Onmeda.de Logo

Vollnarkose (Allgemeinanästhesie)

Letzte Änderung:
Nächste Aktualisierung von Dr. rer. nat. Geraldine Nagel • Medizinredakteurin

Eine Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) ermöglicht es Ärzten, eine Operation vorzunehmen, ohne dass der Patient dabei Schmerzen empfindet oder bewusst wahrnimmt, was geschieht. Um dies zu erreichen verabreicht der Arzt Narkosemittel und andere Medikamente.

Allgemeines

Folgende Kriterien kennzeichnen eine Vollnarkose:

In Deutschland leitet und überwacht ein Narkosearzt (Anästhesist) die Vollnarkose mithilfe elektronisch steuerbarer Narkosegeräte und weiterer Apparate. Sie messen den Blutdruck und die Herzfrequenz, bestimmen den Sauerstoffgehalt des Blutes und kontrollieren die Atmung.

Vor einer Vollnarkose Angst zu haben, ist heutzutage in medizinisch gut versorgten Ländern unbegründet. Dank moderner, gut steuerbarer Medikamente, einem hohen technischen Überwachungsstandard im Operationssaal und gut ausgebildeten Narkoseärzten bestehen beste Voraussetzungen, dass eine Vollnarkose ohne Komplikationen verläuft.

Eine Vollnarkose lässt sich mit Medikamenten, Narkosegasen oder einer Kombination beider herbeiführen. Bevor eine Operation oder ein Eingriff beginnt, muss der Narkosearzt sicherstellen, dass die die Narkose tief genug ist – der Betroffene also definitiv nichts von der medizinischen Maßnahme mitbekommt.

Vor jeder geplanten Vollnarkose erfolgt ein Aufklärungsgespräch zwischen einem Narkosearzt und dem Patienten. Dieses Gespräch dient dazu, die Krankengeschichte zu erheben und Hinweise auf etwaige Allergien zu erlangen. Zudem ist es wichtig, ob der Patient bei vorangegangenen Narkosen unter Umständen in bestimmter Weise negativ reagiert hat, etwa in Form vermehrter Übelkeit. In dem Gespräch legen die beiden zudem fest, welches Narkoseverfahren zum Einsatz kommt. Das Gespräch hilft dem Arzt, mögliche Risiken zu erkennen.

Durchführung

Eine Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) kann auf drei Arten erfolgen: nur mit Narkosegasen, nur mit Medikamenten, die der Arzt in eine Vene spritzt, oder als Mischform. Unabhängig von der Art der Vollnarkose entwickelt sich die Empfindungslosigkeit stets nach einem bestimmten zeitlichen Schema.

Zeitlicher Ablauf einer Vollnarkose (Narkosestadien)

Eine Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) gliedert sich zeitlich in drei Phasen:

Im Stadium der Einleitung (Anflutung) steigt die Konzentration der zur Narkose verwendeten Medikamente langsam im Körper. Meist leitet der Arzt die Narkose durch Narkosemittel ein, die er in eine Vene spritzt (intravenöse Einleitung).

Heutzutage setzen Anästhesisten nur noch selten Narkosegase ein, um eine Narkose einzuleiten. Eine Ausnahme besteht bei der Narkose von Kindern: Da sie sich oft vor der Spritze fürchten, bietet sich bei ihnen eine Einleitung mit Narkosegas an.

© Jupiterimages/Digital Vision
Zuständig für die Vollnarkose ist die Narkoseärztin oder der Narkosearzt.

Die Narkosemedikamente wirken im Gehirn. Erst wenn sie dort eine eine bestimmte Konzentration erreicht haben, kann die Operation beginnen. Sobald die Konzentration hoch genug ist, folgt das Stadium der Unterhaltung oder Fortführung, in dem der Chirurg den eigentlichen Eingriff vornimmt.

