Onmeda.de Logo

Harngewinnung

Letzte Änderung:
Nächste Aktualisierung von Dr. rer. nat. Geraldine Nagel • Medizinredakteurin

Um den Urin beziehungsweise Harn untersuchen zu können, gibt es verschiedene Methoden, ihn "zu gewinnen".

Allgemeines

Am bekanntesten ist sicherlich der Urinbecher in der Arztpraxis, in dem der sogenannte Mittelstrahlurin aufgefangen wird. Daneben gibt es aber noch weitere Möglichkeiten der Harngewinnung.

Viele Erkrankungen lassen sich mithilfe einer Urinuntersuchung erkennen. Dazu brauchen der Arzt beziehungsweise das medizinische Labor, das die Untersuchungen vornimmt, eine genügende Menge Urin des Patienten. Diese Urinprobe kann auf unterschiedliche Weise gewonnen werden.

Welche Methode der Harngewinnung am ehesten geeignet ist, entscheidet sich danach, was untersucht werden soll: Hat der Arzt zum Beispiel den Verdacht, dass der Patient an Diabetes mellitus ("Zuckerkrankheit") oder einer bakteriellen Harnwegsinfektion leidet, kann im ersten Schritt ausreichen, dass der Patient in der Arztpraxis-Toilette eine Urinprobe auffängt und zur weiteren Untersuchung bei den Arzthelferinnen abgibt. Die weiteren Untersuchungen zeigen dann, ob zu viel Zucker oder viele Bakterien im Harn vorhanden sind. Bei anderen Fragestellungen, genügt diese Form der Harngewinnung nicht: Um beispielsweise genau errechnen zu können, ob die Nieren noch voll leistungsfähig sind, wird mehr Urin benötigt – sollte Ihr Arzt eine entsprechende Untersuchung bei Ihnen planen, müssen Sie Ihren Urin dann über einen Zeitraum von 24 in einem speziellen Gefäß sammeln.

Aber nicht nur eine vermutete Erkrankung gibt den Ausschlag, welche Form der Harngewinnung im Einzelfall geeignet ist. Auch Ergebnisse aus vorigen Untersuchungen oder der Gesundheitszustand des Patienten sind wichtige Kriterien, so dass in manchen Fällen die Harngewinnung mithilfe von Kathetern erfolgen muss. Auch dabei gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten: Der Urin kann zum Beispiel per Katheter durch die Harnröhre gewonnen werden. Manchmal ist es aber sinnvoller, die Harnblase durch die Bauchdecke mit einer feinen Hohlnadel zu punktieren und den Urin abzuziehen.

Mittelstrahlurin

Bei der Harngewinnung besteht immer die Gefahr, dass die Probe verunreinigt und das Ergebnis somit verfälscht wird. Verunreinigt wird die Urinprobe von außen oder durch die – natürlicherweise – vorkommenden Bakterien der vorderen Harnröhre und der äußeren Geschlechtsorgane. Um eine solche "Verschmutzung" zu vermeiden, greifen Labormediziner für die Urinuntersuchung meist auf den sogenannten Mittelstrahlurin zurück. Dazu lässt der Untersuchte Urin ab. Allerdings zuerst ganz normal in die Toilette. Erst während des Wasserlassens fängt der Untersuchte – ohne den Harnstrahl zu unterbrechen – Urin in einem sterilen Behälter auf. Keime, die in der Harnröhre oder an ihrer Öffnung sitzen, werden also mit der ersten Urinportion weggespült und geraten nicht in die Probe. Sind in der Mittelstrahlurin-Probe allerdings immer noch viele Bakterien zu finden, liegt der Verdacht auf eine bakterielle Harnblaseninfektion nahe.

Der Mittelstahlurin ist daher die bevorzugte Methode für bakteriologische Untersuchungen. Aber auch für sogenannte qualitative Urinuntersuchungen, die zum Beispiel den Gehalt an Zucker, Zellen (z.B. rote Blutkörperchen) oder Eiweiß bestimmen, nutzt man Mittelstrahlurin.

Besonders geeignet für die Harngewinnung ist hierzu der Morgenurin, da er durch die Trinkmenge tagsüber nicht verdünnt ist. Grundsätzlich sollte eine Probenentnahme frühestens drei Stunden nach der letzten Blasenentleerung erfolgen.

24-h-Sammelurin

Der 24-Stunden-Sammelurin eignet sich besonders gut für sogenannte quantitative Untersuchungen des Urins. Diese Untersuchungen dienen zum Beispiel dazu, die Nierenfunktion zu überprüfen. Die gesamte Menge des ausgeschiedenen Urins wird dafür in einem Gefäß über einen Zeitraum von 24 Stunden, meist von 8:00 Uhr morgens bis zum nächsten Tag 8:00 Uhr, gesammelt.

Vor Beginn der Sammlung wird die Blase entleert und der Urin verworfen. Nach den 24 Stunden wird die Gesamtmenge an Urin notiert und eine Probe des gut durchmischten Harns zur Untersuchung verwendet. Die Trinkmenge während der Sammelperiode sollte etwa zwei Liter über den Tag verteilt betragen.

Katheterurin

Wenn es nicht möglich ist, Mittelstrahlurin einwandfrei zu gewinnen, können Ärzte beziehungsweise medizinische Pflegekräfte eine nötige Urinprobe mithilfe eines Katheters entnehmen. Dazu wird ein dünner Katheterschlauch direkt durch die Harnröhre in die Blase vorgeschoben, über den der Urin aus der Harnblase in ein Sammelgefäß ablaufen kann.

Der Nachteil dieser Untersuchung ist, dass der Katheterschlauch beim Vorschieben Keime aus der Harnröhre in die Harnblase verschleppen kann. Bei Dauerkatheterträgern ist es wichtig, keinesfalls eine Probe aus dem Urinbeutel zu entnehmen. Stattdessen wird der Urin nach gründlicher Desinfektion per Katheter entnommen.

Blasenpunktionsurin

Eine weitere Möglichkeit der Harngewinnung ist die Blasenpunktion. Bei dieser führt der Arzt unter örtlicher Betäubung eine lange, dünne Nadel durch die Haut am Unterbauch (mittig oberhalb des Schambeins) in die gut gefüllte Blase.

Die Gefahr einer bakteriellen Verunreinigung der Probe ist bei der Urinentnahme per Blasenpunktion nahezu ausgeschlossen. Sie liefert daher den aussagekräftigsten Befund, wenn es um die Frage nach Krankheitserregern im Urin geht. Die Blasenpunktion ist eine Alternative, wenn die Harngewinnung über Mittelstrahl- und Katheterurin nicht möglich ist. Das kann zum Beispiel bei einer Vorhautverengung der Fall sein. Auch ist diese Methode angebracht, wenn vorige Untersuchungen wiederholt uneinheitliche Ergebnisse liefern.

Weitere Informationen

Quellen:

Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 263. Auflage. De Gruyter, Berlin 2011

Haag, P., Hanhart, N., Müller, M.: Gynäkologie und Urologie. Medizinische Verlags- und Informationsdienste. Breisach am Rhein, 2012

Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2010

Alexander, K. et al.: Thiemes Innere Medizin, Stuttgart 1999

Letzte inhaltliche Prüfung: 22.01.2013
Letzte Änderung: 16.07.2019