeln. Dann essen Sie so gesund, wie es Ihrem Organismus entspricht.

Onmeda: Warum glauben dennoch so viele Menschen an diverse Ernährungsregeln, obwohl deren endgültiger wissenschaftlicher Beweis fehlt?

Uwe Knop: Der Mensch wiegt sich gerne in Sicherheit und bevorzugt daher Rahmenbedingungen, in denen er sich zurechtfindet. Und wenn ihm die unzähligen Ernährungsberater und Diätassistenten in Wiederholungsschleifen vorpredigen "Obst und Gemüse, zucker- und fettarme Nahrungsmittel sind gesundes Essen, aber Pommes, Cola, Currywurst und alles mit viel Fett und Zucker sind ungesund", dann haben sie grobe Rahmenbedingen im Ernährungssystem geschaffen, in denen sich der Mensch in seinem Handeln erst mal sicher fühlt. Kauft er Obst und Gemüse, denkt er, ich tue das Richtige, denn es soll ja so gesund sein.

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"5 am Tag ist nicht mehr als eine Pflanzenkost-Marketingkampagne"

Onmeda: Aber gesundheitlich schaden wird das Obst und Gemüse dem Käufer wohl nicht!

Uwe Knop: Das weiß nur Ihr Körper! Probieren geht über studieren, gerade beim Essen gilt diese Weisheit. Wer gerne Früchte und Frischkost isst, der soll es sich schmecken lassen. Wer sich hingegen nichts daraus macht, sollte sich aber auch nicht genötigt fühlen, doch "bitte mehr gesundes Obst und Gemüse" zu essen. Denn "5 am Tag" ist nicht mehr als eine Pflanzenkost-Marketingkampagne. Aber von diesen pseudowissenschaftlichen Eckpfeilern einer "gesunden" Ernährung existieren sehr viele, sodass man sich ohne Weiteres durch den Supermarkt fernsteuern lassen kann. Die Intention meines Buchs ist es, diese Fremdbestimmung aus den Köpfen der Menschen zu verbannen.

Onmeda: Lassen Sie uns als Beispiel die mehrfach ungesättigten Fettsäuren herausgreifen, die als gesund gelten: Eine große Studie hat erst kürzlich bestätigt, dass diese Fettsäuren den Cholesterinwert im Blut positiv beeinflussen und somit letztlich das Risiko für Herzkrankheiten senken können, wenn sie vermehrt im Speiseplan auftauchen und dafür gesättigte Fettsäuren seltener.

Uwe Knop: Meinen Sie wirklich, Krankheit oder Gesundheit eines Menschen können an einzelnen Fettsäuren im Essen festgemacht werden? Sie werden sicher keinen Grabstein finden, auf dem steht: "Er hatte ein langes und gesundes Leben, weil er immer auf die ungesättigten Fette im Essen achtete." Das ist viel zu kurz gedacht, denn Gesundheit ist das Resultat von sehr vielen Faktoren des gesamten Lebens.

Onmeda: Wovon hängt denn Ihrer Meinung nach die Gesundheit eines Menschen ab?

Uwe Knop: Da reihen sich die ganz weltlichen Faktoren wie Wohlstand oder die Position im Job neben den elementaren Dingen ein, wie unser Erbgut und die Umwelt, in der wir leben. Ganz wichtig sind auch die sexuelle und die geistige Zufriedenheit sowie das soziale Netz, das uns umgibt. Ein ganzes Leben macht Menschen gesund oder krank, sicher nicht einzelne Fettsäuren!

Onmeda: Die Fettsäuren stehen beispielhaft für eine mögliche Stellschraube, an der man täglich drehen kann. Ein weiteres Beispiel für einen Faktor, den jeder kurzfristig und mit relativ wenig Aufwand ändern kann, wäre die körperliche Bewegung. Ernährung und Bewegung stellen gut greifbare Ansatzpunkte dar, die das Risiko für bestimmte Krankheiten senken können. Sein soziales Umfeld zu ändern oder in Job und Liebe erfolgreicher und zufriedener zu sein, ist da mitunter schon schwieriger. Nach unserer Auffassung gibt es also stets mehrere Möglichkeiten, etwas für sich zu tun. Letztlich kommt es auf die Summe, auf das Zusammenspiel an. Es hilft aber nichts, jede einzelne Stellschraube klein zu reden.

