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Warum sterben mehr Männer an Covid-19 als Frauen?

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Verfasst von Jasmin Krsteski • Medizinredakteurin

Obwohl sich ungefähr ebenso viele Männer wie Frauen mit Covid-19 infizieren, erkranken sie häufiger schwer und sterben auch öfter an den Folgen der Erkrankung. Forscher beschäftigen sich mit der Frage, warum das so ist – und äußern erste Vermutungen.

Männer leben ungesünder

Männer sterben im Schnitt früher als Frauen. Das war auch schon vor Covid-19 so und liegt unter anderem daran, dass Männer einen ungesünderen Lebensstil pflegen und seltener zum Arzt gehen.

Ein gesunder Lebensstil und eine solide Grundgesundheit wirken sich auch auf den Verlauf von Covid-19 positiv aus. Dass mehr Männer als Frauen an Covid-19 sterben, ist Medizinern zufolge jedoch nicht allein damit zu erklären. Von den 7.395 bisher verstorbenen Covid-19-Patienten in Deutschland (Stand 10.5.2020) sind 56 Prozent männlich. In China sind es 64 Prozent, in Italien sogar rund 71 Prozent der Verstorbenen.

Eine chinesische Studie beschäftigte sich nun mit der Frage, warum mehr Männer als Frauen an Covid-19 sterben. Dafür untersuchten die Mediziner 43 Patienten, die sie selbst behandelt hatten, und zogen die Daten von weiteren 1056 Patienten heran. Die Patienten waren zu etwa gleichen Teilen Männer und Frauen. In Alter und Begleiterkrankungen unterschieden sie sich nicht voneinander.

Bei Männern wie bei Frauen erlebten diejenigen mit höherer Wahrscheinlichkeit einen schweren Verlauf der Erkrankung, die älter waren und/oder chronische Vorerkrankungen hatten. Unabhängig davon zeigte sich, dass die Männer aus dieser Studie mehr als doppelt so häufig an Covid-19 starben wie die Frauen.

Sind Rezeptoren Schuld?

In China rauchen deutlich mehr Männer als Frauen. Rauchen ist neben einem hohen Alter und bestimmten Vorerkranken ein Risikofaktor für einen schweren Verlauf von Covid-19. Die Wissenschaftler der Studie vermuten darin deshalb eine Ursache für die erhöhte Sterblichkeit.

In Europa jedoch gibt es nahezu gleich viele weibliche wie männliche Raucher. Dennoch sterben auch dort mehr Männer als Frauen an Covid-19. Welche weiteren Gründe gibt es also dafür?

Dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin gibt, ist nicht neu. Manche Krankheiten treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern und umgekehrt, oder sie äußern sich in unterschiedlichen Symptomen.

Die chinesischen Forscher vermuten neben dem Rauchen als weiteren Faktor für die höhere Sterblichkeit bei Männern den sogenannten ACE2-Rezeptor. Das ist ein Eiweiß, das die Andockstelle für das Coronavirus SARS-CoV-2 bildet und ihm ermöglicht, in eine menschliche Zelle einzudringen. Diese Rezeptoren sitzen unter anderem auf Zellen der Lunge und der Atemwege.

Die Forscher vermuten, dass die Anzahl der ACE-2-Rezeptoren beeinflusst, wie schwer jemand an Covid-19 erkrankt. Die Zahl der Rezeptoren ist beispielsweise im Blut von Menschen mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in höherer Konzentration nachweisbar. Auch bei den Männern in der chinesischen Studie war sie höher als bei den untersuchten Frauen.

Unterschiede im Immunsystem

Wissenschaftler wissen nicht erst seit dem Ausbruch von SARS CoV-2, dass es Unterschiede im Immunsystem von Männern und Frauen gibt. In Impfstoffstudien konnte nachgewiesen werden, dass Frauen schneller und mehr Antikörper entwickeln als Männer.

Zu verdanken haben sie das anscheinend den weiblichen Geschlechtshormonen, wie eine Studie nahelegt, die Forscher nach der SARS-Pandemie von 2002/2003 machten. Denn auch bei früheren Pandemien wie SARS und MERS erkrankten mehr Männer als Frauen schwer. Die Studie konnte zeigen, dass weibliche Mäuse seltener an SARS starben als männliche. Das änderte sich jedoch, wenn die Forscher bei den weiblichen Tieren die Produktion des Hormons Östrogen unterbanden. Der Vorteil der Weibchen verlor sich.

Dank des Hormons Östrogen reagieren weibliche Körper also offenbar schneller und besser auf Erreger als männliche. Und zwar nicht nur auf das Coronavirus, sondern auch auf andere Infektionen. Dieser Effekt lässt jedoch nach, wenn bei den Frauen nach den Wechseljahren der Östrogenspiegel sinkt.

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der Frauen begünstigt. Auf dem X-Chromosom liegen einige wichtige Gene, die das Immunsystem regulieren. Frauen haben zwei X-Chromosomen, während Männer je ein X- und ein Y-Chromosom besitzen. Anders als lange angenommen, ist das zweite X-Chromosom bei Frauen nicht inaktiv, wie Forscher herausgefunden haben. Weibliche Immunzellen können also auf die Gene von zwei X-Chromosomen zurückgreifen und Erreger möglicherweise schneller erkennen und bekämpfen. Das gilt dann sehr wahrscheinlich auch für SARS-CoV-2.

Was auf den ersten Blick ungerecht erscheinen mag, kann evolutionär ein Vorteil für die Menschheit gewesen sein. Schließlich muss der weibliche Körper imstande sein, ein ungeborenes Baby vor schädlichen Einflüssen so gut es geht zu schützen.

Und ein eifriges Immunsystem kann auch zum Nachteil werden. Frauen erkranken nämlich häufiger als Männer an Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem sich gegen den eigenen Körper richtet. Dazu gehören zum Beispiel Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, warum Männer häufiger als Frauen an Covid-19 sterben, gibt es bislang nicht. Das ganze Feld der geschlechtsspezifischen Medizin ist noch nicht umfassend erforscht. Weitere Studien sind nötig, um zu verstehen, wie unterschiedlich Männer und Frauen auf bestimmte Krankheiten reagieren und wie sich das auf die bestmögliche Therapie auswirkt.

Quellen

Online-Informationen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: www.bib.bund.de (Abrufdatum: 11.5.2020)

Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19). Online-Information des Robert-Koch-Instituts: www.rki.de (Stand: 10.5.2020)

Jin, J-M. et al.: Gender Differences in Patients With COVID-19: Focus on Severity and Mortality. Online-Informationen von Frontiers in Public Health: www.frontiersin.org (Stand: 29.4.2020)

Sex, gender and COVID-19: Disaggregated data and health disparities. Online-Information von BMJ Global Health: www.gh.bmj.com (Stand: 24.3.2020)

Schurz, H., et al.: The X chromosome and sex-specific effects in infectious disease susceptibility. Human Genomics, Vol. 13, Iss. 2, pp. 1-12 (8.1.2019)

Channappanavar, R, et al.: Sex-Based Differences in Susceptibility to Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus Infection. The Journal of Immunology, Vol. 10, Iss. 198, pp. 4046-4053 (Stand: April 2017)

Zeiher, J., et al.: Rauchen bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring, Vol. 2, Iss. 2, pp. 59–65 (Februar 2017)

Ludwig, S., et al.: Geschlechtsspezifische Medizin in der Lehre: Noch in den Kinderschuhen. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 113, Heft 51-52, pp. 2364-2366 (26.12.2016)

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Letzte inhaltliche Prüfung: 12.05.2020
Letzte Änderung: 09.09.2020