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Coronavirus und Kinder

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Verfasst von Jasmin Krsteski • Medizinredakteurin

Auch Kinder können sich mit Covid-19 infizieren. Sie erkranken aber fast nie schwer. Ein Umstand, der Eltern beruhigt. Dennoch sind Kinder potenzielle Überträger und müssen daher die Kontaktsperre einhalten – auch wenn es ihnen besonders schwerfällt. Lesen Sie hier, warum Kinder so selten schwer erkranken und wie sie dazu beitragen könnten, den Erreger aufzuhalten.

Sind Kinder immun gegen das Coronavirus?

Kinder sind nicht immun gegen das Coronavirus. Einer Studie aus China zufolge infizieren sich Kinder genauso häufig mit SARS-CoV-2 wie Erwachsene. Sie scheiden das Virus sogar länger aus. Allerdings haben sie ein deutlich verringertes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19. Viele Kinder zeigen überhaupt keine Symptome, obwohl sie infiziert sind und die Viren auch übertragen können.

Erkranken Kinder weniger schwer als Erwachsene?

Es gibt verschiedene Studien, die darauf hinweisen. Kinder mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen oder mit Immunschwäche zwar – wie auch Erwachsene – ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf. Gesunde Kinder erkranken jedoch selten schwer. "Ich denke, wir können sagen, dass Kinder keine schweren Symptome kriegen", sagt Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update". Es gibt zwar Fälle, in denen Kinder schwer erkranken und sogar sterben. Ein zwölf Jahre altes Mädchen in Belgien soll an den Folgen der Coronavirus-Erkrankung verstorben sein. In London starb ein 13-jähriger Junge ohne bekannte Vorerkrankungen. Doch das sind offenbar seltene Einzelfälle.

Eine Studie aus China zeigt, dass von 15 infizierten Kindern im Alter zwischen vier und 14 Jahren nur 5 Fieber bekamen, die Erkrankung verlief bei allen sehr mild. Eine weitere Studie bestätigt, dass schwere Verläufe bei Kindern vorkommen, aber selten sind: Von mehr als 2000 Kindern hatte mehr als die Hälfte milde Symptome wie Fieber, Müdigkeit, Husten und Halsschmerzen. Manche hatten ausschließlich mit Übelkeit, Durchfall und Erbrechen zu kämpfen. Mehr als ein Drittel aller Kinder hatte zwar Lungenprobleme und Lungenentzündungen. Diese verliefen jedoch ohne Beschwerden wie Atemnot und konnten nur über eine Röntgenaufnahme festgestellt werden. Vier Prozent der Kinder hatten überhaupt keine Symptome. 25 Kinder erkrankten jedoch sehr schwer und ein 14-jähriger Junge starb. 112 Kinder hatten akute Atemprobleme.

Müssen Kinder deshalb weniger gut geschützt werden?

Auf jeden Fall sollte man Kinder ebenfalls vor einer Infektion schützen. Für sie gelten alle Maßnahmen, die auch Erwachsene einhalten müssen. Eltern sollten mit ihren Kindern spielerisch die Husten- und Niesetikette üben und ihnen zeigen, wie sie die Hände gründlich waschen. Vor allem Einzelkinder sollten während der Kontaktsperre außerdem die Möglichkeit haben, weiterhin mit Freunden und Großeltern zu telefonieren, Videotelefonie zu machen oder Briefe zu schreiben. Eltern sollten im Verdachtsfall den Kinderarzt anrufen und ihm die Symptome schildern.

Warum erkranken Kinder weniger schwer?

Zu dieser Frage existieren bislang keine Studien, sondern nur Vermutungen. Dass kleine Kinder seltener als Erwachsene Symptome zeigen, ist zunächst schwer nachzuvollziehen, weil sie sonst besonders häufig mit Infekten zu tun haben. Das hängt allerdings damit zusammen, dass Erwachsene im Laufe ihres Lebens mit den meisten Erkältungsviren bereits Kontakt hatten und ihr Immunsystem im Gegensatz zu dem von kleinen Kindern vorbereitet ist. Kinder haben den Erregern noch nichts entgegenzusetzen. In ihnen haben Erkältungsviren leichtes Spiel, können sich besonders gut vermehren – und sich deshalb auch schneller von ihnen auf andere übertragen. SARS-CoV-2 dagegen ist für Erwachsene ebenso neu wie für Kinder.

Das erklärt jedoch noch nicht, warum Kinder seltener Symptome zeigen als Erwachsene. Den genauen Grund dafür kennen auch Wissenschaftler noch nicht. Virologe Christian Drosten vermutet, dass es ausgerechnet an ihrem noch nicht ausgereiften Immunsystem liegen könnte. Es gibt nämlich zwei verschiedene Immunreaktionen: Die angeborene und die erlernte.

