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Corona-Infektionen: Warum "Flatten the Curve" so wichtig ist

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Verfasst von Lydia Klöckner • Medizinredakteurin

Vor ein, zwei Wochen gab es noch Grund zur Hoffnung, von Corona verschont zu bleiben. Jetzt ist klar: Wahrscheinlich werden sich die meisten von uns mit dem Erreger infizieren. Die entscheidende Frage ist nur: wann? Hier erfahren Sie, warum alle von "Flatten the Curve" sprechen und warum diese Maßnahme Leben retten kann.

Was bedeutet "Flatten the Curve"?

60 bis 70 Prozent aller Menschen in Deutschland werden sich mit dem Coronavirus anstecken, schätzen Experten. Vermeiden lässt sich das nicht mehr. Dafür hat sich das Virus schon zu stark ausgebreitet. "Es geht nicht mehr darum, zu verhindern, dass Menschen mit dem Virus zusammenkommen", brachte es der ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber am Wochenende auf den Punkt. "Das ist eine Pandemie. Sie ist nicht mehr zu stoppen."

Diese Prognose macht vielen Menschen Angst. Bei einigen ist die Angst jedoch bereits in Fatalismus umgeschlagen. Wenn sich die Welle ohnehin nicht mehr stoppen lässt: Warum ist es überhaupt noch wichtig, sich an die Schutz- und Hygienemaßnahmen zu halten? Wenn sich sowieso fast alle infizieren werden: Ist es nicht dann nicht egal, ob jetzt oder in ein paar Wochen? Wäre es nicht sogar ganz gut, wenn alle gleichzeitig erkranken, damit wir den Albtraum schneller hinter uns haben?

Die kurze Antwort: Nein, es ist keineswegs egal. Im Gegenteil, es ist lebenswichtig, die Corona-Welle flach zu halten. Das ist gemeint, wenn in sozialen Netzwerken und den Medien von "Flatten the Curve!" die Rede ist: Wir müssen dafür sorgen, dass nicht alle gleichzeitig an Corona erkranken. Wir können die Verbreitung des Erregers zwar nicht mehr stoppen, aber durchaus verzögern. Darum geht es jetzt – den Höhepunkt der Pandemie so gut es geht in die Länge zu ziehen.

Die Situation in den Krankenhäusern

Die ausführlichere Erklärung hat einerseits mit den Kapazitäten deutscher Krankenhäuser zu tun, andererseits mit dem Verlauf der durch Corona ausgelösten Erkrankung Covid-19. Grundsätzlich sind die Krankenhäuser in Deutschland gut auf Extremsituationen wie Pandemien vorbereitet. Trotzdem ist die Zahl der Betten, Pflegekräfte und Beatmungsgeräte nicht endlos. Wenn zu viele Infizierte gleichzeitig auf der Intensivstation behandelt werden müssen, wird es in den überlasteten Krankenhäusern an Personal oder medizinischem Equipment mangeln.

Ob das passieren könnte, lässt sich leider nicht so einfach ausrechnen. Man weiß zwar, über wie viele Betten die Kliniken in Deutschland verfügen: 497.000, davon rund 28.000 auf Intensivstationen. Aber natürlich ist nur ein Teil dieser Betten frei. Ungefähr so viele, dass pro Tag 2.000 Corona-Patientinnen und -patienten auf Intensivstationen aufgenommen werden könnten, sagte Reinhard Busse, Professor für Gesundheitsmanagement an der Technischen Universität Berlin, gegenüber Zeit Online. 

Wie viele Infizierte werden auf die Intensivstation kommen?

Um zu wissen, ob genug Betten vorhanden sind, muss man zunächst klären, wie viele Infizierte eine intensivmedizinische Behandlung benötigen werden. Sicher voraussagen lässt sich das noch nicht. Es gibt aber Schätzungen, die auf Daten aus China beruhen. Demnach ruft die Erkrankung bei 14 Prozent der Infizierten stärkere Beschwerden wie Atemnot und Lungenentzündungen hervor. Bei 6 Prozent aller Betroffenen werden die Symptome so bedrohlich, dass sie auf der Intensivstation behandelt werden müssen.

Rein rechnerisch bedeutet das: Im Laufe der Pandemie werden in Deutschland bis zu 344.400 Corona-Patientinnen und Patienten einen Platz auf einer Intensivstation benötigen. (Wenn sich 70 Prozent der Menschen in Deutschland anstecken, läuft es auf insgesamt 57.400.000 Infizierte hinaus. 6 Prozent davon entspricht einer absoluten Zahl von 344.400 Menschen.)

Fazit: Je flacher die Kurve, umso mehr Infizierte können gerettet werden

Setzt man diese Zahl nun zu den vorhandenen Betten ins Verhältnis, wird schnell klar, wie ernst die Situation ist. Wenn 344.400 Menschen innerhalb der nächsten paar Wochen auf die Intensivstation müssen, werden die Kapazitäten nicht ausreichen. Gelingt es jedoch, die Zahl der Infektionen zu strecken – die Kurve abzuflachen –, erhalten mehr Menschen die Chance auf die bestmögliche medizinische Versorgung.

Deshalb ist "Flatten the Curve" tatsächlich lebenswichtig: Je länger der Zeitraum, über den sich die Pandemie streckt, umso weniger Menschenleben wird sie fordern.

Für jeden Einzelnen bedeutet das konkret:

Wichtig: Wie schwer die Erkrankungswelle in Deutschland tatsächlich verlaufen wird, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Die genannten Zahlen sind als Schätzungen zu verstehen, die jedoch mit Unsicherheiten behaftet sind. Fraglich ist zum Beispiel, inwieweit sich die Erfahrungswerte aus China auf Deutschland übertragen lassen. Die bisherigen Zahlen, die das Robert-Koch-Institut erhoben hat, legen nahe, dass sich die Situation in Deutschland anders entwickelt, als man es in China beobachtet hat.

Quellen

Online-Informationen des Science Media Centers: www.sciencemediacenter.de (Abrufdatum: 16.3.2020)

Online-Informationen des Robert-Koch-Instituts: www.rki.de (Abrufdatum: 16.3.2020)

Sind die Krankenhäuser in Deutschland auf den Coronavirus vorbereitet? Online-Informationen der Deutschen Krankenhausgesellschaft e. V.: www.dkgev.de (Abrufdatum: 16.3.2020)

Covid-19: Wie gut sind Deutschlands Krankenhäuser vorbereitet? Online-Informationen von Zeit Online: www.zeit.de (Stand: 14.3.2020)

Informationen zum neuartigen Coronavirus SARS CoV 2. Online-Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.infektionsschutz.de (Stand: 14.3.2020)

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Letzte inhaltliche Prüfung: 16.03.2020
Letzte Änderung: 09.09.2020