In dieser Phase der Vollnarkose passt der Narkosearzt die Menge und Art der Medikamente, die er zuführt, an den gegenwärtigen Bedarf des Patienten an. Hierfür stehen ihm sowohl Narkosegase als auch Medikamente, die er spritzt, zur Verfügung. Beispiele für solche Medikamente sind:

Ist die Operation beendet, gilt es, die Narkosemittel möglichst schnell aus dem Körper zu "entfernen". Im Stadium der Ausleitung (Abflutung) geschieht genau dies: Die Konzentration an Narkosemitteln sinkt in Blut und Lunge fortlaufend, ihre Wirkung lässt nach und der Patient wird wacher. Da Einleitung und Ausleitung im medizinischen Sinne keinen Nutzen haben, müssen diese Phasen sehr schnell durchlaufen werden, um den Körper nicht unnötig zu belasten und um mögliche Nebenwirkungen zu minimieren.

Narkosearten

Bei einer Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) lassen sich verschiedene Narkosearten unterscheiden:

Inhalationsnarkose

Bei einer reinen Inhalationsnarkose leitet der Arzt dem Patienten die Narkosegase (Inhalationsanästhetika) zunächst über eine Gesichtsmaske zu. Wenn der Patient schläft, führt der Arzt die Narkose entweder über eine Kehlkopf- oder Gesichtsmaske fort oder er führt einen Beatmungsschlauch (Tubus) über Mund oder Nase in die Luftröhre ein (sog. Intubation).

Für einen Tubus beziehungsweise eine Intubation entscheidet er sich, wenn eine Beatmung mit Maske nur schlecht durchführbar ist, die Operation eine gewisse Länge überschreitet oder die Art des Eingriffs für einen Tubus spricht. Die Intubation sichert freie Atemwege, eine kontrollierte Beatmung und schützt vor dem Einatmen von Erbrochenem oder Magensekret (Aspiration).

Totale intravenöse Anästhesie (TIVA)

Bei einer rein intravenösen Anästhesie (TIVA) spritzt der Arzt flüssige Narkosemittel direkt in eine Vene (intravenös). Dabei setzt er üblicherweise eine Kombination aus Schlafmitteln (Hypnotika), Schmerzmitteln (Analgetika) und Muskelrelaxantien ein.

Eine sehr häufige Kombination bei der TIVA ist die aus dem Schlafmittel Propofol und dem Schmerzmittel Remifentanil. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Arzt die Tiefe der Narkose gut steuern kann und dass der Patient nach der Operation selten über Übelkeit und Erbrechen (sog. PONV, postoperative Übelkeit und Erbrechen) klagt. Eingesetzt wird die TIVA bei

Balancierte Narkose

Bei einer balancierten Narkose (Anästhesie) verwendet der Arzt sowohl Narkosegase als auch intravenöse Medikamente. Gemeinsam mit der TIVA gilt die balancierte Narkose heutzutage als die Art der Vollnarkose, die am häufigsten angewendet wird.

Narkosegase beeinträchtigen das Herz-Kreislauf-System erheblich, wenn sie allein zum Einsatz kämen. Um dies zu verhindern, verabreicht der Arzt über eine Vene (intravenös) ergänzend schmerzstillende Medikamente und Wirkstoffe, die die Muskeln entspannen. Auf diese Weise kann er die Konzentration und somit auch die Nebenwirkungen der Narkosegase verringern. Die Einleitungsphase erfolgt bei der balancierten Narkose meist rein intravenös. Vorteil dieses Vorgehens: Da die Wirkung der flüssigen Narkosemittel schnell eintritt, verkürzt sich die Einleitungsphase.

Neuroleptanästhesie

Die Neuroleptanästhesie ist eine Form der intravenösen Anästhesie, bei der der Arzt folgende Mittel miteinander kombiniert: ein Mittel, das das Nervensystem dämpft (Neuroleptikum), ein schmerzstillendes Mittel und eine Sauerstoff-/Lachgas-Beatmung. Heutzutage wird die Neuroleptanästhesie jedoch nicht mehr oder in äußerst seltenen Fällen eingesetzt.

Narkosemittel und Medikamente

Die verwendeten Narkosemittel und Medikamente bei einer Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) können je nach ihrer Wirkung in vier Gruppen eingeteilt werden:

  1. Inhalationsanästhetika: gas- und dampfförmige Narkosemittel, die der Patient über die Lunge aufnimmt.
  2. Intravenöse Anästhetika oder Schlafmittel (Hypnotika): Narkosemittel, die der Arzt in eine Vene spritzt.
  3. Schmerzstillende Mittel (Analgetika)
  4. Mittel zur Erschlaffung der Muskulatur (Muskelrelaxantien)

Inhalationsanästhetika

Zu dieser Gruppe gehören leicht flüchtige Flüssigkeiten und Gase. Für eine Vollnarkose nutzt der Narkosearzt meist die dem Äther ähnlichen Narkosemittel namens Isofluran, Sevofluran und Desfluran. Sie alle sind Gase.