Bei Kindern greift vor allem das angeborene, unspezifische Immunsystem. Dazu gehören die weißen Blutkörperchen. Sie greifen alle Krankheitserreger an, die über die Schleimhäute oder die Haut in den Körper eindringen. Sie sind auch bei Erwachsenen dafür zuständig, Erreger zu bekämpfen, die der Körper noch nicht kennt.

Bei Erwachsenen ist es dagegen weniger die angeborene, sondern die erlernte Abwehr, die aktiv wird. Sie richtet sich effektiv gegen spezielle Erreger, die der Körper im Laufe der Zeit kennengelernt hat. Die erlernte Abwehr baut sich erst auf, wenn der Körper Erreger kennenlernt und speziell gegen sie Antikörper bildet. Im Falle des dem Körper unbekannten Coronavirus SARS-CoV-2 kann sie jedoch nichts ausrichten. Der kindliche Körper ist viel besser darauf eingestellt, mit neuen Erregern zurechtzukommen.

Auch von anderen Infektionen weiß man, dass Kinder weniger schwer daran erkranken. So ist es zum Beispiel beim Epstein-Barr-Virus, das unter anderem das Pfeiffersche Drüsenfieber auslöst. Eine weitere These ist deshalb, dass das Coronavirus einen bestimmten Rezeptor benötigt, um in die Zelle zu gelangen und sich zu vermehren. Dieser Rezeptor ist bei Kindern noch nicht ausgereift. Das Virus kann also nicht in die Zellen gelangen, um sich zu vermehren und deshalb nicht richtig Fuß im kindlichen Körper fassen. Der erkennt das Virus deshalb nicht als sehr gefährlich und bekämpft es zwar, allerdings gemächlich.

Dafür spricht auch, dass Kinder den Erreger über einen längeren Zeitraum hinweg ausscheiden. Und dieser gemäßigte Kampf gegen das Virus hat einen weiteren Vorteil: Der erwachsene Körper reagiert auf das unbekannte Virus in der Lunge häufiger mit einer überschießenden Immunantwort. Dabei zerstört er nicht nur Zellen, die vom Virus befallen sind, sondern auch gesunde Zellen – und kann damit seine eigenen Organe schädigen.

Warum können Kinder dazu beitragen, das Virus aufzuhalten?

Wenn Kinder nicht so schwer von Covid-19 betroffen sind, könnten sie Christian Drosten zufolge einer wichtige Rolle dabei spielen, das Virus aufzuhalten. Damit sich das Virus nicht weiterverbreiten kann, ist nämlich eine Herdenimmunität wichtig. Diese ist erreicht, wenn etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die Erkrankung durchgestanden haben und immun dagegen sind. Immun ist man, wenn das Immunsystem Antikörper gebildet hat. Wer immun ist, kann das Virus auch nicht mehr weitergeben – und schützt damit auch die Menschen, die noch nicht immun sind.

Kinder interagieren sehr viel und eng mit Menschen aller Altersklassen. Da sie kaum Symptome zeigen, kann es sein, dass viele Kinder bereits erkrankt waren und immun sind. Was sie zunächst zur Virenschleuder macht, könnte sie also später zu einem wichtigen Schutzschild der Bevölkerung machen. Eine Studie, die demnächst Aufschluss über den Immunstatus der deutschen Bevölkerung gegen SARS-CoV-2 geben soll, könnte genau das ergeben.

Quellen

Online-Informationen des Robert-Koch-Instituts: www.rki.de (Abrufdatum: 2.4.2020) 

Online-Informationen der Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.kindergesundheit-info.de (Abrufdatum 2.4.2020)

Dong, Y., et al.: Epidemiological Characteristics of 2143 Pediatric Patients With 2019 Coronavirus Disease in China, Pediatrics, Vol. 145, Iss. 4 (1.4.2020) 

Bi, Q., et al.: Epidemiology and Transmission of COVID-19 in Shenzhen China: Analysis of 391 cases and 1,286 of their close contacts, online erschienen im Preprint server for Health Sciences: www.medrxiv.org (27.3.2020)

Coronavirusupdate Folge 19 (PDF), Online-Information des NDR: www.ndr.de (Stand 23.3.2020)

Feng, K., et al.: Analysis of CT features of 15 Children with 2019 novel coronavirus infection. Chinese journal of pediatrics (16.2.2020)

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Letzte inhaltliche Prüfung: 03.04.2020
Letzte Änderung: 22.04.2020