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Coronavirus: Häusliche Gewalt wird zunehmen

Letzte Änderung:
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin

Zu Hause ist man vor dem Coronavirus relativ gut geschützt. Die eigenen vier Wände geben Sicherheit. Keinen Schutz bieten sie jedoch vor häuslicher Gewalt, insbesondere an Frauen und Kindern. Die wegen der Pandemie ausgerufene Kontaktsperre führt dazu, dass Familien und Paare jetzt mehr Zeit miteinander verbringen (müssen). Opferverbände und Politiker warnen: Häusliche Gewalt wird jetzt deutlich zunehmen. Warum ist das so und was lässt sich dagegen tun?

Überblick

Millionen Menschen müssen nun die meiste Zeit des Tages zu Hause bleiben. Paare und Familien leben teils auf engstem Raum zusammen. Treffen mit anderen Menschen sind nur noch mit Einschränkungen möglich. Was macht das mit den Menschen?

"Wir haben erfahren, dass in anderen Ländern, in denen solche Maßnahmen schon ergriffen wurden, die Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen gestiegen sind", erklärte die Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung Heike Herold gegenüber der Tagesschau. In China soll die häusliche Gewalt während der Corona-Krise deutlich zugenommen haben, Berichten zufolge sogar um das Dreifache.

Die Situation in China ist zwar nicht eins zu eins mit der in Deutschland vergleichbar. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass hierzulande ebenfalls mit einer Zunahme der häuslichen Gewalt zu rechnen ist. Auch Familienministerin Franziska Giffey rechnet mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft. "Umso wichtiger ist es, dass jetzt auch die Schutzeinrichtungen weiter aufrechterhalten werden", sagt sie. Gemeint sind damit wohl vor allem die Frauenhäuser. Sie sollen möglichst auch in der Corona-Krise geöffnet bleiben und weiterhin Frauen in Not aufnehmen. Allerdings sind die Frauenhäuser bereits jetzt schon häufig belegt. Den erhöhten Bedarf abzudecken, könnte sich als Herausforderung erweisen.

Warum nimmt die häusliche Gewalt zu?

Die sozialen Einschränkungen, die mit der Corona-Pandemie verbunden sind, können sich negativ auf die Psyche auswirken. Einige Menschen neigen jetzt zu Depressionen oder zu Angstzuständen. Bei anderen sind es Aggressionen, die sie immer schwerer kontrollieren können. Die Opfer von verbalen oder tätlichen Angriffen sind dann meist Frauen oder Kinder. Aber auch Männer können häusliche Gewalt erfahren.

Während der Corona-Krise kommen gleich mehrere Stressfaktoren zusammen. Zum einen verbringen Familien oder Paare jetzt möglicherweise viel mehr Zeit miteinander als gewohnt. Das ständige "Aufeinander hocken" kann das Konfliktpotenzial deutlich erhöhen, vor allem, wenn die Beziehung ohnehin schon angespannt ist. Zum anderen fehlt der direkte Kontakt zu Freunden und Bekannten, mit denen man sich vielleicht über die häusliche Situation austauschen könnte. Nicht zuletzt gibt es auch weniger die Möglichkeit, sich "abzureagieren", etwa im Fitnessstudio.

Darüber hinaus gibt es weitere Faktoren, die den Stresslevel während der Corona-Krise erhöhen:

Anlaufstellen

Frauen, die häusliche Gewalt erleben, können sich auch in Zeiten der Corona-Krise an verschiedene Anlaufstellen wenden. Wichtig zu wissen: Es gibt zwar eine Kontaktsperre, aber kein Ausgangsverbot. In der Not ist es daher immer möglich, die Wohnung oder das Haus zu verlassen, um Hilfe zu holen.

Bei unmittelbarer Gefahr: Rufen Sie die 110

Wenn häusliche Gewalt mit einer unmittelbaren Bedrohung einhergeht, sollte man umgehend den Notruf (110) wählen. Diese Nummer ist auch mit gesperrten Handys erreichbar, ebenso wie mit solchen, die keine SIM-Karte enthalten. In der Schweiz erreichen Sie die Polizei unter der Nummer 117 oder 112, in Österreich unter der 133 oder 112.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen erreichen Sie kostenlos unter der Nummer 08000 116 016 (nur in Deutschland) sowie unter www.hilfetelefon.de.

Das Hilfetelefon richtet sich grundsätzlich an alle Frauen, die Gewalt erfahren (haben), aber auch an Angehörige oder Freunde, die helfen möchten.

Geschulte Fachkräfte beraten und vermitteln bei Bedarf den Kontakt zu Angeboten in der Nähe – zum Beispiel zu einem Frauenhaus oder einer Beratungsstelle.

Frauen können sich auf verschiedenen Wegen beraten lassen:

Das Angebot ist rund um die Uhr erreichbar und auf Wunsch anonym. Bei einem Anruf erscheint die Nummer nicht auf der Telefonabrechnung.

Beratungsstellen

In einer Beratungsstelle können Frauen über ihre Erlebnisse sprechen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten und unterstützen die Betroffenen. Aufgrund des Coronavirus sind derzeit möglicherweise nicht alle Beratungsstellen vor Ort besetzt, sind jedoch in der Regel per E-Mail oder Telefon erreichbar.

Auf den Seiten von Frauen gegen Gewalt e. V. finden Frauen Beratungseinrichtungen und Angebote in der Nähe: www.frauen-gegen-gewalt.de.

Frauenhäuser

Betroffene Frauen haben die Möglichkeit, direkt Kontakt mit einem Frauenhaus in der Nähe aufzunehmen. In einem Frauenhaus können Frauen (und ihre Kinder), die häusliche Gewalt erleben, vorübergehend in einem geschützten Umfeld leben.

Auf den Internetseiten der Frauenhauskoordinierung e.V. kann man gezielt nach einem Frauenhaus in der Region suchen: www.frauenhauskoordinierung.de.

Anlaufstellen für Frauen in Österreich und der Schweiz

In Österreich:

In der Schweiz:

Quellen

Online-Informationen des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen: www.hilfetelefon.de (Abrufdatum: 27.3.2020)

Online-Informationen der Opferhilfe Schweiz e. V.: www.opferhilfe-schweiz.ch (Abrufdatum: 27.3.2020)

Online-Informationen von Frauenhauskoordinierung e. V.: www.frauenhauskoordinierung.de (Abrufdatum: 27.3.2020)

Pressemitteilung des Deutschen Ärzteblatts: Giffey: Coronakrise könnte mehr häusliche Gewalt zur Folge haben (24. März 2020)

Corona und Gewalt: "Die Situation verschärft sich". Online-Information der Tagesschau: www.tagesschau.de (Stand: 23.3.2020)

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Letzte inhaltliche Prüfung: 27.03.2020
Letzte Änderung: 27.03.2020