Inhalationsanästhetika erzeugen alle vier Eigenschaften einer Vollnarkose:

Moderne Narkoseverfahren zielen darauf ab, mit möglichst wenigen Nebenwirkungen einherzugehen. Dies erreicht der Narkosearzt, indem er unterschiedliche Substanzen kombiniert und so ihre Wirkung optimal aufeinander abstimmt und möglichen Nebenwirkungen vorbeugt oder sie abschwächt. Zusätzlich zu den gasförmigen Narkosemitteln setzt der Narkosearzt daher auch Schlafmittel (Hypnotika), Schmerzmittel (Analgetika) und die Muskeln erschlaffende Wirkstoffe (Muskelrelaxantien) ein.

Schlafmittel (Hypnotika)

Typische Schlafmittel sind flüssige Medikamente wie Thiopental-Natrium, Propofol oder Etomidat. Sie werden über eine Vene verabreicht, führen zu Bewusstseinsverlust und dämpfen die Schutzreflexe.

Schmerzstillende Mittel (Analgetika)

Zu den schmerzstillenden Mitteln (Analgetika) gehören Opiode, das sind Medikamente, die eine dem Morphin ähnliche Wirkung haben. Für eine Vollnarkose gebräuchliche Opioide sind Fentanyl, Sufentanil, Alfentanil und Remifentanil. Außerdem spielen Wirkstoffe, die nicht zu den Opioiden zählen (Nicht-Opioide) und der Wirkstoff Ketamin eine Rolle. Nicht-Opioid-Analgetika setzt der Arzt vorrangig ein, um vorzubeugen, dass nach der Operation (postoperativ) Schmerzen auftreten.

Mittel zur Erschlaffung der Muskulatur (Muskelrelaxantien)

Muskelrelaxantien wie die Substanzen Mivacurium, Atracurium, Cis-Atracurium sind sowohl für die Intubation (das Einführen des Beatmungsschlauches in die Luftröhre) als auch zum Beispiel für Eingriffe in der Bauchhöhle (z.B. Magenoperation) nötig, da durch ihre Wirkung die Bauchmuskulatur erschlafft und der Chirurg somit gute Operationsbedingungen vorfindet.

Anwendungsgebiete

Ob und wie eine Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) durchgeführt wird, richtet sich vor allem nach drei Punkten:

  1. Was für ein Eingriff ist geplant? Steht eine Operation am Bein an, oder wird ein inneres Organ, wie Magen, Leber oder Darm, operiert?
  2. Wie gesund ist der Patient? Wie ist sein körperlicher Zustand?
  3. Welches Vorgehen wünscht der Patient?

Bei kleineren Operationen bietet sich unter Umständen auch eine Regionalanästhesie an. Bei ihr wird das Schmerzempfinden nur in bestimmten Bereichen des Körpers ausgeschaltet und der Patient bleibt bei Bewusstsein.

Risiken und Komplikationen

Eine relativ häufige Nebenwirkung einer Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) ist Übelkeit mit oder ohne Erbrechen. Mediziner sprechen in Anlehnung an die englische Bezeichnung post operative nausea and vomiting (vomiting bedeutet Erbrechen) in diesem Zusammenhang von PONV. Übelkeit und Erbrechen treten bei etwa jeder vierten Vollnarkose auf.

Vor allem folgende Personen haben ein erhöhtes Risiko für diese Nebenwirkung:

Außerdem spielen Art und Dauer der Narkose sowie die verwendeten Narkosemittel eine Rolle.

Um Übelkeit und Erbrechen nach einer Operation zu vermeiden, stehen unter anderem Medikamente zur Verfügung. Sie hemmen die Region des Gehirns, die die Übelkeit auslöst. Gängige Wirkstoffe sind Gegenspieler des Histamins (Histaminantagonisten, Antihistaminika), der Wirkstoff Dexamethason und der Wirkstoff Ondansetron.

