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Corona-Krise: Menschen mit Depressionen leiden besonders

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Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin

Keine Frage: Die Corona-Pandemie beeinflusst uns alle. Den einen mehr, den anderen weniger. Für Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, ist die Situation eine ganz besondere Herausforderung. Das ist ein Ergebnis des diesjährigen "Deutschland-Barometers Depression" der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Menschen mit Depressionen erleben die Pandemie demnach nicht nur als sehr belastend. Bei fast jedem zweiten Erkrankten wirkte sich der erste Lockdown auch auf die Behandlung aus. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick.

Corona-Krise & Depression

Wie erleben an Depression Erkrankte die Corona-Zeit? Wie gut fühlen sie sich versorgt? Diesen und anderen Fragen zum Thema Depression widmete sich das "Deutschland-Barometer Depression 2020" in einer repräsentativen Umfrage. Über 5.000 Personen im Alter zwischen 18 und 69 Jahren hatten im Juni und Juli 2020 an der Befragung teilgenommen.

Den Umfrageergebnissen zufolge fühlten sich Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, durch den ersten Lockdown deutlich mehr belastet als Personen, die keine Depressionen haben: Während von der Gesamtbevölkerung 59 von 100 Personen die Situation als bedrückend erlebten, waren es bei Menschen in einer akuten depressiven Phase 74 von 100 Personen.

Das Gefühl, in häuslicher Isolation belastet zu sein, spiegelte sich auch im Alltag der Erkrankten wider. Einige Beispiele:

Nur 38 Prozent der an Depression Erkrankten konnten der Corona-Krise auch etwas Positives abgewinnen. In der Allgemeinbevölkerung waren es immerhin 58 Prozent. Auch nach dem Lockdown gaben an Depression Erkrankte eher an, die Situation als bedrückend zu erleben (68 %) als die Allgemeinbevölkerung (36 %).

Lockdown kann Depression verstärken

Grübeln, eine fehlende Tagesstruktur, Rückzug ins Bett: Dies sind zum einen Anzeichen dafür, dass eine Person depressiv ist. Zum anderen sind es auch Faktoren, die eine bestehende Depression weiter verstärken können.

"Menschen in einer Depression sind hoffnungslos und erschöpft", erklärt Ulrich Hegerl, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. "Eine fehlende Tagesstruktur erhöht das Risiko, dass sich Betroffene grübelnd ins Bett zurückziehen. Lange Bettzeiten können die Depression jedoch weiter verstärken. Ein Teufelskreis beginnt“.

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Weniger Behandlung in Corona-Krise

Die Corona-Krise wirkt sich nicht nur auf das Befinden, sondern auch auf die professionelle Behandlung von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen aus. Das ist ein weiteres zentrales Ergebnis des "Deutschland-Barometers Depression 2020".

Fast jeder zweite Betroffene gab an, dass Behandlungen beim Facharzt oder Psychotherapeuten während des ersten Lockdowns ausgefallen seien. Teils mussten Erkrankte sogar auf einen geplanten Klinikaufenthalt verzichten.

Onmeda-Lesetipp: 10 Tipps in der Corona-Krise – was die Psyche jetzt braucht

Digitale Angebote gewinnen an Bedeutung

Die Veränderungen, die die Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten mit sich gebracht hat, haben Auswirkungen auf die Art der Versorgung psychischer kranker Menschen.

Mit der seit Frühjahr 2020 eingeräumten Möglichkeit, Behandlungen auch online oder telefonisch durchführen zu können, ist die Akzeptanz für Videosprechstunden und Telefonate deutlich gestiegen. 14 Prozent der Befragten mit Depression gaben an, die neuen Angebote in Anspruch genommen zu haben – und die meisten von ihnen waren damit auch zufrieden.

Der Prozentsatz der Nutzenden ist zwar insgesamt noch gering, insgesamt zeichnet sich aber ab, dass die Akzeptanz gegenüber digitalen Angeboten steigen wird. 2017 waren noch 40 Prozent der an Depression Erkrankten offen für unterstützende Online-Programme, jetzt sind es 55 Prozent.

Mit dem Deutschland-Barometer Depression erfasst die Stiftung Deutsche Depressionshilfe seit 2016 jährlich die Einstellungen und Erfahrungen der Bevölkerung mit dem Thema Depression.

Quellen

Pressemitteilung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Deutschland-Barometer Depression: massive Folgen für die psychische Gesundheit infolge der Corona-Maßnahmen (PDF, 10.11.2020)

Stiftung Deutsche Depressionshilfe: 4. Deutschland-Barometer Depression 2020. Volkskrankheit Depression – So denkt Deutschland. Schwerpunktthema: "COVID-19 und seine Folgen für die psychische Gesundheit" (PDF, Stand: 2020)

Letzte inhaltliche Prüfung: 10.11.2020
Letzte Änderung: 19.11.2020