Uwe Knop: Ich bleibe dabei: Aus meiner Sicht gibt es bis heute keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise dafür, dass eine gewisse Ernährungsform gesünder ist als eine andere. Das Gleiche gilt für einzelne Lebensmittel. Drehen Sie daher an den "Stellschrauben", die Ihrem Leben spürbar mehr Zufriedenheit und Wohlbefinden verleihen. Welche das sind, dass wissen nur Sie selbst.

"Wir leben in einem Schlaraffenland"

Onmeda:Menschen, die sich intensiv mit Ernährungstipps auseinandersetzen, achten oftmals von Grund auf mehr auf Ihre Gesundheit, ihre körperliche Fitness und ihr Gewicht. Wie aber können Leute, die schon seit Kindertagen eher einseitig und vermeintlich ungesund essen, das Gefühl erlernen, was ihr Körper wirklich braucht? Wer nicht weiß, wie Obst und Gemüse schmecken und sich im Mund "anfühlen", wird das Knacken, das Frische und Fruchtige vielleicht nie vermissen und daher nicht nachfragen.

Uwe Knop: Grundsätzlich wird sich hierzulande fast niemand nur einseitig ernähren – denn wir leben in einem Schlaraffenland mit garantiertem Überfluss an allen erdenklichen Nahrungsmitteln; und das zu erschwinglichen Preisen. Anders sähe es sicher aus, wenn in Deutschland nur Hirsebrei auf den Teller käme.

Onmeda: Das Angebot und der Preis sind die eine Sache. Doch viele kaufen einseitig ein und nehmen die Vielfalt gar nicht wahr.

Uwe Knop: Wenn jemand das vielfältige Angebot in "Schlaraffia Germania" nicht mehr wahrnimmt, ist das schade. Grundsätzlich aber denke ich: Wer hier aufwächst, wird in seinem Leben sicher sehr viele verschiedene Lebensmittel und Mahlzeiten gegessen haben. Dementsprechend gut ausgeprägt ist die Kulinarische Körperintelligenz der meisten Deutschen. Eine Einschränkung gibt es leider: Auch hierzulande leben Millionen Kinder, die von Armut bedroht sind und mitunter nicht genug zu essen bekommen. Die verantwortlichen Politiker sollten ihre Fördergelder daher besser in ein anständiges Essensangebot für alle Kinder investieren und weniger gutgemeinte Tipps hervorbringen, an die sich sowieso keiner hält.

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"Hören Sie sich beim Essen zu! "

Onmeda: Kommen wir zurück auf das Essverhalten: Was raten Sie all jenen, die tatsächlich das Gefühl des "echten Hungers" nicht mehr kennen?

Uwe Knop: Diesen Menschen helfen vier ganz einfache Regeln: Erstens: Verbannen Sie alles Wissen zu "gesundem" Essen aus Ihrem Kopf! Wählen Sie Lebensmittel nicht nach rationalen Kriterien aus, sondern weil sie Ihnen gut schmecken. Zweitens: Durchbrechen Sie Routinen! Beispielsweise frühstücken Sie nicht, wenn Sie keinen Hunger haben, nur weil es "ja so gesund ist". Drittens: Reizen Sie Ihr Hungergefühl aus! Essen Sie nicht sofort, wenn Sie denken, Sie sind hungrig. Warten Sie, bis Sie Ihren echten Hunger richtig spüren. Viertens: Hören Sie sich beim Essen zu! Kommt das wohlige "mmmhhhh"-Stöhnen aus der Tiefes des Bauches bis über Ihre Lippen, dann belohnt Ihr Körper Sie, weil Sie den echten Hunger mit dem richtigen Essen stillen; in Gesellschaft stöhnt man oft nur innerlich.

Onmeda: Am wohligen Stöhnen soll man erkennen, das Richtige zur richtigen Zeit zu essen?

Uwe Knop: Davon können Sie ausgehen. Wenn der Körper etwas Schönes genießt und dieses "Verwöhnprogramm" mit guten Gefühlen belohnt, äußert sich das auch hörbar – durch "Stöhnen". Wer sein Essen nicht vor Wonne leicht stöhnend genießt, wenn auch "umweltbedingt" nur innerlich, sollte Folgendes bedenken: Entweder ist der echte Hunger noch nicht groß genug und man isst vielleicht nur, weil gerade Mittagspause ist und alle essen. Oder man isst das Falsche, weil nicht die gefühlten Signale Hunger und Lust das körperlich benötigte, richtige Essen wählen, sondern Mangel, gesellschaftliche Rücksichtnahme oder vermeintlich "gesunde" Kriterien vernunftgesteuert eine andere Mahlzeit bestimmen. Kurzum: Wer stöhnt, isst recht.

