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Coronavirus: Wann kommt die zweite Welle?

Letzte Änderung:
Verfasst von Jasmin Krsteski • Medizinredakteurin

Wir sehnen uns nach Normalität, nach Urlauben, nach Einkaufen und Museumsbesuchen ohne störende Maske, nach Konzerten und alten Freiheiten. Nach einem Leben, in dem uns das Coronavirus nicht mehr im Griff hat. Die Realität sieht leider anders aus. Die Infektionszahlen in Deutschland steigen drastisch. Die Formulierung "Zweite Welle" schwebt wie eine dunkle Wolke über uns, die sich jederzeit zu entladen droht. Oder sind wir gar schon drin in der nächsten Ausbruchsphase?

Wann geht die zweite Welle los?

Woran erkennt man überhaupt, ob eine zweite Welle losgeht? So genau sagen lässt sich das nicht, denn es gibt keinen Zahlenwert, der dieses Ereignis markieren würde. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte, die zweite Welle sei "praktisch schon da". Experten wie der Virologe Christian Drosten warnten bereits vor Wochen vor einer möglichen zweiten Welle. Auch laut Marburger Ärztebund befinden uns bereits in einer "zweiten, flachen Anstiegswelle".

Tatsächlich ist der Begriff "Zweite Welle" nicht definiert. Was gemeint ist, wenn von einer zweiten Welle die Rede ist: Steigen die Infektionszahlen wieder so sehr, dass sich das Virus unkontrolliert ausbreitet und wir uns auf neue Einschränkungen gefasst machen müssen?

Mithilfe von Ausgangsbeschränkungen und Infektionsschutzmaßnahmen ist es Deutschland gelungen, die im April sehr hohe Infektionskurve abzuflachen und die Zahl der Neuinfektionen einzuschränken.

Es sieht so aus, als würden die Lockerungen, die darauffolgten, nun ihren Tribut fordern. Derzeit steigen die Fallzahlen bundesweit drastisch an. Auch die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt, liegt wieder über der kritischen Zahl von 1. Das Robert-Koch-Institut zeigt sich besorgt. Es gebe viele kleine Geschehen in verschiedenen Landkreisen, die zum Beispiel von Feiern im Familien- und Freundeskreis oder vom Arbeitsplatz ausgehen. Diese verteilten Brandherde und die sogenannten "Superspreader-Ereignisse" könnten dazu führen, dass sich das Virus stark ausbreitet.

Mathematische Hochrechnungen hatten den erneuten Anstieg der Fallzahlen allerdings bereits zuvor prophezeit. Auch bei der Spanischen Grippe hatte es eine zweite und dritte Welle gegeben, und die zweite war weitaus schlimmer als die erste.

Wovon hängt eine zweite Welle ab?

Die Situation ist nicht dramatisch, aber kritisch. Es geht jetzt darum, nicht zu verspielen, was wir bislang gewonnen haben. Die aktuellen Infektionszahlen entsprechen derzeit mit rund 8.000 in etwa denen von Mitte März vor dem großen Anstieg. Im April 2020 waren mehr als 67.000 Menschen infiziert. Ob wir wieder dorthin kommen, hängt maßgeblich von uns selbst ab.

Auch wenn Sommer und Sonne locken und es uns leicht machen zu glauben, das Schlimmste sei überstanden, ist es nun besonders wichtig, Abstand zu anderen Menschen zu halten und die Hygienemaßnahmen einzuhalten. Und auch, wenn die Alltagsmaske bei Hitze besonders unangenehm ist, ist es nach wie vor wichtig, sie zu tragen – über Mund UND Nase.  

Denn weder gibt es bislang einen Impfstoff, noch ist ein sicher wirksames Medikament in Sicht. Die Schulöffnungen stehen kurz bevor. "Eine weitere Verschärfung der Situation muss unbedingt vermieden werden", heißt es beim Robert-Koch-Institut. "Das gelingt nur, wenn sich die gesamte Bevölkerung weiterhin engagiert."

Lesetipp: Verhaltensregeln im Alltag während der Corona-Pandemie

Was passiert, wenn Corona-Regeln frühzeitig gelockert oder nicht rechtzeitig verschärft werden, kann man derzeit in den USA beobachten. Trotz sommerlicher Temperaturen steigen dort die Zahlen immer weiter, die Krankenhäuser sind überfüllt.

Selbst in Ländern wie Israel, die sehr strikte Regeln hatten, stiegen die Zahlen nach den Lockerungen wieder stark an.

Ein Risiko geht auch von den Urlaubsrückkehrern aus. Sie könnten vermehrt Infektionen einschleppen.  Das Bundesgesundheitsministerium hat aus diesem Grund festgelegt, dass sich Rückkehrer freiwillig kostenlos auf Coronavirus SARS-CoV-2 testen lassen können. Verpflichtend sollen die Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten sein.

Auch wenn die Tests helfen können, Ausbrüche durch eingeschleppte Infektionen zu verhindern: Mehr Tests liefern mehr positive Ergebnisse. Lassen sich nun mehr Reiserückkehrer testen, gibt es auch mehr registrierte Fälle und die Zahlen steigen an.

Was ist, wenn die zweite Welle da ist?

Die gute Nachricht ist: Wenn wir nicht unvernünftig sind und die Situation nicht unterschätzen, haben wir gute Chancen, auch eine zweite Wellte gut zu überstehen. Denn wir kennen das Szenario bereits und wissen, was zu tun ist. Auch die Krankenhäuser sind bereits geübt im Umgang mit an Covid-19 Erkrankten, Desinfektionsmittel und Masken keine Mangelware mehr. Mit der Corona-Warn-App haben wir die Möglichkeit, Kontakte schneller zu ermitteln und Infektionsketten zu unterbrechen und in den vergangenen Wochen konnten lokale Ausbrüche meist lokal gehalten werden.

Das Paul-Ehrlich-Institut ist zuversichtlich, dass zeitnah ein Impfstoff gefunden wird. Ende des Jahres, möglicherweise früher, erwarte man Ergebnisse aus Wirksamkeitsstudien, die die Verträglichkeit von Impfstoffen prüfen, sagte Klaus Cichutek, Präsident des Instituts, dem ZDF.

Quellen

Online-Informationen des Robert-Koch-Instituts: www.rki.de (Abrufdatum: 3.8.2020)

Gibt es eine zweite Welle? Quarks – Corona in 5 Minuten, Folge 6, Online-Information des WDR: www.wdr.de (Stand: 21.7.2020)

Coronavirus-Update mit Christian Drosten Folge 50, Online-Skript des Norddeutschen Rundfunks: www.ndr.de (Stand: 23.6.2020)

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Letzte inhaltliche Prüfung: 04.08.2020
Letzte Änderung: 29.09.2020