Des Weiteren kann es nach einer Operation zu vorübergehend starkem Muskelzittern und Kälteempfinden kommen.

Selten kommt es zu Fehlintubationen, bei denen der Tubus statt in die Luftröhre in die Speiseröhre oder zu tief in eine der Hauptbronchien eingeführt wird. Letzteres kann durch Zurückziehen des Tubus korrigiert werden.

In äußerst seltenen Fällen kann es durch die Intubation zu Schäden an Zähnen, Zahnfleisch, Lippen oder Kehlkopf inklusive Stimmbändern kommen. Husten, Heiserkeit oder Schluckbeschwerden in den ersten Tagen nach einer Intubationsnarkose dagegen sind relativ häufig und unbedenklich, solange sie innerhalb von etwa sieben bis zehn Tagen wieder vollständig verschwinden.

Eine mitunter heikle, aber auch höchst seltene Komplikation einer Vollnarkose ist die sogenannte Aspiration. Dabei entleert sich Mageninhalt passiv in den Rachen und gelangt in Luftröhre und Lunge. Um eine Aspiration zu vermeiden, sollte vor Narkosen für mindestens sechs Stunden nichts gegessen sowie vier Stunden nichts getrunken werden. Eine Ausnahme stellt stilles Wasser dar, das schluckweise bis circa eine Stunde vor der Operation getrunken werden darf, vor allem, wenn man eine Beruhigungstablette erhält (sog. Prämedikation). Dies sollte man mit dem Narkosearzt besprechen.

Bei Notoperationen kann das Risiko einer Aspiration durch bestimmte Medikamente oder Verwendung von Magensonden minimiert werden. Da diese Medikamente aber mit einem erhöhten Nebenwirkungsspektrum verbunden sind, sind sie ausschließlich für Notfallsituationen zugelassen.

Weitere Informationen

Onmeda-Lesetipps:

Buchtipps:

Taschenatlas der Anästhesie

Roewer, Norbert; Thiel, Holger
402 Seiten Thieme 2010

Von den Mechanismen der Narkose bis zur Praxis der Anästhesie: verständliche Schilderung der Grundlagen der Anästhesie, anschauliche Darstellung der Zusammenhänge durch enge Text-Bild-Verknüpfung, inhaltliche und sprachliche Homogenität, rasche Orientierung durch klare Struktur und benutzerfreundliches Register; aktueller Wissensstand. Außerdem enthalten: die Grundzüge der kardiopulmonalen Reanimation, Kurzprofile der gängigen Medikamente. Ideal für den Berufsanfänger, den Studenten und das Fachpflegepersonal!

Bei Amazon bestellen Anzeige

Anästhesie compact

Norbert Roewer, Holger Thiel, Christian Wunder
669 Seiten Thieme 2012

Anästhesie compact bietet einen Überblick über die gesamte Bandbreite der klinischen Anästhesie. Wertvolles Hintergrundwissen und präzise Orientierungshilfen sorgen für Praxistauglichkeit und liefern echte Entscheidungshilfen für die tägliche Arbeit. 1. Verständlich: Vermittlung der wesentlichen Grundlagen und deren klinischer Bedeutung, anästhesiespezifische Beschreibung aller wichtigen Operationen. 2. Praktisch: umfassende Darstellung der anästhesiologischen Arbeitsabläufe, konkrete Handlungsempfehlungen für den klinischen Alltag, Besonderheiten bei Risikopatienten 3. Systematisch: klar strukturiertes Nachschlagewerk für sämtliche Bereiche der Anästhesie, übersichtlich gestaltet mit benutzerfreundlichem Register.

Bei Amazon bestellen Anzeige

Quellen:

Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: 2013)

Roewer, N.; Thiel, H.: Taschenatlas der Anästhesie. Thieme, Stuttgart 2010

Karow T., Lang-Roth R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Selbstverlag 2007

Larsen, R.: Anästhesie. Urban & Fischer 2006

Schüttler, J.; Neglein, J.; Bremer, F.: Checkliste Anästhesie. Thieme, Stuttgart 2000

Letzte inhaltliche Prüfung: 13.04.2013
Letzte Änderung: 25.06.2020