Onmeda: Heutzutage arbeiten die meisten Menschen im Büro, bewegen sich wenig und verbrauchen verhältnismäßig wenig Kalorien. Könnte es nicht sein, dass das Stöhnen wie ein Programm aus "alten Zeiten" abläuft, das ursprünglich als Belohnung nach hohem Energieverbrauch durch körperliche Arbeit gedacht war?

Uwe Knop: Das Wohlgefühl, was Sie stöhnen lässt, ist die körperliche Belohnung dafür, dass Sie sich mit dem richtigen Essen am Leben erhalten. Dieses Stöhnen ist also ein ganz elementares Körpersignal, das selbstverständlich noch heute "gilt". Ob Sie akut viel Energie brauchen oder weniger, das spielt für Ihren Körper dabei keine Rolle. Wenn Menschen nur mit echtem Hunger essen, wird ein Bauarbeiter sicher mehr essen als ein Pförtner oder ein Buchhalter. Wichtig ist der echte Hunger und satt essen.

"In der Ernährungsforschung gibt es keine abschließenden Beweise"

Onmeda: Die Vorstellung, dass man bei echtem Hungergefühl isst, worauf man Lust hat, klingt verführerisch. Wie können Sie belegen, dass sich alles vernünftig einpendelt und der Körper wirklich mit der Zeit erkennt, jetzt brauche ich dies, morgen das? Gibt es hierzu Studien?

Uwe Knop: Der gesunde Mensch, der isst, wenn er echten Hunger hat – der mündige Essbürger –, das ist der lebende Beweis. Fragen Sie mal die Menschen, die sich frei von irgendwelchen Ernährungsregeln nach Hunger und Lust ernähren: Denen geht es meist gut, ihr Vertrauen in ihre Körpergefühle lässt sie intuitiv gesund essen.

Onmeda: Aber das heißt ja nicht unbedingt, dass diese Personen tatsächlich gesünder sind, also etwa seltener übergewichtig werden und in der Folge eventuell Diabetes bekommen oder an Bluthochdruck und Arterienverkalkung leiden.

Uwe Knop: Wichtig ist das grundsätzliche Vertrauen in die eigenen Körpergefühle: Jeder sollte ein Gespür für den "Zustand" seines Körpers entwickeln, denn "Übergewicht" allein macht nicht zwangsläufig krank. Ganz im Gegenteil – immer mehr große Analysen der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur zeigen, dass gerade die "Übergewichtigen" die höchste Lebenserwartung haben. Also sollte unabhängig vom Gewicht gelten: Seien Sie ehrlich zu sich selbst, und wenn Sie sich häufiger nicht gut und gesund fühlen, dann gehen Sie zum Arzt. Darüber hinaus kann jeder gesunde Bundesbürger zum Beispiel jährlich einen allgemeinen Gesundheitscheck in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt in Anspruch nehmen – Bluthochdruck und Diabetes kommen nicht über Nacht und können so frühzeitig erkannt werden, auch wenn man sich subjektiv noch gesund fühlt und es einem gut geht.

Onmeda: Lässt sich dieses "Gutgehen" eigentlich irgendwie wissenschaftlich fundiert messen?

Uwe Knop:Wenn Sie den harten Wissenschaftsnachweis des "Gutgehens durch intuitives Essen" wünschen: Nein, ein solches "Messverfahren" existiert meiner Kenntnis nach nicht. Und bezogen auf die Ernährungsforschung gilt generell: Es gibt keine abschließenden Beweise. Und die wird es auch nach den höchsten Kriterien der Wissenschaft nie geben: Keiner wird eine Studie durchführen können, die alle Voraussetzungen der sogenannten evidenzbasierten Medizin erfüllt und dann den Stein der "Ernährungsweisen" findet. Das gilt selbstverständlich auch für meine These. Deshalb sage ich ja auch nicht: In meinem Buch finden Sie die neue Esswahrheit! Nein, Hunger & Lust soll vielmehr zum kritischen Nachdenken und Hinterfragen anregen, es soll den Menschen ihre persönliche Wahl erleichtern. Jeder mündige Essbürger sollte selbst entscheiden, ob er Ernährungsregeln glaubt oder besser seinem Körper vertraut.

Onmeda: Herr Knop, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Dr. med. Fabian Weiland